Sprachentod durch die 'Unsterblichen'

Die Situation der Regionalsprache Bretonisch in einem geeinten Europa


Hausarbeit, 2009

24 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. Europäische Sprachvielfalt und die Frage der Nation

3. Geographie der Bretagne

4. Geschichte
4.1. Vom 16 bis zum 19. Jahrhundert
4.2. Die Suche nach dem Ursprung des Bretonischen und die Frage der Nation
4.3. Entwicklung des Dialekts
4.4. Theorie des insularen Ursprungs oder Insel-Theorie
4.5. Neuere Forschungsansätze

5. Der Weg zu einer einheitlichen bretonischen Schriftsprache

6. Politische Situation
6.1. historisch
6.2. Die Bretonische Bewegung und ihre Bedeutung für die Sprache

7. Bretonisch an Schule und Universität

8. Demoskopie und Strukturwandel

9. Schwierigkeiten des französisch/bretonischen Bilinguismus
9.1 Der Bilinguistische Mythos
9.2 Bretonische Schande

10. Sprecher

11. Domänen des Bretonischen

12. Aktuelle politische Situation

13. Conclusion

Bibliographie

Plus ça change, plus c'est la même chose” (Jean-Baptiste Alphonse Karr)

1. Einleitung

„La parole distingue l’homme entre les animaux: le langage distingue les nations.“1 Rousseaus Gedanke die Sprache unterscheide die Nationen kann auf die bretonische Sprache nur bedingt angewendet werden, in der Bretagne coexistieren zwei Sprachen innerhalb einer Nation.

Die Idee der Gleichheit, die mit der französischen Revolution aufkam, wurde nicht und wird nicht auf die Regionalsprachen Frankreichs angewendet. Bis dato weigert sich die französische Legislative, die UNESCO Carta für Regional- oder Minderheitensprachen (ECRML) zu ratifizieren. Frankreich hat als einziges europäisches Land seine Sprachenvielfalt noch nicht offiziell anerkannt. Die Gründe für die Ablehnung dieser Regionalsprachen sind sicherlich historisch und soziologisch fundiert. Einige Linguisten stellen sogar die These auf, dass das Bretonische von Staatsseite her ausgerottet werden soll.

Der Film “Willkommen bei den Scht'ies“, ein französischer Film aus dem Jahr 2008, persifliert die tief verwurzelten Vorurteile, die dem Norden vom Rest Frankreichs entgegengebracht werden. Die Komik des Filmes, mit all den bäuerlichen und proletarischen Stereotypen, kann jedoch den Konflikt, den das Bretonische innerhalb der Nation präsentiert, nicht mindern. Zudem zeigt die Wahl des Topos, daß diese Vorurteile auch im geeinten Europa des 21. Jahrhunderts noch immer existent sind.

Bretonisch ist eine bedrohte Sprache, sogar vom Sprachtod wird bezüglich dieser Sprache gesprochen. Europäische, wie auch internationale Institutionen, versuchen bedrohte Sprachen zu schützen. In Frankreich stellt sich dies als schwierig dar. Die Sprachschützer der Académie Française berufen sich auf den 2. Artikel der Verfassung, nach dem Französisch die einzige offizielle Landessprache ist. Dieser Artikel wurde in die Verfassung aufgenommen um die französische Sprache zu schützen. In Zeiten wachsender Anglizismen in jeder nicht-englischen Sprache sicher ein ehrenwerter Versuch die eigene Sprache zu bewahren. Andererseits führen die Minderheiten-und Regionalsprachen Frankreichs dadurch einen fast aussichtslosen Kampf ums Überleben. Staatliche Hilfe können sie nicht erwarten, der große Rest Frankreichs wehrt sich gegen die Egalisierungs-Versuche der Europäischen Union, sie wollen Frankreichs eigene Identität wahren und nicht im europäischen Einheits- strudel verschwinden.

Diese Arbeit soll einige dieser Gründe näher betrachten und zudem die aktuelle Konflikt-Situation anhand von Quellen, die im Internet veröffentlicht wurden, beleuchten. Da bretonische Schriftsteller und Sprach-Aktivisten sich unter der Zensur der Zentralregierung sehen, scheinen sie im besonderem Maße dieses schwer zu kontrollierende Medium zu nutzen, zum anderen bedienen sich Organisationen wie die Gesellschaft für bedrohte Sprachen oder die Föderalistische Union bedrohter Volksgruppen dieses Mediums um ihre Publikationen zeitnah der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

2. Europäische Sprachvielfalt und die Frage der Nation

Die Vorstellung, daß eine Nation mit einer Sprache spricht ist falsch. Eine “geprägte Chimäre“2 die wohl weder in Europa, noch auf anderen Kontinenten, der Realtität entspricht. Die “vier wichtigsten Defienda für den Begriff Nation [...] Geschichte, Ethnie, Sprache und Religion.“3

Nationale Selbstdefinitionen sind “zum einen eine Abgrenzung nach außen und zum anderen ein Homogenitätsdruck nach innen“4. Gerade in Frankreich ist dieser Homogenitätsdruck sehr dominant. Mit Gründung der “Dritten Republik“ im Jahr 1871 begann die Diskriminierung der Regionalsprachen. Die Einführung der allgemeinen Schulpflicht trug dazu bei, daß Französisch als “alleinige Amts-und Nationalsprache“5 durchgesetzt wurde.

