Friedrich August v. Hayeks Kritik am Konzept der sozialen Gerechtigkeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Begriff der sozialen Gerechtigkeit

3. Gesellschaftliche Zustände und Verteilungen als Ergebnis menschlichen Handelns, aber nicht menschlichen Entwurfs

4. Die Nichtexistenz von objektiven Umverteilungsmaßstäben

5. Die Herstellung sozialer Gerechtigkeit als Bedrohung einer freien Gesellschaft

6. Hayeks Gerechtigkeitsvorstellungen

7. Einige Kritikpunkte an Hayeks Darstellungen

8. Schlussbemerkung

Literatur

1. Einleitung

Der 1992 verstorbene Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August v. Hayek widmete einen beträchtlichen Teil seiner Schriften unter anderem der Kritik an den gängigen Vorstellungen zur sozialen Gerechtigkeit, wie sie in den entwickelten Industriestaaten seit Ende des 19. Jahrhunderts und verstärkt nach 1945 vorherrschen. Soziale Gerechtigkeit, zum einen verstanden als erstrebenswerter gesellschaftlicher Zustand, und zum anderen gedacht als zentrales Kriterium zur Beurteilung politischer Handlungen und Vorhaben, zählt seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Programmsätzen in der Politik. Obwohl dieser Begriff in allen Lagern sehr häufig benutzt wird, scheint das Verständnis darüber, was soziale Gerechtigkeit eigentlich bedeutet und wie sie verwirklicht werden soll, eher gering ausgeprägt zu sein. 1975 leistete zwar der Philosoph John Rawls mit seinem Hauptwerk „A Theory of Justice“ einen bedeutenden Beitrag zur Klärung dieser Fragen, jedoch nehmen in der politischen Tagesdiskussion die wenigsten Akteure Bezug auf diese philosophischen und theoretischen Grundlagen. Der Begriff „soziale Gerechtigkeit“ hat hingegen bereits vor vielen Jahren den Charakter eines Schlagwortes erhalten, das sich schnell und bequem zur Kommentierung politischer Programme und Handlungen verwenden lässt: Soll ein Programm kritisiert oder verhindert werden, kann man es als „nicht sozial gerecht“ bezeichnen, während sich zur Herausstellung der Vorzüge bestimmter Programme die Eigenschaft der sozialen Gerechtigkeit fast immer anbietet. Allerdings hatte die Idee der sozialen Gerechtigkeit auch tatsächliche Auswirkungen auf die Gestalt zahlreicher Gesellschaften, vor allem wenn man sich vor Augen führt, dass in den meisten europäischen Ländern seit der Mitte des 20. Jahrhunderts wohlfahrtsstaatliche Regelungen und Institutionen nicht nur gefordert, sondern auch in die Praxis umgesetzt und im Laufe der Zeit noch ausgebaut wurden.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es nicht, Inhalte des Konzeptes der sozialen Gerechtigkeit ausführlich darzustellen oder zu präzisieren, sondern Hayeks grundsätzliche Kritik an diesem Begriff und seiner Verwendung zusammenzufassen. Dabei ergibt es sich von selbst, dass auch auf Hayeks Gegenvorstellungen bezüglich gerechter gesellschaftlicher Zustände und Prozesse eingegangen wird. Hayek beschränkte sich nicht darauf, die Schwächen der Idee von der sozialen Gerechtigkeit wie kein anderer deutlich zu machen, sondern bemühte sich ebenso eindringlich, die Prinzipien einer freien Gesellschaft darzulegen.

2. Der Begriff der sozialen Gerechtigkeit

Zunächst muss in aller Kürze der Frage nachgegangen werden, welche besonderen Merkmale das Konzept der sozialen Gerechtigkeit in sich trägt und welche Unterschiede zu anderen Gerechtigkeitsauffassungen hierbei von Bedeutung sind.

