Die steigende Jugendgewalt in Deutschland stellt Schulen, Politik und Gesellschaft vor neue Herausforderungen. Besonders auffällig ist dabei der hohe Anteil männlicher Jugendlicher unter den Tatverdächtigen. Warum greifen Jungen häufiger zu Gewalt?
Der Soziologe Michael Meuser liefert mit seinem Konzept des „Doing Masculinity“ einen innovativen Erklärungsansatz. Er beschreibt Gewalt als ein Mittel, mit dem Männlichkeit im sozialen Alltag behauptet werden kann.
Diese Bachelorarbeit untersucht, wie Meusers Theorie zur Erklärung männlicher Jugendgewalt beitragen kann und welche Rolle die Schulsozialarbeit dabei spielt. Dabei wird der Blick darauf gerichtet, wie geschlechtssensible Präventionsmaßnahmen entwickelt und umgesetzt werden können, welche Kompetenzen dafür erforderlich sind und mit welchen Schwierigkeiten Fachkräfte rechnen müssen.
Die Arbeit verbindet aktuelle kriminalstatistische Entwicklungen mit soziologischer Theorie und praxisnahen Anforderungen an die Schulsozialarbeit – und eröffnet damit neue Perspektiven für die Prävention von Jugendgewalt im schulischen Kontext.
Inhaltsverzeichnis
- 1. EINLEITUNG
- 2. AUSMAB UND ENTWICKLUNG VON JUGENDGEWALT
- 2.1 DEFINITION VON JUGENDGEWALT
- 2.2 URSACHEN VON JUGENDGEWALT
- 2.3 RISIKO- UND SCHUTZFAKTOREN
- 2.4 ENTWICKLUNG VON JUGENDGEWALT
- 3. THEORETISCHE GRUNDLAGEN DER MÄNNLICHKEITSFORSCHUNG
- 3.1 MICHAEL MEUSERS ANSATZ DES DOING MASCULINITY
- 3.2 PIERRE BOURDIEUS THEORIE DER MÄNNLICHEN HERRSCHAFT
- 3.3 R.W. CONNELLS THEORIE DER HEGEMONIALEN MÄNNLICHKEIT
- 3.4 PERSPEKTIVEN AUF MÄNNLICHKEIT – GEMEINSAMKEITEN UND UNTERSCHIEDE
- 4. DIE SOZIALISATION VON MÄNNLICHEN JUGENDLICHEN
- 4.1 BEGRIFFSDEFINITION
- 4.2 MÄNNLICHE SOZIALISATION NACH MICHAEL MEUSER
- 4.3 EINFLUSSFAKTOR DER FAMILIE
- 4.4 EINFLUSSFAKTOR DER PEER GROUP
- 4.5 ZUSAMMENHANG ZWISCHEN MÄNNLICHER SOZIALISATION UND JUGENDGEWALT
- 5. MÄNNLICHKEIT UND GEWALT
- 6. SCHULSOZIALARBEIT
- 6.1 BEGRIFFSDEFINITION
- 6.2 ENTWICKLUNG
- 6.3 ZIELGRUPPEN UND AUFGABEN
- 6.4 GESETZLICHE RAHMENBEDINGUNGEN
- 7. GESCHLECHTSSENSIBLE PÄDAGOGIK IN DER SCHULSOZIALARBEIT
- 7.1 KOMPETENZEN UND HALTUNGEN IN DER GESCHLECHTSSENSIBLEN ARBEIT
- 7.2 HERAUSFORDERUNGEN IN VERSCHIEDENEN SCHULFORMEN
- 8. MEUSERS ANSATZ IN DER SCHULSOZIALARBEIT
- 8.1 GESCHLECHTERSENSIBLE GEWALTPRÄVENTION
- 8.2 RELEVANZ VON MEUSERS ANSATZ IN DER SCHULSOZIALARBEIT
- 8.3 UMSETZUNGSMÖGLICHKEITEN VON MEUSERS ANSATZ IN DER SCHULSOZIALARBEIT
- 8.4 PRIMÄRE, SEKUNDÄRE UND TERTIÄRE PRÄVENTION
- 8.5 KRITISCHE BETRACHTUNG
- 9. FAZIT
- 10. LITERATURVERZEICHNIS
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, Michael Meusers Konzept des „Doing Masculinity“ zu analysieren, um zu erklären, wie es zur männlichen Jugendgewalt beitragen kann. Weiterhin wird untersucht, welche Kompetenzen und Haltungen Schulsozialarbeiter_innen benötigen, um geschlechtssensible Maßnahmen zur Gewaltprävention umzusetzen und welche Herausforderungen dabei im schulischen Kontext auftreten können.
- Ausmaß und Entwicklung von Jugendgewalt in Deutschland, inklusive Ursachen und Risikofaktoren.
