Der Begriff der ästhetischen Anschauung in Schellings „System des transcendentalen Idealismus“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
19 Seiten, Note: 1,00

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Ich und Natur

2. Intellektuelle Anschauung

3. Ästhetische Anschauung

Literatur

Einleitung

In Schellings System des transcendentalen Idealismus liegt uns der erste philosophisch relevante Versuch der Ideengeschichte vor, die Kunst als den privilegierten Zugang zum Absoluten zu denken.

Zuvor galt, dass die Kunst, wenn sie überhaupt Thema philosophischen Nachdenkens wurde, von außen zu betrachten sei, als etwas Gegenständliches, das keine eigene Wahrheit beanspruchen darf. Der Wert eines Kunstwerks wurde daran gemessen, inwiefern es ein Ding der wirklichen oder ideellen Welt adäquat repräsentierte. Das Kunstwerk hat sich nach dieser Auffassung an einem ihm äußerlichen Gegenstand auszurichten und sich an ihn anzugleichen, um überhaupt als Kunstwerk anerkannt zu werden. Es wird a priori unter den Voraussetzungen einer Logik der Repräsentation verstanden. Die Kunst bringt nicht Neues hervor, sondern bildet bereits Seiendes ab. Insofern sie ihren Gegenstand bloß kopiert, ihr die perfekte Kopie aber niemals gelingen kann, verfälscht sie notwendig die Wirklichkeit. Die Kunst transformiert Sein in Schein, Wahrheit in Täuschung und stiftet so Verwirrung.

Solange die Philosophie in diesem Denkmuster befangen ist, kann sie die Kunst nicht nur nicht als eigenständige Größe begreifen, sondern muss sie sogar ablehnen. Denn die Kunst bildet in diesem Verständnis den genauen Gegensatz zur Philosophie, der es darum zu tun ist, das wahre Sein zu endecken. Die Philosophie begreift sich als Wissenschaft, für welche die Trennung des Logischen vom Mythischen wesentlich ist. Erst durch die Exklusion der Kunst gewinnt sie ihr Selbstverständnis, den ihr eigenen Raum eines vermeintlich reinen logos. Sie muss Mythos und Kunst aus sich ausschließen, um sich selbst zu konstituieren. Durch diese Beschränkung auf logos und ratio behauptet sie ihre Unabhängigkeit.

Diese Unabhängigkeitserklärung wird in der Frühromantik rigoros kritisiert. Aus der Kunst als einem Gegenstand, auf den die traditionelle Philosophie souverän und fast verächtlich herabgeblickt hatte, wird bei Schelling eine eigenständige Erkenntnisweise. Die ästhetische Anschauung steht dabei mit der logisch-rationalen Denkbewegung nicht nur auf gleicher Augenhöhe, sondern bildet deren notwendige Ergänzung und eigentlichen Abschluss, den „Schlußstein"[1], welcher der eigentümlichen Architektonik des

transzendentalphilosophischen Systems erst Halt gibt. Insofern die Kunst in der Lage ist, ihre Gegenstände nicht nur, wie das Denken, zu reflektieren, sondern auch konkret im Werk zu verwirklichen, ist sie der Philosophie sogar einen entscheidenden Schritt voraus.

In Schellings romantischer Philosophie bildet sie den eigentlichen Königsweg zur Wahrheit, das "Organon der Philosophie".[2]

Was schon im sog. "ältesten Systemprogramm" programmatisch gefordert wurde, nämlich das Einmünden des philosophischen Diskurses in die Poesie, wird hier systematisch entwickelt.

Wie gelangt Schelling zu dieser emphatischen Bewertung der Kunst?

Unmittelbarer Ausgangspunkt ist die Fichtesche Wissenschaftslehre, die Schelling konsequent weiterzuentwickeln versucht. Fichte, so Schelling, sei an der Aufgabe gescheitert, das objektive Sein der Dinge aus dem Ich heraus zu erklären. Die Natur gelte ihm als bloß abstrakte Grenze des Ich, als "leeres Objekt",[3] nicht als in sich selbst und aus sich selbst heraus tätige Kraft. Das Objekt verschwinde im Subjekt, insofern es sein Sein nur der ursprünglichen Setzung des Ich verdanke.

