Moralentwicklung und Sozialisation

Eine kritische Auseinandersetzung mit der Moralentwicklungstheorie Lawrence Kohlbergs


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die besondere Struktur der Moralstufentheorie Kohlbergs
2.1 Zur Struktur des Stufenmodells
2.2 Stufe 6 – der 'moral point of view'
2.3 Kritik des Stufenmodells

3 Einbeziehung sozialisatorischer Gesichtspunkte
3.1 Familie
3.2 Schule

4 Fazit

5Bibliographie

1 Einleitung

Der neusachliche Autor Hans Fallada bebildert das Deutschland der Weltwirtschafts-krise in den 30er Jahren mit einem jungen Paar, Pinneberg und Lämmchen, das wie viele Deutsche dieser Zeit besonders unter den Folgen des zusammenbrechenden Kapitalismus zu leiden hat. Die Situation der beiden spitzt sich zu, als sie in einer frühen Phase ihrer Beziehung mit Lämmchens Schwangerschaft konfrontiert werden. Insbesondere für Pinneberg, ein Angestellter in ständiger Angst, seinen unterbezahlten Arbeitsplatz zu verlieren, stellt die Lage große Ausweglosigkeit dar. Er fragt sich, wie er mit solch niedrigem und unsicherem Einkommen der Rolle des Ernährers gerecht werden soll. Ein Schwangerschaftsabbruch stellt für ihn die einzige Lösung dar, aber auch hierfür fehlt dem Paar das nötige Geld.

Der Arzt steht in der Ecke, er wäscht sich die Hände. Schräg schaut er hinüber zu Pinneberg. Dann sagt er eilig: „Ein bißchen zu spät, Herr Pinneberg, mit der Verhütung. Die Tür ist zu. Ich denke Anfang des zweiten Monats.“

Pinneberg ist ohne Atem. Das war wie ein Schlag. Dann sagt er hastig: „Herr Doktor, es ist doch unmöglich! Wir haben so aufgepaßt! Ganz unmöglich ist das. Sag doch selbst, Lämmchen...“

„Junge!“ sagt sie. „Junge...“

„Es ist so“, sagt der Arzt. „Irrtum ausgeschlossen. Und glauben Sie mir, Herr Pinneberg, ein Kind ist für jede Ehe gut.“

„Herr Doktor“, sagt Pinneberg, und seine Lippe zittert. „Herr Doktor, ich verdiene im Monat hundertachtzig Mark! Ich bitte sie, Herr Doktor!“

Doktor Sesam sieht schrecklich müde aus. Was jetzt kommt, das kennt er, das hört er an jedem Tage dreißigmal.

„Nein“, sagt er. „Nein. Bitten Sie mich gar nicht erst darum. Kommt überhaupt nicht in Frage. Sie sind beide gesund. Und Ihr Einkommen ist gar nicht schlecht. Gar – nicht – schlecht.“

„Herr Doktor!“ sagt Pinneberg fieberhaft.

Hinter ihm steht Lämmchen und streicht ihm über die Haare. „Laß, Junge, laß! Es wird schon gehen.“[1]

Eine solche Entscheidung mit derartiger Spontaneität treffen zu wollen, wie Pinneberg dies oben tut, erscheint aus heutiger Perspektive brutal und unbedacht – mehr noch: einem ungeborenen Kind ausschließlich aus finanziellen Gründen das Leben zu verwehren, wird gemeinhin als unmoralisch verurteilt. Seine Entscheidungsmöglich-keiten jedoch sind keineswegs reich an der Zahl. Doktor Sesam wird täglich „dreißigmal“ um eine solche Leistung gebeten. Es steht außer Frage, dass hier die damalige Situation der Armut und der Benachteiligung einbezogen werden muss, bevor die moralische Urteilsfähigkeit der Menschen als unterentwickelt bezeichnet wird.[2] Inwiefern existiert nun eine Voraussetzung für die Bildung eines moralischen Urteils, nämlich Wahlmöglichkeit bzw. Entscheidungsfreiheit, zwei Faktoren die sich etwa durch ein gewisses Maß an ökonomischer Freiheit ergeben?

Unter dieser Frage soll nun die Theorie Kohlbergs und seiner Mitarbeiter in dieser Arbeit zu beleuchten und zu kritisieren sein. In einem vorhergehenden Teil soll zunächst die Darstellung der Kohlbergschen Theorie insbesondere hinsichtlich Struktur und Aufbau ihren Platz finden, was die Voraussetzung schafft für eine mögliche Erweiterung einer Theorie der Moralentwicklung durch äußere Aspekte, die durch die Sozialisation bedingt werden, wie Bildungsgrad oder ökonomische Stellung. Der Einfluss dieser Gesichtspunkte scheint bei Kohlberg zunächst oft unterbeleuchtet oder ausgeklammert. Welchen Einfluss sie jedoch tatsächlich auf die Moralentwicklung haben, soll daher geprüft werden.