- Theoretische Grundlagen der Männlichkeitsforschung mit Fokus auf Michael Meusers „Doing Masculinity“-Ansatz.
- Die Sozialisation männlicher Jugendlicher und der Einfluss von Familie und Peer Groups.
- Der Zusammenhang zwischen der Konstruktion von Männlichkeit und Gewalthandlungen.
- Definition, Entwicklung und Aufgaben der Schulsozialarbeit im Kontext der Gewaltprävention.
- Kompetenzen und Herausforderungen für geschlechtssensible Pädagogik in der Schulsozialarbeit.
Auszug aus dem Buch
3.1 Michael Meusers Ansatz des Doing Masculinity
Der Ansatz des „Doing Masculinity“ von Michael Meuser geht davon aus, dass Männ- lichkeit keine statische, naturgegebene Eigenschaft ist, sondern eine soziale Konstruktion, die durch Interaktionen und Inszenierungen im Alltag ständig neu geschaffen wird (vgl. Meuser 2010, S. 63). Meuser sieht in „Doing Masculinity“ nicht nur eine Praxis, sondern ein Prinzip der Erzeugung, das die Mechanismen der Konstruktion von Männlichkeit un- tersucht (vgl. Meuser 2010, S. 123). Regeln, Normen und Erwartungen, denen Männern nachkommen müssen, um als „echte Männer“ anerkannt zu werden, stehen im Mittel- punkt (vgl. West & Zimmerman 1987, S. 136f.). Eine grundlegende Vorstellung ist, dass Männer kulturelle Vorstellungen von Männlichkeit verfolgen und diese durch soziale In- teraktionen und Darstellungen fortlaufend bestätigen müssen (vgl. West & Zimmerman 1987, S. 129; West & Zimmerman 1987, S. 146). Dabei greifen Männer auf verschiedene Strategien wie den Wettbewerb und die Abwertung von Frauen und anderen Männern zurück (vgl. Meuser 2002, S. 61). Somit hebt Meuser hervor, dass es sich bei „Doing Masculinity“ um eine ständige, allgegenwärtige Herausforderung handelt, da Männlich- keit angesichts des Strukturwandels im Geschlechterverhältnis immer wieder neu justiert werden muss (vgl. Lengersdorf & Meuser 2022, S. 115f.). Wodurch deutlich wird, dass die Entstehung von Männlichkeit ein sich ständig verändernder Prozess ist (vgl. Meuser 2010, S. 63). Ziel des Ansatzes, ist es die komplexen Mechanismen der Männlichkeits- bildung in verschiedenen sozialen Situationen zu zeigen und zu untersuchen. Er erlaubt es, die Vielschichtigkeit und den Wandel der Männlichkeit, sowie dessen Relevanz für die Konstruktionen der Identität zu analysieren (vgl. Gildemeister 2010, S. 137). Ein Bei- spiel zur Anwendung des Ansatzes, könnte die männliche Inszenierung im schulischen Kontext darstellen. Hierdurch können Prozesse des „Doing Masculinity“ beobachtet wer- den, wenn Schüler_innen Verhaltensweisen zeigen, die sie als „richtige Männer“ aner- kennen lassen, um so in der Peer Group respektiert zu werden. Der Ansatz von Michael Meuser stellt insgesamt einen bedeutenden Rahmen der Analyse dar, um Männlichkeit als einen dynamischen und interaktiven Prozess sozialer Konstruktion zu verstehen und kritisch zu hinterfragen, anstatt sie als unveränderliches Merkmal zu betrachten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Stellt die Relevanz von Jugendgewalt in Deutschland dar, betont den Anstieg und die Rolle der Schule, und führt Michael Meusers Konzept des „Doing Masculinity“ als neuen theoretischen Ansatz ein.
2. Ausmaß und Entwicklung von Jugendgewalt: Erläutert den Begriff Jugendgewalt, untersucht ihre Ursachen, Risiko- und Schutzfaktoren sowie die Entwicklungstrends in Deutschland, inklusive Geschlechtsunterschiede bei Tatverdächtigen.
3. Theoretische Grundlagen der Männlichkeitsforschung: Beleuchtet Michael Meusers „Doing Masculinity“-Ansatz sowie ergänzende Theorien von Bourdieu und Connell, um Männlichkeit als soziale Konstruktion zu verstehen.
4. Die Sozialisation von männlichen Jugendlichen: Definiert Sozialisation im Jugendalter, analysiert Michael Meusers Sicht auf männliche Sozialisation und beleuchtet den Einfluss von Familie und Peer Groups auf die Entwicklung männlicher Identität.
5. Männlichkeit und Gewalt: Untersucht Gewalt als sozial konstruiertes Phänomen, das eng mit der Herstellung und Bestätigung männlicher Identität verbunden ist, und analysiert die Rolle von Gewalt bei der Demonstration von Stärke und Dominanz.
