Gewaltdarstellung im Medium Fernsehen aus medienethischer Sicht


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
15 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ästhetische Erfahrung

3. Gewalt
3.1 Definitionen von Gewalt im medialen Kontext
3.2 Gewalt im philosophischen Zusammenhang
3.3 Wie wirkt sich Gewalt auf die Rezipienten aus?

4. Exkurs:
Die Problematik der empirischen Studien und ihr Menschenbild des Rezipienten

5. Gründe, Kriterien und Grenzen für Gewaltdarstellung im Fernsehen
5.1 Nicht-ethische Kriterien
5.2 Lösungsansätze
5.2.1 Düwell/Die moralische Bedeutung ästhetischer Erfahrung
5.2.2 Bohrmann/Erklärungsversuch für die ethische Legitimität gewalthaltiger Filme
5.2.3 Leschke/Das Spiel mit der Gewalt

6. Zusammenfassung und Stellungnahme

7. Anhang

8. Literatur- und sonstige Angaben
8.1 Literatur
8.2 Sonstige Quellen

1. Einleitung

Untersucht werden soll, ob, wie und warum im Fernsehen Gewaltdarstellung gerechtfertigt ist.

Dabei beschränkt sich der Untersuchungsgegenstand auf fiktive Fernsehformate, die u.a. oder hauptsächlich auf Unterhaltung abzielen, wie z.B. Spielfilme oder Krimiserien, aber auch so genannte Realityformate. Ausgeschlossen sind also intentional investigative und informierende Sendungen wie beispielsweise Nachrichten oder Reportagen und Dokumentarfilme. Der Schwerpunkt liegt allerdings auf Spiel- und Fernsehfilmen.

Die Unterscheidung von Fiktion und Information erfolgt, weil davon ausgegangen wird, dass jeweils unterschiedliche Voraussetzungen gegeben sind und deshalb Fiktion und Information nicht uneingeschränkt miteinander verglichen werden können[1].

Zur Klärung bedarf es zunächst einer Definition der Kernbegriffe Ästhetik und Gewalt, einer Untersuchung über die Wirkung von Gewaltdarstellungen sowie danach der Einordnung in einen medienethischen Kontext.

2. Ästhetische Erfahrung

Jede einzelne Filmgattung oder auch Fernsehsendung besitzt eine Ästhetik, die typisch für sie ist. Die Ästhetik bildet eine Grundlage audiovisueller Medien.

Man kann drei idealtypische Arten von ästhetischer Erfahrung unterscheiden, die zwar der naturästhetischen Erfahrung entnommen sind, aber auch auf eine allgemeine ästhetische Erfahrung anwendbar sind[2].

Die kontemplative ästhetische Erfahrung enthält eine Distanzierung von lebensweltlichen Zusammenhängen, sie besitzt keine zeitliche Kontinuität oder Sinnzusammenhänge[3].

Die korresponsive ästhetische Erfahrung besteht aus der vertrauten Lebenswelt, wie z.B. der Mode[4].

Die imaginative ästhetische Erfahrung schließlich entwirft phantasievoll neue Lebenswelten, die gewohnte Sichtweisen und Begrenzungen überschreiten[5].

Ästhetische Erfahrung besitzt zum einen eine reflexive Dimension, da sie die Rezipienten mit möglichen Sichtweisen der Welt und Empfindungsqualitäten konfrontiert[6]. Zum anderen bietet sie einen emotionalen Erfahrungsvollzug[7].

In der ästhetischen (Film)Kunsterfahrung wird besonders die reflexive Seite verdeutlicht; Kunst spiegelt außerästhetische Erfahrung wider, verfremdet sie und spielt mit ihr[8].

3. Gewalt

3.1 Definitionen von Gewalt im medialen Kontext

Es gibt verschiedene Disziplinen, die sich mit Gewalt befassen und sie definieren. Eine medienwissenschaftliche Definition sieht folgendermaßen aus: „(…) Dabei

soll es primär um Formen physischen Zwanges als nötigender Gewalt sowie Gewalttätigkeiten gegen Personen und/oder Sachen unabhängig von Nötigungsintentionen gehen. Ausgeklammert werden sollen die psychisch vermittelte Gewalt im Straßenverkehr und die strukturelle Gewalt.“[9]

Eine weitere: „…die beabsichtigte physische und/oder psychische Schädigung einer Person, von Lebewesen und Sachen durch eine andere Person.“[10]

Als letztes Beispiel eine Definition, die sich nicht auf personale sondern auf Strukturgewalt bezieht: „die in ein soziales System eingebaute Gewalt (Ungerechtigkeit)“[11]

Diese relativ pauschalen Aussagen bedürfen einer Ergänzung.

