Schreiben nach Auschwitz

Zur Sagbarkeit des Unsagbaren


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Kontext und Agenda
1.2 Primo Levi, Zeuge von Auschwitz

2. Das System Auschwitz
2.1 Die Fabrikation von Leichen
2.2 Funktionen und Logik des Lagers
2.3 Die Vernichtung der Person

3. Primo Levi: Alltag im Lager
3.1 Behandlung als Vieh und anonymes Stückgut
3.2 Unzureichende Nahrung und Kleidung bei harter Arbeit
3.3 Überlebensstrategien, die Solidarität zerstören und Opfer korrumpieren
3.4 Allgegenwärtige Beschimpfungen, Schläge und Selektionen
3.5 Besonders perfide Schikanen und intime Demütigungen
3.6 Unwissenheit, Willkür und Sinnlosigkeit
3.7 Eine absurde Welt aus Geboten und Verboten
3.8 Der totale Orientierungsverlust

4. Schreiben nach Auschwitz: Zur Sagbarkeit des Unsagbaren
4.1 Unsagbarkeit
4.1.1 Die Aporie des unvollständigen Zeugen
4.1.2 Die Unglaubwürdigkeit des Berichtes und die Abwehr der Rezipienten
4.1.3 Das Fehlen einer gemeinsamen Sprache
4.1.4 Das Problem der angemessenen Ästhetisierung
4.2 Sagbarkeit
4.2.1 Nähe und Distanz
4.2.2 Identifikation und Empathie
4.2.3 Metaphern und Analogien der Unsagbarkeit
4.2.4 Relativierung von Auschwitz?

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Kontext und Aganda

Auschwitz, Holocaust1, Shoah: der akribisch geplante, sorgfältig verwaltete, arbeitsteilig organisierte und im Kollektiv ausgeführte Massenmord an den europäischen Juden ist ob seiner Dimensionen, seiner grausamen Details und Strategien und seiner perfiden inneren Logik singulär. Das Geschehen ist so unfassbar, erscheint oftmals so irreal, dass ein Begreifen - ja selbst nur: ein Glauben - schwer fällt.

Welche Rolle kann und soll Literatur dabei spielen, das Geschehen der Nachwelt glaubhaft und zumindest annähernd begreifbar zu machen?

Wie kann Shoahliteratur der Irrealität des Geschehens und den Abwehrinstinkten der Rezipienten begegnen? Können Menschen, die die Schrecken von Ausschwitz erlebt haben, überhaupt eine gemeinsame Sprache mit Außenstehenden und Nachgeborenen finden? Was hätte die übergroße Zahl jener Zeugen zu berichten, die keine Möglichkeit mehr hatten, Zeugnis abzulegen? Und gibt es überhaupt angemessene Formen der literarischen Ästhetisierung, oder gilt das Diktum Theodor W. Adornos, wonach „nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben barbarisch” sei (Adorno 1995)?

Diese Fragen möchte ich stellen und sodann mögliche Antworten und Lösungen auf der Grundlage des Berichts „Se questo è un uomo” aus der Feder des italienischen Auschwitzüberlebenden Primo Levi skizzieren (Kapitel vier).

Diesem dezidiert literatur- und sprachwissenschaftlichen Teil sind zwei hinführende Kapitel vorangestellt, die die Relevanz der soeben aufgeworfenen Fragen plausibilisieren: In Kapitel zwei thematisiere ich die tieferliegende Zweckebene der Konzentrationslager innerhalb des Systems der nationalsozialistischen Herrschaft, denn nur so kann verständlich werden, warum und in welchem Ausmaß in Auschwitz das „gesamte Leben nach dem Gesichtspunkt der größtmöglichen Quälerei systematisch durchorganisiert” war (Arendt 1996:919). Kapitel drei skizziert die Unfassbarkeit und Irrealität des Geschehens: Es erinnert an das Erlebte Primo Levis und verdeutlicht so die Herausforderungen, die eine literarische Verarbeitung darstellt.

