Über einen möglichen Zusammenhang zwischen Legasthenie und Analphabetismus


Vordiplomarbeit, 2007

34 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Legasthenie - die Untersuchungsgrundlage
2.1 Beschreibung
2.1.1 Definition des Phanomens
2.1.2 Betroffene und Haufigkeit
2.1.3 Symptomatik und Erscheinungsformen
2.2 Bedingtheit und Entwicklung
2.2.1 Medizinische Ursachen
2.2.2 Psychologische Determinanten
2.2.3 Umweltfaktoren
2.3 Individuelle und gesellschaftliche Bedeutung
2.3.1 Bedeutung schriftsprachlicher Kompetenz
2.3.2 Folgen der Storung
2.3.2.1 Teufelskreis bei fehlender Diagnose
2.3.2.2 Folgen bei entdeckter Legasthenie
2.3.2.3 Relevanz fur die Entwicklungsaufgaben
2.3.3 Kognitive Entwicklung und Schriftspracherwerb
2.3.4 Diagnostik von Legasthenie
2.4 Interventionsmoglichkeiten und ihre Wirksamkeit
2.4.1 Pravention
2.4.2 Behandlung

3. Analphabetismus - die Gegenuberstellung
3.1 Beschreibung
3.1.1 Definition des Phanomens
3.1.2 Symptomatik und Erscheinungsformen
3.1.3 Betroffene und Haufigkeit
3.2 Bedingtheit und Entwicklung
3.2.1 Psychosoziale Ursachen
3.2.2 Soziokulturelle Determinanten
3.3 Individuelle und gesellschaftliche Bedeutung
3.3.1 Formen von Armut
3.3.2 Folgen fur die Zukunft

4. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Im Rahmen des Studiums absolvierte ich ein Praktikum im Thuringer Volkshochschulverband e.V.. Dabei wurde ich mit dem Thema Alphabetisierung konfrontiert und mein Interesse geweckt, mehr uber Analphabetismus zu erfahren. Mit der Absicht, die Vordiplomarbeit diesem Schwerpunkt zu widmen, begab ich mich in die Bibliothek und nutzte des weiteren diverse Suchmaschinen im Internet. Sucht man nach dem Begriff Analphabetismus wird mitunter auch Legasthenie thematisiert bzw. umgekehrt. Deshalb fragte ich mich, ob es Parallelen gibt, ob die Begriffe kompatibel sind. Daher mochte ich mich in dieser Arbeit auf die Suche nach einem Zusammenhang zischen beiden Phanomenen begeben.

Da die Untersuchung eines moglichen Zusammenhangs sehr viele Blickwinkel zulasst, mochte ich der Arbeit einen konkreten Schwerpunkt geben, indem ich vorrangig der Frage nachgehe, ob der Legastheniker von heute der Analphabet von morgen werden kann.

Der Formulierung dieser Fragestellung geht die Annahme voraus, dass beide Phanomene, also Legasthenie und Analphabetismus, vergleichbaren Charakter haben, sich vorrangig um unzureichende Lese- und Rechtschreibfahigkeit, also Schriftsprachkompetenz drehen und sich bedingen.

Der Frage nach der Bedingtheit, der Korrelation, wird durch die Betrachtung von Ursachen und Folgen von Legasthenie und die Gegenuberstellung von Analphabetismus Antwort gewahrt. Die Arbeit wird dabei umrahmt durch die Einbeziehung medizinischer, psychologischer und nicht zuletzt sozialer Aspekte. Im Zusammenhang mit der Bedingtheit der Legasthenie wird die bekannte Theorie von Piaget aus dem Bereich der Entwicklungspsychologie Anwendung finden, wobei die Stufen der kognitiven Entwicklung des Menschen unter dem Gesichtspunkt Schriftspracherwerb betrachtet werden.

