Die steigende Jugendgewalt in Deutschland stellt Schulen, Politik und Gesellschaft vor neue Herausforderungen. Besonders auffällig ist dabei der hohe Anteil männlicher Jugendlicher unter den Tatverdächtigen. Warum greifen Jungen häufiger zu Gewalt?
Der Soziologe Michael Meuser liefert mit seinem Konzept des „Doing Masculinity“ einen innovativen Erklärungsansatz. Er beschreibt Gewalt als ein Mittel, mit dem Männlichkeit im sozialen Alltag behauptet werden kann.
Diese Bachelorarbeit untersucht, wie Meusers Theorie zur Erklärung männlicher Jugendgewalt beitragen kann und welche Rolle die Schulsozialarbeit dabei spielt. Dabei wird der Blick darauf gerichtet, wie geschlechtssensible Präventionsmaßnahmen entwickelt und umgesetzt werden können, welche Kompetenzen dafür erforderlich sind und mit welchen Schwierigkeiten Fachkräfte rechnen müssen.
Die Arbeit verbindet aktuelle kriminalstatistische Entwicklungen mit soziologischer Theorie und praxisnahen Anforderungen an die Schulsozialarbeit – und eröffnet damit neue Perspektiven für die Prävention von Jugendgewalt im schulischen Kontext.
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2. Ausmaß und Entwicklung von Jugendgewalt
3. Theoretische Grundlagen der Männlichkeitsforschung
4. Die Sozialisation von männlichen Jugendlichen
5. Männlichkeit und Gewalt
6. Schulsozialarbeit
7. Geschlechtssensible Pädagogik in der Schulsozialarbeit
8. Meusers Ansatz in der Schulsozialarbeit
9. Fazit
10. Literaturverzeichnis
1. Einleitung
Die Thematik der Jugendgewalt ist in der Gesellschaft von kontinuierlichem Interesse und wirft vielfältige Fragen auf. In den letzten Jahren wurde laut der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS 2023) ein Anstieg der Jugendgewalt in Deutschland verzeichnet (vgl. Bundesministerium des Inneren und für Heimat 2023, S.9). Die Zahl der Tatverdächtigen, im Alter von 14 bis unter 18 Jahren stieg 2023 auf 207.149 und liegt somit höher als im vorherigen Jahr (vgl. Bundesministerium des Inneren und für Heimat 2023, S. 40). Die häufigsten Delikte unter Jugendlichen sind Diebstahl, Körperverletzung, Sachbeschädigung und Drogendelikte. Insbesondere die Zahl der Verdächtigen bei vorsätzlicher einfacher Körperverletzung nahm zu (vgl. Deutsches Jugendinstitut 2023, S. 10). Dabei ist jedoch zu erwähnen, dass die Jugendgewalt im langjährigen Vergleich noch auf einem niedrigen Niveau liegt (vgl. Deutsches Jugendinstitut 2023, S. 17). Die Zahl der Tatverdächtigen stieg in Nordrhein-Westfalen innerhalb von zwei Jahren um 19,3 %, während sie über zehn Jahre einen Rückgang um 5 % verzeichnete (vgl. Landeskriminalamt 2022, S.3). Bei der Analyse von Gewaltdelikten bei Jugendlichen zeigt sich ein deutlicher Geschlechtsunterschied. Hierbei waren 2023 insgesamt 71,6 % der Tatverdächtigen männlich und 29,4 % weiblich (vgl. Bundeskriminalamt 2023, S. 1). Insbesondere die Institution Schule hat mit den Auswirkungen der zunehmenden Jugendgewalt zu kämpfen, denn Straftaten sind an der Schule breit verbreitet und umfassen unter anderem Körperverletzung, Bedrohung und Raub. In dem Jahr 2022 wurden 5400 Gewaltdelikte an Schulen in Nordrhein-Westfalen registriert (vgl. Hoß 2024, o.S.). Somit stehen Schulen vor erheblichen Herausforderungen, um der zunehmenden Jugendgewalt entgegenzuwirken. Doch für eine effektive Präventionsarbeit fehlen vielen Schulen die Ressourcen und das geschulte Personal (vgl. Domitrovich u.a. 2008, S. 22).
Ein aus der Soziologie kommender theoretischer Ansatz eröffnet neue Perspektiven in Hinblick auf das Thema der vorliegenden Arbeit. Der Soziologe Michael Meuser rückt mit seinem Konzept des „Doing Masculinity“ die aktive Herstellung von Männlichkeit durch soziale Interaktionen in den Vordergrund (vgl. Meuser 2010, S. 63). Meuser geht davon aus, dass Männlichkeit keine angeborene Eigenschaft ist, sondern in alltäglichen Praktiken immer neu hergestellt und bestätigt werden muss (vgl. Meuser 2010, S. 67). Durch diesen Ansatz kann Gewalt als eine Ressource verstanden werden, die zur Demonstration und Absicherung von Männlichkeit dient (vgl. Jungbauer 2017, S. 209). Meusers Ansatz bietet Einblicke in die Mechanismen, durch welche Gewalt als Teil des männlichen Selbstverständnisses und der Identitätsbildung interpretiert werden kann (vgl. Gildemeister 2010, S. 137). Für die Schulsozialarbeit, als Schnittstelle zwischen Jugendhilfe und Schule (vgl. Zipperle & Rahn 2020, S. 261), können durch die Integration von Meusers Ansatz neue Präventive Maßnahmen für die Minimierung von Jugendgewalt entwickelt werden. Die Erkenntnisse Meusers können dabei helfen, geschlechtssensible Konzepte zu entwickeln, die an den Ursachen männlicher Gewaltbereitschaft ansetzen. Das Erkenntnisinteresse der Arbeit liegt darin, zu verstehen, wie Michael Meusers Ansatz des „Doing Masculinity“ zur Erklärung männlicher Jugendgewalt beitragen kann und welche Kompetenzen und Haltungen Schulsozialarbeiter_innen benötigen und welche Herausforderungen damit einhergehen, um präventiv tätig werden zu können. Die Arbeit widmet sich daher folgenden Fragestellungen:
1. Was versteht Michael Meuser unter „Doing Masculinity“ und wie kann mit Hilfe dieses Ansatzes männliche Jugendgewalt erklärt werden?
