Gibt es eine moralisch rechtfertigbare Form von Suizid?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

20 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

I. Zwei Sichtweisen des Suizids
Definition des Suizids
Suizid als Folge einer psychischen Krankheit
Wohlüberlegter Suizid

II. Weitere Argumente gegen den Suizid
Schaden für andere Personen
Suizid als Infragestellung der Moral
Unverfügbarkeit des eigenen Lebens

III. Grundlagen der Verhinderung des Suizids
Die Heiligkeit des Lebens
Verhinderung des Suizids

IV. Geregelter Suizid
Assistierter Suizid

Schluss

Literatur

Einleitung

Die Grundfrage dieser Arbeit soll folgende sein: Gibt es eine Form von Suizid, die sich moralisch rechtfertigen lässt? Es mag befremdlich wirken, dass Menschen ihrem Leben ein Ende setzen wollen, es gibt aber Fälle, in denen die Verurteilung des Suizids nicht ohne Weiteres haltbar ist. Ich werde dieser Frage nachgehen, indem ich zuerst zwei moderne Extrempositionen in der Betrachtung des Suizids vorstelle, von denen eine den Suizid bejaht und die andere ihn radikal ablehnt. Diese beiden Positionen spannen einen Bogen zwischen der Annahme eines Suizids, der völlig determiniert ist und der Annahme eines Suizids, der äußerster Ausdruck der menschlichen Selbstbestimmung sein soll. Danach werde ich weitere wichtige Argumente gegen den Suizid vorstellen, die in der Diskussion immer wieder eine große Rolle spielen. Fragt man nach der moralischen Berechtigung des Suizids stellt sich nicht nur die Frage, ob sich jemand nach moralischen Gesichtspunkten das Leben nehmen darf, sondern vor allem auch die Frage, wie andere mit diesem Vorhaben umgehen. Dieser Aspekt scheint im Bezug auf den Suizid fast wichtiger zu sein als die rein personale Betrachtungsweise, weil die Perspektive des Suizidenten selbst nur teilweise konstruierbar ist und sich so einer allgemeinen Bewertung entzieht. Mit dieser Problematik werde ich mich im Abschnitt über die Grundlagen der Verhinderung des Suizids beschäftigen, die argumentativ komplex und problematisch sind, weil die Praxis der Verhinderung zwar konsequent vorgeht, aber nur schwer in vollem Umfang begründet werden kann. Schließlich werde ich mich Suiziden zuwenden, die schon heute in geregelten Bahnen ablaufen und nach der Berechtigung dieser Institutionalisierung und der Berechtigung der Institutionalisierung von Suizid im Allgemeinen fragen. Hier rückt also auch das politische Denken in den Blickpunkt, das in der konkreten Umsetzung der verschiedenen Sichtweisen konkrete und angesichts der Komplexität des Themas auch harte Entscheidungen treffen muss. Sicher kann im Rahmen einer solchen Arbeit keine entgültige Bewertung des Gegenstandes geleistet werden. Diese Arbeit soll vielmehr einen groben Überblick über ein komplexes Thema und seine verschiedenen Aspekte geben.

I. Zwei Sichtweisen des Suizids

Definition des Suizids

Schon die Definition des Begriffs „Suizid“ ist problematisch und offenbart die beiden Extrempositionen seiner Bewertung: Während manche Autoren ihn definieren als bewussten, selbst herbeigeführten Vernichtungsakt, der auf einer vielschichtigen Krise basiert, in der der Selbsttötungsakt als letzter Ausweg erscheint, definieren andere ihn schlicht als bewusst intendierten Selbstvernichtungsakt.[1] Die erste Definition betont also die Umstände, die zu einem Suizid führen, die von vornherein als außergewöhnlich gesetzt werden, während die zweite Definition die Dimension des freien Willens stärker betont, bzw. keine anderen Gründe angibt. Zwei Betrachtungsweisen stehen sich also in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Suizid als Extrempositionen gegenüber: Die Betrachtung des Suizids als Folge einer psychischen Krankheit und die Betrachtung des Suizids als Bilanzsuizid, das heißt den Suizid basierend auf einer wohlüberlegten rein rationalen Entscheidung.[2] Diese beiden Betrachtungen des Suizids schließen sich aber nicht aus, die meisten wissenschaftlichen Untersuchungen des Suizids kennen beide Formen. Der Suizid als Folge einer psychischen Krankheit zeichnet sich aber durch eine leichtere empirische Überprüfbarkeit aus, während der Bilanzsuizid grundsätzlich als problematisch und nur schwer nachweisbar gilt. Das philosophische Interesse am Suizid konzentriert sich auf die Begründung und kritische Prüfung normativer Urteile über dessen rationale und moralische Berechtigung.[3] Dies ist im Zuge der Entwicklung der Suizidologie, die gerade in der Soziologie und in anderen Wissenschaften auch sehr empirisch vorgeht, nicht selbstverständlich.[4] Hier wird der Suizid also nicht als Folge rationaler Entscheidungen, sondern als schlichtes Phänomen behandelt. Es ist aber wichtig festzuhalten, dass man in bestimmen Fällen nur auf der Grundlage von medizinischer Erfahrung sagen kann, ob gewisse abstrakte Begriffe wie die des unerträglichen Leidens und der sinnlosen Lebensperspektive anwendbar sind.[5]

