Die SuS beurteilen, welche Mechanismen aus ‚ganz normalen Männern‘ Massenmörder machen, indem sie sich kritisch mit den im Film „Das radikal Böse“ dargestellten Thesen Brownings (et al.) auseinandersetzen und diese kontrastiv den Thesen aus Goldhagens „Hitlers willige Vollstrecker“ gegenüberstellen. Dabei erarbeiten sie eigenständig die Essenz beider Argumentationen und erkennen, dass der Massenmord an den Juden nicht (nur) von "Monstern" und bis ins Mark vom Nationalsozialismus überzeugten Männern begangen wurde, sondern von "ganz normalen Männern". Sie erkennen die Mechanismen, die aus diesen Männern Mördern machten und realisieren, dass unter den "richtigen" Umständen eine Wiederholung dieser Tagen auch in der Gegenwart durchaus plausibel erscheint. Dementsprechend lassen sich darauf aufbauend weitere Stunden entwickeln, welche die Bedeutung der Bildung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins hervorheben und die Verantwortung einer Gesellschaft (gerade in heutigen Zeiten) und des Individuums fokussieren.
Inhaltsverzeichnis
- Reihenthema: „Der Nationalsozialismus – Voraussetzungen, Herrschaftsstrukturen, Nachwirkungen und Deutungen.“
- 3. Sequenz: Der Zweite Weltkrieg und die Steigerung der nationalsozialistischen Diktatur.
- 23.09.24: Die NS-Wirtschaftspolitik – Ein neuer Frühling für das Reich?
- 25.09.24: Die NS-Wirtschaftspolitik – Ein neuer Frühling für das Reich?
- 30.09.24: Die NS-Außenpolitik – Frieden für den Krieg?
- 02.10.24: Die NS-Außenpolitik – Frieden für den Krieg?
- 28.10.24: Die NS-Volksgemeinschaft – Analyse verschiedener Integrationsmechanismen.
- 30.10.24: Appeasement mit Historikerurteil, Referat Bohrmann, Klausur zurück.
- 04.11.24: Der doppelte Zivilisationsbruch: Die Ermordung der europäischen Juden / Gegenwartsbezug Arbeitslager Wewelsburg.
- 06.11.24: Der Vernichtungskrieg im Osten – Ideologie als Kriegsmotiv?
- 11.11.24: Der vergessene Holocaust – Ganz normale Männer?
- 13.11.24: Der vergessene Holocaust – Ganz normale Männer? (Filmanalyse)
- 13.11.24: „Mein Vater war kein Mörder!“ – Auseinandersetzung mit Biographien gefallener deutscher Soldaten vor der Frage multipler Motivationen und variierender ideologischer Durchdringung.
- 15.11.24: Vergangenheitspolitik und -bewältigung – Wer hat was gewusst?
- 18.11.24: Widerstand im Nationalsozialismus – „Das andere, bessere Deutschland?"
- 20.11.24: Widerstand im Nationalsozialismus – „Das andere, bessere Deutschland?" Teil 2.
- 25.11.24: Widerstand im Nationalsozialismus – „Das andere, bessere Deutschland?" Teil 3.
- 27.11.24: Vorbereitung Klausur / Pufferstunde
- 29.11.24: KLAUSUR
- 02.12.24: Der Bombenkrieg – Ein alliiertes Kriegsverbrechen?
- 04.12.24: Der 27. Januar als Gedenktag – Schuld oder Verantwortung?
- 09.12.24: Pufferstunde
- 11.12.24: Der Bombenkrieg über Paderborn – Eine lokale Zäsur?
- 13.12.24: Pufferstunde
- 16.12.24: Das Potsdamer Abkommen – Der erste Schritt zur Teilung?
- 18.12.24: Internationale Friedensordnungen im Vergleich.
- 3. Sequenz: Der Zweite Weltkrieg und die Steigerung der nationalsozialistischen Diktatur.
- 2. Schriftliche Planung der Unterrichtsstunde
- 2.1 Stundenziel
- 2.2 Sachanalyse
- 3. Darstellung der didaktisch-methodischen Schwerpunkte der Stunde.
- 3.1 Hinweise zur Lerngruppe
- 3.2 Didaktisch-methodische Schwerpunkte der Stunde.