In Zeiten rapiden Fortschritts und stetiger Technologieneuerungen und nicht zuletzt aufgrund von Globalisierung und Individualisierung nimmt Sprach- und vor allem Schriftsprachkompetenz einen wesentlichen Stellenwert fur die Partizipation am gesellschaftlichen Leben ein. Daher werde ich im Rahmen dieser Arbeit, auf Basis der Wichtigkeit dieser Kompetenz, Interventionsmoglichkeiten inklusive ihrer Wirksamkeit untersuchen, die moglichen negativen Folgeproblemen vorbeugen und diese verhindern sollen. Hierbei wird das Augenmerk unter anderem auf soziotherapeutische Mafinahmen gelegt, die durchgefuhrt werden mussen, damit eben aus dem Legastheniker kein Analphabet wird, damit eine Bedingtheit ausgeschlossen wird.

Die essentielle Basis meiner Untersuchung bildet jedoch die Definition der Phanomene, von welchen Phanomenen ist uberhaupt die Rede? Durch die Beschreibung beider Problematiken soll festgestellt werden, ob es Unterschiede gibt oder ob meine Annahme verifiziert werden kann, es also Parallelen gibt, oder ob gleichen Symptomatiken lediglich unterschiedliche Begriffe zugeordnet werden.

2. Legasthenie - die Untersuchungsgrundlage

Angelehnt an den Arbeitsschwerpunkt widme ich mich zunachst dem Phanomen der Legasthenie.

2.1 Beschreibung

Zur Beschreibung von Legasthenie nutze ich vielfaltige Moglichkeiten der Definition die sich im Laufe der Geschichte manifestiert haben und mache darauf aufmerksam, dass diese Storung vielfaltig in Erscheinung treten kann. Der Abschnitt soll unter anderem aufzeigen, wer von dieser Entwicklungsstorung betroffen ist und Haufigkeitstendenzen werden thematisiert.

2.1.1 Definition des Phanomens

Die meiner Meinung nach essentiellste Definitionsmoglichkeit gelingt mit dem Internationalen Klassifikationsschema fur psychische Storungen ICD-10, welches von der Weltgesundheitsorganisation erarbeitetet wurde, da es sich laut Ursachenforschung um ein medizinisches Phanomen handelt. Demnach „...gehort die LRS zu den umschriebenen Entwicklungsstorungen, das heiBt, die Betroffenen erreichen trotz ausreichender schulischer Unterrichtung und normalen kognitiven Fahigkeiten keine ausreichende Lese- und/oder Rechtschreibfahigkeit.“ (Remschmidt, Schulte-Korne 2003, S. A396).

„Die Einleitung des Kapitels F80 'Entwicklungsstorungen' in der ICD-10 fasst die allgemeinen Prinzipien uber diese Krankheitsbilder zusammen: Es handelt sich um Storungen von Funktionen, die eng mit der biologischen Reifung des Zentralnervensystems verknupft sind.“ (Noterdaeme 2000, S. 57). Zwar wird in Abschnitt F81 nicht der Begriff Legasthenie verwendet, aber sowohl die 'Lese- Rechtschreibstorung' als auch die 'isolierte Rechtschreibstorung' wird als 'umschriebene Entwicklungsstorung schulischer Fertigkeiten' aufgefuhrt und damit als psychische Storung mit Krankheitswert definiert. (vgl. Mann, Oberlander, Scheid 2001, S. 187). „Mit dem Wort 'umschrieben' soll klargestellt werden, dass es sich um isolierte Defizite einzelner Funktionen handelt, ohne dass dabei die allgemeine Intelligenz oder die Gesamtentwicklung eines Kindes betroffen ist.“ (Noterdaeme 2000, S. 57). Dieser Ansatz sollte im Rahmen von Aufklarungsarbeit stets hervorgehoben werden, um Stigmatisierungsprozesse zu vermeiden. Das soziale Umfeld soll die Kenntnis erlangen, dass Legastheniker durchaus normal bis uberdurchschnittlich intelligente Menschen sind.

Obgleich von isolierten Storungen die Rede ist, wird betont, dass einerseits die Storungen des Lesens und Schreibens oft mit Storungen der Sprache und der Motorik gemeinsam vorkommen, andererseits werden umschriebene Entwicklungsstorungen von Storungen des Gedachtnisses sowie der Aufmerksamkeit und Aktivitat begleitet. (vgl. ebenda, S. 57-58). Hierauf werde ich im Kapitel 2.2.1 genauer eingehen.