1.2 Primo Levi, Zeuge von Auschwitz

Primo Levi wurde 1919 als Sohn gut situierter italienischer Juden in Turin geboren (Thompson 2002:6-18). Nach Beendigung eines Chemiestudiums schloss er sich im Herbst 1943 der Resistenza an, um mit anderen Partisanen gegen Mussolinis faschistische Republik von Saló zu kämpfen. Am 13. Dezember 1943 wurde er von faschistischen Milizen gefasst, interniert und am 22. Februar 1944 zusammen mit 650 anderen italienischen Juden nach Auschwitz deportiert, genauer: in das Arbeitslager Buna-Monowitz (ebd.:54-171), welches dem aus zahlreichen Lagern bestehenden „complexe d’Auschwitz” untergeordnet war (Grierson 2003:31).

Die Nationalsozialisten hatten zu diesem Zeitpunkt ihre Diskriminierungspolitik gegen die Juden radikalisiert: Was mit dem Ausschluss der Juden aus dem öffentlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben, mit der „Arisierung” ihres Eigentums, der Sanktionierung ihres Privatlebens und ihrer forcierten Auswanderung begonnen hatte, mündete Ende 1941 / Anfang 1942 in die „Endlösung der Judenfrage” (Mommsen 2002); jener Euphemismus, mit dem die Nazis den systematischen Massenmord an den europäischen Juden bezeichneten. Der Ort dieses Mordes, das Vernichtungslager schlechthin, war Ausschwitz. Von den insgesamt 5,1 bis 6,3 Millionen[2] jüdischen Opfern der Shoah wurden allein in Auschwitz 960 000[2] ermordet (Steinbacher 2004:106), größtenteils in den Gaskammern mittels des (ursprünglich als Insektenbekämpfungsmittel eingesetzten) Blausäuregases Zyklon B (ebd.:70-74). Nur circa 7000 Menschen2, also einer unter einhundert vierzig, überlebte dieses Lager, über dessen Eingangspforte die Nazis zynisch „Arbeit macht frei” proklamierten (ebd.:101). Einer jener Wenigen ist Primo Levi, ein Zeuge von Ausschwitz; ein Mann, der Chemie studiert hatte und Schriftsteller nur deshalb wurde, um Zeugnis abzulegen (Agamben 2003:14). Sein erstes Buch („Se questo è un uomo”), das er unmittelbar nach der Rückkehr in seine Heimat schrieb, ist dieses Zeugnis. Es ist der verstörende Bericht des täglichen Sterbens und der Vernichtung der Person im Lager von Auschwitz.

2. Das System Auschwitz

2.1 Die Fabrikation von Leichen

Wer in Auschwitz starb, der wurde nicht ermordet, sondern vernichtet: Zum einen wurde ihm und seinen Angehörigen kein individueller Tod vergönnt. „Der Tod in Auschwitz war trivial, bürokratisch und alltäglich” (Levi 1990:151). Zum anderen wurden seine sterblichen Überreste verbrannt, sodass ein Erinnern und Gedenken verunmöglicht wurde; von ihnen blieb buchstäblich nichts als Rauch, und ihre Vernichtung vollzog sich „am laufenden Band”. Was die Täter hier vollführten, war „die Fabrikation von Leichen” (Arendt 1996:912); war nicht die Ermordung von Menschen, sondern die Vernichtung und Leugnung ihrer Existenz. Die Insassen wurden beseitigt, so ”als ob es sie nie gegeben hätte” (ebd.:912-:915). Während die überwiegende Mehrzahl der Deportierten sofort nach ihrer Ankunft in Auschwitz in die Gaskammern geführt und vergiftet wurden (Steinbacher 2002:72), ist für unsere Fragestellung insbesondere das Schicksal jener Minorität von Bedeutung, die kurzzeitig überleben durften, bevor sie an Hunger, Krankheit, Schwäche oder Gewalteinwirkung starben - und ganz besonders das Schicksal jener verschwindend kleinen Zahl, die bis zur Befreiung der Lager überlebten - denn nur sie hatten die Möglichkeit, so wie Levi Zeugnis abzulegen. Was diesen Menschen angetan wurde, ist so ungeheuerlich, dass kein noch so großer Hass oder Minderwertigkeitskomplex eines Täters jene - anonymen Opfern gegenüber zigtausendfach wiederholte - Qual erklären könnte. Was sich in Auschwitz zugetragen hat, lässt sich nur dann erklären (und vielleicht: überhaupt erst einmal glauben!3 ), 800 Kranke so wie Levi zurückgelassen und nicht vernichtet wurden, ist wohl nur „durch einen massiven nächtlichen Luftangriff und die Geschwindigkeit des russischen Vormarsches” zu erklären (Levi 1991b:171). wenn man die tieferliegende Zweckebene bedenkt, welche die Lager erfüllten.

