Über Schellings Philosophie der Offenbarung


Essay, 2010
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Die Logik der Freiheit

2. Die bestimmte Welt

3. Religion und Lebensphilosophie

1. Die Logik der Freiheit

Die theoretische Grundlage der Schellingschen Philosophie der Offenbarung wird in den Vorlesungen 5 bis 15 entwickelt. Das sein Könnende nennt Schelling das erste Sein, das allem Sein voraus ist[1]. Das sein Könnende ist nicht bloß allem Seienden voraus - allem Seienden ist schon das reine Sein voraus; das sein Könnende ist sogar vor dem Sein - es ist die Macht, zu sein und nicht zu sein. Damit das sein Könnende kein zufälliges Sein annimmt, nicht das blind Seiende wird, muss es ein reines Sein annehmen, das rein Seiende. "Das Dritte", so Schelling, "als das von beiden Einseitigkeiten Freie, kann nur das sein, in welchem der actus nicht die Potenz, und die Potenz nicht den actus ausschließt, oder welches im Vergleich mit dem sein Könnenden nicht aufhört, Sein zu sein"[2]. Das Dritte ist also keine aus Beiden resultierende Notwendigkeit, sondern Freiheit: "Kurz, dieses dritte ist nur zu bestimmen als das zu sein und nicht zu sein erst wirklich Freie, weil es im Wollen nicht aufhört, als Wille zu bestehen; oder, wenn wir das sein Könnende als Subjekt, das rein Seiende als Objekt bestimmen, so ist unser Drittes weder dieses noch jenes, sondern das unzertrennliche Subjekt=Objekt"[3]. Somit ist der Kreis des vorseienden Seins geschlossen und eine äußere Welt nicht notwendig. "Freiheit ist unser und der Gottheit Höchstes"[4], sagt Schelling am Schluss seiner theoretischen Überlegungen. Hiermit führt seine theoretische Spätphilosophie in die Unerklärbarkeit der Welt aus Notwendigkeit, und will nicht weniger leisten, als die Welt aus Freiheit zu erklären.

Wo keine Notwendigkeit ist, da kann nichts entstehen, muss Hegel beim Anfang seiner Logik gedacht haben, ohne diesen Gedanken zu explizieren. Bevor bestimmtes Seiendes sein kann, muss "Sein, reines Sein, - ohne alle weitere Bestimmung"[5] sein. "Das Sein, das unbestimmte Unmittelbare ist in der Tat Nichts und nicht mehr noch weniger als Nichts"[6], und "Nichts, das reine Nichts; es ist einfache Gleichheit mit sich selbst, vollkommene Leerheit, Bestimmungs- und Inhaltslosigkeit; Ununterschiedenheit in ihm selbst"[7], sagt Hegel, "Das reine Sein und das reine Nichts ist also dasselbe. Was die Wahrheit ist, ist weder das Sein noch das Nichts, sondern daß das Sein in Nichts und das Nichts in Sein - nicht übergeht, sondern übergegangen ist"[8]. Aus der notwendigen Begriffsbewegung des Seins und des Nichts entsteht das wiederum selbstwidersprüchliche Werden, und der Begriff schreitet fort, bis er in der Idee seinen Begriff, den Begriff des Begriffs als die Einheit des Unterschiedenen oder die Identität von Identität und Unterschied, wiederfindet.

Während bei Hegel das präexistente Sein durch den einen Begriff bestimmt wird (im Dreischritt von These, Antithese und Synthese nimmt der Begriff die drei verschiedenen Gestalten zwar an, aber keine von ihnen besteht selbstständig), wird es bei Schelling durch drei Potenzen, die Persönlichkeiten sind, ausgefüllt. In Hegels Logik ist die Dreiheit nur die Form, die der Begriff bei seinem Fortschreiten annimmt; in Schellings Philosophie der Offenbarung ist die Dreiheit das eigentümliche Sein des Absoluten.

Die Frage, warum überhaupt etwas ist, und nicht vielmehr nichts, diese Fundamentalfrage der theoretischen Philosophie ist im Reich der Notwendigkeit nicht hinreichend zu beantworten. Wenn Etwas aus Nichts notwendig folgt, dann ist dieses Nichts kein Nichts, sondern nur ein Nichts von Etwas. Wenn aus reinem Sein, welches zugleich Nichts ist, eine notwendige Begriffsbewegung entsteht, dann ist damit nicht die Entstehung der Welt aus dem Nichts erklärt, sondern nur gezeigt, dass dieses an den Anfang gesetzte Sein/Nichts nicht das absolut Erste sein kann. So wie die Kosmologie über die ursprüngliche kosmische Singularität, den Urknall, nicht hinaus gehen kann, kann die Ontologie über das reine Sein nicht hinaus gehen, und muss es zum Anfang machen und mit dem Nichts gleichsetzen. Die Hegelsche Wissenschaft der Logik ist als Wissenschaft logisch und braucht ein Axiom; da logisch nicht tiefer als zum reinen Sein und zum Nichts vorzudringen ist, kann die Wissenschaft der (ontologischen) Logik als Wissenschaft nur mit dem reinen Sein und dem Nichts anfangen, woraus alles Weitere mit logischer Notwendigkeit folgt.