Nun fühlt sich Schelling freilich weiterhin dem Fichteschen Programm verpflichtet, das absolute Ich als Prinzip der Philosophie anzuerkennen und nicht etwa den umgekehrten Weg einzuschlagen, also das Objektive, die Natur, zum Absoluten zu erheben. Eine Theorie, die das Absolute im Objekt sucht, gibt der menschlichen Freiheit keinen Raum oder lässt diese gar zum illusionären Phänomen herabsinken. Sie kann zudem nicht plausibel machen, wie die Selbsthervorbringung des Objektiven zu denken sei, insofern ein selbsttätiges Objekt eine contradictio in adiecto darstellt. Nach idealistischer Prämisse ist autonomes Sein denkbar nur dort, wo ein Selbstbezug stattfindet, also im Selbstbewusstsein. Ein bloßes Objekt ist nicht in der Lage, auf sich zu reflektieren. Eine Theorie, die vom Objekt her zu denken versucht und das Objektive zu ihrem Prinzip macht, wäre demnach gezwungen, dem Objektiven subjekthafte Eigenschaften zuzuschreiben - sie würde also letztlich wieder zu einer transzendentalphilosophischen Theorie werden.

Schelling nun zieht aus diesem Sachverhalt nicht den Schluss, die Philosophie, wenn sie Grundsatz-Philosophie sein will, habe allein vom Subjekt auszugehen und das Objektive nur in seiner Gegenständlichkeit aufzufassen. Vielmehr sieht er im Objektiven eigenständige Kräfte am Werk, die sich mit den Termini der Subjektphilosophie fassen lassen. Indem er Fichtes Begriff des "absoluten Ich" erweitert und nun auch das Objektive als ichhaft versteht, begründet er jene Denkrichtung, die wir seit Hegel "objektiven Idealismus" nennen. Schelling begreift das absolute Ich nicht länger als nur subjektives, sondern als sowohl Subjekt wie auch Objekt begründendes Prinzip. Indem es beide Pole umgreift und vereinigt, garantiert es den Zusammenhang des Wissens und seines Gegenstandes. Weder Subjekt noch Objekt stehen für sich allein, vielmehr sind beide durch das Absolute je schon aufeinander bezogen. Das Subjekt wird durch das Objekt, das Objekt durch das Subjekt bestimmt, in beiden aber wirkt das absolute Ich als ihr eigentliches Wesen.

Sind sowohl Subjekt wie auch Objekt relativ und ihre Identität nur durch das absolute Ich gesichert, so stellt sich nicht nur die Frage, wie dieses absolute Ich zu denken ist (steht es doch außerhalb jener Relation von Subjekt und Objekt, die das Wissen erst ermöglicht). Es ist auch zu bedenken, inwiefern die wesensmäßige Identität von Ich und Natur erklärt werden kann, die doch als differierende Relate erscheinen. Wie können die Pole Ich (Subjekt) und Natur (Objekt) als aus dem Absoluten gleichursprünglich hervorgehend gedacht werden?

Schelling findet die gesuchte Identität in einer beiden Relaten zugrunde liegenden produktiven Bewegung, die einmal - im Ich - bewusst, einmal - in der Natur - nicht bewusst wirkt.[4] Indem Schelling aber von einer ursprünglichen Identität dieser Bewegung ausgeht, muss er zeigen, dass sie im Ich nicht ausschließlich bewusst und in der Natur nicht ausschließlich unbewusst abläuft - so würde er den Dualismus in neuer Form reaktualisieren - sondern in beiden jeweils dieselbe bewusst-unbewusste Bewegung wirkt. Im Ich veräußert sich diese Bewegung unter dem Primat (unter dem "Exponenten", wie Schelling auch sagt) des Bewussten, in der Natur unter dem Primat des Unbewussten. Ich und Natur sind wesensgleich, insofern beide sich selbst produzieren; unterschieden sind sie im Grad des Bewusstseins, das diese Produktion begleitet.

Die Aufwertung der Natur in Schellings Philosophie wirkt sich so direkt auf sein Verständnis des Ichs aus. Schelling begreift es nicht mehr als reine Selbsttransparenz, sondern schreibt ihm auch unbewusste, naturhafte Anteile zu. Er entwickelt das Konzept einer dualen Philosophie, deren Aufgabe es sein soll, im Ich das Naturhaft-Unbewusste, in der Natur das Ichhaft-Bewusste herauszuarbeiten. Letzteres ist Aufgabe der Naturphilosophie, die das Seiende in seinen formellen Gesetzen (den Naturgesetzen) zu verstehen versucht und also ins Ideell-Geistige hebt; ersteres ist Aufgabe der Transzendentalphilosophie, die Schelling im System vorlegt und die das Ich hinsichtlich seines naturhaften Seins, seiner ihm selbst nicht bewussten Anteile analysiert.