Gewalt muss nicht zwangsläufig von Personen ausgehen, sondern kann, gerade in bestimmten Genres, von Wesen wie Aliens, Monstern, Vampiren etc. ausgeübt oder auch erlitten werden[12].

Ein weiterer Mangel wird in folgender Definition behoben: „Gewalttätigkeit wäre dann das bewußte oder unbeabsichtigte Zufügen eines körperlichen oder seelischen Schadens, ohne daß eine gesellschaftliche Legitimation vorliegt.“[13]

Die fiktive Gewalt macht einen weitaus größeren Teil als die reale Gewalt aus; erstere kann dazu dienen, Spannung zu erzeugen, ein realistisches Milieu abzubilden (vgl. korresponsive ästhetische Erfahrung) oder zum Nachdenken anzuregen[14].

Als dritte Variante existiert die nachgestellte Gewalt. Hier werden real stattgefundene Ereignisse von Schauspielern oder den Betroffenen selbst nachgespielt, die sich in einer Grenzsituation befinden oder einem Gewaltakt ausgesetzt werden[15].

3.2 Gewalt im philosophischen Zusammenhang

Gewalt schafft soziale Ordnung und muss zugleich domestiziert und auf eine rationale Ebene gebracht werden[16].

Zugleich steht sie im Kontext des bürgerlichen Subjekts, das Gewalt über sich selbst und somit über seine Begierden und Affekte hat, was ihm erst Freiheit ermöglicht[17]. Gewalt besitzt hier also durchaus eine positive Nuance.

3.3 Wie wirkt sich Gewalt auf die Rezipienten aus?

Thesen, die von einer Verminderung von Gewaltbereitschaft durch Medienkonsum ausgehen, gelten als veraltet, bzw. als wissenschaftlich widerlegt[18].

Dem gegenüber stehen Thesen wie die Stimulationsthese, die davon ausgeht, dass dargestellte Gewalt die Aggression der Zuschauer steigere[19].

Darauf basierende, jedoch weiter ausdifferenzierte Thesen gehen von verschiedenen Auswirkungen aus.

Die Erregungsthese sagt aus, dass bestimmte Inhalte den Rezipienten in einen emotionalen Erregungszustand versetzen können, besonders dann, wenn der Inhalt in einem ihm vertrauten Setting enthalten ist[20]. Diese empathischen Effekte wurden in mehreren Studien nachgewiesen und treffen ganz allgemein auf mediale Inhalte zu[21]. Dass Medien bestimmte Gefühle stimulieren können ist allerdings kein Beweis, dass sie verrohende und sozialschädliche Auswirkungen haben[22].

Die Imitationsthese betrachtet Gewaltdarstellungen als Vorbild beim Modelllernen. Studien, die das belegen, sind umstritten, trotzdem findet diese These Anhänger, die davon ausgehen, dass auf diese Weise Aggressivität erlernt werden kann[23].

Die Suggestionsthese geht davon aus, dass Gewaltdarstellung über eine direkte Suggestionskraft verfüge und den Zuschauer im Anschluss an den Medienkonsum zu einer Nachahmungstat anstifte[24].

Die Habitualisierungsthese nimmt an, dass violente Inhalte zu einer Abstumpfung gegenüber fiktiver u.v.a. realer Gewalt führen, d.h. es kommt zu einer emotionalen Distanz, die dazu führt, dass Aggressivität als normal empfunden wird[25]. Im Gegensatz zur Erregungsthese geht man hier also nicht von Empathieeffekten aus, die zu Gewalt führen, sondern vermutet gerade das Gegenteil, das zu Gewaltausübung führen soll.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Experten davon ausgehen, dass Gewaltdarstellungen negative Folgen beim Rezipienten bewirken können. Allerdings sind die empirischen Befunde oftmals umstritten. Konsequenterweise gibt es eine weitere Gruppe, die zwar davon ausgeht, dass von Medien eine Wirkung ausgeht, jedoch aufgrund der unklaren empirischen Befunde eine sozialschädliche Auswirkung von Gewaltdarstellungen für unberechtigt hält[26].