Schelling fängt mit der Freiheit an, die von nichts Anderem ableitbar ist. Schellings Schritt hinter die logischen Bestimmungen des reinen Seins und des Nichts ist selbst für die spekulative ontologische Logik Hegels nicht mehr wissenschaftlich, sondern geht über jede Wissenschaftlichkeit hinaus in die Sphären des Alogischen, in welchem das logische Sosein der Welt erst willentlich gesetzt werden muss, damit es eine logisch erklärbare Welt überhaupt geben kann. Der Mystizismus des späten Schelling ist ein notwendiger Schritt über die mit Hegel zum Abschluss gekommene wissenschaftliche Philosophie hinaus; Schelling geht in der Philosophie der Offenbarung keineswegs philosophisch-wissenschaftlich über die Philosophie Hegels hinaus, sondern in der Weise, in der das Absolute als der Gegenstand der Wissenschaft vom Absoluten, der Philosophie, über dieselbe hinaus geht. Die Wissenschaft vom Absoluten ist nicht das Absolute selbst, denn sie kann nur das Logische am Absoluten auffassen, nicht aber den Willen oder die Persönlichkeit des absoluten Wesens mit logischen Mitteln erklären oder von etwas Anderem ableiten. Dass das Absolute Geist, also ich-haft ist, ist in der Hegelschen Philosophie nachgewiesen worden. Die Natur allen Ichs ist die Setzung seiner selbst - hinter diese Erkenntnis Fichtes kann die Philosophie nicht mehr zurückfallen. So ist das Absolute als Geist notwendigerweise als die Einheit von Subjekt und Objekt bestimmt, die aber weder eine formale Einheit von absolut Verschiedenem noch eine unterschiedslose Einheit (wie in der Schellingschen Identitätsphilosophie) sein kann. Das Absolute ist als eine Identität von Identität und Nichtidentität von Subjekt und Objekt zu denken - einerseits sind Subjekt und Objekt identisch und andererseits unterschieden, wobei beide Ansichten im absoluten Geist identisch sind. Weiter kann eine logische Bestimmung des Absoluten nicht gehen; philosophieimmanent kann über Hegel nicht mehr hinaus gegangen werden. Dennoch muss hier weitergedacht werden, denn der absolute Geist ist als Subjekt ein bestimmtes Subjekt, eine Persönlichkeit. Verneint man dies, so reduziert man den Ich-Begriff des Deutschen Idealismus auf logisch-mechanische Relationen und fällt hinter die Erkenntnis zurück, dass das Subjekt, das Ich, Substanz, und deshalb irreduzibel ist, dass es sich nicht nur auf eine bestimmte Art gegenüber einem Nicht-Ich verhält, sondern auch eine Eigentümlichkeit an sich hat, die mit dem Fichteschen Denken des Ich=Ich der Nichtreduzierbarkeit der Innenperspektive des Subjekts angemessen ausgedrückt ist. Die bestimmte Persönlichkeit des absoluten Geistes kann weder aus seinen logischen Bestimmungen abgeleitet werden noch aus seiner Identität mit dem endlichen Geist des Menschen, durch welchen der absolute Geist sich selbst betrachtet. Der menschliche Geist schaut auf der Höhe der Hegelschen Philosophie zu, wie der absolute Geist sich selbst als Entäußertes, nach Außen gekehrtes, als Welt betrachtet; der menschliche Geist kann spekulativ erschließen, dass das Absolute selbst Geist ist, - sein eigentümliches Sein als Persönlichkeit kann nur der absolute Geist selbst dem Menschen offenbaren. Diese Offenbarung geht über alle Wissenschaft hinaus und hat für die Wissenschaft notwendigerweise die Form des Mystizismus. Die Wissenschaft kann nur erkennen, dass es etwas Alogisches geben muss, das selbst Geist ist, und das das Logische, das Vernünftige erst durch seine willentliche Setzung zum Wirklichen macht.