2.1.2 Betroffene und Haufigkeit

Umschriebene Entwicklungsstorungen beginnen ausnahmslos in der fruhen Kindheit und zeigen einen stetigen Verlauf. (vgl. ebenda, S. 65). „Eine Legasthenie konnen wir naturlich immer erst dann diagnostizieren, wenn das Kind Lesen und Schreiben lernen soll. In vielen Fallen aber konnen wir deutliche Hinweise schon beim Kleinkind oder spatestens im Kindergartenalter erhalten.“ (Fimhaber 2004, S. 67). „Die Symptomatik zeigt sich haufig bereits in den ersten beiden Schuljahren. Eine Diagnose kann jedoch aufgrund des unterschiedlichen konzeptuellen Vorgehens bei der Vermittlung des Schriftspracherwerbs in deutschen Schulen zuverlassig erst ab Ende der zweiten Klasse gestellt werden. “ (Remschmidt, Schulte-Korne 2003, S. A396).

Unter einem Legastheniker wird jemand verstanden, bei dem sich die anfanglichen Schwierigkeiten im Schriftspracherwerb zu einer Lese-Rechtschreibstorung oder isolierten Rechtschreibstorung verfestigt haben. (vgl. Mann, Oberlander, Scheid 2001, S. 193). „Angaben zur Haufigkeit der LRS sind maBgeblich von der Untersuchungsmethodik und dem gewahlten diagnostischen Kriterium beeinflusst. Hieraus resultieren auch die hohen Schwankungen zwischen 3 und 20 Prozent. (...) Im Erwachsenenalter erreichen ... 4,3 bis 6, 4 Prozent der Deutschen nicht das Lese- und/oder Rechtschreibniveau von Viertklasslern.(...) Jungen sind im Durchschnitt zwei- bis dreimal haufiger betroffen als Madchen.“ (Remschmidt, Schulte-Korne 2003, S. A397). Zur sprachlichen Vereinfachung wird im Text jedoch immer nur die mannliche Form gebraucht wird, obgleich beide Geschlechter gemeint sind.

Wie eben gezeigt, wird Legasthenie vorrangig mit dem Grundschulalter in Verbindung gebracht, obgleich Erwachsene ebenfalls uber unzureichendes Lese- und Rechtschreibeniveau verfugen. Dies unterstreicht meine Annahme uber einen Zusammenhang mit Analphabetismus, was im Fortgang meiner Ausfuhrungen noch genauer belegt werden soll.

2.1.3 Symptomatik und Erscheinungsformen

Dieser Abschnitt ist zunachst den Symptomen und Erscheinungsformen der Lese- Rechtschreibstorung gewidmet, um die Vielschichtigkeit dieser Storung zu untermauern.

,,Oft fallen Kinder mit Legasthenie erst durch Verhaltensstorungen in Form von Herumkaspern, aggressiven Durchbruchen oder emotionalen Problemen wie Traurigkeit, Angst vor der Schule...auf. Diese Symptome werden oft falsch eingeordnet und die notwendige facharztliche Diagnostik wird vemachlassigt.“ (ebenda, S. A397). Um Fehleinschatzungen des Verhaltens beim Schulkind zu vermeiden, ist es wichtig, die Symptomatik der Lese- und Rechtschreibstorung zu kennen. Diese sind im Deutschen Arzteblatt ubersichtlich aufgelistet und stellen sich wie folgt dar:

„Beim Lesen werden folgende Schwachen beobachtet:

- Schwierigkeiten, Buchstaben korrekt zu benennen und das Alphabet aufzusagen
- Auslassen, Ersetzen, Verdrehen oder Hinzufugen von Worten oder Wortteilen
- Niedrige Lesegeschwindigkeit
- Startschwierigkeiten beim Vorlesen, langes Zogern oder Verlieren der Zeile im Text
- Ersetzen von Wortern durch ein in der Bedeutung ahnliches Wort
- Unfahigkeit, Gelesenes wiederzugeben
- Unfahigkeit, aus dem Gelesenen Zusammenhange zu erkennen und Schlussfolgerungen zu ziehen

Beim Rechtschreiben werden folgende Schwachen beobachtet:
- Fehler beim mundlichen Buchstabieren
- Schwierigkeiten beim Schreiben von Buchstaben, Wortern und Satzen
- Hohe Fehlerzahl bei ungeubten Diktaten
- Hohe Fehlerzahl beim Abschreiben von Texten“ (ebenda, Textkasten 1).