[...]


[1] Im Gegensatz zu Fiktion will Information nicht (unbedingt) unterhalten. Information erhebt grundsätzlich den Anspruch, „real“ zu sein, Fiktion oftmals gerade nicht. Sie haben also unterschiedliche Ziele und Ansprüche, was in einer medienethischen Reflektion evt. zu unterschiedlichen Folgerungen führen könnte.

[2] Düwell, M., Ästhetische Erfahrung und Moral, S. 16, in: Mieth, D. (Hg.), Erzählen und Moral. Narrativität im Spannungsfeld von Ethik und Ästhetik. Tübingen 2000. S. 11 – 35.

[3] Seel, M., Eine Ästhetik der Natur, Frankfurt/M. 1991. S. 38 – 88.

[4] Seel, M., Ästhetik Natur, S. 89 – 134.

[5] Seel, M., Ästhetik Natur, S. 135 – 184.

[6] Düwell, M., Moral, S. 17.

[7] Düwell, M., Moral, S. 17.

[8] Düwell, M., Moral, S. 17.

[9] Schwind, H.-D., Baumann, J., (Hg.): Ursachen, Prävention und Kontrolle von Gewalt. Analysen

und Vorschläge der unabhängigen Regierungskommission zur Verhinderung und Bekämpfung von

Gewalt. Berlin 1990. Bd. 1, S. 38.

[10] Kunczik, M., Gewalt und Medien. ³Köln – Weimar – Wien 1996, S. 12.

[11] Kunczik, M., Gewalt, S. 14.

[12] Bohrmann, T., Ethik, S. 130.

[13] Hugger, P., Elemente einer Kulturanthropologie der Gewalt, in: Ders./U. Stadler (Hg.), Gewalt. Kulturelle Formen in Geschichte und Gegenwart, Zürich 1995.

[14] Bohrmann, T., Ethik – Werbung – Mediengewalt. Werbung im Umfeld von Gewalt im Fernsehen. Eine sozialethische Programmatik. München 1997, S. 131.

[15] Wegener, C., Reality-TV. Fernsehen zwischen Emotionen und Informationen, Opladen 1994, S. 17 und Bohrmann, T., Ethik, S. 132.

[16] Vgl. Rousseau, J.-J., Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechts. Stuttgart, durchgesehene und bibliographisch erg. Ausg. 1986, S. 10 und Leschke, R., Einführung in die Medienethik, München 2001, S. 296.

[17] Leschke, R., Einführung, S. 296 und S. 300.

[18] Bohrmann, T., Ethik, S. 177. Vgl. die Katharsis- und die Inhibitionsthese.

[19] Eckert, R. u.a., Grauen und Lust – Die Inszenierung der Affekte. Eine Studie zum abweichenden Videokonsum, Pfaffenweiler 1991, S. 20.

[20] Burkart, R., Kommunikationswissenschaft. Grundlagen und Problemfelder, Umrisse einer interdisziplinären Sozialwissenschaft. ²Wien u.a. 1995, S. 327f. Gemeint ist, dass beispielsweise ein Kind stärker emotional ergriffen wird, wenn ein Inhalt in einem typischen Kindermilieu wie z.B. Familie oder Schule zu sehen ist.

[21] Kunczik, M., Gewalt, S. 97f.

[22] Bohrmann, T., Ethik, S. 178.

[23] Bohrmann, T., Ethik, S. 178.

[24] Burkart, R., Kommunikationswissenschaft, S. 327f.

[25] Eckert, R., Grauen und Lust, S. 22.

[26] Bohrmann, T., Ethik, S. 180.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Gewaltdarstellung im Medium Fernsehen aus medienethischer Sicht
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Lehrstuhl für praktische Theologie / Lehrstuhl für theologische Ethik)
Veranstaltung
Ethik und Praxis in der Theologie
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
15
Katalognummer
V161126
ISBN (eBook)
9783640746071
ISBN (Buch)
9783640909216
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gewaltdarstellung, Medium, Fernsehen, Sicht
Arbeit zitieren
Martina Sowa-Burkhardt (Autor), 2009, Gewaltdarstellung im Medium Fernsehen aus medienethischer Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161126

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