Die Logik der Freiheit, die die Grundlage der Schellingschen Philosophie der Offenbarung und zugleich auch eine Kritik der Hegelschen Wissenschaft der Logik ist, beschreibt implizit einen alogischen Akt, einen Akt purer Freiheit, - die Erschaffung der Welt. Gott ist als das im sein Sollenden vereinte sein Könnende und sein Müssende vollkommen und braucht kein Sein außerhalb seiner Selbst: "Der vollkommene Geist selbst ist ohne Voraussetztung, er ist, weil er ist; er hat nicht einmal jene relative Notwendigkeit, welche wir dem abstrakten Sein zugestehen"[9], sagt Schelling in der zwölften Vorlesung. Hier hat Schelling aber Unrecht, wenn er das Absolute durch etwas erklärt, was jedem Wesen eigen ist: "Man könnte sich den Übergang vom actus purissimus des göttlichen Seins zum durch Widerstand vermittelten Sein so denken: Jedes Wesen, sowie es zustande gekommen ist, sucht sich zuerst in seinen verschiedenen Gestalten auseinanderzusetzen und zu unterscheiden. Dies ist nun im actus purissimus des göttlichen Lebens unmöglich, weil in ihm die Gestalten nicht auseinander zu bringen sind. Denn der an sich und für sich seiende Geist ist Selbstlosigkeit und daher nicht zu trennen. Die 3. Gestalt ist jeder der erstern gleich, und daher sind alle 3 Gestalten ursprünglich nicht auseinander zu bringen. In diesem reinen Strom des göttlichen Seins ist Anfang, Mitte und Ende; aber Anfang, Mitte und Ende nicht auseinander. In der reinen Unendlichkeit wäre Gott unfaßlich; er könnte sich selbst nicht festhalten, selbst nicht in seiner Gestalt fassen. Das Bestreben, sich festzuhalten, würde als eine Art Rotation erscheinen; denn was Anfang und Ende nicht auseinander bringen kann, rotiert"[10]. Diese Ausführungen sind logisch falsch wie unnötig - unnötig, gar widersinnig, weil damit dem absolut freien Geist Notwendigkeit untergeschoben wird, von der ihn frei zu erklären das Ziel der logischen Entwicklung des göttlichen Wesens zu Beginn der Philosophie der Offenbarung war; logisch falsch, weil die ungeliebte Rotation durch die Annahme eines außergöttlichen Seins nicht verschwindet, sondern nur vom Unendlichen ins Endliche verwiesen wird: eine außergöttliche Welt durchläuft alle Phasen und damit genau eine Runde der Rotation, wonach Gott wieder bei sich selbst ist, und eine zweite Welt erschaffen muss, um nicht in seiner Unendlichkeit zu rotieren, und so ad infinitum. Um die irreführende Metapher von der Rotation zu rechtfertigen, wird Schelling polemisch: "Unselig ist der, der nicht leben und nicht sterben kann, wie die Verdammten, die kein Ende finden"[11]. Hier bestimmt bereits die Form der Metapher inhaltlich darüber, wofür die Metapher als verständnisdienliche Verbildlichung eigentlich steht; darüber, wie und warum eine Schöpfung zustande kommt, kann aber allein die göttliche Freiheit bestimmen. "Freiheit ist unser und der Gottheit Höchstes"[12], sagt Schelling, hält sich aber nicht durchgehend daran, was zu Verwirrungen führt, die die weitere Entwicklung der Philosophie der Offenbarung jedoch nicht beschädigen, da sie offenbar nur ad-hoc-Argumenten entspringen. Zuzugeben, dass sie nicht weiß, aus welchem Grund der absolut freie Geist eine Welt erschafft, bedeutet für eine Philosophie nur dann eine Niederlage, wenn sie auf der Grundlage der Totalität des Logischen aufgestellt ist. Wäre Schelling Hegelianer, so würde seine Philosophie der Offenbarung der Notwendigkeit unterliegen, die Notwendigkeit, aus welcher Gott die Welt erschaffen haben muss, logisch abzuleiten. Gott jedoch als absolut frei zu behaupten und nach einer Notwendigkeit in seinem Handeln zu suchen, ist ein unnötiger Selbstwiderspruch. Die Philosophie der Offenbarung muss davon ausgehen, dass Gott die Welt aus absoluter Freiheit, ohne jede Notwendigkeit schuf. Aus diesem Grund ist die Welt auch nicht restlos logisch zu erklären, sondern beinhaltet Elemente der Freiheit, die sie über den Zustand einer deterministischen Maschine hinaus erheben. In Kants dritter Antinomie der reinen Vernunft schwingt die Frage mit, ob sich die Welt im Logischen erschöpft[13] ; durch die Philosophie der Offenbarung wird verständlich, wie ein freier Wille, und somit Freiheit, in die Welt kommt.

[...]


[1] Schelling, F.W.J.: Urfassung der Philosophie der Offenbarung. Hamburg, 1992. Vgl. S. 26ff.

[2] A.a.O., S.59.

[3] A.a.O., S.59.

[4] A.a.O., S.79.

[5] Hegel, G.W.F.: Wissenschaft der Logik I. In: Werke in 20 Bänden. Band 5. Frankfurt a. M., 1969. S.82.

[6] A.a.O., S.82f.

[7] A.a.O., S.83.

[8] A.a.O., S.83.

[9] Schelling, F.W.J.: Urfassung der Philosophie der Offenbarung. Hamburg, 1992. S. 71.

[10] A.a.O., S.91f.

[11] A.a.O., S.92.

[12] A.a.O., S.79.

[13] Vgl. Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft. Hamburg, 1998. B 472ff.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Über Schellings Philosophie der Offenbarung
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Philosophie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
21
Katalognummer
V161036
ISBN (eBook)
9783640773398
ISBN (Buch)
9783640773589
Dateigröße
394 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schelling, Philosophie der Offenbarung, Hegel, Absoluter Idealismus, Freiheit, Gott, Kant
Arbeit zitieren
Konstantin Karatajew (Autor), 2010, Über Schellings Philosophie der Offenbarung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161036

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