Suizid als Folge einer psychischen Krankheit

Ein wichtiges Argument gegen die moralische Richtigkeit von Suiziden ist die Auffassung, dass alle Suizide Folge einer psychischen Krankheit sind. Dies wird auch durch Untersuchungen gestützt: Ein Großteil der Suizidversuche ist nachweislich verbunden mit einer psychischen Krankheit.[6] Erwin Ringel hat in diesem Zusammenhang vom „präsuizidalen Syndrom“ gesprochen, er sieht also in jeglicher Entwicklung zum Suizid hin etwas Krankhaftes.[7] Dies wird schon durch die Formulierung „suizidales Syndrom“ deutlich. Vor diesem Hintergrund ist ein Suizid aus freier Entscheidung ausgeschlossen, weil der Suizident in seinem Urteilsvermögen getrübt ist, und somit in jedem Fall zu verhindern.[8] Im Bezug auf die Suizidprävention läuft diese Betrachtungsweise des Suizids hinaus auf einen absoluten Paternalismus, der die Verhinderung des Suizids in jedem Fall gebietet und somit auch keine moralisch gerechtfertigte Form des Suizids annimmt. Zwei Argumente lassen sich gegen diese Position ins Feld führen: Zum einen sind nicht alle Suizide nachweislich Folgen einer psychischen Krankheit, auch wenn dies auf den Großteil zutrifft, zum anderen beruhen die Daten zur Verknüpfung der Suizide mit psychischen Krankheiten nur auf Untersuchungen von Suizidversuchen, die vereitelt werden konnten.[9] Erfolgreiche Suizide lassen sich im Nachhinein nicht mehr vollständig analysieren, weil man den Suizidenten selbst nicht mehr dazu befragen kann. Um überhaupt eine Form des Suizids annehmen zu können, die nicht auf einer psychischen Krankheit beruht, darf man den Suizid selbst nicht als Symptom eines Krankheitsbildes beschreiben, weil sonst von vornherein per definitionem jede andere Beurteilung ausgeschlossen ist.

Wohlüberlegter Suizid

Die Form des Suizids, die von seinen Fürsprechern immer wieder ins Feld geführt wird, ist der wohlüberlegte Suizid oder Bilanzsuizid, der nach einer rein rationalen wohlbegründeten Überlegung des Suizidenten oder einer genauen Bilanz seiner Lebensumstände stattfindet. Im Allgemeinen scheint diese Form des Suizids eine sehr theoretische zu sein, weil er sich wohl nur zweifelsfrei annehmen lässt, wenn es jemandem gut geht.[10] Aber auch in anderen Fällen lässt er sich, auch wenn er nur schwer oder gar nicht nachzuweisen ist, nicht gänzlich ausschließen. Versucht man einen konkreteren Fall zu finden, blieben Suizide von Menschen, die nach reiflicher Überlegung ihrem Leben ein Ende setzen wollen und dabei weder Dritten Schaden zufügen, noch Pflichten gegenüber Angehörigen haben, noch in ihrem Urteilsvermögen beeinträchtigt sind. Dies könnte der Fall sein bei alten Menschen, die keine lange Lebenserwartung mehr haben und bettlärig und pflegebedürftig sind, oder bei Menschen, die sich im Endstadium einer unheilbaren qualvollen Krankheit befinden. Man könnte sagen, dass das willentliche Herbeiführen eher den Musterfall der Erhebung menschlicher Rationalität und Autonomie über die physische Verfallenheit an die Natur darstellt.[11] Es bleibt aber die Frage, ob es die wohlüberlegte Form von Suizid wirklich gibt und wie sie in der Praxis von den anderen zu unterscheiden ist. Ohne ausführliche Gespräche mit dem Suizidenten dürfte dies kaum möglich sein, aber auch diese können keinen entgültigen Beweis erbringen, vor allem wenn man davon ausgeht, dass viele Suizide Folge einer psychischen Krankheit sind.

