Religiöse Toleranz in Brandenburg-Preußen


Hausarbeit, 2007

35 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Flucht und Aufnahme der Hugenotten

3. Toleranz in Brandenburg-Preußen bis zum Edikt von Potsdam

4. Der Weg zum Edikt von Potsdam

5. Das Edikt von Potsdam und seine Auswirkungen für Brandenburg-Preußen

6. Religiöse Toleranz in den politischen Testamenten

7. Zusammenfassung

8. Quellen-und Literaturangaben

1. Einleitung

Für das Zustandekommen des Begriffes „Hugenotten“ gibt es einige Deutungen. Die plausibelste jedoch ist die, daß es das französische Wort für „Eidgenossen“ ist und somit die Verbindung des französi- schen Protestantismus zum schweizerischen schafft. Dies hängt wohl auch damit zusammen, daß der Genfer Reformator Johannes Calvin gebürtiger Franzose war und nach seiner Vertreibung aus der Heimat, in der Schweiz im Exil lebte. Nach zahlreichen Hugenot- tenkriegen und den Greueltaten der Bartholomäusnacht, erlangten sie 1598 im Edikt von Nantes zahlreiche Freiheiten wie freie Reli- gionsausübung, Zutritt zu allen Ämtern und Würden, zahlreiche Si- cherheitsplätze sowie das selbständige Abhalten von Synoden. Die- ses, vom ehemaligen Hugenottenführer und nunmehrigen König Heinrich IV. erlassene Edikt, wurde aber nur zu dessen Lebzeiten eingehalten. In der Folgezeit wurden die Rechte der Hugenotten immer mehr eingeschränkt. So gestand der Sohn Heinrichs IV., Ludwig XIII., im Gnadenedikt von Nîmes 1629 den Protestanten keine politischen Sonderrechte mehr zu und schränkte die konfes- sionelle Gleichstellung ein. Unter Ludwig XIV. versuchte man zu- nächst die Hugenotten zur Widerrufung ihres „Irrglaubens“ zu zwingen, indem man sie durch Verbot der Nationalsynoden, Zerstö- rung reformierter Kirchen und Auflösung reformierter Schulen mas- siv in der Ausübung ihres Glaubens behinderte und sie durch den Ausschluß aus dem Staatsdienst ihrer politischen Macht beraubte. Da diese Maßnahmen jedoch nicht zum erwünschten Ziel führten, ging man zur nächsten Stufe über, der körperlichen Gewaltanwen- dung.

Auf königlichen Befehl hin wurden Dragoner (daher der Begriff „Dragonaden“) und andere Soldaten in reformierte Haushalte ein- quartiert, um die Einwohner notfalls mit Gewalt zur Rekonvertie- rung zu zwingen.1 Aber auch die Dragonaden führten nicht zum er- wünschten Ziel. Den Höhepunkt der Repressalien gegen die Huge- notten bildete die Aufhebung des genannten Edikts von Nantes durch das Revokationsedikt von Fontainebleau im Jahre 1685. Durch die Bestimmungen des Edikts wurden sämtliche noch beste- henden reformierten Kirchen enteignet und zerstört und der öffentli- che wie private reformierte Gottesdienst unter Androhung der To- desstrafe verboten. Alle nichtkatholischen Ehen wurden aufgelöst und Kinder aus solchen ins Kloster gegeben. Des weiteren war die Auswanderung von Reformierten oder die Entfernung ihrer Be- sitztümer aus Frankreich unter Galeerenstrafe verboten,2 was zeigt welch großer materieller Besitz sich in den Händen der Hugenotten befand.

Lediglich die reformierten Prediger durften das Land verlassen. Unter diesen Umständen konnten sich die Hugenotten nur noch weit außerhalb der Städte treffen (wegen der Abgelegenheit „Kirche der Wüste“ genannt), um ihren Glauben zu praktizieren. Da auch solche Treffen mit der Todesstrafe geahndet wurden, konnten die Hugenot- ten ihre Religion nur unter Lebensgefahr ausüben. Auf Grund dieser unannehmbaren Umstände sahen viele Hugenotten (200.000- 300.000) ihr einziges Heil in der Flucht ins Ausland. Sie waren be- reit für ihren Glauben eine zum Teil monatelange, gefährliche Reise und ein Leben in einem fremden Land auf sich zu nehmen.