2 Die besondere Struktur der Moralstufentheorie Kohlbergs

Sich das Vorgehen Kohlbergs zu verdeutlichen, ist interessant für die Bewertung seiner gesamten Theorie. Verglichen mit anderen Theorien ist seines insofern speziell, als es gleichsam eine zirkuläre Bewegung zwischen Philosophie und Empirie beschreibt. So existiert bereits vor seiner empirischen Beweisführung eine philosophische Annahme, die jedoch von jener Beweisführung abhängt. Seine philosophische Annahme, an deren Inhalt es sich im Folgenden noch anzunähern gilt, wird wiederum Mittel zur Beschreibung einer entwicklungspsychologischen Annahme. Die Kohlbergsche Theorie verfährt also interdisziplinär, indem mehr als eine Wissenschaft zur Konstatierung einer Theorie dient. Diese Art von Arbeitsteilung kann insofern als problematisch betrachtet werden, als keine Unabhängigkeit der jeweiligen Annahme voneinander existiert. So auch Jürgen Habermas: „Gewiß kann die empirische Bestätigung einer Theorie Te, die die Geltung von Grundannahmen einer normativen Theorie Tn voraussetzt, nicht als unabhängige Bestätigung von Tn zählen.“[3] Habermas geht jedoch trotzdem von einem fruchtbaren Verhältnis aus, das die Wissenschaften zueinander einnehmen können. Eine Kooperation verlangt zwar insbesondere der Philosophie eine Umorientierung ihres Selbstverständnisses ab, das zuvor von einem starken Exklusivitätsanspruch geprägt war, kann diese dann aber auch entlasten: „[Das nicht-fundamentalistische Selbstverständnis] nimmt der Philosophie nicht nur etwas ab, sondern gibt ihr auch die Chance einer gewissen Unbefangenheit und eines neuen Selbstvertrauens im Umgang mit den rekonstruktiv verfahrenden Wissenschaften.“[4] Auf Kohlbergs Moralstufen bezogen lässt sich dieses Verständnis von Wissenschaft folgendermaßen anwenden: In den späten 50ern nimmt der Psychologe Lawrence Kohlberg Beobachtungen vor, die sich unter starkem Einfluss Jean Piagets auf die kindliche Moralentwicklung konzentrieren. Anhand seiner Beobachtungsergebnisse konstatiert Kohlberg nun eine vage Stufeneinteilung, die er, aus seiner Empirie motiviert, inhaltlich definiert. In einer zweiten Phase gewinnt nun die philosophische Grundlage seiner Theoriebildung mehr an Bedeutung. Die Basis bilden jetzt bestimmte Anschauungen der Ethik und Philosophie, die in Prinzipien der Moral abgeleitet werden. Die jeweiligen Stufen Kohlbergs verstehen sich in diesem Stadium verstärkt strukturell und weniger inhaltlich definiert.[5] Die oben beschriebene wechselseitige Beziehung zwischen Philosophie und Sozialwissenschaft wird bereits hier deutlich. In der weiteren Genese der Theorie behält diese Wechselseitigkeit stets ihre zentrale Rolle; sie trägt nunmehr dazu bei, die Theorie kontinuierlich zu verändern bzw. zu differenzieren, da die normative Theorie stets ihre Rechtfertigung bei der empirischen Theorie sucht – und genauso verhält es sich andersherum.

[...]


[1] Hans Fallada: Kleiner Mann – was nun? Roman. Berlin 62005, S. 16f.

[2] Vgl. Lawrence Kohlberg/ Daniel Candee: Die Beziehung zwischen moralischem Urteil und moralischen Handeln. In: Lawrence Kohlberg: Die Psychologie der Moralentwicklung, hrsg. v. Wolfgang Althof. Frankfurt a. M. 1996. S. 373-494, S. 394.

[3] Jürgen Habermas: Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln. Frankfurt a.M. 61996. S. 128 (Hervorhebungen bei Habermas).

[4] Jürgen Habermas: Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln 1996. S. 130.

[5] Vgl. Stefan Weyers: Moral und Delinquenz. Moralische Entwicklung und Sozialisation straffälliger Jugendlicher. Weinheim/ München 2004, S. 23f.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Moralentwicklung und Sozialisation
Untertitel
Eine kritische Auseinandersetzung mit der Moralentwicklungstheorie Lawrence Kohlbergs
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Fachbereich kath. Theologie)
Veranstaltung
Ethisches Lernen
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V160826
ISBN (eBook)
9783640738199
ISBN (Buch)
9783640738502
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Moralentwicklung, Sozialisation, Eine, Auseinandersetzung, Moralentwicklungstheorie, Lawrence, Kohlbergs
Arbeit zitieren
Vera Jäger (Autor), 2010, Moralentwicklung und Sozialisation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160826

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