Die Differenzkonzeption von William Labov

Eine kritische Reaktion auf die Defizit-Hypothese Basil Bernsteins


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Wer ist William Labov

2 Die Differenz-Konzeption
2.1 Die Differenz-Konzeption als Gegenbewegung zur Defizit-Hypothese Basil Bernsteins
2.2 Inhalte der Differenz-Konzeption
2.3 Labovs Studien
2.3.1 The social Stratification of English in New York City
2.3.2 The Social Motivation of a Sound change
2.3.3 The Logic of Non-Standard English (NNE)

3 Die Differenz-Konzeption als ‚Kontrastprogramm’ zur Defizit-Hypothese

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

Einleitung

Die ersten Theoriebildungen innerhalb der Soziolinguistik entwickelten sich in den 60er Jahren letztendlich auch aufgrund des damals ausgerufenen Bildungsnotstandes von Politikern und Pädagogen. Die geforderte Chancengleichheit sollte eine schulische Förderung von Kindern aus niederen sozialen Schichten bewirken und die Integration der Gastarbeiter verbessern beziehungsweise beschleunigen. Doch oft erschwerten Sprachbarrieren diese beabsichtigten Ziele und die Bildungspolitiker und Pädagogen erhofften sich eine Überwindung dieser Barrieren mit Hilfe von Sprachwissenschaftlern. Die Folge dessen ist eine veränderte Sichtweise auf die Sprache. Diese wurde nunmehr als „[…] Produkt und als Ausdruck schichtenspezifischer Lebensbedingungen gesehen: der Sprache der Mittel- und Oberschicht wurde die Sprache der Unterschicht (beziehungsweise der Arbeiterschicht) gegenübergestellt.“[1]

Die vorliegende Arbeit wird sich mit der Frage nach dem Zusammenhang sozialer und linguistischer Unterschiede, nämlich dem schichtenspezifischen Sprechen befassen. Dies ist ein ganz entscheidender Themenkomplex innerhalb der Soziolinguistik. Hierbei wird die Gewichtung auf einer Seite der bekanntesten und moderneren soziolinguistischen Forschungsansätze liegen. Bekannt geworden ist dieser als so genannte Differenz-Konzeption nach William Labov, gewissermaßen als eine Kritik an den bisherigen Untersuchungsergebnissen und Hypothesen Basil Bernseins. Zu dem Zweck der Gegenüberstellung beider Konzeptionen, wird Bernsteins Defizit-Hypothese thematisiert und im Wesentlichen erläutert. Nach einem kurzen biografischen Überblick über die Person William Labov wird im Hauptteil der Arbeit versucht werden, einen möglichst gegliederten Überblick über die kritische Konzeption Labovs zu geben und einige seiner Studien vorzustellen, die er im Rahmen seiner soziolinguistischen Forschung geleitet hat. Seine Studien zur englischen Sprache in New York City und anderen amerikanischen Städten sowie dem Non-Standard English der schwarzen Bevölkerung konnten nach genauem linguistischem Prinzip beweisen, dass weder die Sprache noch deren Nutzer Defizite aufzeigten, wie es Bernstein in seinen Forschungsarbeiten behauptete. Abschließend soll demzufolge die Differenz-Konzeption als Kritik an der Defizit-Hypothese von Bernstein gesehen und unter diesem Gesichtspunkt untersucht werden.

1 Wer ist William Labov

William Labov wurde am 04.Dezember 1927 in New Jersey geboren. Er ist Linguistikprofessor in Amerika und erforscht vor allem Sprachwandel und Sprachvariation. Sein Untersuchungsgebiet ist insbesondere der Dialekt in Philadelphia und New York. In den sechziger Jahren legte Labov den Grundstein für die empirische Erforschung sprachlicher Veränderungen und setzte somit einigen Thesen der Soziolinguistik, wie zum Beispiel Bernsteins Code-Theorie, eine linguistisch fundierte Varietätengrammatik und –phonologie entgegen. Beispielgebend dafür waren einige seiner Studien und Feldforschungen, wie etwa seine Kaufhausstudie, auf die später noch näher eingegangen wird oder aber ebenso seine Studie “The Social Stratification of English in New York City“ die 1966 auch als Buch erschien. Seitdem gilt William Labov als ein Pionier einer moderneren sozialen Dialektologie und auch einer neueren Soziolinguistik in Amerika. Seine Forschungsarbeiten von mehreren Jahrzehnten formulierte er später in einer zusammenfassenden Theorie über soziale Herkunft und die Motivation von Sprachwandel. Dieses Werk - “Principles of Linguistic Change“ – ist aufgeteilt in drei Bände, von denen bisher zwei erschienen sind. Es beschäftigt „[…] sich mit den internen und den sozialen Faktoren sprachlicher Veränderung“[2]. Dafür erhielt William Labov 1996 den Leonard Bloomfield LSA Award.

