Um Prozesse innerhalb unseres Lebensraumes zu beschreiben und zu erklären, bedarf es neuer epistemologischer Herangehensweisen. Ausgehend von Bereichen der traditionellen Geographie und veralteten Ansätzen der Geopolitik, versucht der relativ neue Bereich der Sozialgeographie interdisziplinär das Verhältnis von Raumbedingungen und menschlichen Verhaltensmustern zu untersuchen. Dies tangiert Elemente der Geographie, Politik und Soziologie, aber auch der Psychologie, Geschichte u. a.
Der Begriff des Raumes erhält dabei eine Erweiterung, bzw. eine Veränderung. Raum ist in diesem Kontext nicht nur der Abstand zwischen existierenden Objekten, sondern wird auch sozial verstanden. So könnte eine bestehende Kommunikationsverbindung zwischen zwei Menschen irgendwo auf der Erde Ausdruck eines sozialen Raumes zwischen ihnen sein. Dieser Raum könnte im Gegensatz zur alten Auffassung als imaginär oder auch metaphysisch charakterisiert werden, da er im eigentlichen Sinne keine reale meßbare Entsprechung aufweist. Es ist für das Bestehen der Verbindung unerheblich, wo sich die Gesprächspartner aufhalten, die Entfernung zwischen ihnen spielt keine Rolle mehr. Wichtig ist nur die Handlung als raumkonstituierendes Mittel. Im Kontext globalisierter Lebensbedingungen kann von einem "Verschwinden der Distanz", von einem "Geographie- oder Raum-Machen" gesprochen werden, was das klassische Raumverständnis demnach stark relativiert.
Anhand des Models von Regionalisierungstypen von Benno Werlen wurde in dieser Arbeit versucht, die Region Sonneberg/Neustadt bei Coburg näher zu betrachten. In dieser exemplarischen Region, welche nach dem Wegfall der innerdeutschen Grenze durch eine Politik des Zusammenwachsens aber auch der Abgrenzung gekennzeichnet war, lassen sich auf den drei Ebenen der Regionalisierung unterschiedliche Gewichtungen feststellen. Diese exakt herauszuarbeiten, stellt die neue Herangehensweise dar, um Regionen zu beschreiben.
Inhaltsverzeichnis
1. Der Raumbegriff in der Sozialgeographie
2. Die Regionalisierungstypen nach WERLEN
3. Entwicklung der Städte Sonneberg und Neustadt bei Coburg bis zur Wende 1989/90
4. Untersuchung von Regionalisierungstypen am Beispiel Sonneberg und Neustadt
4.1. Produktiv-konsumtive Regionalisierungen
4.2. Politisch-normative Regionalisierungen
4.3. Informativ-signifikative Regionalisierungen
5. Schlußfolgerung
6. Quellenangabe
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht den Prozess der sozialen Raumbildung und die Auswirkungen von Regionalisierungstypen am Beispiel der ehemals durch die innerdeutsche Grenze getrennten Städte Sonneberg und Neustadt bei Coburg, um zu analysieren, wie sich diese Regionen nach der Wende 1989/90 sozial-räumlich neu formieren und welche Schwierigkeiten dabei auftreten.
- Sozialgeographische Grundlagen des Raumbegriffs nach Benno Werlen
- Die drei Ebenen der Regionalisierung (produktiv-konsumtiv, politisch-normativ, informativ-signifikativ)
- Historische und sozio-ökonomische Analyse der Städte Sonneberg und Neustadt
- Evaluation des gescheiterten Projekts "ENS" (Entwicklungsgesellschaft Sonneberg-Neustadt mbH)
- Untersuchung der Bedeutung lokaler Medien für die Identitätsbildung nach der Wiedervereinigung
Auszug aus dem Buch
4.1. Produktiv-konsumtive Regionalisierungen
„Der erste Bereich alltäglicher Regionalisierungen beruht auf der ökonomischen Praxis.“ „(Es) ist darauf hinzuweisen, daß die Regionalisierungen, die über den produktiven Bereich vollzogen werden, sich am offensichtlichsten bei den Standortentscheidungen für Produktionseinrichtungen, die damit verbundenen Festlegungen der Warenströme sowie den raum-zeitlichen Pfaden der in die Produktion involvierten Subjekte äußern. Im konsumtiven Bereich bestehen sie in der Bündelung der Warenströme über die von einem Subjekt konsumierten Güter.“
Für einen ökonomischen Entscheidungsprozeß spielt die Charakteristik des Produktionsstandortes und des Produktabsatzgebietes eine wichtige Rolle. Was haben die Partnergemeinden in den vergangenen Jahren getan, um über den jeweils eigenen städtischen Horizont hinaus, gemeinsame Wirtschaftsförderung zu betreiben, also als möglichst attraktiver und besserer Wirtschaftsstandort als bisher zu erscheinen?