Somit hatte Frankreich, nach einer zeitgenössischen Klage „100.000 Einwohner, 60 Millionen bares Geld, 9.000 Matrosen, 12.000 Sol- daten, 600 Offiziere und seine blühendsten Gewerbe verloren.“3

2. Flucht und Aufnahme der Hugenotten

Mit der Flucht begann ein langer Leidensweg für die Hugenotten. Besonders an den Grenzen wurde es gefährlich, da diese in Erwar- tung einer Flüchtlingswelle stärker kontrolliert wurden, um eine Emigration zu verhindern. Wurden Flüchtige erwischt, wurden sie erschossen oder auf die Galeeren gebracht. Doch hatten sich die Französich-Reformierten einmal zur Flucht entschieden, mußte sie ihr Weg in eines der reformierten Länder Europas führen. So berei- teten sich England, die Schweiz und die Niederlande auf die An- kunft ihrer Glaubensgenossen vor. In Deutschland waren es vor al- lem Hessen-Kassel und in bedeutenderem Maße Brandenburg- Preußen, die den Réfugiés (=Flüchtlinge) eine Zuflucht gewährten. Dabei setzte vor allem Brandenburg-Preußen auf eine planmäßige Anwerbung. Demgemäß erließ der Große Kurfürst Friedrich Wil- helm von Brandenburg das Edikt von Potsdam, auf welches im fünften Kapitel genauer eingegangen werden soll. In diesem Zu- sammenhang ist es nur wichtig zu sagen, daß dieses, in deutsch und französisch abgefaßte Edikt, nicht nur in Deutschland sondern auch in Frankreich verbreitet wurde und daß in diesem auch die Namen brandenburgischer Residenten (Botschafter) in grenznahen Orten (Hamburg, Frankfurt/Main, Köln) genannt werden.

Somit hatten die einwanderungswilligen Hugenotten eine Anlauf- stelle, von der alles weitere zum Transport in die verschiedenen Provinzen geregelt wurde und wo sie gegebenenfalls auch eine erste notdürftige Versorgung mit lebensnotwendigen Sachen erhielten. Letzteres war auch dringend notwendig, da einige der Ankömmlin- ge buchstäblich ihr letztes Hemd auf der Flucht verloren hatten und mit nichts als dem nackten Leben nach Deutschland kamen. Auch der Weitertransport in die östlichen Provinzen Brandenburg- Preußens lief nicht reibungslos, da sich die lutherischen Stände wei- gerten, zusätzliche Mittel für den Transport der reformierten Réfu- giés zu bewilligen. Daher war der Kurfürst gezwungen Fuhrwagen für den Transport der Hugenotten zu beschlagnahmen und sie mit- ten im Frieden zu Kriegsfuhren zu erklären, um sie aus der Kriegs- kasse bezahlen zu können.4 Doch kaum in ihrer neuen Heimat ange- kommen, trafen die Réfugiés auf erneuten Widerstand. Dieser kam jedoch nicht wie in Frankreich von der weltlichen Obrigkeit, diese hatte sie schließlich ins Land geholt, sondern von den lutherischen Geistlichen und der Bevölkerung. Denn, anders als die Präambel des Edikts von Potsdam vermuten läßt, war Brandenburg-Preußen kein reformiertes Land. Lediglich der kurfürstliche Hof, und einige wenige Adelshäuser gehörten dem Calvinismus an. Wenn der Kur- fürst in der Präambel von „... Unsere der Evangelisch-Reformirten Religion zugethane Glaubens-Genossen...“5 und von „… solchen Unsern, wegen des heiligen Evangelii und dessen reiner Lehre angefochtenen und bedrengeten Glaubens-Genossen…“6 spricht, spricht der Kurfürst nicht als Repräsentant seines Volkes, denn das Volk wollte keine Calvinisten im Land haben, sondern als gläubiger Calvinist und Utilitarist. Warum der Kurfürst es als nützlich erachtete Hugenotten ins Land zu holen, sehen wir uns später an.

Auf Grund der dargestellten Situation mußten die Réfugiés also zwangsläufig auf Widerstände bei der einheimischen Bevölkerung sowie der lutherischen Geistlichkeit stoßen.

