Der kunsthistorische Terminus „Primitivismus“ bezeichnet „die Aufnahme sog. primitiver Kulturen in der Moderne“ als Rezeption und Imitation. Der Begriff in seiner heutigen Verwendung bezieht sich vor allem auf den bewussten „Zugriff auf Formen, Inhalte, Materialien und Techniken der Kunst vormoderner Völker in Malerei und Skulptur durch die klassischen Avantgarden zwischen 1890 und 1940“. Die Idee dahinter kann mit dem Versuch beschrieben werden, sich bestimmter Werte des Ursprünglichen, Elementaren oder kraftvoll Vitalen zu versichern, und sich damit vom bestehenden Zustand in Kultur, Kunst und Gesellschaft abzugrenzen.
Seine Bedeutung für die Moderne bezeichnet William Rubin als eines der Schlüsselthemen der Kunst des 20. Jahrhunderts. Der Begriff bezieht sich dabei vorrangig auf die Rezeption der „sog. Negerkunst (art nègre) Afrikas und Ozeaniens“, die Anfang des 20. Jahrhunderts zum gängigen Synonym primitiver Kunst wurde und moderne Richtungen wie den Fauvismus, Kubismus und Expressionismus nachhaltig beeinflusste.
Die vorliegende Arbeit versucht, ausgehend von den Vorbedingungen, die Entwicklung des künstlerischen „Primitivismus“ im Deutschen Expressionismus aufzuzeigen. Hierbei soll zuerst die Frage beantwortet werden, wie und auf welchem Wege Künstler mit außereuropäischer Kunst in Berührung kamen.
Dabei wird Interesse an sogenannter „primitiver“ Kunst aber auch an ihren Trägern, den Menschen anderer Kulturen, beleuchtet. Die Entstehung der völkerkundlichen Museen und ihren Lehrmeinungen spielt dabei ebenfalls eine Rolle, die die künstlerische Avantgarde auf der einen Seite anregte, aber auch Rezeptionsmuster vorgab.
Der Wunsch neuen Idealen zu folgen und die akademischen Schranken zu durchbrechen fand im deutschen Expressionismus einen Höhepunkt der klassischen Moderne. Vor allem die Künstlergruppe „Die Brücke“ in Dresden beschritt dabei neue Wege. Exemplarisch soll das plastische Werk Ernst Ludwig Kirchners für die Übernahme außereuropäischer Elemente betrachtet werden. Daneben stehen vor allem Emil Nolde und Max Pechstein im Blickpunkt, die beide den Schritt wagten, ihrem Traum bis in die Südsee zu folgen und sich radikal vom Althergebrachten und von der bürgerlichen Gesellschaft abzusetzen um neue Perspektiven zu eröffnen.
In der Schlussbetrachtung muss auch noch ein Blick auf die Diskussion um den Begriff des „Primitivismus“ selbst geworfen werden, da seine Entstehung nicht ohne Kontroversen gesehen werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vorbedingungen des modernen „Primitivismus“
2.1. „Die Expansion des Abendlandes“
Exkurs: Entstehung einer Wissenschaft, vom Kuriositätenkabinett zur Ethnologie
2.2. Ordnung der Dinge
Von Evolutionismus und Kulturkreisen
2.3. Ethnologie
Die Entstehung einer Wissenschaft
3. „Primitiv“ und „Primitivismus“ in der Kunstgeschichte
3.1 Paul Gauguin
3.2. Der Fauvismus
3.3 Die „Entdeckung“ der Stammeskunst
4. „Primitivismus“ im deutschen Expressionismus
4.1. Expressionismus
4.2. Künstlergruppen im deutschen Expressionismus
4.2.1. Der Blaue Reiter
4.2.2. „Die Brücke“
4.3. „Primitivismus“ in der "Brücke"
4.3.1. Palau-Hausbalken und Afrikanische Impulse
4.4. Ernst Ludwig Kirchner
4.4.1. Kurzbiografie
4.4.2. „Primitivismus“ bei Kirchner
Exkurs: Atelierprimitivismus
4.5. „Die Brücke“ in der Südsee
4.6. Emil Nolde
4.6.1. Kurzbiografie
4.6.2. „Primitivismus“ bei Nolde
4.6.2. Noldes Reise in die Südsee
4.7. Hermann Max Pechstein
4.7.1. Kurzbiografie
4.7.2. „Primitivismus“ bei Pechstein
5. Begriffskritik und Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Entwicklung und Bedeutung des künstlerischen „Primitivismus“ innerhalb des deutschen Expressionismus, insbesondere der Künstlergruppe „Die Brücke“. Dabei wird analysiert, wie die Auseinandersetzung mit außereuropäischer Kunst und der Wunsch nach einer Rückkehr zum Ursprünglichen als ästhetischer und lebensphilosophischer Gegenentwurf zur modernen Industriegesellschaft fungierte.
- Historische Vorbedingungen und die Rolle ethnologischer Sammlungen
- Die Rezeption „primitiver“ Kunst als Katalysator für die Avantgarde
- Vergleichende Analyse zwischen den Fauvisten und den deutschen Expressionisten
- Die Bedeutung von Palau-Hausbalken und afrikanischer Plastik für Kirchner, Nolde und Pechstein
- Diskussion des Primitivismus-Begriffs und seiner ideologischen Implikationen
Auszug aus dem Buch
3.3 Die „Entdeckung“ der Stammeskunst
„Auf dem Weg zu Gertrude Stein kaufte Matisse im Herbst 1906 ein 'Negerobjekt' für wenige Francs. Die Statuette hinterließ bei dem ebenfalls eingeladenen Picasso Eindruck und öffnete ihm wohl die Augen für die klaren Formen der afrikanischen Plastik. Es war der Beginn einer großen Liebe, ohne die 1907 seine 'Demoiselles d'Avignon' so nicht entstanden wären.“
Die modernen Strömungen der Kunst Anfang des 20. Jahrhunderts und ihre immer weiter fortschreitende Loslösung von objektiv optischer Wahrnehmung hin zu mehr geistigen Konzepten bedeutet eine wichtige Voraussetzung für die Aufnahme afrikanischer und ozeanischer Einflüsse. Betrachtet man das Interesse der Zeit an außereuropäischer Kunst, so stellt die Aufnahme der Stammeskunst einen weiteren logischen Schritt in der Erweiterung der Quellen des künstlerischen Schaffens dar. „Die Auseinandersetzung mit Objekten aus fremden oder alten Kulturen und die Frage, in welches Verhältnis man sich zu diesem Erbe an 'Weltkunst' setzt, beschäftigt die Kunst- und Literaturkritik um 1900 ebenso, wie es Thema damaliger Kunstgeschichte ist.“
In diesem Kontext, und in der Folge verschiedener Strömungen wie des Orientalismus oder Japonismus, ist die Beschäftigung mit der Kunst Afrikas und Ozeaniens als logische Entwicklung zu sehen. Die afrikanische Kunst ist damit „eingebettet in ein auf alle sogenannte 'primitive' Kunst gerichtetes Interesse der Künstlerkreise.“
Und trotzdem stellte die Kunst der „Stammeskulturen“ eine besondere Herausforderung an die Sehgewohnheiten des angehenden 20. Jahrhunderts.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Definiert den kunsthistorischen Begriff „Primitivismus“ und erläutert die Zielsetzung der Arbeit, die Entwicklung dieses Phänomens im deutschen Expressionismus aufzuzeigen.
2. Vorbedingungen des modernen „Primitivismus“: Beleuchtet die historische Expansion des Abendlandes, die Entstehung der Ethnologie und die museale Erfassung außereuropäischer Kulturgüter.
3. „Primitiv“ und „Primitivismus“ in der Kunstgeschichte: Analysiert die historische Verwendung des Begriffs sowie die Rolle von Paul Gauguin und den Fauvisten als Vorläufer und Wegbereiter.
4. „Primitivismus“ im deutschen Expressionismus: Untersucht die künstlerische Umsetzung und Rezeption durch die Gruppen „Blauer Reiter“ und „Die Brücke“, mit Fokus auf Kirchner, Nolde und Pechstein.
5. Begriffskritik und Schluss: Reflektiert die ideologischen Kontroversen um den Primitivismus-Begriff und dessen Bedeutung für die moderne Kunstentwicklung.
Schlüsselwörter
Primitivismus, Expressionismus, Die Brücke, Stammeskunst, Avantgarde, Ethnologie, Kolonialismus, Ernst Ludwig Kirchner, Emil Nolde, Hermann Max Pechstein, Südsee, Afrikanische Plastik, Moderne, Kunstgeschichte, Kulturrelativismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie und warum Künstler des deutschen Expressionismus, insbesondere der Gruppe „Die Brücke“, außereuropäische „Stammeskunst“ in ihre eigene künstlerische Praxis integrierten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung des Primitivismus-Begriffs, dem Einfluss ethnographischer Museen, der Faszination für das „Ursprüngliche“ als Gegenentwurf zur Moderne und der individuellen künstlerischen Auseinandersetzung führender Expressionisten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie die Avantgarde durch die Rezeption außereuropäischer Kunst neue formale und inhaltliche Ausdrucksweisen entwickelte, um akademische Traditionen zu überwinden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine kunsthistorische Untersuchung, die eine Literaturanalyse mit der Auswertung von Primärquellen (Briefen, Manifesten) und einer vergleichenden Bildanalyse kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich detailliert der Rolle der Künstlergruppen, den Reisen von Nolde und Pechstein in die Südsee sowie dem Einfluss spezifischer Objekte, wie der Palau-Hausbalken, auf das Werk von Ernst Ludwig Kirchner.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Primitivismus, Expressionismus, Stammeskunst, kulturelle Identität, Avantgarde und die spezifische Bedeutung des „Ursprünglichen“ für die klassische Moderne.
Welche Bedeutung hatten die Palau-Hausbalken für Ernst Ludwig Kirchner?
Die im Dresdner Völkerkundemuseum ausgestellten Balken dienten Kirchner als zentrales Studienobjekt, deren flächige und kantige Formensprache er in seinen Holzschnitten und Malereien in eine eigene, moderne Bildsprache übersetzte.
Wie unterscheidet sich die Sichtweise von Emil Nolde von der seiner Kollegen?
Nolde verband die Suche nach dem Ursprünglichen stark mit einer spirituellen Komponente und empfand die Kolonialisierung als Bedrohung für das, was er als „Urnatur“ verklärte, wobei seine Arbeit im Missionar-Bild eine starke kritische Anklage gegenüber der kolonialen Einflussnahme darstellt.
- Citar trabajo
- Sven Müller (Autor), 2010, Primitivismus in der Kunst des 20. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung des deutschen Expressionismus, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161631