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit befasst sich mit der Analyse und kritischen Beurteilung des Nationalsozialismus, von seiner Entstehung über die Weimarer Republik bis zu dessen Zerfall. Das primäre Ziel ist es, Mechanismen zu beurteilen, die „ganz normale Männer“ zu Massenmördern machten, indem die Thesen von Browning und Goldhagen kritisch verglichen werden, insbesondere im Kontext des „Historikerstreits“.
- Ursachen und Entwicklungslinien des Nationalsozialismus
- Strukturen und Mechanismen der NS-Herrschaft
- Nachwirkungen und historische Deutungen des Zeitabschnitts
- Der Historikerstreit und die Täterforschung (Browning vs. Goldhagen)
- Der eliminatorische Antisemitismus
- Widerstand im Nationalsozialismus und der Bombenkrieg
Auszug aus dem Buch
2.2 Sachanalyse
„Mitte März 1942 lebten noch etwa 75 – 80% aller Holocaust-Opfer; bis dahin hatten erst 20 – 25% ihr Leben verloren. Nur elf Monate später, Mitte Februar 1943, hatten sich die Prozentzahlen genau umgekehrt.“ Diese nüchterne Darstellung statistischer Fakten erscheint auf den ersten Blick, angesichts der enormen Kriegsanstrengungen des NS-Regimes an der Ostfront in den Jahren 1942-43, konsequent und logisch. Jedoch birgt sie multiple Problematiken, derer sich nicht nur Browning, sondern auch unzählige weitere Historiker und Soziologen annahmen. Der enorme personelle, logistische, finanzielle und propagandistische Aufwand, den das NS-Regime parallel zur immer prekärer werdenden Lage an der Ostfront betrieb, um die „Endlösung“ in den besetzten Ostgebieten voranzutreiben und zu intensivieren, ist zum Gegenstand verschiedenster wissenschaftlicher Untersuchungen und Diskussionen geworden. Einer der bekanntesten Diskurse zu diesem Thema ist der, primär durch die Werke Brownings und Goldhagens geprägte „Historikerstreit“ zur sozialpsychologischen Frage nach der Transformation „ganz normaler Männer“ zu Massenmördern. Intensiviert und gesellschaftspolitisch diskursfähig gemacht durch Volker Ullrichs Leitartikel in DIE ZEIT, „Hitlers willige Mordgesellen. Ein Buch provoziert einen neuen Historikerstreit: Waren die Deutschen doch alle schuldig?“, entwickelte sich eine, auf einer polarisierenden (pseudo-)wissenschaftlichen Argumentationsebene angesiedelte Kontroverse zwischen der sensationsorientierten Medienlandschaft und der um Öffentlichkeit und Anerkennung werbenden Geschichtswissenschaft. Michael Schneider ordnet diese Kontroverse in zwei Wellen ein: „Die erste dauerte – angestoßen von der Publikation in der "Zeit" Mitte April 1996 - bis zum Frühsommer, bis Juni 1996; die zweite - ausgelöst durch das Erscheinen der deutschen Ausgabe und unterfüttert durch die "Deutschland-Tournee" Goldhagens – reichte vom September bis Oktober 1996.“ Dabei kristallisierte sich zunächst eine starke diskursive Polemik heraus, die von kompletter Ablehnung von Goldhagens Thesen bis zu deren starken Befürwortung reichte (letzteres war eher im Ausland der Fall, während die Debatte in Deutschland überdurchschnittlich ablehnend geführt wurde und von einer „ressentimentbeladener Vehemenz“ dominiert war). Der wissenschaftliche Versuch einer rationalen hermeneutischen Methodik, wie sie z. B. Götz Aly unternahm, blieb der breiten Öffentlichkeit zunächst aufgrund der scharfen, ja geradezu effekthascherischen Medienkampagne, verborgen. Die auf die zweite „Welle" folgende und bis heute nicht vollends abgeschlossene Diskussion, folgte im stärkeren Maße wissenschaftlichen Standards und mutierte laut Schneider insbesondere dadurch zum „Historikerstreit“, dass Goldhagen „[...] der bisherigen Holocaust-Forschung attestierte, sie sei nicht nur dürftig und lückenhaft, sondern sie habe den Charakter des Judenmords nicht verstanden“. Dieser Frontalangriff Goldhagens gegen eine Vielzahl etablierter Historiker, gepaart mit seinem selbstbewussten Auftreten und seiner „mutigen“, von ihm selbst als originell bezeichneten Aussagen, führten letzten Endes trotz einiger Beschwichtigungsversuche zum erwartbaren „Historikerstreit“. Widmet man sich den inhaltlichen Aspekten der Kontroverse, so ist Goldhagens These vom „eliminatorischen Antisemitismus“ als „nationales Projekt“ der Deutschen der zentrale, aber nicht einzige Punkt dieses geschichtswissenschaftlichen Disputs.