Erstere befürchteten, daß die Privilegien, die der Kurfürst den Hu- genotten erteilte, auf Kosten ihrer eigenen Privilegien gehen wür- den. Außerdem sahen sie in den Franzosen, die im Bereich der Ma- nufakturen auf dem höchsten technologischen Stand waren, eine zu starke wirtschaftliche Konkurrenz und somit eine Bedrohung ihrer Existenz.

Die lutherischen Geistlichen verdammten die Hugenotten, trotz mehrmaligen Verbots, von den Kanzeln herab. Sie sahen in der Odyssee der Hugenotten die gerechte Strafe Gottes für den refor- mierten Unglauben der Neuankömmlinge. Darüber hinaus befürch- teten sie, daß der reformierte Kurfürst mit Hilfe seiner Glaubenge- nossen die reformierte Kirche zur neuen Staatskirche machen woll- te. Es gab also praktische und theologische Gründe, die, abseits vom kurfürstlichen Hofe, gegen die Aufnahme der Hugenotten sprachen. Während man die Bedenken der einfachen Bevölkerung über den Verlust ihrer Existenz, ihres „Jobs“ gerade heute noch gut nachvoll- ziehen kann, sieht es bei den theologischen Gründen anders aus. Ja wie kam es überhaupt dazu, daß es einen reformierten Landesherren gab, der über ein Land herrschte, in dem ca. 95 % der Bevölkerung lutherisch war. Widersprach das nicht dem allseits praktizierten und oft gern zitierten Prinzip „cuius regio, eius religio“, wonach der Landesherr bestimmte, welche Konfessionen in seinem Herr- schaftsbereich erlaubt war? Wir werden es im nächsten Kapitel se- hen.

3. Toleranz in Brandenburg-Preußen bis zum Edikt von Potsdam

Die Geschichte der Tolerierung einer anderen Konfession begann in Brandenburg-Preußen im Jahr 1613, mit der Konvertierung des Kurfürsten Johann Sigismund vom Luthertum zum reformierten Glauben. Über den Grund für den Konfessionswechsel gibt es in der Literatur auseinandergehende Ansichten. Für die einen war es religiöse Überzeugung, die den Kurfürsten zur Annahme des reformierten Bekenntnisses führten, während andere vornehmlich politische Gründe für den Übertritt verantwortlich machen.

Tatsächlich war es wohl eine Mischung dieser beiden Umstände. Die grundlegenden theologischen Impulse hatten den Kurfürsten wohl bei einem längeren Aufenthalt am pfälzischen Hof, also dem bedeutendstem kalvinistischen Hof Deutschlands, im Jahre 1604 er- reicht. Intensive Bibellektüre sowie lange theologische Gespräche, sowohl mit der Pfalzgräfin als auch mit den reformierten Theologen der Universität Heidelberg, sollen dabei sein Herz für den Calvi- nismus geöffnet haben.

Den politischen Hintergrund des Konfessionswechsels bildete der Jülich-Klevesche Erbfolgestreit, wobei es um die Erbfolge der aus- gestorbenen Herzöge von Kleve im gleichnamigen, konfessionell gemischten (Calvinisten, Katholiken) Herzogtum ging. Die Haupt- anwärter auf das Erbe waren der Kurfürst von Brandenburg und der Graf von Pfalz-Neuburg, die beide mit Töchtern des letzten Herzogs verheiratet waren.

Der Graf von Pfalz-Neuburg war katholisch und konnte mit der Un- terstützung des Kaisers rechnen, der am Rhein keine weitere mäch- tige protestantische Macht haben wollte. Der Streit begann im Jahre 1609 und drohte wenige Jahre später in einen Krieg auszuarten. Für einen solchen suchte nun auch Johann Sigismund Unterstüt- zung. Solche glaubte er bei den Niederlanden finden zu können, an welche das Herzogtum Kleve grenzte.7 Da die Niederlande eine cal- vinistische Macht waren, würden sich die Bündnischancen des brandenburgischen Kurfürsten erhöhen, wenn er ebenfalls zum Cal- vinismus übertreten würde. Darüber hinaus würde bei einem sol- chen Schritt auch die Akzeptanz bei dem calvinistischen Teil der kleveschen Bevölkerung steigen. Somit vollzog Johann Sigismund im Jahr 1613 den Konfessionswechsel. Da der Kurfürst durch die- sen Schritt nun auch tatsächlich Unterstützung bei den Niederlanden fand, war das Kräfteverhältnis wieder ausgeglichen. Unter diesen Bedingungen konnte ein Krieg vermieden werden und das kleve- sche Erbe wurde im Vergleich von Xanten 1614 geteilt. Betrachtet man den zeitlichen Ablauf, also erster Kontakt mit Cal- vinismus 1604, Jülich-Klevescher Erbfolgestreit ab 1609 und dro- hender Krieg gegen Ende desselben Jahres ohne Bündnisgenossen, kann man sagen, daß der Kurfürst schon seit längerem einen Konfessionswechsel in Betracht zog und ihm durch den Erbfolgestreit ein handfester Anlaß zum Übertritt gegeben wurde.

