Die Hausarbeit beleuchtet die zentrale Rolle von Vertrauen in der professionellen Beziehungsarbeit mit straffälligen Jugendlichen im Zwangskontext. Die Arbeit bietet wertvolle Einblicke für Pädagogen, Sozialarbeiter, Studierende, die ihre Handlungskompetenz in der Arbeit mit einer besonders herausfordernden Zielgruppe stären möchten.
Welche Relevanz hat der Vertrauensaufbau im Zwangskontext mit straffälligen Jugendlichen auf die professionelle Beziehungsarbeit?
Damit diese Forschungsfrage beantwortet werden kann, muss zunächst erläutert werden, was Merkmale einer professionellen Arbeitsbeziehung sind und wie entscheidend die professionelle Rolle/Identität des Sozialarbeitenden ist. Im Anschluss wird die Zielgruppe straffällige Jugendliche genauer untersucht. Hier wird zunächst der Hintergrund und die Risikofaktoren von Straffälligkeit im Jugendalter betrachtet. Drauffolgend werden die zielgruppenspezifischen Besonderheiten dargelegt. Dazu wird zum einen auf die Bindungsstörungen der Jugendlichen und zum anderen auf den Zwangskontext eingegangen. Anschließend werden die zuvor erörterten Inhalte miteinander verbunden, indem der Vertrauensaufbau mit straffälligen Jugendlichen thematisiert wird. Zum Schluss werden die Ergebnisse sowohl zusammengetragen, als auch reflektiert und ein Ausblick erstellt. Der Ausblick versucht, die offenen Fragen, die durch die in der Arbeit gewonnen Forschungsergebnisse entstanden sind, festzuhalten.
2 Professionelle Beziehungsgestaltung
2.2 Professionelle Rolle/Identität
3.1 Hintergrund und Risikofaktoren von Jugendkriminalität
3.2 zielgruppenspezifische Besonderheiten
3.2.1 Bindungsstörungen
3.2.2 Zwangskontext
4. Vertrauensaufbau mit straffälligen Jugendlichen
Fazit
Literaturverzeichnis
Anhang
1 Einleitung
Innerhalb der Gesellschaft entstehen immer wieder zahlreiche Debatten, ob und inwieweit es sich bei der Sozialen Arbeit um eine Profession handelt. Hier muss festgehalten werden, dass es sich bei der Sozialen Arbeit um eine „alltagsnahe Profession [handelt], die sich auf professionelle Weise mit den Herausforderungen des Alltags und der gesellschaftlichen Interaktion beschäftigt“ (Omlor, 2023, S.19). Gerade weil sie „alltagsnah“ ist, meinen viele Menschen, dass es sich bei Sozialer Arbeit um eine Profession handelt, die jeder Mensch beherrscht. Doch nur, weil Menschen in ihrem Alltag schon verschiedene Herausforderungen erlebt und bewältigt haben, macht das aus ihnen noch lange keinen professionellen Sozialarbeitenden. Um dies zu verdeutlichen, widmet sich diese Ausarbeitung dem Thema professionelle Beziehungsarbeit, denn Beziehungen betreffen jeden Menschen, jedoch existieren zwischen der alltäglichen und der professionellen Beziehungsarbeit erhebliche Unterschiede.
Die Beziehungsarbeit nimmt in allen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit einen großen Stellenwert ein. Gerade im sozialen Bereich, ein Bereich in dem sich Menschen begegnen, zusammen interagieren und kooperieren, ist Beziehungsarbeit unabdingbar. Nun ist es die Aufgabe des Sozialarbeitenden, diese Beziehung möglichst professionell zu gestalten und seine professionelle Identität zu wahren. Besonders interessant ist dies, wenn es sich bei den Klienten, um Menschen handeln, die viele Beziehungsabbrüche, Traumatisierungen erlebt und infolge dessen Bindungsstörungen entwickelt haben. Und wenn diese Beziehung dann zusätzlich noch im Zwangskontext aufgebaut werden soll, bedarf es eines besonders professionellen Umgangs. Eine Zielgruppe, auf die diese Besonderheiten zutreffen, sind straffällige Jugendliche (Cornel, 2020, S.341). Eine professionelle Beziehung zu straffälligen Jugendlichen aufzubauen kann hier als Herausforderung angesehen werden, vor allem was den Vertrauensaufbau betrifft.