Auf Basis dieser unterschiedlichen Symptome und verschiedener Techniken, die die Betroffenen entsprechend ihres Defizits entwickelt haben, wird von unterschiedlichen Erscheinungsformen gesprochen.

Christine Mann unterscheidet zunachst die Erscheinung des 'Verdeckten Analphabetismus', was sich darin widerspiegelt, dass die Kinder uberhaupt noch nicht begriffen haben, wie Lesen geht. Sie haben den Zusammenhang von Wortern und Buchstaben nicht begriffen, verwechseln und vergessen demnach immer wieder Buchstaben. (vgl. Mann, Oberlander, Scheid 2001, S. 193). Hier ergibt sich ein neuer Hinweis uber eine Verbindung zum Analphabetismus, da am Beispiel eines 25-Jahrigen durch zu spat- und nicht erfolgreiche Therapie „...der Aufbau der Leseflussigkeit nicht mehr moglich“ war, „...da sich das Leben ohne Schriftsprache bei ihm schon eingespielt hatte, dass nur ganz selten die Notwendigkeit auftrat, Schriftsprache zu gebrauchen.“ (ebenda, S.194). Das zeigt, dass diese versteckten Nichtleser durchaus jahrelang Kompensationstechniken anwenden, wie es auch Analphabeten tun, und unentdeckt einen, wenn auch schwierigen Schulweg meistern.

Diese Kinder, die nicht lesen konnen, ermoglichen das Schreiben, indem sie beispielsweise Buchstabenfolgen auswendig lernen, oder sich wie die 'Ganzwortleser' Worter als Wortbilder merken. Andere prahlen mit der besten Schrift der gesamten Klasse und wenn sie dann Lob durch die Lehrkraft erhalten, stecken diese Kinder, durch Verstarkung durch dieses Lob, dann haufig all' ihren Stolz in immer weitere Verbesserung ihrer Handschrift, ohne dass sie lesen konnen, was sie gerade abschreiben. (vgl. ebenda, S. 194-195). Fur Ganzwortleser „...ist die Sinnerfassung sehr wichtig, denn dieses Wortbildlesen funktioniert zumindest in der Anfangsphase nur, wenn man die vielfaltigen Kontexthinweise auf das Wort ausnutzt.(...) Eine andere Gruppe von Legastheniker hat zwar das Prinzip der Lesesynthese begriffen, scheitert aber an der Sinnzuordnung. (...) Daher findet kein Transfer vom Lesen auf das Schreiben statt, und die Rechtschreibung ist entsprechend desolat.“ (ebenda, S. 195).

Weitere Erscheinungsformen lassen sich im nachsten Abschnitt auf Basis unterschiedlicher Determinanten ausmachen. Um das Kapitel Beschreibung zu beenden, ist es wichtig, zu wissen, dass die hier beschriebenen Formen von Legasthenie keine Krankheit sind, obgleich Ursachen durchaus in organischen Vorbedingungen bestehen konnen, wie unter anderem im Folgenden gezeigt wird. (vgl. Mann, Oberlander, Scheid 2001, S. 197).

2.2 Bedingtheit und Entwicklung

Die eben genannten Erscheinungsformen konnte man alle samt auf mangelnde Lesefahigkeit zuruckfuhren. Wodurch diese, wie auch die Rechtschreibstorung allerdings bedingt sind, soll nun unter dem Gesichtspunkt Ursachen der Legasthenie erforscht werden. „Die LRS stellt eine komplexe Storung dar, deren Ursachen bis heut' nicht aufgeklart sind. In Grafik 1 wird ein Mehrebenen-Ursachenmodell vorgestellt, das die Bedeutung von neurobiologischen Faktoren in den Vordergrund ruckt.“ (Remschmidt, Schulte-Korne 2003, S. A402). Das Mehrebenen-Ursachenmodell gibt zugleich eine gute Ubersicht uber die unterschiedlichen Blickwinkel der Ursachenforschung und die Ursachenschnittstellen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2.1 Medizinische Ursachen

