Historikerstreit und Goldhagen Kontroverse

Zeitgeschichte als Streitgeschichte


Essay, 2009
5 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Der israelische Psychoanalytiker Zvi Rex formulierte treffend, dass die Deutschen den Juden

Auschwitz nie verzeihen werden. Genau diesen Eindruck bekommt man auch, wenn die äußerst kontroverse Diskussion um das Buch „Hitlers willige Vollstrecker, Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust“ von Daniel Goldhagen, näher betrachtet wird. Die sogenannte Goldhagen Kontroverse, welche sich in die anhaltende Antisemitismus Debatte oder aber auch in den berühmt gewordenen Historikerstreit, in welchem 1986/87 Jürgen Habermas die Historisierung des Holocaust stark kritisierte, einreiht, spiegelt auch sehr deutlich die Uneinigkeit über die Bewältigung speziell der deutschen Geschichte wieder. Zeitgeschichte ist eben „Streitgeschichte“, wie es der Historiker und Politikwissenschaftler Martin Sabrow ausdrückte. Goldhagens umstrittene Thesen lieferten eine völlig neue Perspektive auf die Betrachtung der Mitwirkung und der damit verbundenen Schuld der deutschen Bevölkerung am Holocaust an den europäischen Juden. Die Kernthese sagt aus, dass die Shoa der Wille der durch und durch antisemitischen Deutschen Bevölkerung war. Die schon vor Erscheinen der deutschen Druckausgabe des Buches begonnene Debatte entzündete sich maßgeblich in einem Zeitungsartikel der „ZEIT“, wo ein Vorabdruck erschien. Das Buch und seine Thesen von einem „eliminatorischen Antisemitismus“ der Deutschen wurde dabei scharf kritisiert. Goldhagen geht davon aus, dass der seit dem Mittelalter in Form des christlich motivierten Antijudaismus tief verwurzelte Antisemitismus in der deutschen Bevölkerung der Hauptgrund für den Holocaust war. Er bezieht sich dabei auf einzeln handelnde Individuen und nicht wie oft kritisiert auf ein kollektives „Tätervolk“. Er führt zur Belegung seiner Aussagen an, dass nachweislich die Nichtbefolgung des Befehls zum Massenmord nicht bestraft wurde und somit ist für ihn weder unmittelbarer Zwang oder die deutsche Staatshörigkeit und Untertanenkultur ein hinreichender Grund für die Durchführung des Völkermordes. Eine weiteres Argument ist die Übereinstimmung mit der nationalsozialistischen Weltsicht, selbst bei liberal eingestellten oder NS Gegnern wie dem Pastor Niemöller, dass „die Juden“ das ewige Übel der Deutschen seien und die „Judenfrage“ einer Lösung bedürfe. Anhand des Beispiels des Polizeibataillons 101, welches auf äußerst sadistische Weise massenhaft Juden hinrichtete, und welches gerade nicht aus elitären, Führer treuen SS Truppen bestand, sondern aus einem Querschnitt durch die deutsche Gesellschaft, eben „ganz gewöhnlichen Deutschen“ bestand. Während diese Thesen beispielsweise in den USA ebenfalls heftig diskutiert, aber dennoch als eine Bereicherung und eine neue Sicht auf die Geschichte anerkannt wurden, brach in Deutschland eine hitzige Debatte mit vielerlei Anschuldigungen und Unterstellungen einer unwissenschaftlichen Arbeitsweise Goldhagens aus. Die Debatte war anders als der eher in fachwissenschaftlichen Kreisen geführte Histotikerstreit, eine eher öffentliche Angelegenheit, welche in verschiedenen Zeitungen verfolgt werden konnte. Von allen Zeitungen reflexartig ablehnend betitelt, gab es diverse inhaltliche Kritikpunkte.