Die Ausarbeitung versucht daher folgende Forschungsfrage zu beantworten: Welche Relevanz hat der Vertrauensaufbau im Zwangskontext mit straffälligen Jugendlichen auf die professionelle Beziehungsarbeit?
Damit diese Forschungsfrage beantwortet werden kann, muss zunächst erläutert werden, was Merkmale einer professionellen Arbeitsbeziehung sind und wie entscheidend die professionelle Rolle/Identität des Sozialarbeitenden ist. Im Anschluss wird die Zielgruppe straffällige Jugendliche genauer untersucht. Hier wird zunächst der Hintergrund und die Risikofaktoren von Straffälligkeit im Jugendalter betrachtet. Drauffolgend werden die zielgruppenspezifischen Besonderheiten dargelegt. Dazu wird zum einen auf die Bindungsstörungen der Jugendlichen und zum anderen auf den Zwangskontext eingegangen. Anschließend werden die zuvor erörterten Inhalte miteinander verbunden, indem der Vertrauensaufbau mit straffälligen Jugendlichen thematisiert wird. Zum Schluss werden die Ergebnisse sowohl zusammengetragen, als auch reflektiert und ein Ausblick erstellt. Der Ausblick versucht, die offenen Fragen, die durch die in der Arbeit gewonnen Forschungsergebnisse entstanden sind, festzuhalten.
2 Professionelle Beziehungsgestaltung
Zunächst einmal muss erörtert werden, was unter einer professionellen Beziehungsarbeit verstanden wird und was für diese notwendig ist. Daher wird im Folgenden versucht, eine Definition und die Merkmale der professionellen Beziehungsarbeit darzustellen.
2.1 Definition und Merkmale
Beziehungen sind ein zentraler Bestandteil im Leben eines jeden Menschen. Beziehungen gelten als „interaktionales Prozessgeschehen“ (Gahleitner, 2020a, S.327) und als „Schlüsselfaktor“ in der Sozialen Arbeit (Gahleitner, 2020b, S. 19). Allerdings existieren zwischen der professionellen und privaten Beziehung deutliche Unterschiede, vor allem was die Intuition und auch die Reflexion in der Beziehungsgestaltung betrifft (Best, 2023, S.13). Bei der professionellen Beziehungsarbeit handelt es sich um einen „bewusst gestalteten Aushandlungsprozess“ (ebd.), welcher viele Fachkräfte in der Sozialen Arbeit vor große Herausforderungen stellt. Eine der größten Herausforderungen ist der Umgang mit der „Diskrepanz zwischen der Intuition einer echten, spontanen und emotionalen Beziehung im Gegensatz zu dem reflektierten, rationalen und geplanten Vorgehen in der professionellen Beziehung“ (ebd.). Dass professionelle Beziehungsarbeit herausfordernd ist, wird auch in dem Forschungsprojekt von Klug et al. im Jahr 2020 deutlich. Hier wurden 27 Interviews mit Sozialarbeitenden geführt, um ihre Sicht von Beziehungsgestaltung zu betrachten. In nahezu allen Interviews wurde die Beziehung als „Basis“ der Sozialen Arbeit bezeichnet (Klug et al., 2020, S.379). Allerdings wurde ebenfalls deutlich, dass gewisse Unsicherheiten bezüglich der Ausgestaltung und Umsetzung einer professionellen Beziehungsgestaltung existieren (ebd., S. 380).