Um die vordergrundige Bedeutung der Neurobiologie der Legasthenie weifi Prof. Dr. Warnke: „Nur das neurobiologisch vorgegebene Gehim des Menschen ist in der Lage, schriftsprachlichen Unterricht in einen Lernprozess umzusetzen, der letztendlich in der erworbenen Fahigkeit mundet, Lesen und Rechtschreiben zu beherrschen. So haben Lesen und Rechtschreiben entscheidend eine neurobiologische Voraussetzung, namlich das menschliche Gehim.“ (Wamke 2000, S. 48).

Die Neurobiologie der Legasthenie widmet sich dem Gesichtspunkt, dass die Befahigung zum Erlernen von Lesen und Rechtschreiben durch das genetisch bestimmte Vermogen bedingt ist, die Fahigkeit zum Erwerb der Schriftsprachkompetenz also mehr oder weniger ausgepragt sein kann. Warnke nimmt folglich an, dass die Entwicklungsstorungen schulischer Fertigkeiten in Besonderheiten struktureller und funktioneller Eigenheiten des Gehirns des Menschen begrundet sind. (vgl. ebenda).

Methoden der neurobiologischen Forschung sind unter anderem „neurophysiologische Untersuchungen zu den Blickbewegungen, Sehfunktionen und zu den Funktionen des Horens...(...) Bei den neuropsychologischen Methoden kommen Messungen zu der Fehlerrate und dem Tempo zerebraler Informationsverarbeitung (Reaktionszeit) bei visuellen, akustischen und motorischen Aufgabenstellungen zum Einsatz.“ (ebenda, S. 49). Es geht also um die Wahrnehmung und Verarbeitung visueller und akustischer Informationen.

Im Hinblick auf die Funktion der Augen wurden Beweglichkeit und Sehscharfe untersucht, die bei Storungen zwar durch optische oder operative Mittel korrigiert werden mussen, aber sehr wahrscheinlich kaum jemals eine Legasthenie begrunden. Festgestellt wurde, dass die Augenbewegungen bei Betroffenen im Vergleich zu Kontrollpersonen verandert sind. Die Fixationszeiten sind verlangert, die Blicksprunge sind kurzer und haufiger ruckwarts gerichtet. Storungen der Blickbewegung sind daher nicht als Ursache sondern in nahezu allen Fallen als Folge der Lese-Rechtschreibschwierigkeiten zu werten.

Als Ursache hingegen erkannte man aber, dass bei jungeren Kindern mit Legasthenie visuelle Reize verlangsamt verarbeitet werden. Zur akustischen Informationsverarbeitung halt Warnke hingegen fest, dass das menschliche Gehirn in der Lage ist, zwei rasch aufeinander folgende Tone nur dann als getrennt wahrzunehmen, wenn die Tone in einem bestimmten Millisekundenabstand aufeinander folgen. Die Uberschreitung zeitlicher Temposchwellen stellt sich als Beeintrachtigung von Legasthenikern heraus, da bei ihnen die Verarbeitung sprachlicher Laute verlangsamt ist und daher die Trennscharfe der akustischen Wahrnehmung bei aufeinanderfolgenden Lauten gestort ist.(vgl. ebenda, S. 52-53). „Temporo-parietale Areale der linken Hemisphare, in denen hauptsachlich das Zusammenfuhren der Buchstaben zur entsprechenden Lautinformation stattfindet, waren bei der LRS deutlich geringer aktiviert.“ (Remschmidt, Schulte-Korne, S. A402).

