Untersuchung von Regionalisierungstypen im Kontext geänderter nationaler Grenzen am Beispiel der ehemaligen innerdeutschen Grenze


Seminararbeit, 2003

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Der Raumbegriff in der Sozialgeographie

2. Die Regionalisierungstypen nach Werlen

3. Entwicklung der Städte Sonneberg und Neustadt bei Coburg bis zur Wende 1989/90

4. Untersuchung von Regionalisierungstypen am Beispiel Sonneberg und Neustadt
4.1. Produktiv-konsumtive Regionalisierungen
4.2. Politisch-normative Regionalisierungen
4.3. Informativ-signifikative Regionalisierungen

5. Schlußfolgerung

6. Quellenangabe

1. Der Raumbegriff in der Sozialgeographie

Raum ist eines der wichtigsten konstituierenden Elemente der Wirklichkeit, die wir mittels unserer Körperlichkeit erfahren. Soviel wir wissen, ist der Mensch nur Mensch mit oder in seinem Körper und somit ist seine Existenz abhängig von einer räumlichen Präsenz seines Selbst. Die uns umgebende Welt ist bestimmt durch räumliche Parameter wie Länge, Breite und Höhe.

Die Geographie beschäftigt sich vereinfacht ausgedrückt mit der Beschreibung der Erde, d. h. mit der Erfassung und Analyse der Parameter unseres Wirklichkeitshorizontes Erde. Die Forschung in diesem und anderen Wissenschaftsbereichen ist geprägt und bestimmt durch den zwar immer begrenzten aber sich ausdehnenden Wissenshorizont der Menschen.

Nun hat sich aber die Lebenswelt der Menschheit und die alltäglichen wirklichkeitsbestimmenden Faktoren im letzten Jahrhundert geradezu sprunghaft und erstmalig in dieser Form entwickelt. Die wahrgenommene Welt „endet“ nicht mehr an der Dorfgrenze, sondern wir sind nunmehr in der Situation, daß global bestimmte Faktoren einerseits in unsere Wirklichkeit und Bewußtsein vorrücken und andererseits wir selbst durch tägliche Entscheidungen globale Prozesse beeinflussen. Durch den Einsatz von Technologie hat sich die Mobilität erhöht. Global vernetzte Kommunikation, Produktion, Konsumtion etc. vermischen sich mit traditionellen Verhaltensmustern und Erfahrungswelten.[1]

Diese Veränderungen beeinflussen auch die geographische Forschung. Um Prozesse innerhalb unseres Lebensraumes zu beschreiben und zu erklären, bedarf es neuer epistemologischer Herangehensweisen. Ausgehend von Bereichen der traditionellen Geographie und veralteten Ansätzen der Geopolitik, versucht der relativ neue Bereich der Sozialgeographie interdisziplinär das Verhältnis von Raumbedingungen und menschlichen Verhaltensmustern zu untersuchen. Dies tangiert Elemente der Geographie, Politik und Soziologie, aber auch der Psychologie, Geschichte u. a.

Der Begriff des Raumes erhält dabei eine Erweiterung, bzw. eine Veränderung. Raum ist in diesem Kontext nicht nur der Abstand zwischen existierenden Objekten, sondern wird auch sozial verstanden. So könnte eine bestehende Kommunikationsverbindung zwischen zwei Menschen irgendwo auf der Erde Ausdruck eines sozialen Raumes zwischen ihnen sein. Dieser Raum könnte im Gegensatz zur alten Auffassung als imaginär oder auch metaphysisch charakterisiert werden, da er im eigentlichen Sinne keine reale meßbare Entsprechung aufweist. Es ist für das Bestehen der Verbindung unerheblich, wo sich die Gesprächspartner aufhalten, die Entfernung zwischen ihnen spielt keine Rolle mehr. Wichtig ist nur die Handlung als raumkonstituierendes Mittel. Im Kontext globalisierter Lebensbedingungen kann von einem „Verschwinden der Distanz“, von einem „Geographie- oder Raum-Machen“ gesprochen werden, was das klassische Raumverständnis demnach stark relativiert.[2]

2. Die Regionalisierungstypen nach Werlen

Diese theoretischen Grundlagen zum Verhältnis von Raum und Gesellschaft in der Sozialgeographie sind die Basis meiner Hausarbeit. Ich orientiere mich an dem Theoriekonstrukt von Benno Werlen, welches ich seinen Schriften „Geographie globalisierter Lebenswelten“ und der „Sozialgeographie alltäglicher Regionalisierungen“ entnommen habe.[3]

„Die Fragen der Sozialgeographie alltäglicher Regionalisierungen zielen in die (...) Richtung (...) der sozialen Praktiken. Die Herstellungsprozesse sozialer und politischer Regionen sollen rekonstruiert und deren Bedeutung für die Aufrechterhaltung und Reproduktion der sozial–kulturellen Wirklichkeit abgeklärt werden.“[4]

Werlen entwickelt die folgenden drei Regionalisierungstypen, d. h. Ebenen auf denen soziale Raumbildung statt findet.

