Die Arbeit untersucht Elfriede Jelineks Theatertext "Das schweigende Mädchen" (2014) im Kontext des NSU-Prozesses und fragt nach der Inszenierung und Dekonstruktion juristischer Zeugenschaft. Ausgehend von der performativen Verschränkung von Gericht und Theater werden drei Dimensionen von Zeugenschaft – die juridische, die religiöse und die moralische – systematisch analysiert. Im Zentrum stehen die Figuren Engel und Propheten, das Gerichtspublikum sowie die gesellschaftliche Öffentlichkeit und die „Ich“-Figur. Die Analyse zeigt, dass Jelineks Text die Grenzen juridischer Wahrheitsfindung offenlegt, indem er die Fragilität von Wahrnehmung, Erinnerung und Wiedergabe betont und zugleich alternative Formen von Zeugenschaft eröffnet. An die Stelle der Beweissicherung tritt eine theatrale Praxis, die Verantwortung, Mitwissen und moralische Verpflichtung in den Vordergrund rückt. Das Theater wird so zu einem „Sprachgericht“, das nicht Wahrheit fixiert, sondern deren Konstruiertheit und Brüchigkeit erfahrbar macht.
Inhaltsverzeichnis
- 1 Einleitung
- 2 Theoretische Grundlagen
- 2.1 Das (performative) Spannungsverhältnis von Gericht und Theater
- 2.2 Dimensionen von Zeugenschaft
- 2.3 Grenzen von Zeugenschaft
- 3 Die Dekonstruktion juristischer Zeugenschaft
- 3.1 Der postdramatische Theatertext
- 3.2 Kontextuelle Verortung des NSU-Prozesses
- 3.3 Alternative Zeugenschaft
- 3.3.1 Engel & Propheten
- 3.3.2 Öffentlichkeit – Saalpublikum vs. Gesellschaft
- 3.3.3 „Ich"-Figur
- 4 Schlussüberlegung
- Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, wie Elfriede Jelineks Theatertext „Das schweigende Mädchen“ juristische, religiöse und moralische Formen von Zeugenschaft inszeniert, um die Grenzen von Wahrheit und Recht im Kontext des NSU-Prozesses sichtbar zu machen. Die zentrale Forschungsfrage ist, wie das Stück den juristischen Zeugenschaftsbegriff dekonstruiert und das Theater zu einem Ort alternativer Zeugenschaft transformiert, der die Performativität des Strafverfahrens reflektiert.
- Dekonstruktion des juristischen Zeugenschaftsbegriffs.
- Analyse des Spannungsverhältnisses von Gericht und Theater.
- Untersuchung von juridischen, religiösen und moralischen Dimensionen der Zeugenschaft.
- Beleuchtung der Grenzen von Zeugenschaft durch Wahrnehmungs-, Erinnerungs- und Wiedergabefehler.
- Analyse von Elfriede Jelineks „Das schweigende Mädchen“ im Kontext des NSU-Prozesses.
- Behandlung des postdramatischen Theatertextes und Jelineks spezifischen Schreibstils.
Auszug aus dem Buch
Dimensionen von Zeugenschaft
Seit den späten 1980er-Jahren erfahren die Begriffe „Zeuge“, „Zeugnis“ und „Zeugenschaft“ eine wachsende Aufmerksamkeit – sowohl in wissenschaftlichen Debatten als auch im kultu-rellen Diskurs.21 Zeugenschaft bezeichnet dabei stets eine Tätigkeit, die „grundsätzlich nach außen gerichtet und auf Adressaten angewiesen ist.“22 Es handelt sich also um einen „perfor-mativen Akt, [...] der in spezifische kulturelle Rahmenbedingungen eingebunden ist."23 Ass-mann (2013) unterscheidet drei Dimensionen der Zeugenschaft – die juridische, die religiöse und die moralische –, die sich jeweils durch unterschiedliche Voraussetzungen, Funktionen und Wahrheitsansprüche auszeichnen:
Der JURIDISCHE ZEUGE vom lateinischen testis abgeleitet – ist eine seit Langem etablierte Figur im juristischen Kontext. Im Strafrecht nimmt das Opfer häufig selbst die Funktion des Zeugen ein, während im Zivilrecht die Rolle durch eine dritte, unbeteiligte Person besetzt wird, die zwischen den Parteien vermittelt. Der juridische Zeuge ist eingebettet in ein streng forma-lisiertes Verfahren: Er spricht nicht in eigenem Namen, sondern erfüllt eine institutionell zuge-wiesene Funktion im Rahmen nachträglicher Wahrheitsfindung.24 Das Zeugnis ist hier an klare Voraussetzungen gebunden – Unparteilichkeit, unmittelbare sinnliche Wahrnehmung, zuver-lässige Erinnerung und Glaubwürdigkeit, die durch den Eid abgesichert wird.25 Damit wird das Wahrheitsproblem im juristischen Verfahren pragmatisch eingegrenzt, indem „die Frage der Zuverlässigkeit des Zeugnisses [...] mit der Frage seiner Glaubwürdigkeit [...] kurzgeschlossen wird."26 Zeugenschaft erscheint hier also als Beweismittel, das institutionell reguliert und nor-mativ begrenzt ist.
