Die geistige Reise des jungen Augustinus ist geprägt von Leidenschaft, Zweifel und dem unermüdlichen Streben nach Wahrheit. Beginnend mit seinen Studienjahren in Karthago, über seine Begegnung mit Ciceros Hortensius, den langen Irrweg im Manichäismus bis hin zu seiner Annäherung an den katholischen Glauben, entfaltet sich eine faszinierende Entwicklungsgeschichte. Besonders prägend sind seine Erfahrungen in Mailand, wo der Einfluss des Bischofs Ambrosius seine Sicht auf die Heilige Schrift nachhaltig verändert.
Die hier untersuchte Auseinandersetzung mit dem manichäischen Priester Fortunatus im Jahr 392 in Hippo markiert einen entscheidenden Punkt: Im Zentrum steht die philosophisch-theologische Frage nach dem Ursprung des Bösen. Augustinus’ Argumentation offenbart nicht nur seine Distanzierung vom Manichäismus, sondern auch die Grundlagen seiner späteren Theologie.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Mt 10,16 und Eph 6,12 im Lichte der manichäischen Lehre
- Mt 10,16 und Eph 6,12 im Lichte der katholischen Lehre
- Necessitas dei oder voluntas dei?
- Die Anthropologie des Augustinus in Kritik
- Fortunatus in Aporie
- Das Argumentationsschma des Nebridius
- Quellen- und Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Argumentationsstruktur und die zugrundeliegenden theologischen Konzepte in Augustins antimanichäischem Werk "Acta contra Fortunatum Manicheum liber unus", insbesondere in den Abschnitten 22-37. Das Hauptziel ist es, die rhetorischen Strategien und philosophischen Implikationen des Disputs zwischen Augustinus und dem manichäischen Priester Fortunatus, der sich primär um die Frage des Ursprungs des Bösen dreht, detailliert zu analysieren.
- Augustins intellektuelle und spirituelle Entwicklung bis zur Bekehrung
- Die manichäische Lehre und deren Interpretation biblischer Texte (Mt 10,16, Eph 6,12)
- Die katholische Lehre Augustins zur Sünde, dem freien Willen und dem göttlichen Handeln
- Die Auseinandersetzung um die Frage der "necessitas dei oder voluntas dei"
- Augustins Anthropologie und die Rolle platonischen Gedankenguts
- Das Argumentationsschema des Nebridius und seine Anwendung in der Debatte
Auszug aus dem Buch
Necessitas dei oder voluntas dei?
Den Auftakt gibt Augustinus mit der Frage noceri deo non poterat, an poterat?46, wartet aber die Antwort seines Gegners gar nicht ab, sondern formuliert selbst, was er zu hören erwartet: sed quaeso mihi ut „non poterat“ respondeas47. Fortunatus, der dadurch in die Ecke getrieben ist, bleibt also nur die Möglichkeit, der suggerierten Antwort zuzustimmen. Doch mit genau dieser Zustimmung scheint das Ziel für Augustinus in Reichweite gekommen zu sein: Fortunatus in eine Position drängen, die eine widerspruchslose Argumentation unmöglich macht. Dies wird schon bei der nächsten Frage, warum Gott die Seelen hierher geschickt habe, wenn ihm kein Schaden zugefügt werden könne48, deutlich: da Fortunatus bereits abgelehnt hat, dass Gott Schaden zugefügt werden kann49, müsste er, um nicht in einen Wider-spruch zu geraten, die Aussendung der Seelen als einen absoluten Willensakt Got-tes anerkennen. Doch den mit dieser Frage50 beabsichtigten deus-crudelis-Vorwurf merkt er und versucht zunächst mit dem Verweis auf Rom 9,20 deutlich zu machen, dass, wenn Gott die Seelen nicht aus Notwendigkeit ausgesandt habe, die letzte Ursache für sein Handeln dem menschlichen Geist doch verborgen51 bleibe. An seiner Argumentation ist allerdings interessant, dass er sich selbst jede Möglichkeit nimmt, die dominierende Position des Augustinus ernsthaft zu gefährden, indem er im entscheidenden Moment Rom 9,20 in Betracht zieht und in einen für ihn selbst ungünstigen Kontext einsetzt. Denn mit dem Bezugsrahmen dieser Stelle, Rom 14-21, hätte er einerseits den Vorteil des Fragenden in der Diskussion gewin-nen und andererseits, was allerdings viel wichtiger wäre, Augustinus mit dem deus-crudelis-Vorwurf in seiner Lehre konfrontieren können. So wäre Augustinus nun in der Position, wenn nicht die Erklärung für die Gerechtigkeit göttlichen Handelns in Rom 14-21 zu bringen, ob nämlich Gottes Wille nicht vielmehr mit Willkür gleichgesetzt werden könne,52 so doch auf diesen Vorwurf in irgendeiner Weise einzugehen.
46 c. Fort. p. 108,4.
47 c. Fort. p. 108,4-5.
48 c. Fort. p. 108,23-24.
49 c. Fort. p. 108,6.
50 c. Fort. p. 108,4.
51 c. Fort. p. 109,8-10.
52 Vgl. Jost Eckert u. Otto Knoch (Hrsgg.), Der Brief an die Römer, übersetzt u. erklärt v. Dieter Zeller, Verl. Friedrich Pustet, Regensburg, 1985, S. 178f.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Beschreibt Augustinus' intellektuelle und spirituelle Entwicklung, seinen Weg vom Manichäismus zum Katholizismus, und stellt das Ziel der Arbeit vor: die Analyse der Argumentationsstruktur im Streitgespräch mit Fortunatus über den Ursprung des Bösen.