1. Die produktiv-konsumtive Ebene, welche die ökonomischen Verflechtungen, Bedingungen der Produktion, der Absatzbedingungen und Charakteristika des Konsums untersucht.[5]
2. Die politisch-normative Ebene, auf der politische Räume, Grenzen und politische Vorgaben der entsprechenden Entscheidungsträger begutachtet werden.[6]
3. Die Ebene der informativ-signifikativen Regionalisierungen zeigt einerseits die Arten der Informationsvermittlung auf, und andererseits wird versucht die Bedeutung der Informationen und der informationsvermittelnden Medien für alltägliches Handeln festzustellen.[7]

Regionalisierungen auf diesen Ebenen werde ich am Beispiel der Städte Sonneberg und Neustadt bei Coburg nachgehen, die bis 1990 durch die innerdeutsche Grenze getrennt waren. Der starre Begriff der ‚Region‘ im Verständnis der klassischen Geographie wird dabei aufgelöst. Ich untersuche Tätigkeiten, die Ausdruck einer differenzierten Betrachtungsweise von Regionalisierung sind, mithin sozial-räumliche Strukturen, die nach 1989/90 entstanden sind.

Ich vermute, daß nach dem Wegfall der politischen Grenze sich fortschreitende sozial-räumliche Verdichtungen in den Beziehungen beider Gemeinden nachweisen lassen. Dabei könnte es innerhalb der drei oben beschriebenen Regionalisierungsebenen zu unterschiedlichen Ausprägungen kommen. Die nur langsam fortschreitende politisch-normative Angleichung hält die Regionalisierung auch in den anderen Bereichen zurück, wobei aber fortschreitende Verdichtung produktiv-konsumtiver und informativ-signifikativer Bezogenheiten den ersten Bereich positiv beeinflußt.

3. Entwicklung der Städte Sonneberg und Neustadt bei Coburg bis zur Wende 1989/90

Mein Untersuchungsbereich erstreckt sich auf die Städte Sonneberg (südliches Thüringen) mit ca. 25 000 und Neustadt b. C. (Oberfranken/ Bayern) mit einer Bevölkerung von ca. 17 000 Einwohnern. Die Stadtzentren liegen nur ca. fünf Kilometer voneinander entfernt und wurden seit 1945 bis 1990 zuerst von der zwischen der Sowjetisch Besetzten Zone und der US Amerikanisch Besetzten Zone geschaffenen Demarkationslinie, ab 1949 von der Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten, getrennt. Am 03. Oktober 1961 wird Sonneberg zur Sperrzone erklärt. Der Zugang zum Ort ist dadurch erheblich erschwert und generell nur mit einem bei den DDR Behörden zu beantragenden Passierschein möglich. Diese Anordnung galt bis zum Herbst 1972.[8]

Längst war aber bis dahin die Staatsgrenze zu einem für die meisten unüberwindlichen Bollwerk, dem sogenannten „Eisernen Vorhang“, ausgebaut, welches bekanntlich nicht nur zwei Staaten voneinander trennte, sondern auch zwei global wirkende, überaus unterschiedliche ideologische Einflußsphären und politische Konkurrenzsysteme.

Die in Sonneberg angesiedelte Spielzeugfabrikation, die ihre größte Glanzzeit zum Anfang des 20. Jahrhunderts erreichte, ermöglichte der Stadt eine sehr positive Entwicklung. Viele Bürger Neustadts arbeiteten zu dieser Zeit in diesem Sonneberger Gewerbe. Man kann sagen, daß der kleinere Ort sich wirtschaftlich und sozial in die Richtung des prosperierenden Sonnebergs orientierte. Die Weltkriege und die darauf folgende politische Trennung unterbrachen diese Entwicklung.

Die generationenlange Trennung und die folgende territoriale und rechtliche „Angliederung“ dieses Gebietes und der gesamten DDR an die BRD durch den Einigungsvertrag zwischen beiden Staaten bedeutet mithin einen völligen Neubeginn regionaler Kooperation, ein Wieder - Kennenlernen zwischen einander fremd „gemachten“ Menschen.

[...]


[1] Vgl.: Werlen, Benno, Geographie globalisierter Lebenswelten, in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie 21.Jg. (1996), H. 2, S. 97-128.

[2] Vgl.: ebd., S. 99.

[3] Werlen, Benno, Geographie globalisierter Lebenswelten; Sozialgeographie alltäglicher Regionalisierungen, in: Globalisierung, Region und Regionalisierung, Bd. 2, Stuttgart 1997.

[4] Ebd. S. 329.

[5] Ebd., S. 295-329.

[6] Ebd., S. 329-377.

[7] Ebd., S. 378-421.

[8] Vgl.: Stadtverwaltung Sonneberg (Hrsg.), Informationsbroschüren der Stadt Sonneberg und des Stadtarchivs Sonneberg, Sonneberg 1999 u. 2000.

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Details

Titel
Untersuchung von Regionalisierungstypen im Kontext geänderter nationaler Grenzen am Beispiel der ehemaligen innerdeutschen Grenze
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Raumkonzepte in der Politikwissenschaft und den Internationalen Beziehungen
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
24
Katalognummer
V16076
ISBN (eBook)
9783638210232
ISBN (Buch)
9783638771399
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Regionalisierungstypen, Grenzen, Grenze, Raumkonzepte, Politikwissenschaft, Sozialgeographie, Benno Werlen, Sonneberg, Neustadt, Regionalisierung
Arbeit zitieren
Thilo Moritz (Autor), 2003, Untersuchung von Regionalisierungstypen im Kontext geänderter nationaler Grenzen am Beispiel der ehemaligen innerdeutschen Grenze, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16076

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