2. Welche Kompetenzen und welche professionelle Haltung benötigen Schulsozialarbeiter_innen, um geschlechtssensible Maßnahmen zur Gewaltprävention zu implementieren, die auf Michael Meusers Ansatz basieren?
3. Welche Schwierigkeiten und Herausforderungen können Schulsozialarbeiter_innen bei der Umsetzung geschlechtssensibler Gewaltpräventionsmaßnahmen im schulischen Kontext erleben?
Die vorliegende Arbeit folgt einer logischen Struktur, um die zentralen Fragestellungen umfassend zu beantworten. Einleitend wird ein Überblick über das Ausmaß und die Entwicklung von Jugendgewalt gegeben, wobei Definitionen, Ursachen, Risiko- und Schutzfaktoren sowie die Entwicklung von Jugendgewalt näher betrachtet werden. Im Anschluss wird die Sozialisation von männlichen Jugendlichen untersucht, dabei wird ein besonderer Fokus auf die Begriffsdefinition von Michael Meuser gelegt. Hierbei fließt der Einfluss von Familien, Peer Groups und der Zusammenhang zwischen männlicher Sozialisation und Jugendgewalt mit ein. Um die theoretischen Grundlagen der Männlichkeitsforschung zu vertiefen, wird der Ansatz des „Doing Masculinity“ von Meuser im Mittelpunkt stehen und durch Bourdieus Theorie der männlichen Herrschaft und Connells Konzept der hegemonialen Männlichkeit ergänzt. Danach werden die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Theorien beleuchtet. Diese theoretische Grundlage wird durch eine Betrachtung des Zusammenhangs zwischen Männlichkeit und Gewalt erweitert. Im Nachfolgenden wird der Fokus auf das professionelle Feld der Schulsozialarbeit gerichtet. Hier wird deren Definition, Entwicklung, Zielgruppen und Aufgaben und gesetzliche Rahmenbedingungen erläutert, um auch hier einen umfassenden Einblick in die Tätigkeit gewähren zu können. Aufbauend darauf wird die geschlechtssensible Pädagogik in der Schulsozialarbeit untersucht, wobei erforderliche Kompetenzen, Haltungen und Herausforderungen in verschiedenen Schulformen diskutiert werden. Den Kern der Arbeit bildet die Analyse der konkreten Anwendung von Michael Meusers Ansatz in der Schulsozialarbeit. Hier werden Möglichkeiten der geschlechtersensiblen Gewaltprävention aufgezeigt, die Relevanz und eine mögliche praktische Umsetzung von Meusers Theorie erörtert. Im Anschluss wird diese durch eine kritische Betrachtung reflektiert. Am Ende der Arbeit wird eine Zusammenfassung der zentralen Erkenntnisse dargelegt, wodurch ein umfassendes Bild der Thematik und ihrer Bedeutung für die Schulsozialarbeit entsteht.
2. Ausmaß und Entwicklung von Jugendgewalt
Jugendgewalt ist ein zentrales Thema im Kontext der Kriminalitätsentwicklung, da sie nicht nur die Sicherheit der Gesellschaft beeinflusst, sondern auch Einblicke in gesellschaftliche Dynamiken und Probleme ermöglicht (vgl. Baier 2023, S. 94). Dieses Kapitel beginnt mit einer kurzen Erläuterung des Begriffs „Jugendgewalt“, um eine grundlegende Basis für das Verständnis der weiteren Ausführung zu schaffen. Im Anschluss werden die Ursachen betrachtet, um zu verstehen, warum Jugendliche zu Gewalt neigen. Nach einer Betrachtung der Ursachen folgt eine Analyse der Risiko- und Schutzfaktoren, um verschiedenen Einflussfaktoren zu beleuchten, die das Auftreten von Jugendgewalt beeinflussen können. Abschließend wird die Entwicklung von Jugendgewalt näher betrachtet, wobei aufgezeigt wird, wie sich diese im Laufe der Zeit verändert hat und welche Trends zu beobachten sind.