Damit eine „authentische, emotional tragfähige, persönlich geprägte und dennoch reflexiv und fachliche Beziehungsgestaltung“ (Gahleitner, 2017, S.286) gelingt, sind nach Gahleitner gewisse Voraussetzungen notwendig:
Hierzu müssen Bindungs-, Beziehungs- und Netzwerkstrukturen verstanden und bei der Planung der Intervention berücksichtigt werden. Außerdem muss „nicht selten über viel Misstrauen hinweg – zunächst in der persönlich geprägten Dyade durch fachkompetente und bindungssensible Nähe-Distanz-Regulierung wieder Vertrauen möglich gemacht werden“ (ebd., S.287). Das heißt, hier wird deutlich, dass Vertrauen einen großen Stellenwert in der Beziehungsarbeit besitzt. Die genaue Bedeutung von Vertrauen, wird jedoch in einem späteren Kapitel ausführlicher erörtert. Ein Kennzeichen der professionelle Beziehungsarbeit ist zudem, dass diese einen persönlichen Anteil besitzt. „Durch diese – im Lebensalltag der AdressatInnen aufgespannte persönlich geprägte dyadische – Beziehungsgestaltung hindurch entfalten sich Chancen auf Veränderungsprozesse – nicht nur im primären, sondern auch im sekundären und tertiären Netzwerkgefüge“ (ebd.). Darüber hinaus ist es wichtig, dass die professionelle Hilfe die Adressat*innen in soziale Netzwerke als Ressource einbindet, hierzu zählen sowohl das soziale Umfeld, als auch institutionelle Orte. Gelingt es, solch ein „Umgebungsmilieu“ zu entwickeln, entsteht ein „umfassendes Wirkungsspektrum“, „welches wiederum auf das Individuum zurück wirkt und eine tragfähige, zukunftsstabile Basis für das spätere Leben und dortige Beziehungs- und Netzwerkkonstellationen bereitstellt“ (ebd.). Erst wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, ist eine professionelle Beziehungsarbeit überhaupt möglich.
Doch was zeichnet diese jetzt genau aus?
Laut Best muss eine professionelle Beziehung im Vergleich zu einer privaten Beziehung widersprüchliche Anforderungen erfüllen. Zum einen sollten sich alle Beteiligten weitesgehend wohlfühlen, damit sie sich öffnen und somit auch eine Zusammenarbeit möglich wird. Zum anderen handelt es sich bei einer professionellen Arbeitsbeziehung in den meisten Fällen um eine befristete Beziehung, weshalb deren Ende zu Beginn mit eingeplant wird (Best, 2023, S.14). Die Aufgabe der professionellen Fachkraft besteht also darin, eine Wohlfühlatmosphäre zu schaffen, in der es dem Klienten gelingt sich zu öffnen und mitzuarbeiten, obwohl von Anfang an feststeht, dass es sich hierbei um keine „langfristige Beziehung“ handelt. Diese ist jedoch normalerweise Voraussetzung für diese Atmosphäre. Gelingt dies der Fachkraft nicht, ist eine professionelle Beziehungsarbeit nicht möglich. Denn die „Beziehung kann nie einseitig von der Fachkraft gestaltet werden, sondern immer nur in Aushandlung mit Klient*innen“ (ebd., S. 17).
Hancken stellt zunächst klar, dass die grundlegenden Merkmale einer therapeutischen Beziehung auch auf die Beziehungen in der Sozialen Arbeit übertragen werden können. Das heißt, die Beziehungen verfolgen bestimmte Ziele, sind auf gewisse Interaktionsarten begrenzt und beinhalten eine festgelegte Zeitdauer. Die Interaktionen des Professionellen sind zudem an gewisse Regeln gebunden, die professionelle Beziehung besitzt ein asymmetrisches Verhältnis und ist durch verschiedene Expertisen gekennzeichnet (Hancken, 2023, S.106).
Wagenblass ergänzt diese Merkmale noch und stellt klar, dass professionelle Beziehungen sich auch immer durch Fachkenntnisse auszeichnen, indem auf bestimmte Methoden und Techniken zurückgegriffen wird und eine gewisse emotionale Distanz aufgewiesen werden müssen (Wagenblass, 2018, S.1807).
Nachdem nun dargestellt wurde, was unter der professionellen Beziehungsarbeit verstanden wird und welche Merkmale diese besitzt, soll nun auf die professionelle Fachkraft eingegangen werden. Warum ist sie und ihre professionelle Rolle/Identität für die professionelle Beziehungsarbeit so entscheidend?