Zusammenfassung der Kapitel
Die NS-Wirtschaftspolitik – Ein neuer Frühling für das Reich?: Dieses Kapitel analysiert Aufbau und Dekonstruktion des Wirtschaftswunder-Mythos der NS-Zeit anhand zeitgenössischer Quellen und Statistiken.
Die NS-Außenpolitik – Frieden für den Krieg?: Hier wird die Appeasement- und Revisionspolitik des NS-Regimes beurteilt, auch mit Blick auf zeitgenössische Quellen und einem Gegenwartsbezug.
Die NS-Volksgemeinschaft – Analyse verschiedener Integrationsmechanismen: Es werden die ideologischen Charaktere des nationalsozialistischen Sprachgebrauchs und die Mechanismen der Volksgemeinschaft multiperspektivisch analysiert.
Der doppelte Zivilisationsbruch: Die Ermordung der europäischen Juden / Gegenwartsbezug Arbeitslager Wewelsburg: Dieses Kapitel behandelt die Systematik des Holocausts anhand zeitgenössischer und aktueller Quellen sowie Darstellungen und beleuchtet die gezielte Politik gegen die jüdische Bevölkerung.
Der Vernichtungskrieg im Osten – Ideologie als Kriegsmotiv?: Die Verbindung zwischen der Intensivierung des Holocausts und dem Vernichtungskrieg im Osten sowie die dahinterstehende Ideologie werden analysiert und beurteilt.
Der vergessene Holocaust – Ganz normale Männer?: In diesem zentralen Kapitel wird durch Filmanalyse und Diskussion der Thesen Brownings und Goldhagens die Frage nach den Mechanismen, die normale Männer zu Massenmördern machten, untersucht.
„Mein Vater war kein Mörder!“ – Auseinandersetzung mit Biographien gefallener deutscher Soldaten vor der Frage multipler Motivationen und variierender ideologischer Durchdringung: Hier wird anhand von Soldatenbiographien die individuellen Motivationen und ideologischen Durchdringungen bei deutschen Soldaten analysiert und beurteilt.
Vergangenheitspolitik und -bewältigung – Wer hat was gewusst?: Dieses Kapitel analysiert den Umgang der Besatzungsmächte und deutscher Behörden mit dem Nationalsozialismus und die Prozesse der Aufarbeitung, wie die Nürnberger und Auschwitzprozesse.
Widerstand im Nationalsozialismus – „Das andere, bessere Deutschland?": Es werden Definitionen und verschiedene Formen des Widerstands (z.B. Stauffenberg, Weiße Rose) sowie Motive, Strategien und Wirkungen kritisch hinterfragt.
Der Bombenkrieg – Ein alliiertes Kriegsverbrechen?: Eine faktische Analyse des Bombenkriegs über Deutschland und seiner Wirkung auf die Bevölkerung sowie rechtspopulistische Narrative wird vorgenommen.
Der 27. Januar als Gedenktag – Schuld oder Verantwortung?: Die Bewertung des Schuldbegriffs und der individuellen historischen Verantwortung wird anhand einer Rede Roman Herzogs und Ralph Giordanos These diskutiert.
Das Potsdamer Abkommen – Der erste Schritt zur Teilung?: Hier werden die Positionen der Siegermächte und Deutschlands sowie die kritische Betrachtung des Umgangs mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in den Besatzungszonen analysiert.