2.1 Definition von Jugendgewalt
Der Begriff „Gewalt“ hat seine sprachgeschichtlichen Wurzeln in den germanischen Verben „giwaltan“ und „waldan“, die Macht oder Verfügungsfähigkeit beschreiben (vgl. Scheu 2009, S. 14). Er beinhaltet sowohl rechtlich festgelegte Formen staatlichen Handelns als auch physische und psychische Übergriffe zwischen Menschen (vgl. Scheu 2009, S. 14). Gewalt ist ein vielschichtiges Phänomen, das eine Bandbreite von Verhaltensweisen umfasst, die darauf abzielen, Schaden zuzufügen oder zu zerstören. Wobei dieses physisch wie auch psychisch geschehen kann (vgl. Kammler 2013, S. 21). Physische Gewalt bezieht sich auf direkte körperliche Aktionen, mit dem Ziel, die Gegner_innen zu verletzen oder zu bedrohen. Dadurch kann Gewalt zu einem eskalierenden Prozess führen, der durch instinktive Reaktionen ausgelöst wird, ohne das bewusste soziale Normen beachtet werden (vgl. Kammler 2013, S. 21f.). Psychische Gewalt manifestiert sich hingegen oft in verbalen Angriffen wie Spott, Beschimpfungen und Mobbing, die das Opfer regelmäßig und über einen längeren Zeitraum quälen und belästigen (vgl. Kammler 2013, S. 22). Im Kontext von Jugendlichen bezeichnet Gewalt eine Vielzahl von jugendspezifischen Straftaten, die von körperlicher Gewalt bis hin zu verbalen Attacken und Sachbeschädigung reichen (vgl. Gugel 2010a, S. 6). Sie tritt häufig in Form von Gruppenaktionen im öffentlichen Raum auf und betrifft vor allem männliche Jugendliche (vgl. Gugel 2010a, S. 6). Laut dem Jugendgerichtsgesetz (JGG) ist Jugendgewalt, wenn Jugendliche Gewalt anwenden. Dies kann sich zum Beispiel durch Schläge oder Bedrohungen äußern (§ 1 Abs. 1 JGG). Ab dem 14. Lebensjahr können Jugendliche strafrechtlich belangt werden und somit kann von Jugendgewalt gesprochen werden, wenn eine strafbare Handlung begangen wird, die Gewalt beinhaltet und die Täter_innen im Alter von 14 bis 17 Jahre alt sind (§ 1 Abs. 2 JGG). Auch bei Heranwachsenden, die zwischen 18 – 20 Jahre alt sind, kann das JGG angewendet werden, wenn die begangene Tat einer Jugendverfehlung gleicht oder die Entwicklung der Person mit der eines Jugendlichen gleichzustellen ist (§ 105 JGG). Ein bedeutender Unterschied zwischen dem Erwachsenen und dem Jugendstrafrecht ist der Fokus auf dem Erziehungsgedanken und nicht auf der Bestrafung. Denn Ziel dabei soll es sein, den Jugendlichen zu einem straffreien Leben anzuleiten (vgl. Kahle & Zenger 2024, S. 170f.). Auch das System der Sanktion ist flexibler gestaltet. Hier gibt es drei Arten von Sanktionen: Erziehungsmaßregeln und Zuchtmittel, wobei diese beiden nicht als „richtige“ Strafen angesehen werden, sondern als Ausgleich für Erziehungsdefizite. Die dritte Art der Sanktion ist die Jugendstrafe (vgl. Kahle & Zenger 2024, S. 170). Somit stellt sich das JGG als insgesamt flexibler dar und ist stärker auf die individuellen Bedürfnisse und Entwicklungsmöglichkeiten junger Menschen ausgerichtet (vgl. Kahle & Zenger 2024, S. 171). Es wird versucht erzieherisch auf die Jugendlichen, die sich noch in der Entwicklung befinden, einzuwirken, statt sie nur zu bestrafen (vgl. Kahle & Zenger 2024, S. 170f.).
2.2 Ursachen von Jugendgewalt
Die Ursachen von Jugendgewalt sind vielschichtig und werden von verschiedenen Einflussfaktoren geprägt (vgl. Kassis 2011, S. 146). Insbesondere familiäre und schulische Umgebungen spielen eine entscheidende Rolle, da sie langfristige Sozialisationsprozesse darstellen und die Persönlichkeitsentwicklung beeinflussen können (vgl. Kassis 2011, S. 146). Weiter kann die Dynamik innerhalb von Jugendcliquen ebenfalls die Entstehung von Jugendgewalt fördern, da besonders in Gruppen ein normwidriges Verhalten und eine Kultur der Gewalt zur Norm werden können (vgl. Böhnisch 2017, S. 67). Auch Mädchen, die solchen Gruppen angehören, können zu aggressivem Verhalten neigen, vor allem wenn sie nach Anerkennung suchen und traditionelle Geschlechterrollen herausfordern (vgl. Böhnisch 2017, S. 69). Zudem können fehlende Anerkennung und schwierige familiäre oder soziale Umgebungen die Motivation für gewalttätiges Verhalten verstärken (vgl. Wahl & Hees 2009, S. 117). Jugendliche suchen oft soziale Anerkennung und Aufregung, was sie dazu motivieren kann, Grenzen zu überschreiten und riskantes Verhalten wie Drogenkonsum und Gewalttätigkeiten zu praktizieren (vgl. Böhnisch 2017, S. 76f.). Dabei dienen die Straße und subkulturelle Szenen oft als Treffpunkt für solche Aktivitäten, die auch durch die sozialen Medien unterstützt werden (vgl. Böhnisch 2017, S. 76). Zusätzlich können weitere Motive hinter dem gewalttätigen Verhalten vieler Jugendlicher stehen, häufig handelt es sich um den Wunsch nach Status innerhalb der Jugendclique, wobei Gewalt als Mittel zur Furcht, Respekt oder Bewunderung dient (Jungbauer 2017, S. 209). Für unsichere Jungen kann Gewalt auch eine Möglichkeit sein, ihre Männlichkeit zu beweisen und in der Gruppe als „ganzer Kerl“ akzeptiert zu werden (vgl. Jungbauer 2017, S. 209). Weiter kann Gewalt auch als Botschaft dienen, um auf persönliche oder gesellschaftliche Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen (vgl. Jungbauer 2017, S. 209). Ein weiterer Faktor kann die klare Orientierung in unklaren Situationen sein, da Gewalt Spannungen und Unsicherheiten reduzieren kann, indem sie Eindeutigkeit schafft (vgl. Jungbauer 2017, S. 209). Jugendliche, die an gewalttätigen Handlungen teilnehmen, können einen Adrenalinkick und ein euphorisches Gefühl erleben, wodurch auch Gefühle wie Angst und Ohnmacht reduziert werden können (vgl Jungbauer 2017, S. 209).