2 Die Differenz-Konzeption

2.1 Die Differenz-Konzeption als Gegenbewegung zur Defizit-Hypothese Basil Bernsteins

Die erste soziolinguistische Welle hatte ihre Anfänge in den 60er Jahren und ist stark verwurzelt mit einem Namen: Basil Bernstein, selbst Soziologe. Er setzte sich schon damals die Erforschung des Zusammenhangs zwischen Sprache und sozialer Schicht zum Ziel. Er „[…] geht in seiner soziolinguistischen Theorie von der Hypothese aus, dass sich aus der sozioökonomischen Schichtung einer Sprachgemeinschaft eine entsprechende Differenzierung im sprachlichen Verhalten der Sprecher und Sprecherinnen ergibt.“[3] Nach Bernstein lässt sich die unterschiedliche Verwendung von Kommunikationssymbolen in zwei Gruppen zusammenfassen und zwar in Bezug auf die zwei relevanten Schichten Unter- und Mittelschicht. Der Soziologe unterscheidet demzufolge zwei Formen des Sprachgebrauchs: den elaborierten Sprechcode der Mittelschicht und den restringierten Sprechcode der Unterschicht - ein wesentlicher Bestandteil seiner Theorien. Diese beiden Codes ließen sich anhand bestimmter sprachlicher Charakteristika, wie Ausführlichkeit, grammatische Korrektheit und logischer Struktur differenzieren. Die unterschiedliche Realisierung dieser beiden Codes wirkt laut Bernstein durch sprachliche Sozialisationsprozesse auf die Sozialstruktur zurück und stabilisiert diese.

Basil Bernsteins Hypothese lässt sich wie folgt zusammenfassen: „Sprechen ist Teil des Sozialverhaltens, und dieses wird durch Familienerziehung vermittelt. Die Familie wiederum ist durch ihre soziale Klassenzugehörigkeit determiniert. Somit ist auch Sprachverhalten soziokulturell determiniert.“[4] Er ging davon aus, dass die Unterschiede im Sprachvermögen von Arbeiterkindern und Mittelschichtkindern die Unterschiede in ihrer Schulleistung beeinflussen. Um diese Hypothesen zu untermauern, führte er vermehrt empirische Studien mit Kindern und Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren aus der Arbeiterklasse und der Mitteschicht durch. Er ließ die Studienteilnehmer sprachliche und nicht - sprachliche Intelligenztests absolvieren und erforschte deren Sprache und Sprachgebrauch in Diskussionssituationen. Wie nahmen sie die Diskussion auf? Wie argumentierten sie? Wie und in welchem Umfang wurde gesprochen? Anhand dieser Untersuchungen jedes einzelnen Jugendlichen ergaben sich Unterschiede hinsichtlich Wortwahl und syntaktischer Struktur. Außerdem beobachtete er, dass die Kinder und Jugendlichen aus der Mittelschicht sowohl den elaborierten als auch den restringierten Sprechcode benutzen konnten, während die Kinder und Jugendlichen der Arbeiterklassen, also der Unterschicht, nur über den restringierten Code verfügten. Da der elaborierte Sprechcode das zentrale Kommunikationsmittel der Schulen und anderer Ausbildungsstätten sei und die Sprache der Kinder keine komplexe Kognition zuließe, wurde dieser Mangel im Sprachverhalten nun als „Defizit“ interpretiert. Demzufolge seien die Mitglieder der Unterschicht angesichts ihrer begrenzten Sprache sozial benachteiligt. Im Rahmen dieser Studienerkenntnisse, die später die Eckpfeiler der so genannten „Defizit-Hypothese“ wurden, wurde die Sprachgebrauchsform der Mittel – und Oberschicht zum linguistischen Maßstab erhoben und somit zur unhinterfragten und von allen Mitgliedern der Sprachgemeinschaft anzustrebenden Norm.