Ich mochte an dieser Stelle, zum besseren Verstandnis eben genannter Ursachen, den Erfahrungsbericht von Mechthild Firnhaber nutzen, die anhand von Beispielen im Detail schildert, wie sich die visuellen und akustischen Wahrnehmungsstorungen in der Praxis auBem: „Die akustische Erfassungsschwache lasst sich am deutlichsten mit dem Wort 'Lautnuancentaubheit' erklaren: Die Kinder horen die klanglichen Feinheiten eines Lautes nicht. Das bedeutet, dass die Laute u-o, i-u-o-e, a-e fur den Legastheniker vollkommen gleich klingen. (...) Aufierdem horen Legastheniker den Unterschied zwischen kurzen und langen Lauten nicht. Bei den Wortern (der) 'Kamm', (er) 'kam', (er) 'kann', (der) 'Kahn', horen sie

keinerlei Unterschiede in der Betonung. (...) Wie die Form eines Buchstabens...aussieht, konnen sie sich nicht einpragen. Die ahnlich aussehenden Buchstaben wie d-b; l-t; m-n; k-h; I-J; o-a; a-e; K-H etc. werden immer wieder verwechselt.“ (Fimhaber 2004, S. 61).

Im Bereich der neurophysiologischen Erklarungsansatze werden Sprachstorungen mehrfach in Zusammenhang mit Legasthenie gebracht, weshalb ich auch hierzu ein paar Worte verlieren mochte. „Dass Kinder mit Sprachentwicklungsstorungen oder Sprachverzogerungen in der Schule irgendwelche Lemschwierigkeiten bekommen, gilt als gesichert.“ (ebenda, S. 96).

„Es steht fest, dass Kinder mit Sprachentwicklungsstorungen haufig zusatzliche Lernstorungen zeigen. (...) In den meisten Fallen ist der Begriff Lernstorung mit einer Legasthenie gleichzusetzen.“ (Noterdaeme 2000, S. 66).

Wie bereits in Kapitel 2.1.1 erwahnt, gehen Storungen der Sprache, des Lesens und Schreibens haufig mit Storungen der Motorik einher. Hier mochte ich mich auf meine Aussage unter Punkt 2.1.2 beziehen, dass motorische Auffalligkeiten bereits im Kleinkindalter Hinweise geben konnen, dass sich eine LRS entwickeln kann, motorische Storungen also ebenfalls Ursache sein konnen. „Zunachst werden die Kinder mit einer bestimmten motorischen Grundausstattung geboren, die besser oder schlechter sein kann.“ (Mann, Oberlander, Scheid 2001, S. 197).

„Um Lesen, Schreiben oder Rechnen zu lernen, muss das Gehirn mit den verschiedenen Sinnen gut zusammenarbeiten. Das bezeichnet man als 'Sensorische Integration'/4 (Fimhaber 2004, S. 43). Firnhaber nennt einige Auffalligkeiten, die im Vorschulalter bereits darauf hinweisen, dass die 'Sensorische Integration' als Basis spateren Lernprozesses gestort ist: Es gibt Kinder, die sich im Raum nicht zurecht finden und bewegungsangstlich sind. Manche Kinder nehmen als Sauglinge aus Angst vor Beruhrungen eine Abwehrhaltung ein, haben auch Angst Gegenstande zu beruhren und dadurch ihr Umfeld zu erfassen. So fallt es ihnen beispielsweise schwerer, geometrische Formen in die dafur vorgesehenen Behalter oder Schlitze zu stecken. Im Kindergarten fallen Kinder durch Ungeschicklichkeiten auf, wenn sie schlecht Ball spielen, turnen oder malen. Wenn ein Kind zur Einschulung seine Schuhbander nicht selbst binden und mit Knopfen nicht umgehen kann, sollte dies auch hier ein Alarmzeichen sein. (vgl. ebenda, S. 51-53).

2.2.2 Psychologische Determinanten

An dieser Stelle mochte ich eine Brucke zu psychologischen Verursachungsmomenten der Legasthenie schlagen, die im Mehrebenen-Ursachen-Modell mit den Begrifflichkeiten Intelligenz, Gedachtnis und Aufmerksamkeit zusammengefasst werden.

„Die Entwicklungspsychologie erforscht die funktionelle Ebene hinsichtlich der Korrelate des Verhaltens und Erlebens mit Legasthenie“. (Warnke 2004, S. 49). Fimhaber weiB, dass sich die eingeschulten Kinder noch immer leicht ablenken lassen, „...weil sie von der Vielfalt der Formen, GroBen, Farben und Eindrucke uberwaltigt werden, nicht Gleiches oder Ahnliches unterscheiden konnen. Sich auf einen bestimmten Gegenstand zu konzentrieren gelingt ihnen nicht, weil sie ihn nicht von den umgebenen Eindrucken trennen konnen. (...) Man hat den Eindruck, dass die Kinder schneller denken als sprechen konnen, sie wiederholen ein Wort oder auch einen ganzen Satzteil. Dies zeigt sich spater auch beim Schreiben von einzelnen Buchstaben bis zu ganzen Wortem, die wiederholt werden (iich, Eesel, aatmen).“ (Firnhaber 2004, S. 53).