2.3 Risiko- und Schutzfaktoren
Die Entwicklung von Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen ist ein komplexes Phänomen, das von einer Vielzahl von Risiko- und Schutzfaktoren beeinflusst wird, welche sich im Laufe des Lebens, von der frühen Kindheit bis zum Ende der Pubertät verändern. Eine unzureichende elterliche Zuwendung und Wärme kann dazu führen, dass Kinder und Jugendliche sich vernachlässigt fühlen und ein geringes Selbstwertgefühl entwickeln (vgl. Stickelmann 2014, S. 38). Inkonsistente Erziehungspraktiken, wie unklare Regeln oder unterschiedliche Reaktionen auf dasselbe Verhalten, können Verwirrung und Frustration bei Jugendlichen hervorrufen (vgl. Stickelmann 2014, S. 38). Konflikte zwischen den Eltern oder die Aussetzung häuslicher Gewalt können traumatische Erfahrungen verursachen und die Einstellung gegenüber Gewalt beeinflussen (vgl. Stickelmann 2014, S. 38). Familien, die unter Stress und finanziellen Schwierigkeiten leiden, können ein Umfeld schaffen, das von Spannungen und Unsicherheiten geprägt ist und das Risiko von gewalttätigem Verhalten erhöhen (vgl. Stickelmann 2014, S. 39). Ein weiterer Faktor ist die Peer Group, denn hier herrscht oft ein starker Druck, sich an die Normen und Verhaltensweisen der Gruppe anzupassen (vgl. Böni 2013, S. 14). Trotz des Drucks, der in einer Peer Group entstehen kann, ist die Gruppe eine Art Ersatzfamilie für die Jugendlichen, da sie ein Gefühl von Zusammengehörigkeit, Anerkennung und Identität vermittelt bekommen (vgl. Wahl & Hees 2009, S. 87). Die Entwicklung von Gruppenidentitäten und Normen innerhalb der Peer Group kann Gewaltakzeptanz oder – förderung beinhalten (Stickelmann 2014, S. 44). Soziales Lernen und Modellierung innerhalb der Peer Group können die Gewaltbereitschaft verstärken, indem Jugendliche lernen, dass Gewalt ein akzeptables Mittel zur Konfliktlösung oder zur Durchsetzung von Interessen ist (vgl. Stickelmann 2014, S. 56f.). Das soziale Klima in der Schule, besonders die Beziehungen zwischen den Lehrer_innen und Schüler_innen sowie zwischen den Schüler_innen selbst, ist ebenfalls ein bedeutender Faktor für Gewalthandlungen, da eine geringe Beziehungsqualität das Risiko von Gewaltbereitschaft erhöhen kann (vgl. Knapp 2009, S. 196). Diese Erhöhung der Gewaltbereitschaft kann sich durch nicht Akzeptanz, Ausgeschlossen werden, Konkurrenzverhalten zwischen Schüler_innen und Cliquen, Versagenserlebnisse, Frustration und das Gefühl des Scheiterns äußern (Knapp 2009, S. 197f.). Diese Risikofaktoren zeigen, wie verschiedene Aspekte des familiären Umfelds, der Peer Group und des schulischen Umfelds zusammenwirken können, um das Auftreten von Gewaltbereitschaft und -ausübung bei Jugendlichen zu erhöhen. Zudem gibt es auch Schutzfaktoren, welche Jugendliche widerstandsfähiger gegenüber problematischen Entwicklungen machen (vgl. Bundesamt für Gesundheit BAG 2006, S. 6). Diese Faktoren helfen dabei, die negativen Auswirkungen von Risikofaktoren einzudämmen oder auszugleichen (vgl. Bericht des Bundesrates 2009, S. 15). Sie können dazu beitragen, dass nicht alle Jugendlichen, die Risiken ausgesetzt sind, problematisches Verhalten entwickeln (vgl. Bericht des Bundesrates 2009, S. 15). Dazu gehören eine positive emotionale Verfassung, gute Beziehungen zu Eltern und Schule, sowie eine stabile Umgebung (vgl. Bundesamt für Gesundheit BGA 2008, S.19). Diese Faktoren unterstützen Jugendliche dabei, trotz belastender Erfahrungen erfolgreich zu sein und sich positiv zu entwickeln (vgl. Bericht des Bundesrates 2009, S. 21). Schutzfaktoren sind wichtig, um Jugendgewalt zu reduzieren und positive Lebenswege zu fördern (vgl. Bericht des Bundesrates 2009, S. 82).