Der RELIGIÖSE ZEUGE vom griechischen martys abgeleitet – verweist auf die Figur des Mär-tyrers. Der Märtyrer ist ein Opfer, dem die Möglichkeit genommen ist, vor einem weltlichen Gericht zu sprechen, da die Gewalt vom Staat selbst ausgeht. Sein Zeugnis besteht im Sterben, das zur performativen Botschaft des Glaubensbekenntnisses wird: „Aus dem Sterben an wird ein Sterben für. "27 Der Märtyrer wandelt sich vom passiven Opfer (victum) zum aktiven Subjekt der Opferhandlung (sacrificium). Diese Inversion von politischer Unterlegenheit in religiöse Überlegenheit verweist auf den kulturellen Rahmen, in dem das Geschehen erzählt, interpretiert und bewertet wird. Während der juridische Zeuge eine nachträgliche Wahrheitsfindung im Rah-men von Verfahren unterstützt, zeugt der Märtyrer durch sein Opfer von einem transzendenten Wahrheitsanspruch.28
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Relevanz von Elfriede Jelineks Stück „Das schweigende Mädchen“ im Kontext der NSU-Verbrechen ein und stellt die Forschungsfrage nach der Dekonstruktion juristischer Zeugenschaft durch alternative theatrale Formen.
2 Theoretische Grundlagen: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Hintergründe, indem es das Spannungsverhältnis von Gericht und Theater, verschiedene Dimensionen von Zeugenschaft (juridisch, religiös, moralisch) und deren prinzipielle Grenzen (Fehler bei Wahrnehmung, Erinnerung, Wiedergabe) beleuchtet.
3 Die Dekonstruktion juristischer Zeugenschaft: Hier wird untersucht, wie Jelineks Stück anhand konkreter Zeugenfiguren wie Engeln, Propheten, dem Publikum und der „Ich“-Figur juristische, religiöse und moralische Zeugenschaft dekonstruiert und die Grenzen der Wahrheitsfindung aufzeigt.
4 Schlussüberlegung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, bestätigt die Dekonstruktion der juristischen Zeugenschaft im Stück und betont die Eröffnung eines Raums für alternative Zeugenschaft, der zur Übernahme von Mitverantwortung aufruft.
Schlüsselwörter
Alternative Zeugenschaft, Elfriede Jelinek, Das schweigende Mädchen, NSU-Prozess, Dekonstruktion, Juristische Zeugenschaft, Religiöse Zeugenschaft, Moralische Zeugenschaft, Postdramatisches Theater, Performativität, Wahrheit, Gedächtnis, Erinnerungsfehler, Öffentlichkeit, Sprachgericht
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Elfriede Jelineks Theaterstück „Das schweigende Mädchen“ den juristischen Zeugenschaftsbegriff im Kontext des NSU-Prozesses kritisch hinterfragt und alternative Formen der Zeugenschaft aufzeigt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind die Dekonstruktion juristischer Zeugenschaft, die Performativität von Gericht und Theater, verschiedene Dimensionen der Zeugenschaft (juridisch, religiös, moralisch) sowie die Grenzen der Wahrheitsfindung durch Fehlertypen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, zu untersuchen, wie „Das schweigende Mädchen“ juristische, religiöse und moralische Formen von Zeugenschaft inszeniert und dadurch die Grenzen von Wahrheit und Recht im NSU-Prozesskontext sichtbar macht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Analyse erfolgt anhand einer strukturierten Untersuchung zentraler Szenen des Stücks, die mit literatur- und rechtswissenschaftlichen Kategorien von Zeugenschaft gedeutet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt gattungstheoretische Überlegungen zum postdramatischen Theatertext, die kontextuelle Einordnung des NSU-Prozesses und eine systematische Untersuchung der Zeugenfiguren (Engel, Propheten, Gerichtspublikum, „Ich“-Figur) im Stück.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind: Alternative Zeugenschaft, Elfriede Jelinek, Das schweigende Mädchen, NSU-Prozess, Dekonstruktion, Juristische Zeugenschaft, Performativität, Wahrheit, Erinnerungsfehler, Sprachgericht.
Wie hängt Jelineks Stück mit dem realen NSU-Prozess zusammen?
„Das schweigende Mädchen“ dient der Aufarbeitung des Münchner NSU-Prozesses (2013-2018), wobei es diesen zugleich verfremdet und um eine religiöse Dimension des „Jüngsten Gerichts“ erweitert.
Welche Rolle spielt das Schweigen der Angeklagten Beate Zschäpe im Stück?
Das beharrliche Schweigen von Beate Zschäpe im NSU-Prozess, das als rätselhaft stilisiert wurde, wird im Stück aufgegriffen und thematisiert epistemische Leerstellen, die die juristische Aufklärung erschwerten und die Deutungshoheit verschoben.
Was bedeutet der Begriff „Sprachgericht“ im Kontext der Arbeit?
„Sprachgericht“ bezeichnet den Raum, den Jelineks Theatertext schafft, in dem Sprache nicht beruhigt, sondern beunruhigt wird, und in dem weniger Wahrheit festgeschrieben als vielmehr ihre Konstruiertheit und Brüchigkeit erfahrbar gemacht wird.
Inwiefern trägt das Theater zur Aufarbeitung des NSU-Komplexes bei, wo die Justiz an Grenzen stößt?
Das Theater eröffnet, wo juristische Aufarbeitung durch Schweigen, Beweisprobleme und institutionelles Versagen an Grenzen stößt, einen Raum für Reflexion, Irritation und Kritik, indem es einen Appell an das Publikum richtet, eigene Verantwortung zu übernehmen.
- Citation du texte
- Lucius Valens (Auteur), 2025, Alternative Zeugenschaft. Zur Dekonstruktion juristischer Zeugenschaft in Elfriede Jelineks "Das schweigende Mädchen", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1612635