Durch konstante Kritik an der mangelnden Chancengleichheit in der Bildungspolitik wurde später versucht, kompensatorische Sprachunterrichtsprogramme zu entwickeln, die der Unterschicht ermöglichten, sich den elaborierten Code anzueignen um dadurch die so genannten Sprachbarrieren zu überwinden. Denn es wurde von dem Grundsatz ausgegangen, dass ein gesellschaftlicher Aufstieg nur durch Erlernen und Beherrschen des von der Mittel – beziehungsweise. Oberschicht benutzten elaborierten Codes möglich sei. Doch die Universalerklärung „Sprachbarriere“ und die daraus resultierenden Programme und Förderungen scheiterten. Es wurden zwar „[…] temporäre Verbesserungen der sprachlichen Fähigkeiten im angestrebten Sinn […]“[5] verzeichnet, doch sie schafften auch psychologische Probleme bei den Kindern und Jugendlichen, „[…] die ihrer sprachlichen Umgebung entfremdet wurden und ihre eigene Sprache als defizitär erlebten.“[6]

Durch Bernsteins Code-Theorie, der angeblichen Überlegenheit des elaborierten Codes über den Restringierten und der daraus resultierenden Defizit-Hypothese entwickelte sich schon bald eine Art Gegenbewegung zu diesem linguistischen Modell, welche als so genannte Differenz-Konzeption bekannt wurde. Einer der wichtigsten Kritiker an der Defizit-Hypothese und somit Vertreter der Differenz-Konzeption ist der amerikanische Linguistikprofessor William Labov. Auch er war, wie Bernstein, der Meinung, das Sprachverhalten der Angehörigen der Unterschicht wäre durch einen anderen Sprachgebrauch gekennzeichnet, als das Sprachverhalten Angehöriger höherer sozialer Schichten. Jedoch versuchte er durch seine empirischen Studien den Begriff des Defizits zu modifizieren und belegte, dass sprachliche Varietäten keine Abweichung vom Regelfall und somit auch keine defizitäre Sprechform seien, sondern dass es sich ebenso um eine eigene Sprache mit konstitutiven Elementen handelt. Labov kritisierte hierbei die angebliche qualitative Überlegenheit des elaborierten Codes, denn er sah die Unterschiede im Sprachgebrauch der Mitglieder verschiedener sozialer Schichten nicht als Mangel, beziehungsweise als Defizit, sondern als Andersartigkeit.

2.2 Inhalte der Differenz-Konzeption

Die Differenz-Konzeption ist mit ihren Untersuchungen zum einen dem Strukturalismus verpflichtet, denn sie untersucht innerhalb der einzelnen Varietäten vorwiegend phonologische und grammatische Merkmale und zum anderen den Forschungsrichtungen der Dialektologie. Somit können einige Unterscheidungen bezüglich Defizit-Hypothese und Differenz-Konzeption gemacht werden: während die Defizit-Hypothese eine umfassende Identität von Denken und Sprache verlangt, wird in der Differenz-Konzeption versucht, kognitive Aspekte beziehungsweise die psychologische Dimension aus der Analyse weitgehend auszuklammern. Hier will man vielmehr jegliche sprachliche Erscheinung untersuchen, die sich in den verschiedenen Varietäten der Sprache nachweisen lassen.

[...]


[1] Linke, Angelika / Nussbaumer, Markus / Portmann, Paul R.: Studienbuch Linguistik. Tübingen 2004, S. 337.

[2] Linke, Angelika / Nussbaumer, Markus / Portmann, Paul R.: Studienbuch Linguistik. Tübingen 2004, S. 371.

[3] Ebd., S. 339.

[4] Löffler, Heinrich: Germanistische Soziolinguistik. Berlin 1985, S. 179.

[5] Linke, Angelika / Nussbaumer, Markus / Portmann, Paul R.: Studienbuch Linguistik. Tübingen 2004, S. 340.

[6] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Differenzkonzeption von William Labov
Untertitel
Eine kritische Reaktion auf die Defizit-Hypothese Basil Bernsteins
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Germanistisches Institut)
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V160959
ISBN (eBook)
9783640743209
ISBN (Buch)
9783640743599
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Differenzkonzeption, William, Labov, Eine, Reaktion, Defizit-Hypothese, Basil, Bernsteins
Arbeit zitieren
Cathleen König (Autor), 2009, Die Differenzkonzeption von William Labov, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160959

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