2.4 Entwicklung von Jugendgewalt
Die Entwicklung der Jugendgewalt in Deutschland ist ein komplexes Thema, das durch verschiedene Studien und Statistiken beleuchtet wird (vgl. Baier 2023, S. 94). Dabei wird zwischen Hellfeld- und Dunkelfeldstatistiken unterschieden. Hellfeldstatistiken basieren auf von der Polizei registrierten Straftaten, während Dunkelfeldstudien versuchen, auch nicht gemeldete Verbrechen zu erfassen (vgl. Baier 2022, S. 9f.). In den letzten Jahren wurde ein Anstieg der Jugendkriminalität und Jugendgewalt in Deutschland verzeichnet (vgl. Baier 2023, S. 94). Die Polizeiliche Kriminalstatistik zeigt einen Anstieg der registrierten Tatverdächtigen im Jahr 2022, insbesondere bei Jugendlichen (vgl. Baier 2023, S. 95). Dieser Anstieg könnte auf verschiedene Faktoren zurückzuführen sein, darunter mögliche soziale Veränderungen und die Belastungen der Covid-19-Pandemie (vgl. Baier 2022, S. 10). Es wird angenommen, dass dieser Anstieg eher auf soziale Veränderungen als auf statistische Artefakte zurückzuführen ist (vgl. Baier 2022, S. 13). Eine Analyse der Hellfeldstatistiken zeigt einen Anstieg der Jugendkriminalität seit 2016, insbesondere bei schweren Gewaltdelikten wie Raub und schweren Körperverletzungen (vgl. Baier 2022, S. 13). Weiter wurde darauf hingewiesen, dass die Anzeigebereitschaft bereits bei schweren Delikten wie Raub hoch war und unwahrscheinlich ist, dass sie weiter gestiegen sind (vgl. Baier 2022, S. 13). Eine Untersuchung nach Subgruppen zeigt, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund über den gesamten Zeitraum hinweg eine höhere Belastungszahl aufweisen als Jugendliche ohne Migrationshintergrund (vgl. Baier & Kliem 2019, S. 109). Die Trends zu den Belastungszahlen zeigen, dass männliche Jugendliche häufiger als Tatverdächtige der Gewaltkriminalität registriert wurden als weibliche Jugendliche (vgl. Baier & Kliem 2019, S. 109). Die Zahlen für das Jahr 2023 zeigen einen deutlichen Anstieg der polizeilich registrierten Tatverdächtigen bei Jugendlichen im Vergleich zu den Vorjahren (vgl. Deutsches Jugendinstitut 2023, S. 10). Besonders Kinder unter 14 Jahren verzeichneten einen großen Anstieg (vgl. Deutsches Jugendinstitut 2023, S. 11). Trotz dessen bleibt die Jugendgewalt insgesamt auf einem niedrigen Niveau im Vergleich zu den früheren Jahren (vgl. Deutsches Jugendinsitut 2023, S. 17). Die Corona-Pandemie könnte eine Rolle bei diesem Anstieg gespielt haben, da Einschränkungen das soziale Verhalten und die psychische Belastung junger Menschen beeinflusst haben könnten (vgl. Deutsches Jugendinstitut 2023, S. 17). Insgesamt verdeutlichen die Daten einen Anstieg der Gewalttaten bei jungen Menschen. Es bleibt jedoch unklar, welche Faktoren genau zu diesen Veränderungen im Jugendalltag geführt haben (vgl. Deutsches Jugendinstitut 2023, S. 17).
3. Theoretische Grundlagen der Männlichkeitsforschung
Das Verständnis männlicher Sozialisation und ihrer Auswirkungen auf das Verhalten junger Männer, insbesondere in Bezug auf Gewalthandlungen, ist ein zentrales Thema in der Forschung zur Jugendkriminalität (vgl. Baier 2022, S. 9). Der theoretische Ansatz des „Doing Masculinity“ von Michael Meuser bietet hierbei einen wichtigen Beitrag, indem er die alltäglichen Praktiken und Interaktionen in den Vordergrund stellt, durch die Männlichkeit konstruiert wird (vgl. Meuser 2010, S. 67). In diesem Kapitel werden zunächst die Grundlagen des „Doing Masculinity“ erläutert. Durch die enge Verknüpfung und Weiterentwicklung von Meusers Konzept zu weiteren soziologischen Theorien, insbesondere R.W. Connells Theorie der hegemonialen Männlichkeit und Pierre Bourdieus Theorie der männlichen Herrschaft, sollen diese im Folgenden auf ihre zentralen Aussagen hin untersucht werden. Letztlich werden die Gemeinsamkeiten und Unterschiede dargestellt.
3.1 Michael Meusers Ansatz des Doing Masculinity
Der Ansatz des „Doing Masculinity“ von Michael Meuser geht davon aus, dass Männlichkeit keine statische, naturgegebene Eigenschaft ist, sondern eine soziale Konstruktion, die durch Interaktionen und Inszenierungen im Alltag ständig neu geschaffen wird (vgl. Meuser 2010, S. 63). Meuser sieht in „Doing Masculinity“ nicht nur eine Praxis, sondern ein Prinzip der Erzeugung, das die Mechanismen der Konstruktion von Männlichkeit untersucht (vgl. Meuser 2010, S. 123). Regeln, Normen und Erwartungen, denen Männern nachkommen müssen, um als „echte Männer“ anerkannt zu werden, stehen im Mittelpunkt (vgl. West & Zimmerman 1987, S. 136f.). Eine grundlegende Vorstellung ist, dass Männer kulturelle Vorstellungen von Männlichkeit verfolgen und diese durch soziale Interaktionen und Darstellungen fortlaufend bestätigen müssen (vgl. West & Zimmerman 1987, S. 129; West & Zimmerman 1987, S. 146). Dabei greifen Männer auf verschiedene Strategien wie den Wettbewerb und die Abwertung von Frauen und anderen Männern zurück (vgl. Meuser 2002, S. 61). Somit hebt Meuser hervor, dass es sich bei „Doing Masculinity“ um eine ständige, allgegenwärtige Herausforderung handelt, da Männlichkeit angesichts des Strukturwandels im Geschlechterverhältnis immer wieder neu justiert werden muss (vgl. Lengersdorf & Meuser 2022, S. 115f.). Wodurch deutlich wird, dass die Entstehung von Männlichkeit ein sich ständig verändernder Prozess ist (vgl. Meuser 2010, S. 63). Ziel des Ansatzes, ist es die komplexen Mechanismen der Männlichkeitsbildung in verschiedenen sozialen Situationen zu zeigen und zu untersuchen. Er erlaubt es, die Vielschichtigkeit und den Wandel der Männlichkeit, sowie dessen Relevanz für die Konstruktionen der Identität zu analysieren (vgl. Gildemeister 2010, S. 137). Ein Beispiel zur Anwendung des Ansatzes, könnte die männliche Inszenierung im schulischen Kontext darstellen. Hierdurch können Prozesse des „Doing Masculinity“ beobachtet werden, wenn Schüler_innen Verhaltensweisen zeigen, die sie als „richtige Männer“ anerkennen lassen, um so in der Peer Group respektiert zu werden. Der Ansatz von Michael Meuser stellt insgesamt einen bedeutenden Rahmen der Analyse dar, um Männlichkeit als einen dynamischen und interaktiven Prozess sozialer Konstruktion zu verstehen und kritisch zu hinterfragen, anstatt sie als unveränderliches Merkmal zu betrachten.