2.2 Funktionen und Logik des Lagers

„Es heißt nur noch gehorchen” (Levi 1991:21)

Welches war der Zweck der Konzentrations- und Vernichtungslager?

Auf einer ersten, oberflächlichen Ebene scheint dies offensichtlich: Sie waren einerseits die Orte, an denen die extremste Konsequenz der nationalsozialistischen Ideologie, die „Endlösung der Judenfrage” realisiert wurde; jene Orte an denen Menschen millionenfach vernichtet wurden, als hätte es sie nie gegeben. Andererseits sollte die Arbeitskraft der Deportierten vor ihrem Tode noch ausgebeutet werden.

Auf einer zweiten, tieferliegenden Ebene waren die Konzentrationslager aber sehr viel mehr für das Dritte Reich: Sie waren unverzichtbare „Laboratorien für das Experiment totaler Herrschaft” (Agamben 2002:128, Arendt 1996:907, Levi 1990:39). Ihre zentrale Funktion war es, den „Beweis dafür zu erbringen, dass schlechthin alles möglich ist” (Arendt 1996:907); dafür nämlich dass die totale Beherrschung eines Menschen möglich ist. Die totale Beherrschung eines Menschen kann dann als realisiert betrachtet werden, wenn er der Möglichkeit zum initiativen, selbstbestimmten Handeln vollständig beraubt ist; wenn also seine Möglichkeit, zur Außenwelt Stellung zu nehmen gänzlich auf Reaktionen beschränkt ist; wenn außerdem diese Reaktionen nach Belieben von seiten der Herrscher manipuliert und vorhergesagt werden können: ganz so wie im Falle des Pawlowschen Hundes (vgl. Levi 1990:94). Dieses wurde in den Konzentrationslagern erreicht, deren Insassen „bis in den Tod vollkommen verlässlich reagieren und nur reagieren” (Arendt 1996:935). Das Paradigma eines solchen Menschen schlechthin, der, der aller menschlichen Verhaltensweisen beraubt ist, ist der „Muselmann”; ein Begriff, „mit dem man die hoffnungslos erschöpften, ausgehungerten Häftlinge bezeichnete” (Levi 1990:99); „den sich aufgebenden und von den Kameraden aufgegebenen Häftling...ein Bündel physischer Funktionen in den letzten Zuckungen” (Agamben 2003:36).4 Dieses Experiment der totalen Herrschaft, die Beweisführung, dass die Produktion solcher Menschen möglich ist, war für das Nazi-Regime in zweifacher Hinsicht von entscheidender Bedeutung: Erstens ermöglichte es die Disziplinierung des gesamten deutschen Volkes im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie: zum einen, indem es einen Ort für die kompromisslose „Erziehung zu totaler Herrschaft” (ebd.:936), also für die „praktische Fortsetzung der ideologischen Indoktrination” (ebd.:908) und somit zur Festigung und Fanatisierung der „Kerntruppen” des Regimes eröffnete (ebd.:936). Zum anderen war die diffuse, „unbestimmte Angst” der Deutschen vor den Lagern unerlässlich, um „ein ganzes Volk in kompletter Apathie erhalten” zu können (ebd.:936). Diese unbestimmte Angst aller ist nicht nur psychologisch verständlich, sondern war auch objektiv gesehen insofern begründet, als es zum unbedingten Wesen der Lager gehörte, dass ihre Insassen mit wechselnden und willkürlichen Begründungen aus der Mitte schuldloser Menschen rekrutiert werden konnten.5

- Zweitens konnten die ‘Kerntruppen des Regimes’ mittels eines Zirkelschlusses das Ergebnis ihres Experimentes als Beweis für die nationalsozialistische These von der Minderwertigkeit der jüdischen (und anderer) Rassen auffassen: Die ideologische Fiktion des Juden als ein nach objektiven Merkmalen distinguierbares, unreines, unterwürfiges, linkisches, tierisches, amoralisches und minderwertiges Wesen wurde in den Lagern verwirklicht. Die Produktion solcher Menschen war die unweigerliche Konsequenz der in jeder Hinsicht unmenschlichen Lebensbedingungen.6

[...]


