Der Amoklauf von Emsdetten

Ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren?


Seminararbeit, 2008
27 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 DER AMOKLAUF VON EMSDETTEN ʹ FALLSCHILDERUNG
2.1 DEFINITIONEN
2.2 DER TATHERGANG
2.3 DIE ANKÜNDIGUNG DER TAT

3 UNTERSCHIEDLICHE PERSPEKTIVEN DES AMOKLAUFS
3.1 PERSPEKTIVE DES BETROFFENEN
3.2 PERSPEKTIVE DER FAMILIE
3.3 PERSPEKTIVE DER LEHRKRÄFTE UND MITSCHÜLER
3.4 PERSPEKTIVE DER PSYCHOLOGIE
3.4.1 KLASSISCHE PSYCHOLOGISCHE ERKLÄRUNGSANSÄTZE
3.4.2 NEUERE PSYCHOLOGISCHE ERKLÄRUNGSANSÄTZE
3.5 PERSPEKTIVE DER MEDIZIN UND BIOLOGIE
3.6 PERSPEKTIVE DER SOZIOLOGIE
3.6.1 KLASSISCHE SOZIOLOGISCHE ANSÄTZE
3.6.2 NEUERE SOZIOLOGISCHE ANSÄTZE
3.6.3 DIE BEDEUTUNG DER MEDIEN
3.7 PERSPEKTIVE DER SOZIALEN ARBEIT
3.7.1 PRIMÄRPRÄVENTION ʹ JUGENDARBEIT
3.7.2 SEKUNDÄRPRÄVENTION ʹ SCHULSOZIALARBEIT

4 FAZIT

5 LITERATURVERZEICHNIS

1 Einleitung

In dieser Hausarbeit soll der Amoklauf von Emsdetten im Hinblick auf unterschiedliche Perspektiven beleuchtet werden. Da die Anzahl von School Shootings rasant zunimmt, wird die Diskussion über Motive und Einflussfaktoren immer wichtiger um präventiv vorgehen zu können.

Ziel dieser Hausarbeit ist es, die Tat nicht nur aus einer Sichtweise, sondern aus meh- reren Perspektiven zu betrachten, um einen Gesamtüberblick zu bekommen. Dabei sollen mehrere Einflussfaktoren beachtet werden. Dabei lautet die zentrale Fragestel- lung dieser Arbeit: Gibt es einen bestimmten tatauslösenden Faktor, oder spielen meh- rere Faktoren zusammen?

Im zweiten Kapitel soll zunächst der Begriff des Amoklaufs im Kontext von aggressivem Verhalten definiert werden. Es folgen eine genaue Beschreibung des Tathergangs und ein Versuch, die Ankündigung des Amoklaufs zu veranschaulichen.

Im dritten Kapitel sollen die einzelnen Perspektiven beleuchtet werden. Beginnend mit der Perspektive des Betroffenen (3.1) sollen kurze Angaben über die Gedanken, Ge- fühle und Handlungen des Täters gemacht werden, um mehr über seine Motive und Verzweiflung zu erfahren. Als Quellen hierfür werden hauptsächlich die in einem Inter- netforum veröffentlichten Tagebucheinträge und der Abschiedsbrief von Sebastian B. herangezogen. Es folgt die Darstellung der Auswirkungen auf die Familie (3.2). Da hierzu in der Öffentlichkeit nicht viel bekannt gegeben wurde, beschränkt sich die be- nutzte Quelle nur auf einen Beitrag im Internet, was an Authentizität zweifeln lässt.

