Auszug aus der Einleitung:
... Der Wunsch, in schweren Krankheitszuständen und im Alter bestimmenden Einfluss auf den Umgang mit dem eigenen Körper nehmen zu können, wird in der Sterbehilfediskussion zur Forderung.
Immer öfter wird das Argument der Selbstbestimmung herangezogen, so dass der Gebrauch fast inflationär erscheint. Gegen Selbstbestimmung „kann wohl kaum jemand etwas haben“ – oder ergeben sich in der Sterbehilfe doch Probleme, die erst durch die Selbstbestimmung hervorgeru-fen werden? Meine These lautet daher: Obwohl das Selbstbestimmungsrecht zur wichtigsten Richtschnur beim Thema Sterbehilfe geworden ist, zeigt es gerade hier seine Grenzen.
Welche Bedeutung, Auswirkungen aber auch Probleme die Selbstbestimmung bzw. das Selbstbestimmungsrecht innerhalb der Sterbehilfe einnimmt bzw. auslöst, soll in dieser Arbeit herausgearbeitet werden. Zur Einführung in die Problematik des Themas Sterbehilfe werden hierzu zunächst die verschiedenen Arten der Sterbehilfe vorgestellt, sowie wichtige Argumente innerhalb der Sterbehilfediskussion zusammengefasst, von denen eines das Selbstbestimmungsrecht ist. Im Anschluss wird vertiefend auf die Grundlagen des Selbstbestimmungsrecht eingegangen. So wird neben einer genaueren Definition von Selbstbestimmung in der Sterbehilfe, deren gestiegene Bedeutung in unserer Gesellschaft auf den Grund gegangen. Weiter soll die verfassungsrechtliche Basis dargestellt und normative Extrempositionen zur Selbstbestimmung vorgestellt werden. Im zweiten Teil des dritten Kaptitels werden die Möglichkeiten und Probleme des Selbstbestimmungsrechts in der Sterbehilfe untersucht. Hier wird nicht nur die praktische Umsetzung der Selbstbestimmung in der Sterbehilfe dargestellt, sondern auch die damit verbundenen Probleme und Grenzen herausgestellt. Das Gesetz zur Patientenverfügung sowie ein kürzlich gefälltes Urteil im Bereich der Sterbehilfe unterstreichen im vierten Kapitel die Aktualität des Themas. Im letzten Kapitel ist ein Resümee dieser Arbeit zu finden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Sterbehilfe – Begriffe, Rechtsstand, Argumente
3. Bedeutung der Selbstbestimmung in der Sterbehilfe
3.1. Grundlagen der Selbstbestimmung
3.2. Möglichkeiten und Probleme der Selbstbestimmung
4. Aktuelle Entscheidungen zur Selbstbestimmung in der Sterbehilfe
5. Zusammenfassung und Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale Rolle und die damit verbundenen ethischen sowie rechtlichen Grenzbereiche des Selbstbestimmungsrechts im Kontext der Sterbehilfe. Dabei wird analysiert, inwieweit die Selbstbestimmung als ethische Richtschnur dient und welche Problematiken sich insbesondere bei der Entscheidungsunfähigkeit von Patienten in der praktischen Anwendung ergeben.
- Bedeutung der Selbstbestimmung im medizinischen Kontext
- Differenzierung der verschiedenen Formen der Sterbehilfe
- Analyse rechtlicher Vorsorgeinstrumente (Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht)
- Bewertung aktueller gerichtlicher Entscheidungen zur Patientenautonomie
- Die Grenzen des Konzepts bei Entscheidungsunfähigkeit
Auszug aus dem Buch
3.1. Grundlagen der Selbstbestimmung
Selbstbestimmung und Autonomie sind Begriffe, die sich schwer abgrenzen lassen. Bei May heißt es: „Autonomie ist die Fundamentalausstattung der Verfasstheit des Menschen, und Selbstbestimmung stellt die aktive Manifestation der Autonomie dar.“ Selbstbestimmung kann somit als Ausdruck von Autonomie verstanden werden. Es beschreibt die Fähigkeit, nach eigener Einsicht zu handeln. „Ein autonomer Mensch kann selbstbestimmt handeln, muss es aber nicht.“
Im medizinischen Bereich wird in diesem Zusammenhang oft von Patientenautonomie gesprochen. Die Selbstbestimmung findet hier beispielsweise im Prinzip der Einwilligungspflicht zu Behandlungen sowie im Prinzip der informierten Zustimmung Ausdruck. Das Selbstbestimmungsrecht erhält damit im Gesundheitswesen große Bedeutung um unter anderem die Patienten vor paternalistischer Fremdbestimmung zu schützen. Beauchamp und Childress erklären die Selbstbestimmung sogar als eines der vier generellen Prinzipien der Medizinethik. Im Bereich der Sterbehilfe ist Selbstbestimmung besonders mit der Vorstellung von einer selbstverantwortlichen, freien, unabhängigen Entscheidung in Fragen um das eigene Sterben verbunden. Hier werden besonders existenzielle Entscheidungen z. B. über die Nichtaufnahme oder den Abbruch von Behandlungsmaßnahmen getroffen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Sterbehilfe ein und erläutert, warum das Thema angesichts des demographischen Wandels und des medizinischen Fortschritts zunehmend an gesellschaftlicher Relevanz gewinnt.