1 Der gängige Begriff „Holocaust” ist unglücklich gewählt, da er in seiner Etymologie zum einen selbst antisemitisch konnotiert war (zur Diffamierung von jüdischen Opferpraktiken) und zum zweiten ein „Höchstes Opfer im Zusammenhang einer vollkommenen Hingabe an heilige und höhere Ziele” bezeichnete. Beide Assoziationen können im Kontext des Massenmordes an den europäischen Juden nur als unangemessen und höhnisch erscheinen (Agamben 2003:25-28). Ich werde daher künftig auf den Begriff der „Shoah” (hebräisch für „Unglück”, „Katastrophe”) ausweichen, um dieses Phänomen zu benennen oder so wie im Titel dieser Arbeit „Auschwitz” metonymisch für die Shoah verwenden.

2 Die Zahlen sind das Ergebnis neuester Forschung (Steinbacher 2004:104-107). Die genaue Zahl der Opfer kann niemand nennen, da die Nazis in den letzten Tagen vor der Räumung der Lager die meisten Beweise mit der gleichen Präzision vernichteten, mit der sie den Genozid zuvor begingen (ebd.:99-101) Die Tatsache, dass ca.

3 Zur Irrealität der Geschehnisse und der daraus resultierenden Unglaubwürdigkeit des Berichtes vgl. auch Kap. 3.6 und 4.1.2)

4 Zur Genese des Begriffes „Muselmann”, der in den meisten Lagern verwendet wurde, vgl. Agamben (2003:36- 41).

5 „Weder die Juden noch die Deutschen [sind] in diesem eigentlichen Sinn eine Rasse”; in dem Sinn nämlich, dass sie „eine bestimmte Kombination von homozygoten Genen aufweisen, die anderen Gruppen fehlen” (Agamben 2002:155). Die Entscheidung über die Kriterien, welche die Zugehörigkeit zu der einen oder anderen „Rasse” definieren, ist daher willkürlich bzw. rein politisch, sodass „implizit über jedem die Möglichkeit der Entnationalisierung” und damit der Entrechtung schwebte (ebd.:158). Das Vorgehen der Nazis gegen andere, nichtjüdische Minderheiten und „Volksfeinde” (Kommunisten, „Zigeuner”, Homosexuelle, Geisteskranke, körperlich Behinderte, Alkoholiker, Angehörige der slawischen Volksgruppen und anderer „minderwertiger” und „absterbender Rassen”) beweist, dass die Festlegung dieser „Schwelle...jenseits deren das Leben keinen rechtlichen Wert mehr besitzt und daher getötet werden kann, ohne dass ein Mord begangen wird” (ebd.:148), in der Tat äußerst flexibel war.

6 Eine Anekdote aus Levis Bericht illustriert diesen Zirkelschluss: Er und zwei weitere Häftlinge haben im Winter 1944 das Glück, im Labor arbeiten zu dürfen, wo sie auch drei jungen deutschen Frauen begegnen. „Sie reden nicht mit uns und rümpfen die Nase, wenn sie uns elend und verdreckt, unpaß und unsicher in unseren Pantinen durchs Labor schlurfen sehen.” Als Levi es doch einmal wagt, eine von ihnen anzusprechen, wendet sie sich „hastig” und „mit angewidertem Gesicht” einem anderen Mitarbeiter zu, auf dass dieser dafür sorge, dass der „Stinkjude” sie nicht belästige (Levi 1991:136).

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Schreiben nach Auschwitz
Untertitel
Zur Sagbarkeit des Unsagbaren
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar Literaturwissenschaft „Schreiben nach der Shoah”
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
25
Katalognummer
V161990
ISBN (eBook)
9783640756759
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Auschwitz, Holocaust, Shoah, Literatur, Schreiben, Ästhetisierung, Überlebende, Auschwitzüberlebende, Levi, Adorno
Arbeit zitieren
Sascha Ackermann (Autor), 2008, Schreiben nach Auschwitz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161990

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