2.2 Professionelle Rolle/Identität
Was zum Thema Beziehungsarbeit auf keinen Fall vernachlässigt werden darf, ist die Rolle des Sozialarbeitenden. Denn nicht nur die Klienten werden in der Beziehungsarbeit mit ihren vorherigen Beziehungs-, Bindungs- oder Traumatisierungserfahrungen konfrontiert, sondern auch die Fachkräfte. Aus diesem Grund ist die Reflexion der eigenen Rolle unumgänglich. Denn so können die Professionellen mit den eigenen Wünschen oder Bedürfnissen, die innerhalb der Beziehungsarbeit zum Ausdruck kommen, umgehen (Best, 2023, S.24). Somit gilt: „Professionalität in Bezug auf die Beziehungsgestaltung beinhaltet insbesondere die Reflexion der eigenen Rolle innerhalb der Beziehung zwischen Fachkraft und Klientel“ (ebd., S.23). Doch muss die eigene Rolle bzw. Identität nicht nur wegen den eigenen Erlebnissen regelmäßig reflektiert werden. Verändert sich der Auftrag oder die Situation, kann sich auch die Rolle der Fachkraft verändern. Auch das muss in Bezug auf die Beziehungsgestaltung reflektiert und bei ihrer Einflussnahme berücksichtigt werden. Sollte ein Rollenwechsel während der Beziehungsarbeit entstehen, ist es ratsam, diesen zu thematisieren, damit die Klienten die Situation nachvollziehen können und die bisher geleistete professionelle Beziehungsarbeit nicht ge- oder zerstört wird. Um die unterschiedlichen Rollen und die damit in Verbindung stehenden Besonderheiten und Herausforderungen an die Beziehungsgestaltung professionell überprüfen und anpassen zu können, ist eine gute Fähigkeit zur Reflexion, Berufserfahrung und kollegialer Austausch notwendig (ebd., S.25f). Deswegen ist es ratsam, regelmäßig professionelle Reflexionsangebote wie die Supervision, Intervision oder kollegiale Beratung aufzusuchen (ebd., S.24).
Während Best ausschließlich sich des Begriffes der „professionellen Rolle“ für den Sozialarbeitenden bedient, verwendet Omlor den Ausdruck der „professionellen Identität“. Omlor stellt fest, dass es sich bei der professionellen Identität um einen „zirkuläre[n], fortlaufende[n] und erfahrungsbasierende[n] Prozess“ (2023, S.23) handelt und es „[z]ur Professionalisierung der Sozialen Arbeit gehört […], dass Sozialarbeitende das eigene Handeln fortlaufend und selbstkritisch hinterfragen“ (ebd.). Das heißt Omlor, sieht die Identität des Professionellen als etwas wandelbares an, betont jedoch wie Best, dass die Reflexion der eignen Person zwingend erforderlich ist. Zusätzlich führt Omlor noch aus, dass ein Teil der professionellen Identität das „sozialarbeiterische Können“ einnimmt. Dieses besteht darin, eine Balance zwischen den fachlichen Kompetenzen, der Empathie für seinen Klienten und der professionellen Distanz zustande zu bringen (ebd.). Ihrer Meinung nach beinhaltet die professionelle Identität also Reflexion, Fachwissen, die Anteilnahme am und Verständnis für das Leben des Klienten und gleichzeitig die Einhaltung der professionellen Distanz, die letztlich trotz des Miterlebens vieler Schicksalsschläge zum Erhalt der psychischen Gesundheit beiträgt.
„Die Entwicklung einer professionellen Identität kann somit als Ausdruck einer persönlichen Auseinandersetzung mit den gegebenen Bedingungen unter Berücksichtigung fachlicher Wissensbestände gedeutet werden, die eine selbstbewusste Abgrenzung ermöglicht und neue Perspektiven eröffnet“ (ebd., S.25).
Nachdem nun dargestellt wurde, was professionelle Beziehungsarbeit und die Einnahme der professionellen Rolle/Identität in dieser bedeutet, kann nun auf die besondere Zielgruppe „straffällige Jugendliche“ eingegangen werden.
3. Straffällige Jugendliche
Um den Vertrauensaufbau mit straffälligen Jugendlichen darstellen zu können, muss zuerst definiert werden, was Hintergrund und Risikofaktoren von Jugendkriminalität sind und welche zielgruppenspezifischen Besonderheiten bei diesem Personenkreis vorliegen.
- Quote paper
- Anonym (Author), 2024, Professionelle Beziehungsarbeit im Zwangskontext. Die Bedeutung von Vertrauen in der Arbeit mit straffälligen Jugendlichen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1608621