Schlüsselwörter
Nationalsozialismus, Holocaust, Historikerstreit, Täterforschung, eliminatorischer Antisemitismus, Massenmörder, Kollektivschuld, Christopher Browning, Daniel Goldhagen, NS-Herrschaft, Vernichtungskrieg, Widerstand, Erinnerungskultur, Geschichtsbewusstsein, „Das radikal Böse“.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Diese Arbeit analysiert und beurteilt den Nationalsozialismus in seinen Ursachen, Strukturen, Nachwirkungen und Deutungen, wobei ein besonderer Fokus auf der Frage liegt, wie gewöhnliche Menschen zu Massenmördern werden konnten, und beleuchtet den diesbezüglichen "Historikerstreit".
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder umfassen die Geschichte des Nationalsozialismus, den Holocaust und seine Mechanismen, die Debatte um Täterforschung und Kollektivschuld, verschiedene Formen des Antisemitismus sowie Fragen der Geschichtsaufarbeitung und Erinnerungskultur.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die Mechanismen zu beurteilen, die aus „ganz normalen Männern“ Massenmörder machten, indem die im Film „Das radikal Böse“ dargestellten Thesen Brownings kritisch mit denen Goldhagens kontrastiert werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf multiperspektivischen Analysen historischer Quellen und Darstellungen, kritischer Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Thesen und Diskursen (wie dem Historikerstreit) sowie der Beurteilung von Argumenten und Thesen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit einer detaillierten Sachanalyse zum Holocaust und der Täterforschung, insbesondere den kontroversen Positionen von Christopher Browning und Daniel Goldhagen bezüglich des eliminatorischen Antisemitismus und der Motivationen der Täter.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Nationalsozialismus, Holocaust, Historikerstreit, Täterforschung, eliminatorischer Antisemitismus, Massenmörder, Browning, Goldhagen und Geschichtsbewusstsein.
Was ist der Kern des „Historikerstreits“ zwischen Browning und Goldhagen, wie er im Dokument dargestellt wird?
Der Kern des Historikerstreits, wie er in der Sachanalyse beleuchtet wird, dreht sich um die Frage nach den Motivationen der Täter im Holocaust. Während Goldhagen einen „eliminatorischen Antisemitismus“ als zentrales, nationales Projekt der Deutschen postulierte, das die Deutschen zu willigen Vollstreckern Hitlers machte, betonten Browning und andere Historiker komplexere sozialpsychologische Umstände und situative Faktoren, die aus „ganz normalen Männern“ Massenmörder werden ließen.
Welche Rolle spielt der Film „Das radikal Böse“ in der Unterrichtseinheit?
Der Film „Das radikal Böse“ dient als Ausgangspunkt für die Filmanalyse und die kritische Diskussion der Thesen Brownings (und anderer), um die psychologischen Mechanismen zu erarbeiten, die „ganz normale Männer“ zu Massenmördern machten. Er bildet die Grundlage, um anschließend Goldhagens Thesen kontrastiv gegenüberzustellen.
Wie wird im Dokument die Problematik des „eliminatorischen Antisemitismus“ nach Goldhagen bewertet?
Goldhagens These des „eliminatorischen Antisemitismus“ wird im Dokument als zentral, aber nicht unumstritten dargestellt. Kritisiert wird, dass sie jegliche Differenzierung bezüglich des Antisemitismus-Begriffs negiert, alle Erscheinungsformen unter einer Rubrik subsumiert und die Argumentationsbasis als eher dünn erscheint, da anerkannte Arbeiten Antisemitismus komplexer darstellen. Auch der Versuch, von Tätern auf die gesamte deutsche Bevölkerung zu schließen, wird als kritisch betrachtet.
Was wird unter dem Konzept „ganz normale Männer“ im Kontext des Holocaust verstanden?
Das Konzept „ganz normale Männer“ bezieht sich auf die Forschung, insbesondere von Christopher Browning, die untersucht, wie gewöhnliche Männer, oft Reservisten und nicht von vornherein überzeugte Nationalsozialisten, in den Polizeibataillonen zu Tätern im Holocaust wurden. Es geht um die Analyse von Gruppenzwang, Autoritätshörigkeit, Entmenschlichung und situativen Faktoren als Erklärungsmuster.
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- Björn Peters (Author), 2024, Die Endlösung in Polen. Wie werden aus "ganz normalen Männern" Massenmörder?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1618192