2. Sterbehilfe – Begriffe, Rechtsstand, Argumente: Das Kapitel definiert verschiedene Sterbehilfeformen, erläutert die rechtliche Lage in Deutschland als Grauzone und fasst zentrale ethische Argumente pro und contra Legalisierung zusammen.
3. Bedeutung der Selbstbestimmung in der Sterbehilfe: Hier werden die theoretischen Grundlagen der Patientenautonomie beleuchtet und aufgezeigt, wie diese in der medizinischen Praxis und unter Einbeziehung von Vorsorgeinstrumenten zur Anwendung kommt.
4. Aktuelle Entscheidungen zur Selbstbestimmung in der Sterbehilfe: Dieses Kapitel analysiert zwei wegweisende Urteile des BGH aus dem Jahr 2009 und 2010, welche die Verbindlichkeit von Patientenverfügungen und die Rechte von Patienten deutlich gestärkt haben.
5. Zusammenfassung und Schluss: Der abschließende Teil resümiert, dass das Selbstbestimmungsrecht zwar das zentrale Argument der Sterbehilfedebatte bleibt, seine praktische Umsetzung jedoch bei Entscheidungsunfähigkeit des Patienten an ethische und pragmatische Grenzen stößt.
Schlüsselwörter
Sterbehilfe, Selbstbestimmung, Patientenautonomie, Patientenverfügung, Lebensende, Medizinethik, Menschenwürde, Vorsorgevollmacht, Behandlungsabbruch, Rechtslage, Bundesgerichtshof, Entscheidungsfähigkeit, Paternalismus, Indirekte Sterbehilfe, Passive Sterbehilfe
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der zentralen Stellung des Selbstbestimmungsrechts im Rahmen der Sterbehilfedebatte und hinterfragt dessen ethische und praktische Tragweite.
Was sind die thematischen Schwerpunkte der Untersuchung?
Zu den Schwerpunkten zählen die Begriffsdefinitionen der Sterbehilfe, die grundrechtliche Einbettung der Selbstbestimmung, der Umgang mit Patientenverfügungen und die Analyse aktueller Gerichtsurteile.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Selbstbestimmung zwar eine wichtige Richtschnur ist, das Konzept jedoch bei Entscheidungsunfähigkeit des Patienten an deutliche Grenzen stößt.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär angewandt?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Analyse ethischer und rechtlicher Literatur sowie auf die Auswertung aktueller Rechtsprechung und gesellschaftlicher Debatten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Grundlegung der Autonomie, die Untersuchung von Vorsorgeinstrumenten und die kritische Auseinandersetzung mit der Entscheidungsunfähigkeit.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Patientenautonomie, Patientenverfügung, Menschenwürde und die Abgrenzung verschiedener Sterbehilfearten geprägt.
Wie steht es um die rechtliche Verbindlichkeit mündlicher Patientenverfügungen?
Durch die im Text behandelten aktuellen Urteile des BGH wurde die Bedeutung mündlicher Äußerungen als Ausdruck des Patientenwillens gestärkt und ihre rechtliche Relevanz gefestigt.
Was ist das Kernproblem bei der Anwendung des „mutmaßlichen Willens“?
Das Kernproblem liegt in der Gefahr der Fremdbestimmung, da der mutmaßliche Wille bei Entscheidungsunfähigkeit oft nur auf einer hypothetischen Mutmaßung basiert und nicht mehr das autonome Individuum selbst spricht.
- Citar trabajo
- Ulrike Richter (Autor), 2010, Selbstbestimmung - die "heilige Kuh" der Sterbehilfe?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161137