Neu war das nicht. Glaubenswechsel aus politischen Gründen gab es bereits vorher, sowohl in Reichsterritorien als auch im Ausland. Allerdings neu war, daß Johann Sigismund seine Untertanen nicht dazu zwang, ebenfalls die Konfession zu wechseln. Dies wäre aus zwei Gründen bestenfalls problematisch, wenn nicht gar unmöglich gewesen. Der erste Grund ist, daß der Calvinismus nicht zu den zwei Konfessionen gehörte, die laut Augsburger Religionsfrieden im Reich erlaubt waren.

Auf Grund dessen hatte der Kurfürst keine rechtliche Grundlage, die ihn autorisieren würde, seine Untertanen zum Konfessionswechsel zu zwingen.

Der zweite Grund war die streng lutherische Bevölkerung Bran- denburg-Preußens. Denn obwohl einige, vor allem ostpreußische Adelshäuser wie die Dohnas, die Dönhoffs, Lehndorffs oder Fin- kensteins8, die großen Einfluß hatten, ebenfalls konvertierten, ver- fügte der Kurfürst nicht über ein ausreichend großes Machtpotenti- al, um seinen Untertanen den Calvinismus mit Gewalt aufzuzwin- gen.

Er begnügte sich statt dessen damit, seinem Volk in der Confessio Sigismundi die Gründe für seinen Glaubenswechsel zu erläutern und ihnen zu versichern, daß er nicht vorhabe, sie ebenfalls zum Konfessionswechsel zu zwingen. Es sei jedem freiwillig überlassen, ob er auch konvertieren wolle oder nicht. Damit war die preußische Toleranz geboren. Diesem ersten Akt der Toleranz folgte ein Jahr später ein nächster.

[...]


1 Siehe Gerhard Fischer: Die Hugenotten in Berlin, Berlin 1988, S. 15f.

2 Hermann Klenner: Toleranzideen im siebzehnten Jahrhundert, in: Ingrid Mittenzwei (Hg.): Hugenotten in Brandenburg-Preußen, Berlin 1987, S.169-190, hier S. 169f.

3 Zitiert nach: Theodor Schott: Die Aufhebung des Ediktes von Nantes im Oktober 1685, Halle 1885, S. 140.

4 Vgl. Frédéric Hartweg: Die Hugenotten in Berlin: Eine Geschichte die vor 300 Jahren begann, in: Ders. und Stefi Jersch-Wenzel (Hg.): Die Hugenotten und das Refuge: Deutschland und Europa (Einzelveröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, Bd. 74), Berlin 1990, S. 1-56, hier S. 8.

5 Edikt von Potsdam, abgedruckt bei und zitiert nach: Ernst Mengin: Das Recht der franzö sisch-reformierten Kirche in Preußen, Berlin 1929, S. 186-196, hier S. 186.

6 Ebd.

7 Ulrich Stutz: Kurfürst Johann Sigismund von Brandenburg und das Reformationsrecht, Berlin 1922, S.10.

8 Ernst Machholz: Materialien zur Geschichte der Reformierten in Altpreußen und im Erm land. 300 Jahre preußische Kulturgeschichte, Lötzen 1912, S. 6.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Religiöse Toleranz in Brandenburg-Preußen
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Hauptseminar Konfessionalisierung und Religionsfrieden im 16./17. Jahrhundert
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
35
Katalognummer
V161529
ISBN (eBook)
9783640753741
ISBN (Buch)
9783640753932
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
religiöse Toleranz, Preußen, Hugenotten, Edikt von Potsdam, Frühe Neuzeit, Großer Kurfürst, Calvinismus, Frankreich
Arbeit zitieren
Andreas Stoll M.A. (Autor), 2007, Religiöse Toleranz in Brandenburg-Preußen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161529

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