6. Schulsozialarbeit: Definiert und beleuchtet die Entwicklung der Schulsozialarbeit, beschreibt ihre Zielgruppen und Aufgaben sowie die gesetzlichen Rahmenbedingungen für ihre Tätigkeit.
7. Geschlechtssensible Pädagogik in der Schulsozialarbeit: Analysiert die erforderlichen Kompetenzen und Haltungen von Schulsozialarbeiter_innen für geschlechtssensible Gewaltprävention und diskutiert spezifische Herausforderungen in verschiedenen Schulformen.
8. Meusers Ansatz in der Schulsozialarbeit: Untersucht die praktischen Implikationen und Umsetzungsmöglichkeiten von Meusers „Doing Masculinity“-Ansatz für die geschlechtssensible Gewaltprävention in der Schulsozialarbeit, inklusive primärer, sekundärer und tertiärer Prävention.
9. Fazit: Fasst die zentralen Erkenntnisse der Arbeit zusammen, betont die Relevanz von Meusers Ansatz für das Verständnis männlicher Jugendgewalt und die Notwendigkeit geschlechtssensibler Präventionsmaßnahmen in der Schulsozialarbeit.
Schlüsselwörter
Jugendgewalt, männliche Sozialisation, Doing Masculinity, Michael Meuser, Schulsozialarbeit, Geschlechterrollen, Gewaltprävention, Peer Group, hegemoniale Männlichkeit, Pierre Bourdieu, Geschlechtssensibilität, Adoleszenz, Risikofaktoren, soziale Konstruktion, Männlichkeitsforschung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Diese Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen männlicher Sozialisation und Jugendgewalt, insbesondere unter Berücksichtigung von Michael Meusers Ansatz des „Doing Masculinity“, und dessen Relevanz für die Präventionsarbeit in der Schulsozialarbeit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder sind Jugendgewalt, Männlichkeitsforschung (insbesondere „Doing Masculinity“), Sozialisation männlicher Jugendlicher, die Verbindung von Männlichkeit und Gewalt sowie die geschlechtssensible Pädagogik in der Schulsozialarbeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, zu verstehen, wie Michael Meusers Ansatz männliche Jugendgewalt erklären kann, welche Kompetenzen Schulsozialarbeiter_innen für geschlechtssensible Gewaltprävention benötigen und welche Herausforderungen bei der Implementierung im schulischen Kontext auftreten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse und der Integration soziologischer Konzepte, um ein umfassendes Verständnis der Thematik zu entwickeln.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt das Ausmaß und die Entwicklung von Jugendgewalt, theoretische Grundlagen der Männlichkeitsforschung (Meuser, Bourdieu, Connell), die Sozialisation männlicher Jugendlicher, den Zusammenhang zwischen Männlichkeit und Gewalt, sowie die Rolle und Umsetzung geschlechtssensibler Pädagogik in der Schulsozialarbeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Jugendgewalt, männliche Sozialisation, Doing Masculinity, Michael Meuser, Schulsozialarbeit, Gewaltprävention und Geschlechtssensibilität.
Wie trägt Michael Meusers Ansatz „Doing Masculinity“ zum Verständnis männlicher Jugendgewalt bei?
Meusers Ansatz erklärt männliche Jugendgewalt als Resultat der sozialen Konstruktion von Männlichkeit, bei der Gewalt als Ressource zur Demonstration und Absicherung von Männlichkeit in alltäglichen Interaktionen dient.
Welche Rolle spielen Peer Groups bei der männlichen Sozialisation laut Meuser?
Laut Meuser spielen Peer Groups eine entscheidende Rolle als Lernumgebung und Authentizitätsraum, in dem männliche Jugendliche ihre Männlichkeit durch Wettbewerb, Abgrenzung und Rituale erproben, bestätigen und hierarchisieren können.
Wie kann Schulsozialarbeit geschlechtssensible Gewaltprävention praktisch umsetzen?
Schulsozialarbeit kann dies durch gezielte Trainings- und Workshopangebote, die Reflexion von Männlichkeitsnormen, die Förderung emotionaler Intelligenz und Empathie, sowie die Nutzung kreativer Formate und digitaler Medien zur Diskussion geschlechtersensibler Themen.
Welche Herausforderungen ergeben sich bei der Implementierung geschlechtssensibler Pädagogik in verschiedenen Schulformen?
Herausforderungen umfassen die Anpassung an unterschiedliche Schulumfelder und Bildungsniveaus, die Sensibilisierung des Lehrpersonals, die Einbindung der Eltern und das Management institutioneller Barrieren sowie fehlender Ressourcen.
- Quote paper
- Helen Rüttermann (Author), 2024, Männliche Sozialisation und Jugendgewalt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1611461