Eine neue semantische Theorie der Emotionswörter


Essay, 2010

16 Seiten


Leseprobe

1. Einleitung

„Gefühlsleben! Welch ein Zauber webt über dem Worte, das die ganze Seeligkeit, aber auch alle Pein unseres Erdendaseins in sich faßt! Es ist eine eigene, geheimnisvolle Welt, und der Eingang zu ihr ist, wie der zum Hades der Alten, dunkel.

In der Tat gibt es kaum ein Gebiet seelischer Erscheinungen, das der Untersuchung größere Schwierigkeiten bereitet, als gerade die Gefühle.

Halten wir Umschau bei den Psychologen älterer und neuerer Zeit, so finden wir nirgends so viel Abweichung, ja sogar Widerstreit der Standpunkte und Erklärungen, wie gerade hier“ (Nahlowsky 1907: 3).

Nahlowskys Erkenntnis ist nicht allein in Bezug auf die Psychologie der Emotionen, sondern ebenso bezüglich der linguistischen Aufarbeitung der Emotionswörter bis heute aktuell. So wie es unterschiedliche psychologische Ansätze gibt, um Emotionen und Gefühle zu erklären, so gibt es diverse sprachwissenschaftliche Theorien, den semantischen Gehalt der Emotionswörter allgemein zu definieren.1 „Eine Schwierigkeit der Emotionsdefiniton entsteht [jedoch] dadurch, daß das subjektive Gefühlserleben [...] nicht mit Bezug auf Außenweltsachverhalte beschrieben werden kann.“ (Battacchi, Suslow und Renna 1996: 15) Es ist also ein rein „persönlich erfahrbarer Zustand, der sich einer Fremdbeobachtung entzieht.“ (Battacchi, Suslow und Renna 1996: 15)

Wie kann man aber einem anderen Menschen verständlich machen, was man fühlt? Es gibt nur wenige, äußerliche Anzeichen für ein Gefühl, und diese sind zudem keine eindeutigen Indikatoren. Deswegen ist die Sprache das einzige Mittel, um jemanden über die eigene Gefühlslage zu informieren, und aus der Existenz der Emotionswörter, die in jeder Sprache vorhanden sind, kann man daher schließen,2 dass wir Menschen auch das Bedürfnis haben, unsere Gefühle anderen mitzuteilen.3 Obwohl Emotionen also absolut intim und privat sind, gibt es dennoch nicht-private Wörter, mit deren Hilfe es möglich ist, über den emotionalen Status Auskunft zu geben. Folglich gilt es in diesem Artikel, die Frage nach dem semantisch-definitorischen Inhalt der Emotionswörter zu beantworten.

2. Die linguistische Bestimmung des semantischen Gehalts

2.1. Körperreaktionen und Bewertungen

Wie ich in Böckmann (2005) ausführlich diskutiert habe, kann man davon ausgehen, dass Emotionen aus zwei Komponenten bestehen. Zum einen aus den durch das situative Reizereignis hervorgerufenen Körperreaktionen, zum anderen aus der Bewertung der einzelnen Situation. (Vgl. Böckmann 2005: 63-71 und Abb. 1) Mit der Zwei-Faktoren-Theorie von Schachter und Singer (1962) ist diese Ansicht auch wissenschaftlich begründbar. Die Unterscheidung zwischen einzelnen Emotionen scheint jedoch hauptsächlich in der Bewertung einer Situation zu liegen, da die Körperreaktionen nicht eineindeutig auf eine bestimmte Emotion verweisen, sondern mit unterschiedlichen Emotionen ähnliche körperliche Reaktionen assoziiert sein können.4

Abbildung 1 auf der folgenden Seite zeigt, dass Bewertung und Körperreaktionen als gefühlte Emotion interpretiert werden müssen - auch wenn Letztere nicht ausschließlich der Distinktivität dienen -, um bewusst erlebt zu werden. An der Stelle der Interpretation muss aber auch die Namensrelation der Emotionsbegriffe ansetzen. (Vgl. Berthoz 2005: 69) Um dies zu verdeutlichen, ein Beispiel wie eine Emotion erlernt werden könnte:5