Bretonisch ist, durch sein Auftreten in einer bestimmten Region, eine Regionalsprache, aber es ist gemäß der Definition zur Differenzierung sprachlicher Minderheiten auch eine Minderheitensprache.6 Die Bretonen in Frankreich bilden eine autochthone sprachliche Minderheit innerhalb eines Nationalstaates.

3. Geographie

Die Bretagne besteht, linguistisch betrachtet, aus zwei Teilen.7 Dem West-Teil, der niederen Bretagne, und der hohen Bretagne. Die Ostgrenze der niederen Bretagne ist S-förmig, beginnt am Ärmelkanal in Plouay und endet am Atlantik in Damgan (Morbihan). Im Norden resultiert der kurvige Grenzverlauf vom Vormarsch der romanischen Sprache von St Brieuc her (in den letzten Jahrhunderten); im Süden von dem längeren Gebrauch des Bretonischen in Vannes.

Die sprachlichen Varietäten des Bretonischen, die von romanischen Sprachen beeinflußt wurden, sind genetisch eng mit denen des Loire-Beckens verwandt. Sie werden 'patois' genannt.

4. Geschichte der bretonischen Sprache

4.1. 16. bis 19. Jahrhundert

8 Während der Renaissance gründete sich die Französische Nation, dabei wurde die Übernahme des Gälischen als “Original-Sprache“ oder Landessprache bevorzugt. Vom Bretonischen wurde angenommen, es sei die letzte Überlebende der antiken keltischen Sprache auf dem Kontinent, damit erwarb es sich den Ruf der ältesten Sprache, die auf französischem Boden überlebt hat. Das Buch Antiquité de la nation et de la langue des Celtes autrement appelé s Gaulois des Dom Pezron von 1703 trug zu einer Kelto-Manie bei. Weitere Texte gingen sogar so weit, vorzutäuschen, Französisch hätte seine Wurzeln im Gälischen. Der keltische Mythos brach mit dem Fall Napoleons 1814 zusammen, aber noch 1948 war der alte Glaube an den Vorrang des Gälischen vorhanden, andererseits werden Bretonisch-Sprecher als bäuerlich empfunden, wohl auch wegen ihrer unverständlichen Sprache.

Die Romanistik wurde im Verlauf des 19. Jahrhunderts entwickelt und erstickte alle angenommenen Vermutungen, daß Französisch und Bretonisch sprach-genetisch verwandt seien.

4.2 Die Suche nach dem Ursprung des Bretonischen und die Frage der Nation

1883 kam die Idee auf, daß Bretonisch von britischen Immigranten auf die nun vollkommen romanisierte Halbinsel importiert wurde. Die Neuankömmlinge, ethisch vollkommen verschieden zu den Franzosen, wurden als Erbauer eine vollkommen neuen Landes angesehen. Wie eingangs erwähnt, definieren Geschichte, Ethnie, Sprache und Religion eine Nation. Die Neuankömmlinge brachten mit sich:

- Die keltische Sprache
- ihre Religion
- ihre eigene Geschichte
- ihre Ethnie

Durch ihr Eintreffen kam es zu neuen territiorialen Teilungen und Trennungen.

Von diesem Standpunkt aus konnten die Franzosen als Sieger über diese fremde Nation auf eigenem Boden angesehen werden, die nach und nach in die französische Kultur assimiliert wurden und somit nicht mehr eine Nation innerhalb einer Nation bildeten.

Die Hauptverfechter dieser Theorie wurden Bretonisten genannt, viele von ihnen waren Historiker oder Aristokraten. Innerhalb weniger Jahrzehnte machte sie ein neues Bild der Provinz populär. Das neue Verständnis war weit davon entfernt das lebende Vermächtnis des Gälischen zu sein. Die Bretagne wurde nun als Außenposten der Britischen Inseln auf dem Kontinent präsentiert, dessen fremde Sprache ihre Bevölkerung vor dem materialistischen und atheistischen Einfluß der französischen Revolution bewahrt hatte. Die dadurch ihrer alten Religion treu geblieben waren. Die Bretagne war nun das Rückgrat, falls ein geistlicher Angriff auf Frankreich unternommen würde, jedoch hatte sie durch ihre wechselhafte Geschichte immer noch einen Sonderstatus.

4.3. Entwicklung des Dialekts

Der Großteil der Abhandlungen über das Bretonische behauptet, daß jedes der Bistümer, welches vor der Revolution von 1789 existierte, seinen eigenen Dialekt hatte. Somit weise das Bretonische fünf Dialekte auf. Ein anderer Allgemeinplatz ist, dass ein einheitliches Alt-Bretonisch sich im Laufe der Zeit aus verschiedenen Gründen in diese Dialekte aufsplitterte, einer davon sei die Union der Bretagne mit Frankreich von 1532.9

Der aktuelle Forschungsstand besagt, dass Sprachvereinigung nur das Resultat eines langen Kampfes sein kann, sie benötigt starke nationale Einrichtungen, als erster Schritt erfolge die Dialekt-Verschiedenheit. Es existiert aber auch eine andere Theorie: die Arbeit Falc'huns führte zu einer anderen These bezüglich der bretonischer Dialekte. Die Gruppen mehrerer Isoglossien enthülle die Existenz dreier Haupt-Dialekt-Gruppen: eine “Erneuerungszone“ in Carhuix streckt sich aus von Trèguier nach Quimper, hinterläßt zwei“archaische Gebiete“ im Nordwesten und Südosten. Die zentrale Zone scheint eine linguistische Brücke zwischen entfernten, aber verwandten linguistischen Formen zu sein. Davon ausgehend resultieren die zentralen Dialekte aus der vereinigenden Wirkung der Stadt Carhaix, eine wichtige Verwaltungsstadt während der römischen Periode, gelegen im Zentrum der unteren Bretagne; dort trafen sich alle wichtigen Straßen.

4.4. Theorie des insularen Ursprungs oder Insel-Theorie

Die Theorie des insularen Ursprungs des Bretonischen begann, laut Le Dû,10 mit der Entwicklung der keltischen Studien. Die Bretagne wurde von Linguisten als ein später Ausläufer der Sprachen Großbritanniens betrachtet, jedoch besäße es nicht den 'Adel' des Walisischen, dessen reiche Literatur nur von der irischen übertroffen wurde. Das Konzept wurde von den bretonischen Nationalisten gepflegt. Sie sahen es als Rechtfertigung ihres Wunsches die Bretagne von Frankreich abzulösen.

Diese “Insel-Theorie“ ist bis heute so gut wie allgemeingültig und dieser Glauben ist schwerlich auszumerzen. Diese Idee birgt zusätzliche Schwierigkeiten für die staatliche Anerkennung des Bretonischen, da der Ablösungs- oder Autonomiegedanke ein Teil dieses Gedankengutes ist.

4.5 Neuere Forschungsansätze

Mit Nora Chadwick beginnend, haben moderne Historiker bewiesen, daß die Immigration nach Armoria von Großbritannien aus viel früher als angenommen begonnen hatte. Lange vor der den Invasionen der Sachsen, d.h. in der späteren Periode des römischen Reiches. Seit 1962 attestieren viele Wissenschaftler, daß das heutige Bretonisch im Amorican-Gälischen wurzelt und seit dem Ende der römischen Besetzung die verschiedenen britisch-keltischen Besatzungen, die verschiedenen britisch-keltischen Dialekt-Varietäten absorbierte, die von den römisch-britischen Kolonisten mitgebracht wurden und in einer späteren Periode, von Immigranten die vor der sächsischen Invasion flohen.

[...]


1 Jean Jacques Rousseau, Essai sur l'originie des langues

2 Wirrer, 23

3 Wirrer, 26

4 Wirrer, 27

5 Mayr 1999

6 Zur Definition sprachlicher Minderheiten siehe Wirrer, 33

7 Zur Geographie der Bretagne sieh Le Dû, 105

8 Zur Geschichte der Bretagne siehe Le Dû, 105 f

9 Siehe Le Dûc 107 f

10 Le Dû, 107

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Sprachentod durch die 'Unsterblichen'
Untertitel
Die Situation der Regionalsprache Bretonisch in einem geeinten Europa
Hochschule
Universität Bielefeld  (Germanistik: Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft )
Veranstaltung
Minderheiten- und Regionalsprachen in Europa
Note
2,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
24
Katalognummer
V161579
ISBN (eBook)
9783640750726
ISBN (Buch)
9783640751365
Dateigröße
1012 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachentod, Unsterblichen, Situation, Regionalsprache, Bretonisch, Europa
Arbeit zitieren
Bettina Korte (Autor), 2009, Sprachentod durch die 'Unsterblichen', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161579

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