Von der Entfremdung der Arbeit in Kathrin Rögglas Roman "Wir schlafen nicht"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.1. Kathrin Röggla Wir schlafen nicht
2.2 „Wie müssen es wagen, uns die Arbeit wiederanzueignen“ – Andre Gorz und Richard Sennett über die Entwicklung der Arbeit

3. „short-sleeping“ – Beispiele aus Kathrin Rögglas Roman Wir schlafen nicht

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„[...] bleib in Bewegung,

geh keine Bindungen ein

und bring keine Opfer.“[1]

So resümiert Richard Sennett, englischer Soziologe, die Prinzipien der „flexiblen Gesellschaft“.[2] Die ersten beiden Anforderungen die sich der Mensch des späten 20. und 21. Jahrhunderts stellt, treffen nach Betrachtung des neuen Arbeitsbegriffs augenscheinlich zu. Liest man die aktuellen Berichte aus den Zeitungen bringen die meisten Menschen Opfer im physischen als auch psychischen Sinne:

„Eines Tages konnten sie es nicht mehr länger mit ansehen. Die Arbeitskollegen schickten Bernd Tillmann nach Hause. Monatelang hatte der damals 33-jährige Bankangestellte gegen den drohenden Zusammenbruch angekämpft; hat ignoniert, dass ihm die Arbeit immer weniger Freude bereitet. Dann [...] verließen ihn die Kräfte.“[3]

Der suggerierte profitorientierte Wesenszug, der „Zwang zum Verkauf immer fragwürdigerer Produkte“[4], durch die Bank bei welcher genannter Bernd Tillmann arbeitete, trieb diesen psychisch so weit bis die Arbeit zur Belastung wurde und Tillmann in ihrer ganzen Wucht überrollte und ihn einfach ausschaltete. Die Folge: „Anpassungsstörungen“[5] so sein Arzt nach der Diagnose - „Burn-out“[6] so Tillmann es mittlerweile rückblickend erkennt.

„Burn-out“ – ausgebrannt von der Arbeit. Wie tief greifend ist das Phänomen Arbeit geworden? Welche Gestalt hat diese angenommen, das nichts mehr im Sinne einer „Frei-zeit“ als Freiraum, sichtbar getrennt von der Arbeit bestehen kann? Lebt der Mensch nur noch von der Arbeit? Oder lebt die Gesellschaft vielmehr vom Ergebnis vieler Opferbringungen nach Erwirtschaftung des Kapitals? So schreibt Gilles Deleuze in einem Aufsatz: „Der Mensch ist nicht mehr der eingeschlossene, sondern der verschuldete Mensch.“[7]

Den Figuren in Kathrin Rögglas Roman „ Wir schlafen nicht[8] ist bereits jedes „runterkommen“[9] nach der Arbeit für die „freie Zeit“ zu anstrengend und ebenfalls mit psychischer Höchstleisung verbunden. Diese stehen samt ihres ganzen Lebens in der „Schuld“ des Kapitals und der Arbeit als Dienstleister: Sie haben sich eigentlich aufgegeben. Sei es die key-account-managerin[10], bei welcher nichts „ohne bleibende wirkung“[11] vorübergeht oder die praktikantin, die „ohne medien- und agenturvergangenheit“[12] aber „expotauglich“[13] sein will, in der Medienbranche Fuss fassen möchte, oder aber der senior-associate der „100 %“[14] in seinem Beruf gefordert ist, jedoch bereit ist zu experimentieren und „mal sehe[n] will, wie sich diese welt so anfühlt. das sei ein haltung, die man so nicht durchziehen könne“[15], so gibt er zu. Sie bringen Opfer, denn sie „schlafen nicht“.

Aufgabe dieser Arbeit ist es anhand des Romans Wir schlafen nicht Beispiele zu finden um darzustellen inwiefern die Arbeit des 21. Jahrhunderts für den Menschen entfremdet, volle Flexibilität verlangt und damit Freizeit zerstört, psychosomatische Krankheiten hervorruft und alleiniger Motor für die Subjektwerdung geworden zu sein scheint.

Im ersten Teil gilt es den Roman Wir schlafen nicht als Untersuchungsgegenstand und die in den Fokus der Interpretation stehenden Elemente klar zu definieren. Ein zweiter, theoretischer Teil, soll zusammenfassend darstellen wie sich Arbeit aus den tayloristischen Zwängen heraus über einen Post-Fordismus hin zur scheinbar freien, in flachen Hierarchien auszuübenden Tätigkeit, gewandelt hat. Die hauptsächliche theoretische Grundlage bilden einmal Andre Gorz´ Resümee über die Entwicklung unserer Arbeitsgesellschaft aus den von ihm erschienen Titel Arbeit zwischen Misere und Utopie[16], sowie Richard Sennetts Der flexible Mensch[17].