3.2 Pierre Bourdieus Theorie der Männlichen Herrschaft
In der Theorie der „männlichen Herrschaft“ von Pierre Bourdieu wird beschrieben, dass es tief verankerte gesellschaftliche Strukturen und Überzeugungen gibt, die dazu führen, dass Männer, als überlegen und Frauen als untergeordnet betrachtet werden, wodurch eine scheinbar natürliche Geschlechterordnung etabliert wird (vgl. Bourdieu 1997, S. 93). Seine Analyse richtet sich nicht nach dem Grundsatz der Zweigeschlechtlichkeit, sondern nach der symbolischen Herrschaft, da er an dem verborgenen Geschlechterverhältnis interessiert ist (vgl. Krais 2006, S. 17). Die Auffassung, dass Männer als überlegen angesehen werden ist, laut Bourdieu fest in unserem Bewusstsein verwurzelt, weshalb es als natürlich angesehen wird und keinerlei Fragen diesbezüglich gestellt werden (vgl. Bourdieu 1997, S. 93). Bourdieu erläutert, dass die Überlegenheit von Männern und die Unterordnung von Frauen durch Institutionen wie Familien, Schulen und den Staat weiter verstärkt werden (vgl. Jäger, König & Maihofer 2012, S. 33). Seine Theorie basiert wesentlich auf den Konzepten des Habitus und der symbolischen Ordnung beziehungsweise der symbolischen Herrschaft. Diese Art der Gewalt bleibt unsichtbar und wird nicht als solche erkannt, denn sie stellt eine versteckte Form der Machtausübung dar, die durch die Durchsetzung einer bestimmten Weltanschauung oder sozialen Struktur erfolgt. Dabei steht der Habitus als subjektive Struktur und die objektiven Verhältnisse in einem harmonischen Verhältnis zueinander (vgl. Krais 2006, S. 18). Ein weiterer Begriff ist der der symbolischen Gewalt, hierbei ist ein gewisses Maß an Zustimmung der Unterworfenen erforderlich, da sie nur auf Menschen wirkt, die auch empfänglich dafür sind, während es andere nicht beeinflusst werden. Die Herrschenden prägen das Selbstverständnis der Beherrschten, wie beispielsweise in der Wahrnehmung der Geschlechter, bei der das Männliche als allgemeingültig betrachtet wird (vgl. Krais 2006, S. 18). Dabei sind es nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer, welche der Herrschaft unterworfen sind (vgl. Jäger, König & Maihofer 2012, S. 26f.).
3.3 R.W. Connells Theorie der Hegemonialen Männlichkeit
Das Konzept der hegemonialen Männlichkeit wurde das erste Mal 1982 durch eine Studie in einer Australischen Schule thematisiert (vgl. Kessler u.a. 1985, S. 44). Es beschreibt die sozialen Praktiken, die die soziale Herrschaft von Männern über Frauen durch Formen der Männlichkeit garantieren und aufrechterhalten (vgl. May 2010, S. 130).
Connell beschreibt hegemoniale Männlichkeit als eine Form des Konstrukts, das in Beziehung zur untergeordneten Männlichkeit steht und eine zentrale Rolle in der sozialen Ordnung spielt (vgl. Connell 2015, S. 130). Anders als physische Gewalt basiert Hegemonie auf sozialen und kulturellen Normen wie auch auf gesellschaftlichen Strukturen (vgl. May 2010, S. 130). Hegemoniale Männlichkeit ist ein theoretisches Konzept, das die dominante Form der Männlichkeit beschreibt, die in einer bestimmten Gesellschaft als existierend angesehen wird und andere Formen von Männlichkeit sowie die der Weiblichkeit unterordnet (vgl. May 2010, S. 130f.). Connell definiert hegemoniale Männlichkeit als eine „Konfiguration geschlechtsspezifischer Praktiken“, die männliche Dominanz und weibliche Unterordnung garantiert (vgl. May 2010, S. 130). Obwohl nur wenige Männer diesem Ideal entsprechen, tragen die meisten Männer zur Aufrechterhaltung dieses Ideals bei, weil sie von der Unterdrückung der Frauen, der sogenannten „patriarchalen Dividende“, profitieren (vgl. May 2010, S. 130). Connell weist darauf hin, dass Hegemonie nicht statisch, sondern durch kulturelle Entwicklungen und soziale Veränderungen wandelbar ist, und sich mit der Zeit entwickeln kann (vgl. Connell 2015, S. 131). Dadurch steht die Hegemonie in einem ständigen Wandel der Männlichkeit und ist nicht wie früher an starre Geschlechterrollen gebunden (vgl. Connell 2015, S. 131). Häufig wird die Hegemoniale Männlichkeit durch Vorbilder verkörpert, die gesellschaftliche Ideale widerspiegeln, dabei muss die Person nicht unbedingt die einflussreichste Position innehaben (vgl. Connell 2015, S. 130). Diese Modelle unterstützen die Aufrechterhaltung der hegemonialen Männlichkeit und werden von vielen Männer aus unterschiedlichsten Gründen unterstützt. Dabei kann es die Erfüllung eigener Fantasien wie auch das Erlangen von Vorteilen, durch die soziale Unterordnung von Frauen sein (vgl. Connell & Messerschmidt 2005, S. 838). Dazu unterstützend gibt es das Konzept der „emphasized feminity“, denn dieses bezeichnet die Akzeptanz und Unterstützung der eigenen Unterordnung von Frauen und betont die Orientierung an den Interessen und Wünschen von Männern (vgl. Connell & Messerschmidt 2005, S. 848).