Gerechtigkeit muss als eines der zentralen moralischen Prinzipien gesehen werden, woran individuelles und auch politisches Handeln gemessen werden kann. Dieses Prinzip enthält für sich wiederum eine Reihe von Unterprinzipien, nämlich insbesondere die Gleichbehandlung gleicher Fälle (etwa vor dem Gesetz), die Unparteilichkeit oder den fairen Tausch. Zu diesen und anderen Inhalten des Gerechtigkeitsbegriffes gibt es heute kaum mehr kontroverse Debatten. So ist z. B. weithin anerkannt, dass zur Verwirklichung von Tauschgerechtigkeit die Freiwilligkeit des Tauschvorganges eine wesentliche Voraussetzung ist (vgl. Koller 2001: 15 f.). Spricht man jedoch von sozialer Gerechtigkeit, dann behandelt man immer Probleme der Verteilungs gerechtigkeit, über deren genauen Inhalt und Verwirklichung bis heute gestritten wird (vgl. Koller 2001: 1). Es geht hierbei zum einen um die Frage, welche Art von Verteilung als gerecht gelten kann, und zum anderen darum, wie weit etwa eine Regierung gehen darf, um die als gerecht befundene Güterverteilung durchzusetzen. Auch das Problem, welche Güter hier überhaupt von Relevanz sind, kann nicht leicht gelöst werden. Einkommen und Vermögen unterliegen in aller Regel bereits einer mehr oder weniger stark ausgeprägten Umverteilung, während eine solche Umverteilung bei den natürlichen und angeborenen Fähigkeiten oder der sozialen Herkunft eines Individuums, also im weitesten Sinne immateriellen Gütern, nur schwer durchführbar ist.

Die Umsetzung einer völlig egalitären Güterverteilung, d. h. einer Verteilung, in der alle Menschen gleich viele Güter besitzen und gleich viele Lasten tragen müssen, würde umfangreichste Umverteilungsprozesse erforderlich machen. Ein solches Konzept gilt jedoch zu Recht als nicht erstrebenswert, da hierfür nicht nur in einem inakzeptablen Umfang in die individuellen Freiheiten und Eigentumsrechte der Menschen eingegriffen werden müsste, sondern auch die Vorteile einer nach dem Prinzip des Wettbewerbs organisierten Wirtschaft nicht genutzt würden. Wenn am Ende alle über die gleiche Gütermenge verfügen, besteht für den einzelnen kein Anreiz mehr, seine Fähigkeiten und Kenntnisse effektiv einzusetzen. Das Wohlstandsniveau einer Gesellschaft würde hierunter erheblich leiden.

Allerdings beinhalten die meisten Theorien der sozialen Gerechtigkeit, so z. B. auch der Sozialstaatsgedanke des Grundgesetzes, hinsichtlich eines Gutes dennoch egalitäre Zielsetzungen: Die Herstellung von Chancengleichheit, konkret ausgedrückt insbesondere im freien Zugang zu Bildungseinrichtungen und in verschiedenen Diskriminierungsverboten (bzw. positiven Diskriminierungen), erscheint allgemein akzeptabler als die Forderung nach Ergebnisgleichheit.

Es gilt heute als nicht mehr umstritten, dass Unterschiede zwischen den Gesellschaftsmitgliedern hinsichtlich der (zumindest materiellen) Güterverteilung in einer freien und marktwirtschaftlichen Ordnung nicht zu vermeiden sind. Auch das Bemühen um Chancengleichheit kann die ständig entstehenden Ungleichheiten in der Güterausstattung nicht beheben. Es stellt sich dann das Problem, wie groß diese Unterschiede sein dürfen. John Rawls hat in seiner bereits erwähnten Theorie an diesem Punkt das sogenannte Differenzprinzip entwickelt, welches besagt, dass Ungleichheiten nur soweit zulässig sind, wie sie auch noch den Schlechtestgestellten Vorteile einbringen (vgl. Rawls 1975: 81 ff.). Rawls gelang es auf diesem Weg, notwendige Ungleichheiten mit dem Gedanken der sozialen Gerechtigkeit zu vereinbaren. Libertäre Autoren wie Robert Nozick oder Friedrich August v. Hayek konnten sich jedoch mit der Rawlsschen Theorie der Gerechtigkeit keineswegs anfreunden. Sie betonen den Vorrang der individuellen Freiheit gegenüber jedweden Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit.

Eine sorgfältige Bestimmung des Inhalts des Begriffs der sozialen Gerechtigkeit und eine ebenso sorgfältige Begründung von Umverteilungshandlungen im Namen der sozialen Gerechtigkeit sind von großer Wichtigkeit, weil andere grundlegende Normen damit in Einklang gebracht werden müssen.