Mt 10,16 und Eph 6,12 im Lichte der manichäischen Lehre: Erläutert Fortunatus' manichäische Interpretation biblischer Passagen, um die Aussendung der Seelen als Kampf gegen die finstere Natur zu erklären und den Dualismus der Welt aufzuzeigen.
Mt 10,16 und Eph 6,12 im Lichte der katholischen Lehre: Präsentiert Augustinus' katholische Deutung derselben biblischen Stellen, wobei er die Notwendigkeit der Gerechtigkeit betont und den Kampf als spirituelles Ringen gegen die Mächte der Finsternis darstellt.
Necessitas dei oder voluntas dei?: Fokussiert auf die zentrale Streitfrage, ob Gott die Seelen aus Notwendigkeit oder freiem Willen aussendet, und zeigt, wie Augustinus Fortunatus durch geschickte Fragen in argumentative Schwierigkeiten bringt.
Die Anthropologie des Augustinus in Kritik: Diskutiert Augustinus' Entwicklung seines Seelenverständnisses unter platonischem Einfluss und seine Ablehnung des manichäischen Dualismus, während er die Probleme des Traduzianismus und Kreatianismus beleuchtet.
Fortunatus in Aporie: Beschreibt, wie Fortunatus versucht, Augustinus' Vorwurf eines "grausamen Gottes" zu widerlegen, indem er die Mission der Seele und die Bedeutung von Jo 10,18 nach manichäischem Verständnis darlegt.
Das Argumentationsschma des Nebridius: Schließt das Streitgespräch ab, indem Augustinus den fundamentalen Widerspruch in Fortunatus' Kosmologie aufzeigt und diesen argumentativ in eine Sackgasse treibt.
Quellen- und Literaturverzeichnis: Listet die für diese Arbeit herangezogenen Hilfsmittel, Augustins Schriften sowie die verwendete Sekundärliteratur auf.
Schlüsselwörter
Augustinus, Fortunatus, Manichäismus, Katholizismus, Seelenlehre, freier Wille, Ursprung des Bösen, Diskussion, Rhetorik, Ambrosius, Nebridius, Platonismus, Heilige Schrift, biblische Exegese, Dualismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Argumentationsstruktur und die theologischen Konzepte in Augustins Disput mit dem Manichäer Fortunatus, insbesondere die Frage nach dem Ursprung des Bösen und dem göttlichen Handeln.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind Augustins intellektuelle Entwicklung, die Gegenüberstellung manichäischer und katholischer Lehren, die Debatte um göttliche Notwendigkeit versus freien Willen, und Augustins Anthropologie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die wichtigsten Schritte in der Argumentation beider Kontrahenten in Augustins "Acta contra Fortunatum Manicheum liber unus" (Abschnitte 22-37) zu verfolgen und zu diskutieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine detaillierte Textanalyse und theologische Exegese, um die Argumentationsstrategien und philosophischen Grundlagen des Disputs zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden Fortunatus' und Augustins Interpretationen biblischer Passagen, die zentrale Frage nach der Notwendigkeit oder dem Willen Gottes bei der Aussendung der Seelen, Augustins Seelenlehre sowie die argumentative Aporie des Fortunatus behandelt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind Augustinus, Fortunatus, Manichäismus, Katholizismus, Seelenlehre, freier Wille, Ursprung des Bösen, Diskussion, Rhetorik, Ambrosius, Nebridius, Platonismus, Heilige Schrift, biblische Exegese, Dualismus.
Wie unterscheidet sich Augustinus' Gottesvorstellung von der manichäischen Lehre?
Augustinus überwindet den manichäischen Dualismus, indem er Gott als alleinigen, unzerstörbaren und unveränderlichen Schöpfer der gesamten Welt versteht, in der das Böse nur in seiner Potenzialität existiert und nicht als eigenständiges Prinzip.
Welche Rolle spielen biblische Passagen wie Mt 10,16 und Eph 6,12 in der Debatte?
Diese Passagen werden von Fortunatus zur Erklärung der Aussendung der Seele und des kosmischen Kampfes im manichäischen Sinne herangezogen, während Augustinus sie als Aufruf zur Gerechtigkeit und zum spirituellen Kampf gegen die Mächte der Finsternis deutet.
Was ist das "Argumentationsschema des Nebridius" und wie wird es eingesetzt?
Das Argumentationsschema des Nebridius ist eine von Augustinus angewandte rhetorische Strategie, um seinen Gegner durch das Aufzeigen von Widersprüchen in dessen Lehre (z.B. zwischen Notwendigkeit und freiem Willen Gottes) in eine argumentative Sackgasse zu führen.
Warum scheitert Fortunatus in der Diskussion mit Augustinus?
Fortunatus scheitert, weil er die logischen Widersprüche innerhalb der manichäischen Kosmologie nicht auflösen kann, insbesondere bezüglich der Grausamkeit Gottes, wenn Seelen aus Notwendigkeit ins Leid gesandt werden, während Gott selbst unverletzbar ist.
- Citation du texte
- Mirzet Ekic (Auteur), 2010, Augustinus. Acta contra Fortunatum Manicheum liber unus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1619654