II. Weitere Argumente gegen den Suizid

Schaden für andere Personen

Ein weiterer Grund zur Verhinderung eines Suizids und damit auch seiner moralischen Infragestellung ist der Schaden für andere Personen, der daraus entstehen kann. So können Angehörige von einem Suizid betroffen sein, weil sie auf das Weiterleben des Suizidenten angewiesen sind. Ganz besonders naheliegend ist dies natürlich, wenn der Suizident Kinder zurücklässt, aber auch andere Bindungen, wie eine Partnerschaft oder verantwortungsvolle Positionen, deren suizidbedingte Vakanz andere Menschen leiden lässt, dürfen in diesem Zusammenhang nicht außer Acht gelassen werden. Außerdem kann ein Suizid auch aus Motiven erfolgen, die moralisch negativ zu bewerten sind, z. B. aus Rache. Der Suizident könnte sich zum Beispiel durch seinen Suizid an anderen Personen rächen, die sich nach seiner Einschätzung zu wenig um ihn gekümmert haben. Ein weiteres Problem ist der Schaden, der unter Umständen Personen zugefügt wird, die unfreiwillig an der Suizidhandlung beteiligt werden, wie z. B. Zugführer. Bei solchen Suiziden könnte also durchaus die Zurechnungsfähigkeit des Suizidenten gegeben sein, ohne dass sie deshalb moralisch erlaubt wären. Außerdem wird gerade das Leiden Dritter auch oft als Argument für eine Institutionalisierung des Suizids angeführt. Zumindest dieses Leiden könnte durch die Ermöglichung des staatlich organisierten Suizids verringert werden. Laut Birnbacher muss der Suizid als moralisch indifferent gelten, wenn er keine Auswirkungen auf andere hat.[12] Es stellt sich aber die grundsätzliche Frage, ob ein Suizid nicht immer Auswirkungen auf andere Personen hat.

[...]


[1] Lexikon der Bioethik; Gütersloh 1998; S. 496.

[2] Lexikon der Bioethik; S. 490.

[3] Wittwer, Héctor; Selbsttötung als philosophisches Problem; Paderborn 2003; S. 22.

[4] Wittwer; Selbsttötung als philosophisches Problem S. 17.

[5] Tugendhat, Ernst; Das Euthanasieproblem in philosophischer Sicht; in: Tugendhat, Ernst; Aufsätze 1992-2000; Frankfurt a.M. 2001; S. 40.

[6] Fischer, Cornelia; Gibt es den Suizid aus freier Entscheidung?; in: Schank, Alex; Spöndlin, Ruedi (Hg.); Vom Recht zu sterben zur Pflicht zu sterben?; Zürich 2001; S. 113.

[7] Ringel, Erwin; Selbstmordverhütung; Bern/ Stuttgart 1987; S.67.

[8] Karenberg, Axel; Suizid und Suizidprävention: Historische und ethische Aspekte; in: Suizidprophylaxe 32 (2005), Heft 1; Suizidprävention; S. 5.

[9] Wittwer; Selbsttötung als philosophisches Problem; S. 19 f.

[10] Fischer; Suizid aus freiere Entscheidung; S. 113.

[11] Birnbacher, Dieter; Selbstmord und Selbstmordverhütung aus ethischer Sicht; in: Leist, Anton (Hg.); Um Leben und Tod; Frankfurt a.M. 1990; S. 411.

[12] Birnbacher; Selbstmord und Selbstmordverhütung aus ethischer Sicht; S. 407.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Gibt es eine moralisch rechtfertigbare Form von Suizid?
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,5
Autor
Jahr
2006
Seiten
20
Katalognummer
V160890
ISBN (eBook)
9783640739431
ISBN (Buch)
9783640739776
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philosophie, Ethik, Suizid, Medizin
Arbeit zitieren
Harald Kienzler (Autor), 2006, Gibt es eine moralisch rechtfertigbare Form von Suizid?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160890

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Gibt es eine moralisch rechtfertigbare Form von Suizid?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden