Die Gestalt Svidrigajlovs in Dostojewskis Roman "Schuld und Sühne"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

25 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biografie und Aussehen Svidrigajlovs
2.1 Die Biografie Svidrigajlovs
2.2 Svidrigajlovs äußeres Erscheinungsbild

3. Svidrigajlovs Bedeutung für Raskolnikoff
3.1 Trichotomie
3.2 Das Aussehen von Svidrigajlov und Raskolnikoff
3.3 Svidrigajlov und Raskolnikoffs Theorie

4. Die Sexualität des Svidrigajlov

5. Svidrigajlovs Langeweile

6. Die Dualität des Svidrigajlovs

7. Die Träume

8. Svidrigajlov und der Tod

9. Besondere Symbole im Zusammenhang mit Svidrigajlov
9.1 Wasser
9.2 Die Spinne und die Fliege

10. Angewandte Methoden Dostojewskis
10.1 Die Reflexion des fremden Wortes
10.2 Das Unwahrscheinliche
10.3 Antinomie
10.4 Gezielte Desinformation des Lesers am Beispiel der Biografielosigkeit

11. Fazit

12. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit der Figur des Arkadi Iwanowitsch Svidrigajlov aus Fjodor M. Dostojewskis Roman „Schuld und Sühne“.

Wie vielschichtig die Rolle und Funktion ist, die Dostojewski Svidrigajlov zuschreibt, wie wichtig er für die Handlung und Aussage von „Schuld und Sühne“ ist, und mit welchen Mitteln Dostojewski dies verdeutlicht, werde ich in der folgenden Hausarbeit erörtern. Denn Svidrigajlov ist nicht nur der Bösewicht des Romans, viel mehr ist er von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung von Rodion Romanowitsch Raskolnikoff.

Zunächst werde ich auf die Äußerlichkeiten und die Biografie des Svidrigajlovs eingehen und dann im nächsten Schritt die besondere Konstellation von Svidrigajlov und Raskolnikoff erörtern, die für das richtige Verständnis der verschiedenen Aspekte des Romans von zentraler Bedeutung ist. Des Weiteren werde ich die aussagekräftigsten Eigenschaften Svidrigajlovs und Motive, die mit ihm in Verbindung stehen näher erläutern. Zum Schluss dieser Arbeit werde ich noch einen kurzen Einblick in die Methoden geben, die Dostojewski am Beispiel der Figur Svidrigajlov anwendet.

Svidrigajlov ist eine abwechslungsreiche und interessante Person, die sich allerdings selbst vor Langeweile nicht zu helfen weiß. Er wird zum Falschspieler, Wolllüstling, Kinderschänder, zumindest verdächtigerweise zum Mörder und schlussendlich zum Selbstmörder.

Über den Hintergrund des Namens Svidrigajlov gibt es verschiedene Meinungen. So liege laut Dietrich Wörn Dostojewskis Motivation in dem deutschen Wort geil. Zumal Svidrigajlov kein typisch russisch klingender Name sei, und somit, im negativen Sinne, das westlich-fremdländische widerspiegele.[1] Rudolf Neuhäuser hingegen verweist auf Peace, den der Name an Dvigajlov erinnere, einen litauischen Fürsten des 15. Jahrhunderts, der gegen die Orthodoxie in Russland zu Felde zog. Er sei wie Svidrigajlov der Heide und Barbar par exellence.[2] So lässt sich schon aus dem Namen schließen, dass Svidrigajlov als Repräsentant der falschen Werte und Normen von Dostojewski eingesetzt wird.

Svidrigajlov ist eine abwechslungsreiche und interessante Figur, die sich allerdings selbst vor Langeweile nicht zu helfen weiß. Er wird zum Falschspieler, Wolllüstling, Kinderschänder, zumindest verdächtigerweise zum Mörder und schlussendlich zum Selbstmörder.

2. Biografie und Aussehen Svidrigajlovs

Zur Einführung dieser Arbeit über die Gestalt Svidrigajlovs aus Dostojewskis Roman „Schuld und Sühne“, werde ich zunächst dessen Biografie und äußeres Erscheinungsbild darlegen.

2.1 Die Biografie Svidrigajlovs

Svidrigajlov ist an die fünfzig Jahre alt und war, bevor er wieder in Petersburg auftaucht, sieben Jahre lang verheiratet mit Marfa Petrowna. Diese kaufte den Lüstling aus Liebe frei, mit der Bedingung, sie zu ehelichen, in die Provinz zu begleiten und keine „ernsthaften“ Leidenschaften für andere Frauen aufkommen zu lassen. Zum Zeitpunkt der Hochzeit ist Svidrigajlov zweiundvierzig/dreiundvierzig Jahre alt, Marfa hingegen siebenundvierzig. Bezeichnend für diese Beziehung ist einerseits die finanzielle Abhängigkeit Svidrigajlovs von Marfa und umgekehrt die emotionale Abhängigkeit Marfas von Svidrigajlov, die diesen sehr liebt. Schließlich steht Svidrigajlov unter Verdacht seine Frau zu Tode geprügelt[3] oder vergiftet[4] zu haben. Die genaue Ursache für ihren Tod lässt Dostojewski aber ungeklärt. Auch Kinder hat das Paar, über diese erfährt der Leser aber nur, dass sie gut versorgt bei Verwandten leben.

Über die Zeit vor Marfa Petrowna ist lediglich bekannt, dass er zwei Jahre beim Militär war und sich dort das Trinken angewöhnte. Unter diesem Laster hatte später besonders Dunja während ihrer Zeit als Gouvernante bei den Svidrigajlovs zu leiden.[5] Danach verbrachte er eine umtriebige Zeit in Petersburg, war dort Falschspieler und steckte schließlich so tief in den Schulden, dass ihm das Gefängnis drohte. Das war die Gelegenheit, die Marfa nutzte, um den von ihr geliebten Svidrigajlov an sich zu binden.[6]

Svidrigajlov selbst antwortet auf die Frage von Raskolnikoff, bei deren zweiten Zusammentreffen, wer er denn eigentlich sei: „Wer ich bin? Sie wissen doch: Edelmann, zwei Jahre in der Kavallerie gedient, habe mich dann hier in Petersburg herumgetrieben, habe Marfa Petrowna geheiratet und auf dem Lande gelebt. Das ist meine ganze Biographie.“[7]

Svidrigajlov geht also davon aus, dass seine Lebensgeschichte bekannt ist, erwähnt aber trotzdem die wichtigsten Ereignisse kurz und wirkt dabei genervt bezüglich der Sinnlosigkeit, über sein Leben berichten zu müssen. Eigentlich hat Svidrigajlov schon Verschiedenstes erlebt und probiert. Doch nichts scheint ihn wirklich begeistert zu haben. Durch die Bemerkung, dass das seine ganze Biographie sei, wertet Svidrigajlov sein Leben ganz lapidar ab. Es ist nicht der Rede wert.

Sehr viel mehr erfahren sowohl der Leser als auch die anderen Figuren im Roman nicht über Svidrigajlovs Vergangenheit. Das meiste bleibt unklar und existiert den ganzen Roman durch nur als Gerücht. So fügt sich das Bild, das man von Svidrigajlov gewinnt, zunächst nur mühsam aus unklaren Vermutungen und Urteilen durch Dritte, die ihn meistens selbst persönlich nicht kennen, zusammen. Diese Beurteilungen, die lediglich darauf angelegt sind, Svidrigajlov in Verruf zu bringen, sind also mit Vorsicht zu betrachten. Bei der Rekonstruktion seiner Biografie ist es daher besonders entscheidend, was Svidrigajlov selbst über sich preisgibt.[8]

2.2 Svidrigajlovs äußeres Erscheinungsbild

Auf Svidrigajlovs Aussehen wird während des Romans zweimal genauer eingegangen. Zum ersten Mal, als er zufällig Sonja auf der Straße vor Raskolnikoffs Haus begegnet und er dem Leser noch unbekannt bleibt. Dostojewski gibt hier eine detaillierte Beschreibung von dem Mann, der zuvor im Roman durch böse Gerüchte in Verruf gebracht wird, ohne dass er den Leser über dessen Identität aufklärt.

„Das war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, etwas mehr als mittelgroß, stattlich, mit breiten und steilen Schultern, was ihm ein etwas gedrungenes Aussehen verlieh. Er war elegant und bequem gekleidet und sah wie ein vornehmer Herr aus. […] Sein breites knochiges Gesicht war nicht unangenehm, und seine Gesichtsfarbe frisch, nicht von der Petersburger Art. Sein noch sehr dichtes Haar war ganz hellblond und kaum leicht ergraut, und der breite, dichte Bart, […] war noch heller als das Kopfhaar. Seine blauen Augen blickten kalt, beobachtend und nachdenklich; die Lippen waren rot.“[9]

Die Tatsache, dass diese Beschreibung so detailgetreu von Dostojewski vorgenommen wird und das auffällig merkwürdige Verhalten Sonja gegenüber, lässt darauf schließen, das diese Person noch von Bedeutung sein wird, auch wenn ihre Identität nicht direkt von Dostojewski verraten wird.

Erinnert man sich an eine Szene vom Anfang des Romans, in der Raskolnikoff, nachdem er durch einen Brief seiner Mutter von Svidrigajlov erfahren hat, einem betrunkenen Mädchen begegnet, welches von einem Mann mit eindeutigen Absichten verfolgt wird, fällt folgendes auf. Der Mann, der dem Mädchen nachläuft, wird von Raskolnikoff auf Grund seiner niederen Absichten, sofort als Svidrigajlov bezeichnet: „He, Sie Sswidrigailoff! Was suchen Sie hier?“[10] Als zusätzliche Parallele gibt Dostojewski hier dem Leser eine kurze aber prägnante Beschreibung seines Äußeren. Denn so betont Dostojewski auch hier die roten Lippen, die kräftige Statur und die elegante Kleidung.[11]

Unter dieser Berücksichtigung lässt Dostojewski den Leser also doch nicht vollkommen im Ungewissen über die Identität des Mannes, der neben Sonja wohnt. Die Vermutung, dass es sich um Svidrigajlov handeln könnte, kommt auf. Später weiß man selbstverständlich, dass diese Vermutung richtig war.

Die zweite Beschreibung von Svidrigajlovs Aussehen geschieht diesmal aus Raskolnikoffs Blickwinkel bei deren Treffen im Restaurant:

„Es war ein seltsam auffallendes Gesicht, das einer Maske zu gleichen schien: weiß, rotwangig, mit roten, purpurroten Lippen, mit einem hellblondem Bart, und noch dichtem, hellblondem Haar. Die Augen waren gleichsam gar zu blau und ihr Blick irgendwie gar zu schwer und unbeweglich. Es lag etwas äußerst Unangenehmes in diesem hübschen und für sein Alter viel zu jugendlichen Gesicht. Sswidrigailoffs Kleidung war elegant, leicht, sommerlich; besonders elegant war seine Wäsche. Am Ringfinger trug er einen großen Ring mit einem kostbaren Stein.“[12]

Auch hier werden wieder die roten, ja purpurroten Lippen betont, die Svidrigajlovs Triebhaftigkeit und sexuelle Begierde, also seine Lasterhaftigkeit, betonen sollen.

Hinzu kommt diesmal die Bezeichnung von einer Maske, der sein Gesicht ähnlich sieht. Diese ist entscheidend für Svidrigajlovs Auftreten. Sie dient ihm als Selbstschutz vor seiner eigenen Schuld, wie ich später noch genauer erklären werde.

3. Svidrigajlovs Bedeutung für Raskolnikoff

Fast der gesamte Roman wird aus der Sicht Raskolnikoffs geschrieben. Nur in zwei Kapiteln wird aus Svidrigajlovs Perspektive berichtet, ohne dass Raskolnikoff anwesend ist. Wie diese Zeit, die der Leser mit Svidrigajlov durchlebt, für Raskolnikoff aussieht, bleibt auch rückblickend unklar. Svidrigajlov ist als Vertretung Raskolnikoffs zu sehen, um den Schritt beschreiben zu können, den Raskolnikoff doch nicht geht, auch wenn er kurz davor steht.[13] Am entscheidenden Punkt trennen sich die Wege Raskolnikoffs und Svidrigajlovs und der Blick bleibt auf letzteren gerichtet, der eben den Schritt geht, den Raskolnikoff nicht geht. Svidrigajlov begeht als Verkörperung eines Aspektes von Raskolnikoff, der den Doppelmord plante und beging, Selbstmord. So stirbt mit Svidrigajlov auch ein Persönlichkeitsaspekt von Raskolnikoffs. Denn nachdem Raskolnikoff auf dem Polizeirevier von dessen Selbstmord erfahren hat, ist es ihm, „als sei etwas auf ihn herabgefallen und drücke ihn zu Boden.“[14]

Dostojewski hat Svidrigajlov als charakterlich-seelisches Komplement zu Raskolnikoff entworfen, so sind beide Figuren vor allem in ihrer Merkmalsausstattung ambivalent. Raskolnikoff entwickelt sich zu einer Schranken übertretenden Ich-Autonomie, Svidrigajlov hat diese Entwicklung bereits abgeschlossen. Die Übertretung moralischer und sittlicher Grenzen ist zu seinem Selbstbewusstsein geworden. Das Überschreiten von Grenzen, das, sowohl bei Raskolnikoff als auch bei Svidrigajlov todbringend für dritte wurde, ist die Grundlage für die egozentrische Entwicklung.

Der Beweggrund beider für dieses Überschreiten unterscheidet sich allerdings insofern, dass Raskolnikoff diesen Weg aus gesellschaftskritischen Vernunfterwägungen einschlägt, während Svidrigajlovs Gründe seine triebhafte Wolllust sind.

So sind in Zusammenhang mit Svidrigajlov drei Todesfälle zu nennen, zwei davon Selbstmorde und ein ungeklärter Mord. Zunächst wird ihm die Vergewaltigung eines jungen Mädchens zugeschrieben, die daraufhin den Freitod wählte. Dann soll er einen Leibeigenen durch Erniedrigungen in den Selbstmord getrieben haben und als letztes, zumindest gerüchteweise, die Schuld am Tode seiner Ehefrau Marfa Petrowna tragen. Er hat diese (Selbst-)morde in sein Selbstbewusstsein integriert und wird somit zur Verkörperung der Amoral. Raskolnikoff hingegen kann den Doppelmord, den er begangen hat, nicht in sein Selbstbewusstsein integrieren. Sowohl sein Körper als auch seine Seele wehren sich unter Fieberkrämpfen und -Traumata dagegen.[15]

Svidrigajlov dient laut Gerigk im Roman primär der Veranschaulichung des dort maßgebenden Menschenbildes. So habe die Situation und Entwicklung Raskolnikoffs die Gestalt Svidrigajlovs gar nicht nötig. Auch der melodramatische Kniff, dass Svidrigajlov Raskolnikoffs Geständnis an Sonja mithört, diene lediglich der Zuspitzung der Beziehung Svidrigajlovs zu Dunja. Stattdessen solle durch ihn deutlich werden, dass für Raskolnikoffs Wahl zwischen Selbstmord und Sühne das Menschenbild und nicht seine womöglich sensible Moral bestimmend ist. So plante Raskolnikoff zunächst einen Raubmord, der Raub missglückte ihm aber, da er am Tatort zu nervös war. Er machte zwar eine kleine Beute, diese versteckte er aber unter einem Stein und sie spielte für ihn keine Rolle mehr. Er hatte also keinerlei Nutzen von seinem Raubmord, das einzige was für ihn bleibt, ist die Schuld einen Doppelmord begangen zu haben.

Bei Svidrigajlov aber verhält sich dies anders. Er gerät in die vollkommene finanzielle Abhängigkeit von Marfa und ist finanziell ohnmächtig, genauso wie Raskolnikoff. Allerdings ist es Svidrigajlov durch einen Mord an seiner Frau möglich, die finanzielle Freiheit zu erlangen, an der er aber letztlich zu Grunde geht.[16] Raskolnikoff möchte mit seinem Überschreiten der Grenzen die seelische Freiheit erlangen. Er möchte sich über das Unheil der Welt hinwegsetzen können.

„Für ein Leben- Tausende von Leben, gerettet vor Fäulnis und Verfall. Ein einziger Tod und Hunderte von Leben an seiner Statt, das ist doch ein einfaches Rechenexempel!“[17]

Diese Logik, die Raskolnikoff zufällig in einem Gespräch zwischen einem Studenten und einem Offizier belauscht, will er zu seiner eigenen machen. Doch er scheitert kläglich.

Raskolnikoff kann keinem anderen Menschen durch seinen Raubmord/ Doppelmord helfen. Erstens ist seine Beute viel zu gering, um wirklich etwas bewirken zu können und zweitens ist er nervlich nach dem Begehen der Tat nicht mehr in der Lage, überhaupt an dieses ursprüngliche Motiv der Tat zu denken. Svidrigajlov hingegen rettet zwar nicht tausend Leben, aber er sorgt für die Kinder von Katerina Iwanowna. Außerdem ist es Sonja nur dank Svidrigajlovs Geld möglich, Raskolnikoff nach Sibirien zu folgen.[18] Dostojewski zeigt so, dass Svidrigajlovs Geld zwar andere rettet, ihn jedoch selber unglücklich macht, weil es mit der Schuld am Tod eines Menschen verknüpft ist.[19] „Für ein Leben tausend Leben“ bewährt sich also nicht als ultimative Lösung. Denn die guten Taten können die Schuld am Tod eines Menschen nicht aufwiegen.

Gerigk geht also von einem gleichen Ausgangspunkt für Raskolnikoff und Svidrigajlov aus, nämlich der Mord an einer Frau mit dem Motiv der Befreiung aus der finanziellen Abhängigkeit. Die Tatsache, dass Dostojewski den Leser aber über die Schuld Svidrigajlovs am Tod seiner Frau im Unklaren lässt, begründet Gerigk damit, dass dies notwendig ist, um Svidrigajlov den Weg der Befreiung über die Justiz zu nehmen. Svidrigajlov wird also die Möglichkeit der Sühne durch den Mangel an Informationen von Dostojewski verbaut, um ihm so nur einen Ausweg zu lassen, nämlich den in den Tod.[20]

3.1 Trichotomie

Birgit Harreß erklärt die Beziehung von Svidrigajlov zu Raskolnikoff und die Funktion Svidrigajlovs im Roman hauptsächlich über die christliche Trichotomie. So steht Raskolnikoff für die seelische und Svidrigajlov für die leibliche Komponente. Ersterer führt einen Kampf mit sich und der Welt (und damit auch Gott) während der andere sich ganz der Befriedigung seiner sinnlichen Bedürfnisse verschreibt. Somit sind beide ich-zentriert, was es ihnen unmöglich macht, in der Welt zu bestehen. Besonders deutlich werden diese Fehlausrichtungen, dieser Egoismus, durch die dritte Person der Konstellation, Sonja. Denn Sonja trägt, obgleich sie Prostituierte ist, den Geist Gottes in sich.[21] Sie hadert weder mit sich noch der Welt oder gibt sich körperlichen Trieben hin. Ihre Prostitution ist lediglich ein Opfer, das Sonja bringt, um ihrer Familie zu helfen. Ihre Seele bleibt auf Grund ihres tiefen Glaubens davon unberührt. Sonja ist die Verkörperung des Guten und der Liebe. Svidrigajlovs Seele und somit seine Moral und sein Gewissen sind hingegen so vergiftet, dass für ihn ‚das Gute’ gar nicht (mehr) existiert. Folglich kann er Gutes nicht mehr erkennen und nicht von Bösem unterscheiden.

Raskolnikoff hat sich durch das von ihm begangene Verbrechen auf die Schneide zwischen diesen beiden Daseinsformen manövriert. Er ist noch in der Lage zwischen ‚gut’ und ‚böse’ zu unterscheiden, was von Svidrigajlov nur verspottet werden kann. So bezeichnet er ihn beim Treffen im Restaurant als „Schillerianer“[22]. Raskolnikoff muss sich zwischen den beiden dargebotenen Wegen Svidrigajlovs und Sonjas entscheiden. So schreibt Harreß: „Entweder kann er in Skrupellosigkeit verharren oder sein Kreuz auf sich nehmen.“[23] Das würde für Raskolnikoff entweder eine Entwicklung zurück auf die leibliche Ebene, ähnlich wie Svidrigajlov oder eine Weiterentwicklung hin zur geistigen Ebene, auf der Sonja sich befindet, bedeuten. Hier besteht für Svidrigajlov die Möglichkeit, die Welt, also den Leib als auch die Seele zu überwinden und sich für den Geist, für Gott zu öffnen. In diesem Zusammenhang spricht Harreß von dem ‚alten’ Menschen und dem ‚neuen’ Menschen. Durch die Überwindung des Ichs und der Welt wird der ‚alte’ Mensch ein zweites Mal geboren und dadurch zum ‚neuen’ Menschen.

Dostojewski hat also Svidrigajlov die Funktion zugedacht, als eine von zwei Figuren, die sich aufeinander beziehen, den ‚alten’ Menschen zu repräsentieren, während diesen beiden Figuren noch eine dritte Figur gegenüber steht, die den ‚neuen’ Menschen verkörpert.[24] Hierbei ist Svidrigajlov allerdings keine Entwicklung oder Entscheidung zugedacht wie Raskolnikoff. Für Svidrigajlov spielt der geistliche Weg keine Rolle, er soll im Roman lediglich die aussichtslose Lage des ‚alten’ Menschen verdeutlichen. Diese Aussichtslosigkeit wird durch Svidrigajlovs Vorstellung von der Ewigkeit unverkennbar.

„Und erscheint die Ewigkeit immer als Idee, die man nicht fassen kann, als etwas ungeheuer Großes, Endloses! Aber warum soll sie denn unbedingt so ungeheuer groß sein? Und plötzlich wird es dort statt dessen, stellen Sie sich das vor, nur ein kleines Zimmer geben, ähnlich einer Badestube auf dem Land, verräuchert, in allen Ecken Spinnen, und das ist dann die ganze Ewigkeit. Mir, wissen Sie, schwant manchmal etwas von dieser Art.“[25]

Diese hoffnungslose Auffassung der Unendlichkeit macht eine Läuterung Svidrigajlovs unmöglich.[26]

Raskolnikoffs Entscheidung zwischen den beiden Wegen und die Überwindung der Tat, ist sehr unbeständig. Ihm stehen bis zuletzt beide Möglichkeiten offen. Entweder er folgt dem Bösen in die Isolation, in der als letzte Instanz der Ausweglosigkeit der Selbstmord unvermeidbar wird, um die Tat zu überwinden. Oder er hört auf das Gute, auf Sonja, und nimmt seine Schuld auf sich und kann so wieder in die Gemeinschaft zurückfinden. Das Böse, durch Svidrigajlov verdeutlicht, stellt die Ausrichtung auf die eigene Befriedigung dar, die totale Ich-Zentrierung und folglich Isolierung, während Sonja die Nächstenliebe und die christliche Gemeinschaft verkörpert. Svidrigajlov bleibt die Flucht durch den Selbstmord, während Sonja zur Erlösung führt, da sie ihr Joch auf sich nimmt. Sich von dem Bösen, von Svidrigajlov, sich also letztendlich von seinem Ego loszusagen, fällt Raskolnikoff schwer. So erklärt er Sonja in seiner Beichte, dass nicht er die Alte erschlagen habe, sondern der Teufel.[27] Und von Svidrigajlov, der die Seite des Teufels verkörpert, fühlt er sich verfolgt:

„Wozu brauchen Sie mich dann? Ich hatte den Eindruck, dass Sie förmlich hinter mir her waren, wie um mich für sich zu gewinnen.“[28]

So schwankt Raskolnikoff zwischen dem Eingeständnis oder der Verleugnung seiner Tat. Auch im Epilog zweifelt Raskolnikoff noch an seiner Entscheidung. Er bereut und sühnt seine Tat nicht, sondern denkt, durch sein Geständnis nun seine Freiheit endgültig verloren zu haben.[29] Er beneidet Svidrigajlov für seine vermeintliche Stärke und seinen Willen, sein Leben überwunden zu haben, trotz der Angst vor dem Tod. Sich selbst sieht er als schwach und unbedeutend, da er nicht imstande ist, dem Leben abzusagen.[30]

Erst zum Ende des Epilogs in „Schuld und Sühne“ wird der Ausblick auf einen ‚neuen’ Raskolnikoff gegeben, der verstanden hat, dass die Konzentration auf das Ich die Vernichtung bedeutet, die Selbsthingabe dagegen neue Identität.[31]

3.2 Das Aussehen von Svidrigajlov und Raskolnikoff

Den unterschiedlichen Lebenseinstellungen der Trichotomie ist auch die körperliche Gestaltung der Figuren angepasst. So werden die beiden Repräsentanten des ‚alten’ Menschen konträr zueinander dargestellt.[32]

Im Roman wird Raskolnikoff als „außergewöhnlich schön“ beschrieben. Er „hatte schöne dunkle Augen, dunkelblondes Haar, war fein und schlank gebaut und von Wuchs übermittelgroß.“[33]

Svidrigajlov hingegen ist „etwas mehr als mittelgroß, stattlich, mit breiten steilen Schultern“.[34] Er hatte ein „seltsam auffallendes Gesicht, dass einer Maske zu gleichen schien“ mit purpurroten Lippen, weißen Wangen, hellblondem Haar und „gar zu blauen“ Augen, deren Blick „irgendwie gar zu schwer und unbeweglich“ war.[35] Laut Gerigk steht die Maske für die Abwesenheit von Leben, von dem sittlichen Menschen ist nur noch ein erstarrter Überrest anwesend.

Während Raskolnikoff, dessen Körper und Seele immer wieder dem Fieberwahn verfällt, die Auferstehung schon ins Gesicht geschrieben zu sein scheint.[36] Seine Nervosität und das Fieber sind Zeichen von Leben und zeigen auf, dass Raskolnikoff, im Gegensatz zum erstarrten Svidrigajlov, zur Läuterung fähig ist.

3.3 Svidrigajlov und Raskolnikoffs Theorie

Svidrigajlovs Funktion im Roman ist bekanntlich vorrangig die, die Seite des auf sich selbst konzentrierten Egos in Raskolnikoff darzustellen. Da aus diesem Ego Raskolnikoffs das Verbrechen entstand, ist es zum Verständnis wichtig, Svidrigajlovs Auffassung von dem Verbrechen und der Idee, die ursprünglich dahinter stand, zu betrachten. Raskolnikoff verleugnet zunächst, dass es irgendetwas Gemeinsames zwischen ihm und Svidrigajlov gebe, „selbst ihre Freveltaten konnten nicht von gleicher Art sein.“[37] Allerdings spürt er, dass er diesen Menschen „gleichsam zu irgend etwas brauchte.“[38]

In der Beichte an Sonja bezeichnet Raskolnikoff sich als Spinne. Er wäre wie eine Spinne gewesen, die sich in ihrem Winkel verkriecht, in der Zeit, die er isoliert in seinem Zimmer verbrachte und schweren Gedanken nachhing, seltsame Träume hatte und die Idee und der Plan für den Raubmord sich entwickelten. Hier ist die Parallele zu Svidrigajlov überaus deutlich, der die Ewigkeit als verrauchte Badestube voll mit Spinnen sieht. Svidrigajlov ist also als Verkörperung von Raskolnikoffs Unterbewusstsein zu sehen, aus dem die Idee, von seiner Tat, vom Bösen, dem er sich in seiner kleinen Kammer hingegeben hat, entstand.

So ist auch Svidrigajlov derjenige, der versteht vor welchem Abgrund Raskolnikoff sich gerade befindet. Er gibt ihm sogar selbst den Rat, nach ‚Amerika zu fliehen’, wenn er seine Schuld weiter verleugnet.

„Wenn Sie aber überzeugt sind, dass man an fremden Türen nicht lauschen darf, so fahren Sie schleunigst irgendwohin nach Amerika! Fliehen Sie, junger Mann!“[39]

Im letzten Gespräch von Svidrigajlov und Sonja, in dem er ihr von Raskolnikoffs Tat erzählt mit dem ursprünglichen Ziel, sie zu erpressen, erwähnt er auch Raskolnikoffs Theorie, die hinter dem Verbrechen stecke. Er meint sogar, dass es sich hierbei um „eine gar nicht so üble Theorie“ handle, „nach der die Menschen, […] eingeteilt werden in sogenanntes Material und in besondere Menschen, […] für die infolge ihres hohen Ranges das Gesetz nicht geschrieben ist, die vielmehr selbst Gesetze verfassen für die übrigen Menschen, für jenes Material, für den Kehricht sozusagen. Nicht übel, ein ganz nettes Theoriechen.“[40] Die Bewertung Raskolnikoffs durch Svidrigajlov, sich so über moralische Grenzen hinwegzusetzen, entblößt, laut Harreß, deren Schattenseiten. So ist der Schatten die nicht bewusste Seite der Persönlichkeit, die sich sozusagen dem Licht des Bewusstseins entzieht. Svidrigajlov weiß um die eigentliche dunkle Herkunft von Raskolnikoffs Idee, die um das eigenmächtige Ich kreist und nicht darum, andere zu retten.[41]

[...]


[1] Wörn, Dietrich: „F.M. Dostojewskis Roman „Schuld und Sühne“ oder „Verbrechen und Strafe“ – Eine Einführung“ aus „F. M. Dostojewski – Dichter, Denker, Visionär“, hrsg. von Setzer, Heinz; Müller, Ludolf; Kluge, Rolf-Dieter, Attempto Verlag, Tübingen, 1998, S.52

[2] Neuhäuser, Rudolg: „F. M. Dostojevskij: Die großen Romane und Erzählungen“, S.82

[3] Dostojewski, Fjodor M.: „Schuld und Sühne“, S.304

[4] Ebd., S.667

[5] Ebd., S.46

[6] Heim, Christiane: „Die Gestalt Svidrigajlovs in Dostoevskijs Roman „Verbrechen und Strafe“, S.7-8

[7] Dostojewski, Fjodor M.: „Schuld und Sühne“, S.632

[8] Heim, Christiane: „Die Gestalt Svidrigajlovs in Dostoevskijs Roman „Verbrechen und Strafe“, S.6

[9] Dostojewski, Fjodor M.: „Schuld und Sühne“, S.326

[10] Dostojewski, Fjodor M.: „Schuld und Sühne“, S.68

[11] Ebd.

[12] Ebd., S.629-630

[13] Gerigk, Horst-Jürgen: „Die Sache der Dichtung“, Guido Pressler Verlag Hürtgenwald, 1991, S.242

[14] Dostojewski, F. M.: „Schuld und Sühne“, S.715

[15] Freynik, Thomas: „Die Todesproblematik im Schaffen von F. M. Dostoevskij“, Verlag Dr. Kovac, 2000, S.251-252

[16] Gerigk, Horst-Jürgen: „Die Sache der Dichtung“, Guido Pressler Verlag Hürtgenwald, 1991, S.230-232

[17] Dostojewski, F. M.: „Schuld und Sühne“, S.92

[18] Gerigk, Horst-Jürgen: „Die Sache der Dichtung“, Guido Pressler Verlag Hürtgenwald, 1991, S.233

[19] Ebd., S.234

[20] Ebd., S.248

[21] Harreß, Birgit: „Mensch und Welt in Dostoevskijs Werk“, Köln, 1993, S.231-232

[22] Dostojewski, F. M.: „Schuld und Sühne“, S.634

[23] Harreß, Birgit: „Mensch und Welt in Dostoevskijs Werk“, Köln, 1993, S.231-232

[24] Ebd., S.230-231

[25] Dostojewski, F. M.: „Schuld und Sühne“, S.389

[26] Harreß, Birgit: „Mensch und Welt in Dostoevskijs Werk“, Köln, 1993, S.244

[27] Dostojewski, F. M.: „Schuld und Sühne“, S.563

[28] Ebd., S.631

[29] Harreß, Birgit: „Mensch und Welt in Dostoevskijs Werk“, Köln, 1993, S.294

[30] Dostojewski, F.M.: „Schuld und Sühne“, 1984, S.732-733

[31] Harreß, Birgit: „Mensch und Welt in Dostoevskijs Werk“, Köln, 1993, S.289

[32] Ebd., S.252

[33] Dostojewski, F. M.: „Schuld und Sühne“, S.9

[34] Ebd., S.325-326

[35] Ebd., S.629-630

[36] Gerigk, Horst-Jürgen: „Die Sache der Dichtung“, Guido Pressler Verlag Hürtgenwald, 1991, S.228

[37] Dostojewski, F. M.: „Schuld und Sühne“, S.623

[38] Ebd.

[39] Ebd., S.653

[40] Ebd., S.661

[41] Harreß, Birgit: „Mensch und Welt in Dostoevskijs Werk“, Köln, 1993, S.290

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Gestalt Svidrigajlovs in Dostojewskis Roman "Schuld und Sühne"
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Veranstaltung
Dostojewskijs Roman: Verbrechen und Strafe
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
25
Katalognummer
V161783
ISBN (eBook)
9783640752157
ISBN (Buch)
9783640752591
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gestalt, Svidrigajlovs, Dostojewskis, Roman, Schuld, Sühne
Arbeit zitieren
Levana Oesting (Autor), 2010, Die Gestalt Svidrigajlovs in Dostojewskis Roman "Schuld und Sühne", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161783

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