Die Frage, warum überhaupt etwas ist, und nicht vielmehr nichts, diese Fundamentalfrage der theoretischen Philosophie ist im Reich der Notwendigkeit nicht hinreichend zu beantworten. Wenn Etwas aus Nichts notwendig folgt, dann ist dieses Nichts kein Nichts, sondern nur ein Nichts von Etwas. Wenn aus reinem Sein, welches zugleich Nichts ist, eine notwendige Begriffsbewegung entsteht, dann ist damit nicht die Entstehung der Welt aus dem Nichts erklärt, sondern nur gezeigt, dass dieses an den Anfang gesetzte Sein/Nichts nicht das absolut Erste sein kann. So wie die Kosmologie über die ursprüngliche kosmische Singularität, den Urknall, nicht hinaus gehen kann, kann die Ontologie über das reine Sein nicht hinaus gehen, und muss es zum Anfang machen und mit dem Nichts gleichsetzen. Die Hegelsche Wissenschaft der Logik ist als Wissenschaft logisch und braucht ein Axiom; da logisch nicht tiefer als zum reinen Sein und zum Nichts vorzudringen ist, kann die Wissenschaft der (ontologischen) Logik als Wissenschaft nur mit dem reinen Sein und dem Nichts anfangen, woraus alles Weitere mit logischer Notwendigkeit folgt.
Schelling fängt mit der Freiheit an, die von nichts Anderem ableitbar ist. Schellings Schritt hinter die logischen Bestimmungen des reinen Seins und des Nichts ist selbst für die spekulative ontologische Logik Hegels nicht mehr wissenschaftlich, sondern geht über jede Wissenschaftlichkeit hinaus in die Sphären des Alogischen, in welchem das logische Sosein der Welt erst willentlich gesetzt werden muss, damit es eine logisch erklärbare Welt überhaupt geben kann. Der Mystizismus des späten Schelling ist ein notwendiger Schritt über die mit Hegel zum Abschluss gekommene wissenschaftliche Philosophie hinaus; Schelling geht in der Philosophie der Offenbarung keineswegs philosophisch-wissenschaftlich über die Philosophie Hegels hinaus, sondern in der Weise, in der das Absolute als der Gegenstand der Wissenschaft vom Absoluten, der Philosophie, über dieselbe hinaus geht.
Inhaltsverzeichnis
1. DIE LOGIK DER FREIHEIT
2. DIE BESTIMMTE WELT
3. RELIGION UND LEBENSPHILOSOPHIE
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht Schellings Philosophie der Offenbarung als eine kritische Auseinandersetzung mit der Hegelschen Logik und dem Deutschen Idealismus, um die Welt nicht als notwendiges logisches Konstrukt, sondern als Schöpfung aus Freiheit zu begreifen.
- Kritik an Hegels System der Notwendigkeit
- Die Rolle der Freiheit im absoluten Geist
- Die Bedeutung der Menschwerdung Gottes für das Weltverständnis
- Abgrenzung des christlichen Glaubens von Vernunftreligionen
- Der Übergang von der Logik zur Lebensphilosophie
Auszug aus dem Buch
1. Die Logik der Freiheit
Die theoretische Grundlage der Schellingschen Philosophie der Offenbarung wird in den Vorlesungen 5 bis 15 entwickelt. Das sein Könnende nennt Schelling das erste Sein, das allem Sein voraus ist. Das sein Könnende ist nicht bloß allem Seienden voraus - allem Seienden ist schon das reine Sein voraus; das sein Könnende ist sogar vor dem Sein - es ist die Macht, zu sein und nicht zu sein. Damit das sein Könnende kein zufälliges Sein annimmt, nicht das blind Seiende wird, muss es ein reines Sein annehmen, das rein Seiende. "Das Dritte", so Schelling, "als das von beiden Einseitigkeiten Freie, kann nur das sein, in welchem der actus nicht die Potenz, und die Potenz nicht den actus ausschließt, oder welches im Vergleich mit dem sein Könnenden nicht aufhört, Sein zu sein". Das Dritte ist also keine aus Beiden resultierende Notwendigkeit, sondern Freiheit: "Kurz, dieses dritte ist nur zu bestimmen als das zu sein und nicht zu sein erst wirklich Freie, weil es im Wollen nicht aufhört, als Wille zu bestehen; oder, wenn wir das sein Könnende als Subjekt, das rein Seiende als Objekt bestimmen, so ist unser Drittes weder dieses noch jenes, sondern das unzertrennliche Subjekt=Objekt". Somit ist der Kreis des vorseienden Seins geschlossen und eine äußere Welt nicht notwendig.
Zusammenfassung der Kapitel
1. DIE LOGIK DER FREIHEIT: Dieses Kapitel analysiert Schellings theoretische Grundlegung der Freiheit als Ausgangspunkt des Absoluten und setzt diese in Kontrast zur Hegelschem Logik der Notwendigkeit.
2. DIE BESTIMMTE WELT: Hier wird dargelegt, wie die historische Tatsache der Menschwerdung Gottes die Welt von einem rein logischen Abstraktum zu einer konkreten Realität erhebt.
3. RELIGION UND LEBENSPHILOSOPHIE: Dieses Kapitel verknüpft die religiöse Offenbarung mit existentiellen Lebensfragen und weist die Unzulänglichkeit einer rein vernunftbasierten Ethik oder Weltanschauung nach.
Schlüsselwörter
Schelling, Philosophie der Offenbarung, Freiheit, Hegel, Logik, Absolutes, Menschwerdung Gottes, Geist, Subjekt-Objekt, Christentum, Existenz, Vernunft, Ontologie, Lebensphilosophie, Idealismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit Schellings Spätphilosophie, insbesondere seiner "Philosophie der Offenbarung", und deren kritischem Bezug zur Hegelschen Logik.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind das Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit, die Stellung des Christentums zur Weltgeschichte sowie die Überwindung des logischen Rationalismus durch einen übervernünftigen Glauben.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Schelling das Absolute als lebendige Persönlichkeit und den Schöpfungsakt als freien Willensakt begreift, um so die Welt als "bestimmte" Realität zu deuten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine methodisch-philosophische Interpretation der Primärtexte Schellings und stellt diese in den historischen und systematischen Kontext des Deutschen Idealismus (insbesondere Hegel und Kant).
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die logische Begründung der Freiheit, die historische Konkretisierung durch die Schöpfung und Menschwerdung Gottes sowie die kritische Abgrenzung gegenüber dem deistischen oder rationalistischen Religionsverständnis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich maßgeblich durch Begriffe wie Freiheit, Absolutes, Ontologie, Geist, Offenbarung, Christentum und die Abgrenzung von Hegel und Kant beschreiben.
Warum lehnt der Autor die Hegelsche Logik als alleinige Welterklärung ab?
Weil das Hegelsche System die Welt aus logischer Notwendigkeit ableitet und somit das irreduzible, freie Wesen Gottes sowie die Einmaligkeit der historischen Schöpfung nicht erfassen kann.
Inwiefern bildet Schellings Ansatz den Anfang einer Lebensphilosophie?
Schellings Philosophie der Offenbarung bietet ein Fundament für die Auseinandersetzung mit der conditio humana, das über abstrakte moralische Gesetze hinausgeht und dem menschlichen Leben einen konkreten transzendenten Zweck verleiht.
- Citation du texte
- Konstantin Karatajew (Auteur), 2010, Über Schellings Philosophie der Offenbarung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161036