Schon die Forderung nach der rechtlichen Gleichbehandlung der Menschen stößt im Konzept der sozialen Gerechtigkeit an seine Grenzen. Um soziale Gerechtigkeit als einen wie auch immer gearteten gesellschaftlichen Zustand herzustellen und aufrechtzuerhalten, müssen Menschen in der Regel ungleich behandelt werden, d. h. materielle Güter (z. B. Einkommen) und immaterielle Güter (z. B. Chancen) müssen so umverteilt werden, dass ein Teil der Gesellschaftsmitglieder im Vergleich zum ursprünglichen Zustand bessergestellt wird, während der andere Teil belastet oder schlechtergestellt wird. Eine solche Umverteilung von Gütern und Lasten muss immer nach bestimmten Kriterien erfolgen, die nicht nur als Maßstab die Umverteilung praktisch erst ermöglichen, sondern auch zur Legitimierung dieses Vorgangs dienen.

Hayek hat in seiner Kritik der sozialen Gerechtigkeit jedoch mit großer Deutlichkeit dargelegt, dass alle Bemühungen um die philosophische Fundierung sozialer Gerechtigkeit ohne Erfolg bleiben werden. Er begründete seine Ansicht dabei mit unterschiedlichen Argumenten, von denen die zentralen in den nächsten Abschnitten dargestellt werden sollen. Es geht dabei zunächst um die Unmöglichkeit, den Gerechtigkeitsbegriff auf andere Objekte als auf individuelle Handlungen anzuwenden (Abschnitt 3). Im Anschluss daran wird auf das Argument der grundsätzlichen Nichtexistenz objektiver Umverteilungskriterien (Abschnitt 4) und auf Hayeks Warnung vor der Bedrohung freier Gesellschaften durch den Gedanken der sozialen Gerechtigkeit (Abschnitt 5) eingegangen.

Darauf aufbauend lässt sich Hayeks „positive“ Theorie der Gerechtigkeit (Abschnitt 6) und einige Kritikpunkte daran (Abschnitt 7) erläutern.

3. Gesellschaftliche Zustände und Verteilungen als Ergebnis menschlichen Handelns, aber nicht menschlichen Entwurfs

Hayek sieht die Verteilungsstrukturen in einer Gesellschaft als zwar durch menschliche Handlungen hervorgebrachte, nicht aber als bewusst geplante oder von Menschen entworfene Zustände. Die Mitglieder einer Gesellschaft handeln, ganz im Gegensatz zu den Mitgliedern einer Organisation, wie etwa einem Unternehmen oder einer Regierung, nicht koordiniert, sondern sind darauf bedacht, ihre jeweils individuellen Zwecke zu verfolgen. Was aus diesen individuellen Handlungen entsteht, nennt Hayek eine spontane Ordnung oder Kosmos. Das Aussehen und die Besonderheit einer spontanen Ordnung resultiert zwar aus den Handlungen der beteiligten Personen, ist aber zu keinem Zeitpunkt von einer dieser Personen oder einer Gruppe daraus so beabsichtigt worden. Neben dem weiter unten noch ausführlicher anzusprechenden Marktmechanismus, stellen auch solche Dinge wie die Sprache, das Geld oder die Moral Ergebnisse menschlicher Handlungen, aber nicht menschlicher Entwürfe dar. Diese für das Leben der Menschen unverzichtbaren kulturellen Institutionen bildeten sich im Laufe vieler Jahrtausende heraus, indem bestimmte Praktiken sich als dem Fortschritt dienlicher erwiesen als andere Praktiken. Bei diesem Prozess handelt es sich um eine „kulturelle Evolution durch Lernen“ (Hayek 1977: 38), und nicht um die Übernahme von bewusst geplanten und entworfenen Institutionen. Laut Hayek setzten sich jene Dinge durch, die sich als am erfolgreichsten herausgestellt hatten, nicht die, die als am erfolgreichsten gedacht wurden (vgl. Hayek 1977: 38).

Ein erster Hayekscher Kritikpunkt am Konzept der sozialen Gerechtigkeit bezieht sich nun auf die Übertragung des Wortes „gerecht“ bzw. „ungerecht“ auf die sich aus einer spontanen Ordnung ergebenden Zustände:

[...]

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Details

Titel
Friedrich August v. Hayeks Kritik am Konzept der sozialen Gerechtigkeit
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Lehrstuhl für Politikwissenschaft I)
Veranstaltung
Hauptseminar "Politische Philosophie: Freiheit, Gleichheit und Vielfalt"
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
19
Katalognummer
V162043
ISBN (eBook)
9783640760299
ISBN (Buch)
9783640760466
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Friedrich, August, Hayeks, Kritik, Konzept, Gerechtigkeit
Arbeit zitieren
Markus Heindl (Autor), 2003, Friedrich August v. Hayeks Kritik am Konzept der sozialen Gerechtigkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162043

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