Zum Einen wurde das Argument der folgenlosen Befehlsverweigerung relativiert, da das Dritte Reich als totalitäre Diktatur auf staatliche Unterdrückung und Einschüchterung setzte und schon kleinste Vergehen fatale Folgen haben konnten. Weiterhin war die Massenvernichtung der Juden keineswegs ein öffentlich verkündeter Akt. Sie unterlag strikter Geheimhaltung und war kein öffentlich diskutiertes Thema. Volker Ullrich merkte an, dass es damals auch außerhalb von Deutschland starke antisemitische Tendenzen gab was beispielsweise in Pogromen an Juden in Russland deutlich wird. Der Antisemitismus sei demnach kein typisch „deutsches“ Phänomen. Christopher R. Browning, dem Goldhagen vehement widerspricht geht davon aus, dass ein Geflecht von Motiven, bestehend aus Gruppendruck, Gehorsamsneigung und Enthemmung durch die Kriegserlebnisse der Grund für die Täter waren. Ein gesellschaftlicher Zorn auf die Juden und ein allgemeiner Willen zur Judenvernichtung werden abgewiesen. Dies habe sich bei den November Pogromen 1938 gezeigt, wo eine massenhafte aktive Bevölkerungsbeteiligung ausblieb, oder aber auch in dem Punkt, dass zwar „Alle“ etwas wussten, der Großteil der Bevölkerung aber nicht ins Detail über die „Endlösung“ informiert war. Demnach seien nicht alle Deutschen Hass erfüllte Antisemiten gewesen. Ebenfalls stark kritisiert wurde die Tatsache, dass Goldhagen nur den deutschen Antisemitismus untersucht hatte und keinen Vergleich zu den europäischen Nachbarstaaten heranzog. Der Historiker Wolffsohn vertrat das Argument, dass eine genaue Analyse der Mittäter aus Lettland, Litauen, Kroatien oder Frankreich nötig sei um von einem typisch deutschen „eliminatorischen Antisemitismus“ sprechen zu können. Diese Forderung nach einem Vergleich und der Untersuchung nach antisemitischen Tendenzen in den Bevölkerung auch anderer europäischer Staaten, welche bereitwillig den Holocaust unterstützt haben, soll jedoch keine Entlastung für deutsche Täter darstellen, sondern vielmehr ein besseres historisches Bild davon vermitteln, wie Menschen zu Massenmördern werden können. Ein weiterer Kritikpunkt war die in Hinblick auf Goldhagens monokausale Erklärung des Holocaust betreffender Aussage, dass es ein quasi vorbestimmter Weg vom im 19. Jahrhundert in zahlreichen Ländern zu beobachtendem Antisemitismus, in Deutschland zur „Endlösung der Judenfrage“ kam. An diesem Punkt wird beispielsweise eine weitreichende Gesellschaftsanalyse und eine Entwicklung vom 1. Weltkrieg über die Weimarer Republik bis hin zum Leben im 3.Reich von Mommsen für nötig empfunden. Einer der strittigsten Punkte betraf bei der Debatte um Goldhagens Ausführungen den Punkt der schon anfangs erwähnten Kollektivschuld der Deutschen und der Unterscheidung von westlichen Demokratien und „den Deutschen“. Zwar wird im Vorwort der deutschen Ausgabe von „Hitlers willige Vollstrecker“ die Kollektivschuldthese vehement bestritten und auch ein zeitloser „typisch deutscher“ Charakter wird von Goldhagen negiert, jedoch sagen die einzeln getroffenen Aussagen im Buch etwas anderes aus.

[...]

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Historikerstreit und Goldhagen Kontroverse
Untertitel
Zeitgeschichte als Streitgeschichte
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
5
Katalognummer
V161929
ISBN (eBook)
9783640778959
Dateigröße
381 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Historikerstreit, Goldhagendebatte, Antisemitismus, Nachkriegsgeschichte, Daniel Goldhagen
Arbeit zitieren
Daniel Schuch (Autor), 2009, Historikerstreit und Goldhagen Kontroverse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161929

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