Connell identifiziert vier Hauptformen der Männlichkeit: hegemoniale, komplizenhafte, untergeordnete und marginalisierte Männlichkeit. Hegemoniale Männlichkeit ist die Form, welche die dominante Position einnimmt, während komplizenhafte Männlichkeiten die Dominanz unterstützen und davon profitieren. Untergeordnete Männlichkeiten wie Homosexuelle werden durch hegemoniale Männlichkeit unterdrückt, und auch marginalisierte Männlichkeiten, die durch verschiedene Strukturmerkmale, wie Klasse, Ethnie, Nationalität und dem Wohnsitz sozial benachteiligt werden, werden häufig von hegemonialen Männlichkeitsnormen ausgegrenzt (vgl. Leeb 2010, S. 2f.). Connell betont, dass hegemoniale Männlichkeit nur entstehen kann, wenn kulturelle Ideale und institutionelle Macht übereinstimmen. Denn hegemoniale Männlichkeit wird durch soziale Autorität und kulturelle Normen aufrechterhalten (vgl. Connell 2015, S.279), wobei physische Gewalt diese Muster unterstützen kann (vgl. Connell 2015, S. 320). Connells Konzept bleibt flexibel und anpassungsfähig und ist damit ein zentrales Instrument, um die Geschlechterordnung zu analysieren (vgl. Connell 2015, S. 131).
3.4 Perspektiven auf Männlichkeit – Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Die Theorien des „Doing Masculinity“ von Michael Meuser, der „Hegemonialen Männlichkeit“ von R.W. Connell und der „Theorie der männlichen Herrschaft“ von Pierre Bourdieu betrachten das Konzept von Männlichkeit aus unterschiedlichen, aber sich teilweise überschneidenden Perspektiven. Meusers Ansatz des „Doing Masculinity“ basiert auf dem Konzept von Zimmerman und West (1987) „Doing Gender“. Im Mittelpunkt dabei stehen die Regeln und Normen, denen die Männer folgen müssen, um als „echte Männer“ anerkannt zu werden (vgl. West & Zimmerman 1987, S. 136f.). Weiter betrachtet er Männlichkeit nicht als eine feste Eigenschaft, sondern als einen sich ständig verändernden Prozess, welcher durch soziale Interaktionen und Darstellungen entsteht (vgl. Meuser 2010, S. 63). Auch die Bedeutung der homosozialen Gruppen hebt Meuser in seinem Ansatz hervor, denn hier muss Männlichkeit kontinuierlich durch Konkurrenz, Abgrenzung und hierarchische Strukturen neu nachgewiesen werden (vgl. Stach 2012, S. 192). Connells Ansatz der „Hegemonialen Männlichkeit“ stützt sich auf die Theorie der Hegemonie von Antonio Gramsci (vgl. Connell 2015, S. 130). Dabei behauptet Connell, dass es eine Hierarchie von unterschiedlichen Männlichkeiten gibt, anstatt eine einheitliche Männlichkeit (vgl. Leeb 2010, S. 2f.). In diesem Zusammenhang spielt die „Hegemoniale Männlichkeit“, die sich an traditionellen Rollenbildern orientiert eine zentrale Rolle (vgl. Connell 2015, S. 130). Dabei sind andere Männlichkeiten wie die „marginalisierte“ und die „komplizenhafte“ untergeordnet (vgl. Leeb 2010, S. 2f.). Connell hebt in ihrem Ansatz hervor, welche kulturellen Ideale und Wertvorstellungen diese Vorherrschaft fördern und aufrechterhalten. Die „Theorie der männlichen Herrschaft“ von Bourdieu beruht auf der Vorstellung, dass Männlichkeit mit Dominanz und Weiblichkeit mit Unterwerfung in Verbindung gebracht wird (vgl. Bourdieu 1997, S. 93). Diese Form der Gewalt wird durch den „männlichen Habitus“ internalisiert und über soziale Verhaltensweisen weitergegeben (vgl. Krais 2006, S. 18). Er sieht Männlichkeit als ein Resultat eines historischen Prozesses, der diese Machtverhältnisse als natürlich erscheinen lässt. Bourdieu sieht Männlichkeit aus einer strukturalistischen Perspektive als verinnerlichte symbolische Ordnung (vgl. Krais 2006, S. 18), wohingegen Meuser und Connell den Fokus stärker auf die interaktive Herstellung und Hierarchisierung von Männlichkeiten legen (vgl. Meuser 2010, S. 63; vgl. Connell 2015, S. 131). Zusammenfassend wird deutlich, dass die drei Theorien bedeutende Analyseperspektiven bieten, um die Komplexität von Männlichkeit als soziale Konstruktion, Hierarchie und verkörperte Praxis zu erfassen.
4. Die Sozialisation von männlichen Jugendlichen
Um ein tieferes Verständnis für die Sozialisation von männlichen Jugendlichen zu erlangen, wird in dem nächsten Kapitel zunächst eine allgemeine Begriffsdefinition von Sozialisation erläutert und welche Bedeutung die Familie als Sozialisationsinstanz darstellt. Im Folgenden wird Michael Meusers Perspektive auf den Sozialisationsprozess näher beleuchtet, wobei ein besonderer Fokus auf der ausführlichen Betrachtung des Einflusses der Peer Group liegt. Abschließend wird der Begriff der Jugendgewalt mit dem der Sozialisation bei männlichen Jugendlichen in Verbindung gesetzt.