Des Weiteren soll die Perspektive der Lehrkräfte und Mitschüler (3.3) beachtet werden. Hier werden die Folgen eines Amoklaufs an einer Schule für die betroffenen Lehrkräfte und Schüler nur im Allgemeinen dargestellt, da keine spezielle Literatur oder Medien- berichte über die Lehrkräfte und Schüler der Geschwister-Scholl-Realschule im Bezug auf den Amoklauf vorhanden sind. Neben der Perspektive der Psychologie (3.4), sollen auch die medizinischen und biologischen Faktoren beachtet werden (3.5). Des Weite- ren folgt die soziologischen Perspektive (3.6). Zum Schluss folgt die Betrachtung der Tat aus Sicht der Sozialen Arbeit (3.7). Neben der Jugendarbeit als Maßnahme der Primärprävention (3.7.1), sollen auch Handlungsansätze der Schulsozialarbeit veran schaulicht werden (3.7.2). Die Darstellung begrenzt sich auf kurze Einblicke in die Erlebnispädagogik und auf sozialpädagogische offene Angebote als Handlungsansätze, da die Veranschaulichung der gesamten Interventionsmöglichkeiten der Schulsozialarbeit einen zu großen Umfang umfassen würde.

2 Der Amoklauf von Emsdetten Ȃ Fallschilderung

2.1 Definitionen

Da in den Medien immer häufiger die Rede von Amoklauf oder Gewalt an Schulen ist, werde ich vor meinen weiteren Ausführungen versuchen diese Begriffe zu differenzieren und definieren. Zunächst soll jedoch der Begriff des School Shootings erläutert und mit dem Begriff Amoklauf in Kontext gestellt werden.

Nach Robertz handelt es sich beim School Shooting um zielgerichtete Tötungen oder Tötungsversuche von Schülern oder Lehrern durch Jugendliche, wobei die Schule be- wusst als Tatort gewählt wurde. Täter sind Schüler oder ehemalige Schüler, die ihre Schießerei stets im Voraus planen und neuerdings im Internet ankündigen. School Shootings werden in der Öffentlichkeit als Amokläufe dargestellt, wobei diese deutlich von der Auswahl der Opfer, Alter des Täters und dem Tatort abweichen. Deutsche sinngerechte Übersetzungen von School Shooting wären vorsätzliche Massentötungen an Schulen oder zielgerichtete tödliche Gewalt an Schulen (vgl. Robertz 2007, S.9f). Auf Grund der Unhandlichkeit in einer Hausarbeit werde ich jedoch den Begriff Amok- lauf synonym verwenden.

Um eine psychologische (3.4) und soziologische (3.6) Perspektive einnehmen zu können, werde ich in meiner Hausarbeit Erklärungsansätze für aggressives Verhalten benutzen. Dies soll eine Möglichkeit darstellen, das School Shooting von Emsdetten mit beziehungsweise als aggressives und gewalttätiges Verhalten, aus psychologischer und soziologischer Sicht erklären zu können. Die Begriffe Aggressionen, Aggressivität und gewalttätiges Handeln setzte ich gleich.

2.2 Der Tathergang

Am 20. November 2006 betrat der 18-jährige ehemalige Schüler Sebastian B. gegen 9.20 Uhr das Schulgelände der Geschwister-Scholl-Realschule in Emsdetten. Er war maskiert und mit mehreren Waffen und Sprengmitteln ausgerüstet. Auf dem Weg über den Schulhof zum Hauptgebäude der Schule schoss er wahllos auf entgegenkommen- de Personen, wodurch drei Schüler und eine Lehrerin durch einen Rauchkörper im Ge sicht verletzt wurden. Sein 16-jähriger Bruder versuchte ihn zu stoppen. Sebastian B. ließ sich jedoch nicht darauf ein, sondern machte seinem Bruder deutlich nach Hause zu gehen. Kurze Zeit später wurde der 55-jährige Hausmeister der Schule durch einen Bauchschuss schwer verletzt. Im Schulgebäude angekommen gab er erneut Schüsse auf eine Schülergruppe in der Aula ab und verletzte dadurch einen weiteren Schüler. Zwei 10- und 12-jährige Schülerinnen wurden durch Schüsse des Amokläufers im Treppenhaus verletzt. Im 2. Obergeschoss zündete er mehrere Rauchkörper, wodurch sich starker Rauch im Schulgebäude entwickelte. Mehrere Personen erlitten eine Rauchvergiftung. Durch einen Schuss in den Mund mit einer Vorderlader-Perkussions- waffe tötete sich der 18-jährige Sebastian B. anschließend selbst. Da er an seinem Körper Brand- und Sprengsätze angebracht hatte, konnte sein Leichnam erst nach de- ren Entschärfung abtransportiert werden (vgl. Engels 2007, S.36ff).