Auch Noterdaeme weifi aufgrund vieler Untersuchungen, „...dass sprachentwicklungsgestorte Kinder oft begleitend eine hyperkinetische Storung, also eine Aufmerksamkeits- und Aktivitatsstorung zeigen. (...) Die sprachgestorten Kinder schneiden im Bereich der auditiven Daueraufmerksamkeit und des Arbeitsgedachtnisses deutlich schlechter ab als die Kontrollkinder, wahrend fur die visuelle Aufmerksamkeit keine signifikanten Gruppenunterschiede festzustellen sind. Aufmerksamkeitsstorungen sind eine deutliche Belastung fur die Gesamtentwicklung des Kindes. Diese Defizite fuhren zu... erheb lichen Lemschwierigkeiten im schulischen Bereich.“ (Noterdaeme 2000, S. 61-62).

Um Wissen zu erwerben und ausreichend lange zu behalten, ist das Gedachtnis des Menschen Voraussetzung, als Speicher der Informationen. Untersuchungen des auditiven Kurzzeitgedachtnisses ergaben beispielsweise, dass sich sprachgestorte Kinder 4-5 Zahlen merken konnen, jungere Kontrollkinder hingegen 5-6 Zahlen. (vgl. ebenda, S. 60).

Wie ich bei der Definition von Legasthenie bereits betonte, haben Betroffene durchaus eine hohe Intelligenz. Einen weiteren psychischen Erklarungsansatz, warum LRS auftritt, findet Christine Mann: Es gibt Kinder, die eigentlich alle Voraussetzungen fur gute Rechtschreibentwicklung haben, aber aus irgendwelchen Grunden Fehler nicht ertragen konnen. Sie sind uberangstlich und wenden Regeln auch dort an, wo sie gar nicht gelten, bis sie dann uberzeugt sind, dass ihre Schreibweise immer falsch ist. In Prufungssituationen wird diese Uberzeugung dann wieder bestatigt, da sie die ihrer Meinung nach falsche Schreibweise verbessern und erst recht Fehler machen. Andere Kinder wiederum sind durch hausliche Probleme so belastet, dass sie sich nicht auf den Unterricht konzentrieren konnen. Die Beteiligung an der Pflege eines erkrankten Elternteils, die problematische Scheidung der Eltern oder, noch viel schlimmer, sexueller Missbrauch oder korperliche Misshandlungen nehmen negativen Einfluss auf die Psyche der Kinder und somit auf die Konzentrationsfahigkeit im Unterricht. In jedem Fall ist Legasthenie ein Notsignal. (vgl. Mann, Oberlander, Scheid 2001, S. 196-197).

2.2.3 Umweltfaktoren

Im Zusammenhang mit der Neurobiologie erwahnte ich unter Punkt 2.2.1 schriftsprachlichen Unterricht als Basis des Lernprozesses. Warnke weifit darauf hin, dass Lese- Rechtschreibausbildung die soziokulturelle Voraussetzung normaler Schriftsprachentwicklung ist. Wenn der Unterricht aber unzureichend ist, kann sich das schriftsprachliche Konnen nicht ausbilden und man spricht von Analphabetismus.

[...]

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Über einen möglichen Zusammenhang zwischen Legasthenie und Analphabetismus
Hochschule
Ernst-Abbe-Hochschule Jena, ehem. Fachhochschule Jena
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
34
Katalognummer
V161211
ISBN (eBook)
9783640747061
ISBN (Buch)
9783640747566
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Legasthenie, Analphabetismus, kognitive Entwicklung, Schriftspracherwerb
Arbeit zitieren
Doreen Förste (Autor), 2007, Über einen möglichen Zusammenhang zwischen Legasthenie und Analphabetismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161211

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