Verständlicherweise hat Sonneberg in den ersten Nachwendejahren beträchtliche Bemühungen und Ressourcen darin investieren müssen, die ökonomischen Strukturen des vergangenen Systems auf die Marktwirtschaft umzustellen und fernerhin diverse Altlasten zu entsorgen. So gab es bis ca. „Mitte der 90er Jahre (...) kaum raumrelevante Planungen von Seiten der Stadt.“
Doch entstand bereits früh bei Verantwortlichen der Städte Sonneberg und Neustadt die Idee, auch auf Initiative der Länder Bayern und Thüringen, der Plan der Bildung eines grenzüberschreitenden gemeinsamen Mittelzentrums mit Teilfunktionen eines Oberzentrums. Aufgrund der günstigen Lage zueinander und den rasch entstandenen partnerschaftlichen Kontakten beider Gemeinden, sollte dieses Projekt auch einen gewissen Modellcharakter im Zuge der Wiedervereinigung
Zusammenfassung der Kapitel
1. Der Raumbegriff in der Sozialgeographie: Einführung in die sozialgeographischen Grundlagen und die Relativierung klassischer Raumverständnisse durch globale Prozesse.
2. Die Regionalisierungstypen nach WERLEN: Darstellung des theoretischen Konstrukts von Benno Werlen, welches die Basis für die Untersuchung sozialer Praktiken und Raumbildung bildet.
3. Entwicklung der Städte Sonneberg und Neustadt bei Coburg bis zur Wende 1989/90: Analyse der historischen Trennung durch die innerdeutsche Grenze und deren Einfluss auf die städtische Entwicklung.
4. Untersuchung von Regionalisierungstypen am Beispiel Sonneberg und Neustadt: Praktische Anwendung der Theorie auf das Fallbeispiel der zwei Städte mit Fokus auf verschiedene Regionalisierungsebenen.
4.1. Produktiv-konsumtive Regionalisierungen: Untersuchung ökonomischer Kooperationsversuche und der Standortentwicklung nach der Wende.
4.2. Politisch-normative Regionalisierungen: Analyse der politischen Bemühungen zur administrativen Kooperation und deren Scheitern.
4.3. Informativ-signifikative Regionalisierungen: Analyse der Rolle von Medien und öffentlicher Wahrnehmung für die regionale Identität.
5. Schlußfolgerung: Synthese der Ergebnisse und Erkenntnis, dass formale politische Kooperationen allein nicht ausreichen, um gewachsene Strukturen zu überbrücken.
6. Quellenangabe: Auflistung der verwendeten Literatur, Presseberichte und Experteninterviews.
Schlüsselwörter
Sozialgeographie, Regionalisierung, Sonneberg, Neustadt bei Coburg, innerdeutsche Grenze, Benno Werlen, Raumbildung, Wiedervereinigung, ökonomische Praxis, Mittelzentrum, Stadtentwicklung, politische Kooperation, lokale Medien, Identitätsbildung, Transformationsprozess.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie sich nach dem Fall der innerdeutschen Grenze die sozialen und wirtschaftlichen Strukturen in den Nachbarstädten Sonneberg und Neustadt bei Coburg durch den Prozess der Regionalisierung neu gebildet haben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen sozialgeographische Raumkonzepte, die Transformation ökonomischer und politischer Strukturen in ost- und westdeutschen Grenzgemeinden sowie die Rolle der Kommunikation und Medien bei der regionalen Identitätsstiftung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Ausprägung von Regionalisierungstypen in der Praxis zu untersuchen und zu zeigen, warum das Streben nach einer gemeinsamen regionalen Identität trotz günstiger Ausgangslage auf erhebliche Schwierigkeiten stoßen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein sozialgeographischer Ansatz gewählt, der auf den theoretischen Konstrukten von Benno Werlen basiert, um anhand von Beispielen und empirischen Daten (Presse, Verträge, Interviews) soziale Praktiken zu rekonstruieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von produktiv-konsumtiven, politisch-normativen und informativ-signifikativen Regionalisierungsebenen, wobei insbesondere die praktische Umsetzung und das Scheitern gemeinsamer Verwaltungsstrukturen beleuchtet werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Sozialgeographie, Regionalisierung, die Grenzregion Sonneberg-Neustadt, Transformation sowie die Bedeutung von sozialen Praktiken bei der Raumbildung.
Warum ist das Projekt "ENS" gescheitert?
Laut der Untersuchung führten mangelnde finanzielle Unterstützung durch die Länder, Ressentiments und die Diskrepanz zwischen politischer Planung und tatsächlicher bürgerlicher Akzeptanz zur Auflösung der Entwicklungsgesellschaft.
Welche Rolle spielen die lokalen Medien?
Die Arbeit stellt fest, dass lokale Medien als Informationsquelle und Diskussionsforum fungieren, jedoch auch bestehende Vorurteile (wie den "Ost-Skeptizismus") widerspiegeln und somit die Wahrnehmung der regionalen Identität maßgeblich beeinflussen.
- Citar trabajo
- Thilo Moritz (Autor), 2003, Untersuchung von Regionalisierungstypen im Kontext geänderter nationaler Grenzen am Beispiel der ehemaligen innerdeutschen Grenze, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16076