Ein Kind reagiert auf eine Situation emotional und zeigt nach außen hin bestimmte körperliche Merkmale, z.B. versucht es sich, hinter den Beinen der Mutter zu verstecken. Die Mutter, die dies bemerkt, versucht zu verstehen, warum das Kind auf diese Weise reagiert und extrapoliert aufgrund ihrer eigenen emotionalen Erfahrungen, welches Gefühl das Kind gerade verspürt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Schematische Darstellung der Emotionsauslösung

Dies funktioniert aufgrund anthropologischer Prinzipien: Zum einen besitzt der Mensch Spiegelneuronen, die dem Menschen eine gewisse Empathiefähigkeit verleihen, also eine Fähigkeit, den Gemütszustand eines anderen Menschen nachzuempfinden. (Vgl. Rizzolatti, Fogassi und Gallese 2007) Des Weiteren gehen Menschen grundsätzlich von der Annahme aus, dass andere in bestimmten Situationen ähnlich empfinden wie man selbst - wir selbst werden somit zum Prototypen einer Empfindung bezüglich einer Situation.

Die Mutter versetzt sich also in die Lage des Kindes, versucht die Situationsbewertung nachzuvollziehen, sieht sich durch die körperliche Reaktion des Kindes (z.B. Fluchtreaktion als Zeichen der Angst) in ihrer Annahme bestätigt. Daraufhin, falls die Situation für das Kind nicht bedrohlich ist, z.B. beim so genannten „Fremdeln“, wird sich die Mutter um das Kind kümmern und etwas sagen wie: „Du brauchst doch keine Angst zu haben.“6 Aufgrund der menschlichen Fähigkeit, generell im Spracherwerbsprozess Bedeutungen und Verwendungen von Wörtern zu erschließen (vgl. Chomsky 1977: 60), lernt das Kind, die gefühlte Emotion mit einem Namen zu belegen.7 (Vgl. Berthoz 2005: 64f.)

[...]


1 Vgl. z.B. Wierzbicka (1999), Kövecses (1990), Harré und Gillet (1994), Bamberg (1997) und Nissenbaum (1985)

2 Wittgenstein hat bekanntlich in seinen Philosophischen Untersuchungen gezeigt, dass es keine Privatsprache gibt. (Vgl. Wittgenstein 1984: 356-367).

3 Auch Darwin hatte schon vermutet, dass es einen Selektionsdruck im Hinblick auf die kommunikative Verwendung eines emotionalen Zustandes gegeben habe. (Vgl. Darwin 1982: 106-115.) Ein Indiz dafür ist die Empathiefähigkeit der Menschen, die darauf abzielt, Gemütszustände des Gegenübers nachzuempfinden. Des Weiteren erleichtert eine sprachliche Realisierung diese empathische Kommunikation, jedoch muss der empathische Hörer in jedem Fall wissen, von welcher Emotion jemand spricht. Den definitorischen Inhalt einer Emotion zu kennen, ist folglich unerlässlich.

4 Auch Sartre erkannte dies, als er in der Skizze einer Theorie der Emotionen Folgendes schrieb: „Die physiologischen Modifikationen zum Beispiel, die der Wut entsprechen, unterscheiden sich nur durch Intensität von denen, die der Freude entsprechen [...] und dennoch ist ja die Wut nicht eine intensivere Freude, sie ist etwas anderes, zumindest so, wie sie sich dem Bewußtsein darbietet.“ (Sartre 1982: 269)

5 Wittgenstein beschreibt in ähnlicher Weise, wie ein Kind die Bezeichnung für die Empfindung „Schmerz“ erlernt. (Vgl. Wittgenstein 1984: 357)

6 Dies ist der erste Teil der Konventionsaufstellung für einen Emotionsbegriff, nämlich der Teil, den der Begriffe-Lehrende leisten muss.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Eine neue semantische Theorie der Emotionswörter
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V161477
ISBN (eBook)
9783640752140
ISBN (Buch)
9783640752577
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Emotionswörter, Semantik, Semantiktheorien, Gefühle, Gefühlswörter, Emotionen, Bedeutung, Bedeutungstheorien
Arbeit zitieren
Markus Böckmann (Autor), 2010, Eine neue semantische Theorie der Emotionswörter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161477

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