2.3 Die Ankündigung der Tat

Nach Auswertungen von persönlichen Dateien und der Internetnutzung von Sebastian B. wurde deutlich, dass er seine Tat bereits zweieinhalb Jahre zuvor in verschiedenen Internetforen unter dem Pseudonym ResitantX angekündigt hatte. Man fand ebenfalls heraus, dass er in diesen Foren um psychologische Hilfe gebeten hatte. Sebastian unterhielt auch eine eigene Internetseite, auf der er etliche Bilder von sich mit diversen Waffen, sowie gewaltdarstellende Videos ± unter anderem von Paintballspielen und eigenen Sprengstoffexperimenten ± veröffentlichte. Des Weiteren fand man kurz vor der Tat einen Abschiedsbrief auf seiner Internetseite (ausführlicher dazu in 3.1) (vgl. Engels 2007, S.39ff).

Es war einigen Schülern und Lehrern bekannt, dass Sebastian im Computerspiel Counterstrike ein Szenario entwickelte, welches in der Geschwister-Scholl-Realschule spielen sollte. Dieses Szenario wurde des Öfteren im Schulnetzwerk gefunden und gelöscht. Der Familie waren die Tatvorbereitungen anscheinend nicht bekannt. Es ge- lang Sebastian die Beschaffung der Tatwaffen, sowie die Anfertigung von Munition und Sprengmitteln in seinem Zimmer, vor seiner Familie geheim zuhalten (vgl. Rede Ingo Wolf).

3 Unterschiedliche Perspektiven des Amoklaufs

3.1 Perspektive des Betroffenen

Sebastian war als introvertierter, aus unauffälligen Familienverhältnissen stammender, Einzelgänger bekannt. Seine Freizeit verbrachte er damit, Airsoft-Spiele wie Paintball und so genannte Ego-Shooter auf dem Computer zu spielen (vgl. 3.6.3). Er galt als Waffenliebhaber und Anhänger der Gothic-Szene (vgl. Engels 2007, S.40ff).

Des Weiteren verbrachte er unter dem Pseudonym ResistantX viel Zeit in Internetfo- ren, zum Beispiel in Livejournal, einem online Tagebuch. Durch die Anzahl und Regel- mäßigkeit seiner Tagebucheinträge bei Livejounral wird deutlich, wie sehr sich Sebas- tian nach Aufmerksamkeit sehnte. Für ihn war es wichtig, jedes kleinste Detail seines Tagesablaufes den Usern mitzuteilen, in der Hoffnung es würde jemand seinen Hilferuf erkennen. In diesem Forum kündigte er auch seine Tat einen Tag zuvor an (vgl. Live- journal ResistantX).

Sebastian war in einer für ihn ausweglosen Situation. Seine Freunde bezeichneteer als keine „wahren Freunde (Livejournal ResistantX)" und das Madchen, das er liebte, verlor er an seinen besten Freund: „Was hab ich denn jetzt noch zu verlieren...nichts -Ich habe schon alles verloren. Es ist die Holle, ein Leben vergeudet..." (vgl. Livejournal ResistantX).