Was ist dieses Naturhafte, Nicht-Bewusste im Ich? Die Ausdrücke "nicht bewusst", "unbewusst" usw. verweisen freilich nicht auf ein Freudsches "Es" oder die Sphäre etwaiger Verdrängungen und Komplexe. Vielmehr meint Schelling dasjenige, was dem Bewusstsein als Bewusstsein notwendig entgeht, insofern es dieses erst konstituiert - das allem möglichen Wissen Vorausgehende, die transzendentale Ermöglichungsbedingung des Wissens.

Das Unbewusste ist nicht vom Wissen abgetrennt, sondern diesem inhärent; also nicht etwa deswegen unbewusst, weil es sich vom Wissen absolut unterschiede, sondern weil es die innere Struktur des Wissens selbst ist. Das Unbewusste interessiert den Transzendentalphilosophen nur insofern, als er an ihm die verborgene Struktur des Wissens aufzeigen kann, also hinsichtlich der Frage, was Wissen überhaupt ist, wie es sich generiert.

Diese Genese des Wissens, gleichsam sein blinder Fleck, ist Inhalt der "Geschichte des Selbstbewusstseins",[5] die Schelling im System des transzendentalen Idealismus (nach)erzählt: das Ich soll etappenweise jene Bewegung kennenlernen, die seinem Bewusstsein vorausliegt und es erst zu einem Bewusstsein macht. In einem quasi- anamnetischen Prozess soll es sich über die dunkle Rückseite seines Wissens klar werden, den unbewusst beschrittenen Weg bewusst nachvollziehen.

Das System beschreibt eben diesen Weg. Soll dieser aber ein wissenschaftlich abgesicherter sein, so müssen alle seine Momente erschöpfend beschrieben und außerdem das Ziel im Vorhinein bekannt sein. Es wird also ein unmittelbarer Zugang zum absolut Indifferenten vorausgesetzt werden müssen, mit Hilfe dessen die Wegstrecke a priori festzulegen möglich ist. Diesen Zugang, der selbst kein bestimmtes Wissen sein kann, weil er dem Wissen zu Grunde liegt, nennt Schelling intellektuelle Anschauung. Insofern diese nicht Inhalt eines Wissens sein kann, stellt sich allerdings die Frage nach ihrer Kommunizierbarkeit - und insofern sie rein ideelles Anschauen ist, die Frage nach ihrer möglichen Realität/Objektivität, denn es war ja die Einheit des Reellen und Ideellen gefordert.

An dieser Stelle kommt die Kunst ins Spiel. Sie soll jenen Indifferenzpunkt markieren, in dem Subjektives und Objektives, Freiheit und Notwendigkeit, Ich und Natur in eins fallen. In der ästhetische Anschauung, so Schelling, können wir jenem in der intellektuellen Anschauung erkannten, dem Wissen verborgenen Wesen objektiv ansichtig werden.

[...]


[1] Schelling 1985,Bd.1.,S.417

[2] Ebd., S.419

[3] Schelling 1985, Bd. 4., S. 506

[4] Schon Fichte hatte ja die (Selbst-)Produktion des Ich als höchsten Punkt der Philosophie angenommen, also ein dynamisches Prinzip, aber dieses eben nicht zugleich in Ich und Nicht-Ich, sondern nur ins Ich gelegt. Indem Schelling das Objektive nicht als Nicht-Ich, sondern als Natur (von lat. nasci "geboren werden, entstehen") bestimmt, nimmt er ihm den bloß negativen Status und begreift es als eigenständige Positivität.

[5] Schelling 1985, Bd.1, S. 702

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der Begriff der ästhetischen Anschauung in Schellings „System des transcendentalen Idealismus“
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,00
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V161087
ISBN (eBook)
9783640744800
ISBN (Buch)
9783640745296
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schelling, Ästhetik des deutschen Idealismus, Intellektuelle Anschauung, Ästhetische Anschauung, Das Absolute, Transzendentalphilosophie
Arbeit zitieren
Andreas Müller (Autor), 2010, Der Begriff der ästhetischen Anschauung in Schellings „System des transcendentalen Idealismus“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161087

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Begriff der ästhetischen Anschauung in Schellings „System des transcendentalen Idealismus“


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden