Sprachpolitik in Katalonien


Seminararbeit, 2008

33 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

A

Wenn Sie die Webseite der katalanischen Regierung Generalitat besuchen, erscheint diese zuerst in katalanischer Sprache. In einem nächsten Schritt können diejenigen, die kein Katalanisch verstehen, auf Castellano (Kastilisch) oder Englisch umstellen. Schwieriger verhält es sich mit den Auftritten der Universitäten Barcelonas. Zwar lässt sich die Sprachfunktion auch hier umstellen, jedoch existiert nicht ein und derselbe Aufbau in beiden Sprachen. So sind Teile nur in Katalanisch einsehbar, und auch die Castellano-Funktion führt oft in eine Sackgasse: Nach einigen Klicks trifft man auf ein unübersetztes CatalánDokument. Erstaunlich ist auch, dass einige offizielle, katalanische Websites völlig unübersetzt bleiben (beispielsweise TERMCAT).

Nicht nur im Internet, auf der Straße, in Geschäften und bei der Jobsuche, sprechen und schreiben die Menschen in ihrer Regionalsprache. Dass Sprache nicht nur Ausdrucksund Kommunikationsmittel ist, beweist die aktuelle Sprachpolitik Kataloniens.

El Estatuto de autonomía establece que el catalán es la lengua oficial y propia de Cataluña, si bien comparte el carácter de lengua oficial con el castellano y el occitano de Arán (Generalitat de Catalunya 1995-2005: Objetivos y principios generales: S. 1. Online).

Dabei sieht der „Plan de acción de política lingüística 2005-2006“ (S. 3-4) unter anderem folgende Ziele vor:

Actuación 1. Programa de fomento del uso social del catalán en el ámbito de la juventud

Actuación 5. Elaboración y presentación de los niveles 1 y 2 del curso de catalán online

Actuación 7. Programa de promoción del cine en catalán y doblado o subtitulado en catalán

Actuación 8. Aumento de la oferta y la demanda de productos y servicios en catalán

Ziel einer bewussten Sprachpolitik ist es, die Sprecherzahl einer Sprache zu erhöhen. Dies geschieht zum Beispiel durch gesteuerte Politik im Bereich Erziehung und Kultur. Die Ursachen dieser Steuerung lassen sich historisch zurückverfolgen. Gerade eine starke Repression ruft oft ein besonders starkes Aufbegehren hervor. So hat das Katalanische zum Beispiel durch die Franco-Diktatur und während der Diktatur von Miguel Primo de Rivera (1923 - 1931) einen starken Rückgang an Sprechern erlitten. Mit dem Ende des FrancoRegimes und durch die Normalisierungskampagnen der Generalitat hat die katalanische Sprache dann einen stetigen Zuwachs an Sprechern erfahren.

1. Zahlen und Fakten:

Katalanisch sprechen ca. 7 Millionen Menschen. In Katalonien allein sind es laut Idescat (Institut d'Estadística de Catalunya) 6,215 Millionen Sprecher. Seine Sprecher verteilen sich dabei in seiner Mehrheit auf die països catalans (katalanische Länder). Dazu zählen das französische Roussillon (Nordkatalonien), das spanische Katalonien, die Balearen, Valencia, die sardinische Stadt Alghero (katalan. Alguer), Andorra und der östliche Streifen der Region Aragón (vgl. Eßer & Stegmann 2007: 77) → (Abbildung rechts). Es ist hervorzuheben, dass Katalanisch in Andorra den Status der einzigen Amtssprache hat.

In Katalonien, Andorra, Valencia und den Balearen hat es den offiziellen Status der Amtssprache inne. Valencia gibt als offizielle Amtssprachen Valencianisch und Kastilisch an. (dazu später mehr...)

(Quellen: Abb.1: Wikipedia 2008: Katalanische Sprache. Online, Abb. 2: Comunidades Europeas 1995-2008. Online, Abb. 3:Generalitat de Cataluña 1995-2005: La lengua catalana. Online)

Katalonien hat drei offizielle Amtssprachen: Katalanisch, Kastilisch und Aranesisch (im Val d’Aran). Katalanisch und Kastilisch sind in der Comunidad Autónoma de Cataluña gesetzlich als zwei gleichberechtigt nebeneinander existierende Sprachen anerkannt. Laut Idescat verstehen ca. 95 Prozent der 6,215 Millionen Sprecher in Katalonien die Sprache passiv. 75 Prozent können es sprechen und lesen und nur 49 Prozent können es schreiben, beherrschen es also aktiv. Laut einer Umfrage von 2003 verwenden 2.213 Millionen (ab 15 Jahren) Katalanisch, und sogar 2.929 Millionen Kastilisch als ‚primera lengua’ (in der Familie oder zu Hause gesprochene Sprache). Des weiteren ergab sich ein Prozentsatz von 48,80 % für Katalanisch und von 44,32 % für Kastilisch als ‚lengua propia’ (Identifikationssprache). In einer Untersuchung zu den Sprachgewohnheiten (usos lingüístics i àmbits d'ús) ergab sich in den meisten Bereichen (z.B. ‚Amistats’, ‚Companys d'estudi’, ‚Entitats financeres’, ‚Personal mèdic’) eine positive Tendenz des Gebrauchs des Katalanischen gegenüber dem Kastilischen. Nur in den Bereichen ‚Escriure notes personals’ und ‚Membres de la llar’ gab die Mehrheit an, mehr Kastilisch als Katalanisch zu verwenden (Quelle: Idescat 2003. Online).

Aranesisch ist eine Minderheitensprache, der jedoch vor dem Gesetz besonderer Schutz und Respekt eingeräumt wird (Geissler 2007. Online) Primera Lengua Lengua Propia

(Quelle: Gencat 1995-2005: Estadística d’usos lingüístics a Catalunya 2003. Online)

2. Linguistische Betrachtung

Linguistisch betrachtet ist Katalanisch mehr als ein Dialekt oder eine Varietät. Es zählt als eigene Sprache und als primärer Dialekt des gesprochenen Lateins (ebenso wie Kastilisch und Galizisch) (vgl. Detges 06/07: S.10. Online). Bei genauerer Betrachtung kann man es als romanische Sprache oder als gallo- und iberoromanische Brückensprache einordnen (vgl. Ille 2005: S.10. Online).

Als Varietäten zählen die westkatalanischen Dialekte Pallaresisch, Tortosinisch und Ribagorçansisch, Valencianisch und die ostkatalanischen Dialekte Rossellonesisch, Zentralkatalanisch, Balearisch und das Algheresische. Das Balearische und das Valencianische rechnet man zu den sekundären Dialekten (vgl. Detges 06/07: S.10. Online).

Die Beziehung zwischen Sprache und Varietät wird bei Sinner 2004: 1 (zitiert nach Ammon 1986: 11-16) folgendermaßen definiert: „una lengua es un conjunto de variedades, si bien existen lenguas consistentes de una sola variedad“.

Das Ostkatalanische (gesprochen in Barcelona und Umland) hat aufgrund seiner großen Bevölkerungs- und Sprecherdichte und der linguistischen Standardisierung durch Pompeu Fabra die Vorherrschaft inne. Dieser reformierte das Katalanische grundlegend durch das Diccionari Ortogràfic (1917) und die Gramàtica Catalana (1918).

Interessant ist auch das Phänomen der „variedades del castellano“, welche Carsten Sinner, in seinem Werk El castellano de Cataluña beschreibt. Darin erforscht er unter anderem phonetische, morphologische und syntaktische, grammatische Abweichungen des Castellano in Katalonien von dem Castellano andererer spanischer Regionen.

3. Sprachgeschichte:

Kein Zweifel: Das katalanische Nationalbewusstsein ist historisch bedingt.

Wie sehr dieses nationale Bewusstsein sprachlich verankert sein kann, zeigt Antoni Rovira i Virgilis Aufarbeitung, „Nacionalisme i Federalisme“ von 1982 auf:

De tots els elements que formen la nacionalitat, la llengua és el més potent, el més influent, el més decisiu. (S.97). La llengua constitueix el més fort senyal de la nacionalitat. El mapa lingüístic d’Europa és, en les seves grans línies, i tret d’unes poques excepcions, el mapa de les nacionalitats. En llur major part, els moviments patriótics han començat per la reivindicació de l’idioma, primer en el terreny literari, després en el terreny polític. (S. 98)

Wenn man Spanisch gelernt hat, ist die katalanische Sprache in der Schriftform gut zu verstehen. Mündlich sieht es dagegen mit der Verständigung schon schwieriger aus. Das Katalanische hat sich wie alle anderen romanischen Sprachen aus dem Vulgärlatein entwickelt und weist starke französische Züge auf. „Daher wird das Katalanische als iberische Sprache gesehen, die auf Grund der geschichtlichen und kulturellen Entwicklung die engsten Beziehungen zum Galloromanischen aufweist“ (Gergen 2000: 7).

Zuerst besiedelten Kelten, iberische Stämme, Phönizier und Griechen die spanische Küste. Später kamen die Römer nach Katalonien und gründeten Handelsniederlassungen. Während der Römerzeit erlebte Katalonien seine wirtschaftliche Blütezeit, was zur Latinisierung und zur Gründung größerer Ansiedlungen führte. Es entstanden die Handelszentren Barcino und Tarraco, welche heute unter dem Namen Barcelona und Tarragona bekannt sind (vgl. Collado Seidel 2007: 14).

Die katalanische Sprache bildete sich schließlich in den Grafschaften der Spanischen Mark heraus (karolingisches Reich beiderseits der Pyrenäen).

Als Graf Ramon Berenguer IV. und die Thronerbin Petronila von Aragonien 1137 heirateten, wurde die Markgrafschaft Barcelona mit dem Königreich Aragonien vereinigt (vgl. Gergen 2000: 10). Das Gebiet unter vereinigter Krone entwickelte sich fortan florierend und weitete sich aus, indem Valencia und die Balearen von Katalonien eingenommen wurden. Im Jahr 1469 kam es dann zu einer kastilischen Regierung unter einer Krone durch die Ehe von König Ferdinand von Aragón und Isabella von Kastilien, was der Rivalität der beiden Gebiete ein Ende setzte (vgl. Aufmkolk und Heidenfelder 2008. Online). Die Machtverhältnisse verschoben sich zugunsten Kastiliens ins Zentrum (vgl. Hall 1990: 9/10). Nach einer Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs erlebte Katalonien durch die Verlagerung des Seehandels zum Atlantik eine Depression. Dieser Bedeutungsgewinn des Atlantiks für den Handel war auf die Entdeckung Amerikas im Jahre 1492 zurückzuführen. Im spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) wurde Katalonien von Kastilien annektiert, was zum Verbot der katalanischen Sprache führte (vgl. Aufmkolk und Heidenfelder 2008. Online).

Erste Schriftnachweise des Katalanischen gibt es aus dem 9. Jh., die ersten schriftlichen Zeugnisse aus dem 12. Jh.: Usatges (feudale Magna Carta), Homílies d’Ogranyà (Predigtfragmente).

Durch die Reconquista breitete sich das Altkatalanische immer weiter nach Süden aus. Die Bibel wurde im 13. Jh. ins Katalanische übersetzt. Bis ins 16. Jh. entwickelte es sich fortan als führende Literatursprache, wurde aber in der Folgezeit vom Kastilischen als Kultursprache abgelöst (vgl. Gergen 2000: 11).

4. Politische Entwicklung

Die Zentralisierungspolitik des Bourbonen Philipp V. (Erbe der spanischen Habsburger, 1700) führte zur Verdrängung des Katalanischen. 1716 stellte der Decreto de Nueva Planta den Status des Kastilischen als Amtssprache sicher. Unter vorübergehender französischer Besatzung (1812-1814) wuchs der Einfluss mit Hilfe der französischen Sprache (vgl. Collado Seidel 2007: 113-116). Um das Spanische zu schwächen, versuchte man das Katalanische als zweite offizielle Sprache neben dem Französischen zu etablieren. Ohne Erfolg, denn die Katalanen lehnten dies ab. Grund dafür war das Prinzip: Katalanisch als Muttersprache, Kastilisch als Sprache der Nation. Man war sich der internationalen Geltung des Spanischen bewusst und wollte es keinesfalls als Zweitsprache verlieren (vgl. Gergen 2000: 14 -15).

Die Romantik ließ das Català wieder aufleben (Renaixença = Wiedergeburt). 1907 wurde das Institut d´Estudis Catalans gegründet und in den Folgejahren kam es zur Neustandardisierung der Grammatik und Orthographie durch Pompeu Fabra (Diccionari Ortogràfic (1917) und Gramàtica Catalana (1918)). Der einsetzende wirtschaftliche Aufschwung und die Politisierung des Katalanismus förderten das Kultur- und Nationalbewusstsein. In den Gewerkschaften kämpfte man gegen den Madrider Zentralismus und hohe Steuerzahlungen. Auch das Bürgertum öffnete sich nun den Autonomiebestrebungen, die ihre soziale Situation verbessern sollten. Selbstbestimmung und Sprache wurden gleichgesetzt (vgl. Gergen 2000: 18). Trotzdem erkannten die Katalanen die kastilische Sprache und Krone an. Es kam schließlich auch zur Wiederanerkennung des Katalanischen als offizielle Sprache. Ab 1932 verfügte Catalunya über eine autonome Landesregierung, die Generalitat de Catalunya, und Zuständigkeiten über öffentliche Ordnung, Bauwesen, Zivilrecht und Verwaltungsrecht. Die zuvor geplante Verfügungsgewalt über Steuereinnahmen kam allerdings nicht zum Tragen (vgl. Collado Seidel 2007: 168).

Der spanische Bürgerkrieg (1936-1939) führte zum erneuten Autonomieverlust und der vollständigen Auflösung und Verneinung katalanischer Institutionen. Dies ging so weit, dass Ortsnamen hispanisiert und Personennamen übersetzt wurden (vgl. Goethe-Universität Frankfurt am Main 2007: Die katalanische Sprache und: Sprachführer Katalanisch. Online). „Durch gezielte Einwanderungspolitik Kastilischsprechender“ versuchte man „das Katalanische zu unterbinden“ (Gergen 2000: 21). Aber schon während des Franco-Regimes gab es geheime Gegenbewegungen. Das Kloster Montserrat diente als Zufluchtsort für politisch Verfolgte (vgl. Urbach 2000-2008. Online). Nach Francos Tod 1975 verbesserte sich die Situation für die Katalanen Schritt für Schritt. Es folgte 1978 die Übertragung der Verwaltung auf die Generalitat. Die Erweiterung der Kompetenzen der Region ist bis heute noch nicht abgeschlossen. Die Regionalsprache blieb jedoch vorerst durch die Unterdrückung geschwächt (vgl. Aufmkolk und Heidenfelder 2008. Online).

II. Politische Institutionen

1. Verwaltung und Gesetzgebung

Das „Llei de Normalizació Lingüística“ vom 6. April 1983 hat maßgeblich dazu beigetragen, dass das Katalanische heute wieder eine vorherrschende Stellung hat. Dabei sollte vor allem der öffentliche Bereich katalanisiert werden, nicht aber Industrie und private Unternehmen (vgl. Gergen 2000: 23, zitiert nach Parlament de Catalunya (1997, 4010)). Die spanische Verfassung schreibt die Kooffizialität der beiden Amtssprachen Kastilisch und Katalanisch vor. Von Seiten der spanischen Regierung ist „das Recht der Nationalitäten und Regionen auf Autonomie ausdrücklich“ (Gergen 2000: 23, zitiert nach Nohlen/Hildenbrand (1991, 42)) erklärt. Die spanische Nation definiert sich jedoch als „Zusammensetzung aus den Nationalitäten (nacionalidades históricas)“, (vgl. Gergen 2000: 23) und als „unauflösliche Einheit der spanischen Nation“ (Gergen 2000: 23, zitiert nach Wiedmann (1995, 189); Ibán (1995, 67)).

Eine Föderation ist in der Verfassung nicht vorgesehen (vgl. Gergen 2000: 23). Das Autonomiestatut jeder Region definiert sich durch Vorschriften und Gesetze, die das „Zusammenwirken staatlicher und autonomer Organe“ (Gergen 2000: 25) erfordern. Ratifizierungen erfolgen durch sogenannte leyes orgánicas (Art. 81 CE).

2. Die Generalitat

Das Autonomiestatut Kataloniens unterliegt der katalanischen Regierung, der Generalitat de Cataluña. Im Parlament wird trotz anderslautender Gesetzgebung ausschließlich Katalanisch gesprochen (vgl. Gergen 2000: 28). Ihren Ursprung hat die Selbstverwaltung Cataluña in den Cortes Reales Catalanas, deren Delegation unter Rey Aragón einberufen wurde (14. Jh.) (vgl. Generalitat de Catalunya 1995-2005: Historia de la Generalitat de Cataluña. Online). Der Name Generalitat leitet sich vom Terminus generalitat ab und bedeutet Steuern, was auf die Versammlungen der Corts zurückzuführen ist, die in den Regionen Aragón, Cataluña und Valencia für den König Abgaben und Handelsteuern eintrieben (vgl. Generalitat de Catalunya 1995-2005: Génesis (siglo XIV). Online).

Die 1359 erstmals gegründete Generalitat wurde zweimal wiedereingeführt: 1. 1931 unter der II. Republik mit Einführung des Autonomiestatus 1932.

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Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Sprachpolitik in Katalonien
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
33
Katalognummer
V161188
ISBN (eBook)
9783640747108
ISBN (Buch)
9783656620693
Dateigröße
671 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachpolitik, Katalonien
Arbeit zitieren
Diplom-Übersetzerin Viola Trapper (Autor), 2008, Sprachpolitik in Katalonien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161188

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