4.1 Begriffsdefinition
Sozialisation bezeichnet den lebenslangen Prozess, durch den Menschen ihre Persönlichkeit entwickeln und sich in die Gesellschaft integrieren (vgl. Ecarius u.a. 2011, S. 9). Sowohl die innere Realität, die sich aus den körperlichen und psychischen Eigenschaften einer Person zusammensetzt, als auch die äußere Realität, die die sozialen und physischen Gegebenheiten der Umgebung umfasst, sind von großer Bedeutung (vgl. Hurrelmann & Bauer 2021, S. 33). Dieser Prozess ist aktiv, da er eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben und die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben erfordert (vgl. Hurrelmann & Bauer 2021, S. 132). Der Erfolg bei der Bewältigung dieser Aufgaben hängt von den persönlichen und sozialen Ressourcen ab, die zur Verfügung stehen (vgl. Hurrelmann & Bauer 2021, S. 177). Ziel der Sozialisation ist es, die individuelle Entwicklung der Persönlichkeit mit der Integration in die Gesellschaft zu verbinden und so die Ich-Identität zu stabilisieren (vgl. Hurrelmann & Bauer 2021, S. 80f.). Bei der Sozialisation von Jugendlichen handelt es sich um einen besonderen Abschnitt des Prozesses, der durch eine besonders intensive Interaktion zwischen dem Individuum und seiner gesellschaftlichen Umwelt gekennzeichnet ist (vgl. Ecarius u.a. 2011, S. 9). In dieser Lebensphase müssen Jugendliche spezifische Entwicklungsaufgaben bewältigen, die durch ihre besonderen Lebensbedingungen geprägt sind. Zu diesen gehören die Akzeptanz körperlicher Veränderungen, die Entwicklung einer Geschlechtsidentität, die Stärkung der schulischen Leistungsfähigkeit, die Ablösung von den Eltern, der Aufbau von Beziehungen zu Gleichaltrigen und intimen Partnern, das Erlernen wirtschaftlicher Fähigkeiten sowie der verantwortungsvolle Umgang mit Konsum und Medien. Gleichzeitig setzen sie sich mit dem Aufbau eines eigenen Wertesystems und politischer Handlungsfähigkeit auseinander, um sich in der Gesellschaft zu positionieren (vgl. Quenzel & Hurrelmann Michael Meuser beschreibt die 2022, S. 26f.). Dieser Prozess ermöglicht es Jugendlichen, zu handlungsfähigen Mitgliedern der Gesellschaft zu werden, indem sie soziale und kulturelle Zusammenhänge verstehen und ihre Möglichkeiten zur Teilhabe erweitern (vgl. Ecarius u.a. 2011, S.43f.).
4.2 Männliche Sozialisation nach Michael Meuser
Sozialisation und Konstruktion von Männlichkeit als komplexe und vielschichtige Prozesse, die in hohem Maße durch soziale Interaktionen und kulturelle Kontexte beeinflusst werden (vgl. Meuser 2010, S. 63f.). Seinen Ansätzen zufolge ist die Relevanz von sozialen Strukturen und Interaktionen für die Entstehung und Aufrechterhaltung von Vorstellungen von Männlichkeit von zentraler Bedeutung (vgl. Meuser 2010, S. 63f.). Die Sozialisation von Jungen und Männern ist laut Meuser ein lebenslanger Prozess, der nicht nur in der Kindheit, sondern auch im Erwachsenenalter fortgesetzt wird (vgl. Meuser 2010, S.64). Verschiedene soziale Institutionen wie die Familie, die Schule, die Peer-Groups und der Arbeitsplatz leisten einen Beitrag dazu (vgl. Meuser 2010, S. 55f.). In der frühen Kindheit wird die Grundvorstellung von Geschlechterrollen von der Familie geprägt (vgl. Meuser 2010, S.55). In diesem Zusammenhang spielt die Beziehung zum Vater eine entscheidende Rolle, da er als Vorbild dient und das Kind somit durch männliche Normen und Werte beeinflusst (vgl. Meuser 2010, S. 55). Weiter betont Michael Meuser, dass Männlichkeit sozial konstruiert ist und nicht allein durch biologische Unterschiede determiniert wird (vgl. Meuser 2010, S. 63). Wodurch Männlichkeit auch als ein soziales Konstrukt verstanden wird, das durch Interaktionen und gesellschaftliche Erwartungen geformt wird (vgl. Meuser 2010, S. 40). Es wird deutlich, dass Männlichkeit in sozialen Interaktionen kontinuierlich bestätigt und neu interpretiert wird, wenn die Perspektive geändert wird (vgl. Meuser 2010, S. 64f.). Das Verhalten in Männergruppen und die Abgrenzung gegenüber allem Weiblichen, vor allem im beruflichen Kontext, führen beispielsweise zu einer ständigen Neukonstruktion der Männlichkeit (vgl. Meuser 2010, S. 70f.). Auch kulturelle und symbolische Aspekte sind dabei von Bedeutung (vgl. Meuser 2010, S. 69). Traditionelle Auffassungen von Männlichkeit beinhalten Eigenschaften wie Stärke, Unabhängigkeit und Rationalität, die je nach sozialem Umfeld unterschiedlich hervorgehoben werden können (vgl. Meuser 2010, S. 52). Meuser nutzt das Konzept der instrumentellen und expressiven Rollen, um die Unterscheidung zwischen Geschlechterrollen zu erklären (vgl. Meuser 2010, S. 54). Männer sind oft in funktionalen Rollen positioniert, die darauf abzielen, Ziele zu erreichen und sich zu behaupten, während Frauen eher in ausdrucksstarken Rollen zu finden sind, die auf emotionale Unterstützung ausgerichtet sind (vgl. Meuser 2010, S. 19). Meuser kritisiert die herkömmlichen Rollenkonzepte, welche Geschlechterrollen als biologisch und unveränderlich ansehen (vgl. Meuser 2010, S. 62). Er behauptet, dass diese Konzepte nicht genug Erklärungen für den Wandel und die Dynamik der Geschlechterverhältnisse liefern und das Männlichkeit als ein dynamisches Resultat sozialer Prozesse und kultureller Einflüsse betrachtet werden muss, anstatt als feste Eigenschaft (vgl. Meuser 2010, S.69).
- Arbeit zitieren
- Helen Rüttermann (Autor:in), 2024, Männliche Sozialisation und Jugendgewalt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1611461