Sebastian fühlte sich überflüssig und nicht akzeptiert. Er befand sich in einer Perspek- tivlosigkeit, für die er vor allem sein schulisches Umfeld verantwortlich machte. In sei- nem Abschiedsbrief kann man deutlich seine Enttäuschung über die Lehrer erkennen, welchen er die meiste Schuld an seiner Tat zuschreibt. Er hatte sich in der Schule Un- terstützung und Aufmerksamkeit außerhalb der Familie erhofft. Stattdessen habe er durch seine Lehrer und Mitschüler nur Demütigung und Leistungsdruck erfahren. Se- bastian meinte, die Lehrer hätten ihre Macht ausgenutzt, um ihn als Versager hinzu- stellen. Daraus entwickelte er seine Hass- und Rachegefühle (vgl. Engels 2007, S.47).

Einen weiteren Grund für seinen Amoklauf sieht die Polizei von Nord Rhein Westfalen ebenfalls in der Tatsache, dass sich Sebastian wegen vorausgegangenem Verstoß gegen das Waffengesetz am Tage nach der Tat vor Gericht hätte verantworten müssen (vgl. Rede Ingo Wolf).

Sebastian machte sich viele Gedanken über die Gesellschaft und den Sinn seines Le- bens. Für ihn waren all seine Gedanken und seine Tat begründet. Sein Pseudonym ResistantX hatte für ihn eine wesentliche Bedeutung: Sein Leben war bis zu einem gewissen Punkt X stabil. Ab diesem Punkt X sollte sein Leben zusammenbrechen. Di- eser Punkt X sollte der 20. November 2007 sein (vgl. Livejournal ResistantX).

Er sah sich selbst als Individualist und war der Auffassung, dass diese Gesellschaft keinen Platz für Individualisten hätte. Hierbei wird eine tief verinnerlichte Abneigung gegen staatliche Normen deutlich (vgl. Engels 2007, S.47ff).

Sebastian schreibt in seinem Abschiedsbrief:

Meine Handlungen sind ein Resultat eurer Welt, eine Welt die mich nicht sein lassen will wie ich bin. Ihr habt euch über mich lustig gemacht, dasselbe habe ich nun mit euch getan, ich hatte nur einen ganz anderen Humor! (Abschiedsbrief Sebastian B.)

Hier wird deutlich, dass er seinen bevorstehender Amoklauf als ein Racheakt für all die Demütigungen und Enttäuschungen die ihm die Gesellschaft angetan hatte, angesehen hatte. Eine Befreiung aus einer Gesellschaft, die ihn nicht verstand.

3.2 Perspektive der Familie

Sebastian wohnte zusammen mit seinen Eltern, seiner 14-jährigen Schwester, seinem 16-jährigen Bruder und seiner Großmutter in einem Einfamilienhaus. Experten spre- chen von einer unauffälligen, kleinstädtischen Familienstruktur. Sebastians Mutter ist Hausfrau, sein Vater ist berufstätig. In der Familie war Sebastian als introvertierter Waffenliebhaber bekannt, was den Eltern aber keinen Anlass zur Sorge gab. Des Wei- teren ging Sebastian mit seinem Vater öfters zur Jagd (vgl. Engels 2007 S.40).

Dem Internetartikel zufolge, sollen die Eltern einen schweren Schock erlitten haben, nachdem sie vom Amoklauf ihres Sohnes erfahren haben. Sie wurden sofort ins Kran- kenhaus gebracht und von Psychologen betreut. Auch seine beiden Geschwister beka- men seelischen Beistand. Für den Bruder, so der Artikel, sei der Schock besonders groß gewesen, da dieser seinen größeren Bruder noch kurz vor der Tat sah, wie er schwer bewaffnet und maskiert auf die Schule zuging (vgl. Spiegel Online).

[...]

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Der Amoklauf von Emsdetten
Untertitel
Ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren?
Hochschule
Hochschule Esslingen
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
27
Katalognummer
V161841
ISBN (eBook)
9783640753420
ISBN (Buch)
9783640753543
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Amoklauf, Emsdetten, Zusammenspiel, Faktoren
Arbeit zitieren
Lisa Aberle (Autor), 2008, Der Amoklauf von Emsdetten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161841

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