Literarhistorische Fremdkulturdarstellung am Beispiel von Jules Vernes Roman „In 80 Tagen um die Welt“


Seminararbeit, 2010
27 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung.

II. Hauptteil
1. Literaturgeschichtliche Zuordnung und Entstehungskontext des Werkes
1.1 Zeithistorische Einflüsse - Literatur im Zeitalter des Kolonialismus
1.2 Zuordnung innerhalb des verneschen Gesamtwerks
2. Fremdkulturwahrnehmung und -darstellung im „Tour du monde“
2.1 Phileas Fogg und Passepartout oder Die zwei großen Kolonialmächte in Zusammenarbeit
2.2 Die Vereinigten Staaten
2.3 Schwellenländer und Wilden des 19. Jahrhunderts
3. Der eurozentrische Blick auf das Fremde
3.1 Technischer Fortschritt als Maßstab der Entwicklung
3.2 Die zivilisierende Rolle des europäischen Kolonisators
3.3 Manifestierungen eurozentrischer Werteorientierung

III. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

IV. Literatur.

I. Einleitung

Dieser Beitrag nimmt sich vor, mittels Jules Vernes Roman „Le tour du monde eu quatre-vingts jours“, ein Beispiel von kultureller Selbst- und Fremdwahrnehmung und ihrer literarischen Darstellung, in einem durch den Kolonialismus markierten 19. Jahrhundert, zu präsentieren. Dabei wird das analytische Augenmerk insbesondere auf die Position des Europäers in der Wahrnehmung von kultureller Alterität gerichtet, sowie auf die gesellschaftshistorischen Erklärungen dieser seiner Position.

In diesem Sinne soll das erste Kapitel des Hauptteils der vorliegenden Arbeit den sozialpolitischen Entstehungskontext des „Tour du monde“ untersuchen, seinen Platz unter den Werken eines Autor, der seine Weltsicht nicht selten stilisiert oder gar umgepolt hat, sowie die verschiedenen Quellen, die Jules Verne zum Verfassen des Romans angeregt und seinen Ideenkomplex beeinflusst haben.

Im zweiten Kapitel sollen die eigentliche Fremdkultuerfahrung und -darstellung, die im Roman teilweise explizit durch den Erzähler oder den Figuren, teilweise implizit durch die Beschreibung der Charakterzüge der Figuren durch den Autor, die somit stellvertretend für ihre Kultur auftreten, untersucht werden. Besondere Aufmerksamkeit gilt hierbei der Denunzierung möglicher stereotypiesierender oder gar rassistischer Konstruktionen des Fremden.

Während das zweite Kapitel nur auf die werkimmanente Fremdkulturdarstellung eingeht, ohne sich unmittelbar und wertend auf die Ursprünge der betreffenden Fremdkulturbilder zu beziehen, nimmt sich Kapitel 3 vor, das aus dem Roman hervorgehende, jedoch nicht explizit formulierte Weltbild, unter Berücksichtigung seiner sozial-politischen Entstehungshintergründe und Funktionen, die Kapitel 1 veranschaulicht hat, zu analysieren und kritisch zu hinterfragen. Es sollen somit Interferenzen zwischen einem aus dem Roman hervorgehenden, zeitlich und räumlich determinierbaren Wahrnehmungsschema der Fremde und seine literarische Materialisierung in Form des Romans bestimmt werden. Was für ein Weltbild steckt hinter dem Werk? Wie wird Fremdes dargestellt und welche Rolle kommt dem beobachtenden Subjekt zu?

Die Antworten auf solche und thematisch ähnlich gerichtete Fragen sollen die dreiteilige Struktur – wann und wo? – wie? – wieso? – des vorliegenden Beitrags, vervollständigen und einen aufschlussreichen Beitrag zur wissenschaftlichen Untersuchung literarhistorischen Fremdkulturdarstellung leisten.

II. Hauptteil

1. Literaturgeschichtliche Zuordnung und Entstehungskontext des Werkes

1.1 Zeithistorische Einflüsse auf das Werk - Literatur im Zeitalter des Kolonialismus

Jules Verne lebte in einer Zeit, in der die Welt im wahrsten Sinne des Wortes den europäischen Großmächten gehörte. Was heutzutage als eine eher düstere Phase der westlichen Zivilisation betrachtet wird, galt damals als Beginn einer neuen Ära, in der der Mensch zum Herrscher über die Natur wurde. Düster erscheint sie heute, weil die Gesellschaft in der wir leben eine ganz andere Vorstellung von Zivilisation und vom Menschen generell vertritt. Im 19. Jahrhundert bedeutete Herrscher über die Natur implizit auch Herrscher über Menschen im Naturzustand. Als enzyklopädischer Geist und Hobby-Naturwissenschaftler, wie man ihn heute bezeichnen würde, scheint es äußerst plausibel, dass der Verfasser des „Tour du monde“ in seinem Weltbild, das er so oft in seinem Werk nach außen projiziert hat, von zwei Büchern beeinflusst wurde.

1972, im selben Jahr also wie der hier untersuchte Roman selbst, erscheint die sechste Auflage von Darwins „The Origin of Species“, ein Buch, das das bis dahin bestehende Menschenbild fundamental verändern sollte. Somit spiegeln die „Voyages extraordinaires“ laut Chesneaux: „Avec une certaine naiveté les préjugés racistes et éthnocentristes qui servaient alors de commode justification aux entreprises de pillage colonial et d`expansion coloniale“[1], wobei seine weitere Anmerkung, die Serie sei, in der Tradition des „Supplèment au voyage de Bougainville“, noch von der Überlegenheit des Naturzustands ausgegangen, mit Sicherheit nicht auf den „Tour du monde“, wo die Dichotomie Natur-Kultur ohne Frage zugunsten des zweiten Sachlage gewertet wird, anzuwenden ist.[2]

Nun waren also die Menschen nicht mehr in ihrem Wesen gleich, der kolonialistische Genozid bekam jetzt eine anthropologische Rechtfertigung. Dass dies einfach der „Stand der Dinge“ im 19. Jahrhundert war und nicht etwa die persönliche Sicht Vernes, wird auch von Unwin pointiert, indem er sich auf Marie-Helene Huet bezieht: „The theme of travel and exploration links in naturally with the general nineteenth-century colonialist movement. For Verne, the great nations are necessarily imperialist and expansionist.“[3]

Das zweite Werk, das Vernes Weltsicht zwar wahrscheinlich nicht unmittelbar verändert hat, das aber für das Verstehen der westlichen Wertvorstellungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vital ist, Marx’ „Das Kapital“, wurde fünf Jahre vor dem „Tour du monde“ veröffentlicht. Während die Ideen der Rassenlehre und der evolutionistischen Theorie teilweise direkt im Roman vorzufinden sind, durch den Erzähler z.B., der bei der Beschreibung der Papua-Wilden meint, es seien „des êtres placés au dernier degré de l'échelle humaine” (16. Kap), lässt sich die Lobpreisung des Geldes zwar nur indirekt herauslesen, dafür ist sie aber im Roman allgegenwärtig.[4] Geld ist sicherlich nicht der Anlass für das Unternehmen Foggs und Jules Verne betont das an mehreren Stellen, jedoch wäre ihr Gelingen ohne die Macht des Geldes zweihelhaft gesen, wie es auch Timothy Unwin betont: „It is certainly true that 'Le Tour du monde' glorifies, among other things, money. The success of Phileas Fogg's endeavour may, in the end, be due less to his spirit of enterprise than to the power of his eternal banknotes, and the conception of the journey as a bet makes the entire project indissociable from the presence of money.[5]

Dass Verne aber, wie vorhin erwähnt, seine Wertvorstellungen und sein Weltbild – oder zumindest jenes, das er in seinen Werken den Lesern mitgeteilt hat – während seiner Lebenszeit oft verändert hat, ist ein Faktum, das bei der Analyse des Romans berücksichtigt werden muss und das im nächsten Kapitel erläutert werden soll.

1.2 Zuordnung innerhalb des Gesamtwerks

„Le Tour du monde en quatre-vingts jours“ ist Teil der Serie „Voyages extraordinaires“, die, angefangen mit dem Roman „Cinq semaines en ballon“ (1863) über eine Zeitspanne von vierzig Jahren nicht weniger als 64 Titel angesammelt hat. Der ursprüngliche Vertrag Vernes mit seinem Verleger Hetzel sah die Verfassung von Romanen für den „Magasin d'éducation et de récréation destinée à la jeunesse“ vor, die Adressaten waren also größtenteils Jugendliche, folglich mussten die Texte in gewisser Weise informativ sein. Dies ist eine mögliche Erklärung für das in seinem Werk omnipräsente Arsenal an Beschreibungen von exotischen Landschaften und Völkern – die „Voyages extraordinaires“ sind in einer Epoche verfasst, in der die letzten großen, vom Menschen bis dahin unbekannten Erdteile, exploriert wurden.[6] – sowie jenes an Erläuterungen von technischen Mechanismen und naturwissenschaftlichen Phänomenen.

Der Roman markiert einen Wendepunkt in Vernes Schaffen, es ist nämlich das letzte Werk, wo der Autor, der bis dahin als „grand chantre de l'Angleterre victorienne qui, dans son œuvre, brille d'un éclat inégalable“[7] galt, England als Kolonialmacht preist.[8] Großbritannien wird in seinem zukünftigen Werk nicht mehr als Wiege der Zivilisation erscheinen, Ghislain de Diesbach meint sogar die Entwicklung einer Art Anglophobie im Werk des französischen Autors zu erkennen: „Au fur et à mesure qu'il viellit et que s'accroît son anglophobie, Jules Verne multiplie les coups de patte, les traits incisifs, des descriptions ridicules. Les Anglais ont cessé d'être pour lui des modèles d'humanité - ce rôle et revenu aux Américains - pour devenir des personnages caricaturaux ou perfides.“[9]

Auch werden die unmenschlichen Seiten des Kolonialismus angesprochen, z.B. im „Robur le Conquerant“: „Ils avaient fait de cet homme, autrefois aussi noble, un esclave du systeme capitaliste.“[10] Das späte Werk Vernes wirkt insgesamt menschlicher, es tritt auch eine Frau als Hauptfigur auf und zwar im „Mistress Branican“ (1891), die einzige in einem Werk, in dem die Hauptdarsteller nur abenteuerlustige und technickverliebte Männer sind.[11]

[...]


[1] Chesneaux, Jean: Une lecture politique de Jules Verne, Paris: François Maspero, 1971, S. 100

[2] Vgl. ebd.

[3] Unwin, Timothy: Le tour du monde en quatre-vingts jours, University of Glasgow French and German publications, 1992, S. 14

[4] Es soll hier nicht angedeutet werden, dass „Das Kapital“ oder sein Verfasser für den Kapitalismus ist, natürlich stimmt eher das Gegenteil. Dass aber der „Tour du monde“ quasi zeitgleich mit dem „Kapital“ erschienen ist, kann Bedeutung gewinnen, wenn man die (auch wirtschaftspolitischen) Diskurse des 19. Jahrhunderts untersucht.

[5] Unwin, Timothy: Le tour du monde en quatre-vingts jours, University of Glasgow French and German publications, 1992, S. 10ff

[6] Vgl. Chesneaux, Jean: Une lecture politique de Jules Verne, Paris: François Maspero, 1971, S. 100

[7] Diesbach, Ghislain de: Le tour de Jules Verne en 80 livres, Paris: Perrin, 2000, S. 63

[8] Vgl. Diesbach, Ghislain de: Le tour de Jules Verne en 80 livres, Paris: Perrin, 2000, S. 68

[9] ebd.

[10] Rober le Conquerant, S. 193, zitiert nach Wolfzettel, Friedrich: Jules Verne. Eine Einführung, München und Zürich: Artemis, 1988, S. 45

[11] Lucian Boia spricht auch von den Annahmen vieler Kritiker, Verne sei, obschon er verheiratet war, homosexuell gewesen. In: Boia, Lucian: Jules Verne. Les paradoxes d´un mythe, Paris: Les belles lettres, 2005, S. 251-263

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Details

Titel
Literarhistorische Fremdkulturdarstellung am Beispiel von Jules Vernes Roman „In 80 Tagen um die Welt“
Hochschule
Universität Bayreuth
Veranstaltung
Transfer von Fremdkulturerfahrung
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
27
Katalognummer
V161584
ISBN (eBook)
9783640750030
ISBN (Buch)
9783640750108
Dateigröße
626 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Literarhistorische, Fremdkulturdarstellung, Beispiel, Jules, Vernes, Roman, Tagen, Welt“
Arbeit zitieren
Stefan Anton Saulea (Autor), 2010, Literarhistorische Fremdkulturdarstellung am Beispiel von Jules Vernes Roman „In 80 Tagen um die Welt“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161584

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