Der dritte und damit im Mittelpunkt stehende Teil dieser Arbeit stellt Beispiele aus dem zu behandelten Roman heraus.

2.1. Kathrin Röggla Wir schlafen nicht

Warum Kathrin Rögglas 2004 erstmals erschienener Roman in den Fokus über die Entfremdungsvorgänge in Zusammenhang mit der menschlichen Tätigkeit Arbeit genommen wird, leuchtet jedem Leser bereits bei Registrierung des Titels ein: Wir schlafen nicht. Rögglas Figuren - alle im Alter zwischen zwanzig und fünfzig Jahren, sind die praktikantin und jüngste Figur, eine key-account-managerin, eine ehemalige tv-redakteurin, eine online-redakteurin, ein it-supporter, eine senior associate sowie ein partner[18], tun dies tatsächlich nicht, denn dafür gibt es keine Zeit mehr. Die Messe, die Schauplatz dieses Buches ist, scheint eine Paralellwelt zur eigentlichen darzustellen und offeriert einen Kosmos aus oberflächlichen, von sich selbst entfremdeten Personen die jegliche Wahrnehmung zu sich und ihrer Aussenwelt verloren haben. Einen recht tiefen Einblick in diese sonst diffuse Welt des Arbeitverrichtens bieten Dialoge wie Monologe der Figuren. Diese basieren auf von Röggla tatsächlich geführten Interviews mit einer realexistierende praktikantin und Consultingfirma-Angestellten. Bereits in den ersten Kapiteln wird dem Leser bewusst wie flexibel, vom eigenem Ich gar entfremdet, jedem Einzelnen Leistungfähigkeit, Flexibilität und Oberflächlichkeit Merkmale eines perfekt arbeitenden „professionellen“ Menschen anhaften. „Unprofessionalität“[19] beispielsweise, so die online-reakteurin müsse man regelrecht anhand eines starken Durchhaltevermögens überspielen, es sei denn man rutsche versehentlich in ein „delay“[20] hinein, der nun mehr den wahren Charakter entblößen würde. Fakt: zeige keine Schwäche, „beschäftig[e]“ dich, zunehmends mit deiner eigenen „[un]professionalität“[21], rede bis es „läuft“ und du „irgendwann [selbst] nicht mehr merkst, daß du am reden bist“[22]. Eine Zeit, um sich zu sammeln, reflexive Gedankengänge machen zu können, ein Leben neben dem der Arbeit zu besitzen, gibt es nicht. Gib alles, oder du wirst der Verlierer sein und am Ende ein Opfer der „McKinsey[s]“[23]. Diese Charaktereinstellung zieht sich wie der Roman zeigt durch alle Bereiche. Sei es im Sozialverhalten untereinander zwischen den einzelnen Kollegen, oder aber in Gesprächen über Partnerschaft, Familienleben, Freizeit überhaupt; in Diskussionen über das Thema Schlafen oder im Verhalten zum eigenem Körper, der letzten Endes verbraucht wird bis in manchen Fällen eine Art „stimmverlust“[24] ankündigt, dass man zu weit gegangen ist. Wie im beruflichen Alltag, so auch privat „erreichen“[25] die Figuren sich selbst nicht mehr; können keinen Draht mehr zum Innern ihres eigenen Kosmos aufbauen, so das der eigenen Körper mittlerweile während eines stresserzeugenden Arbeitsvorgang auch zum Fremdobjekt wird. So beispielsweise an dieser Stelle der senior associate:

„er brauche eben ständig etwas adrenalin im blut. keine ahnung, was passiere, wenn das mal entfalle, [...], wahrscheinlich würde ihn das in die tiefste depression stürzen.[..] im gegensatz zu drogen laufe dieser adrenalinsteigerungsprozess völlig unbewußt ab, d.h. er könne da nicht viel steuern, er habe da nicht viel in der hand[...]“[26]

Wie diese Aussage zeigt und auch weitere Beispiele zeigen werden, ist der eigens über sein Leben Agierenden gezwungen sich von der Verantwortung über sein Handeln zu befreien. Es sind nicht wir die unser Leben in der Hand haben, sondern eigentlich sind wir doch nur Marionetten die ansführen was „sie“ uns befehlen. Das „sie“, sprich das Gegenüber, scheint unfassbar, diffus und unbenannt. Dazu ein Zitat des it-supporters:

„zuerst beauftragten sie einen, rund um die uhr auf der messe zu bleiben, und dann würfen sie einem das vor, wenn man es mache, und nennten es krank.“[27]

Eine Ohnmacht also über sich Selbst, über das eigenen Leben überhaupt? Welches apriori, wenn überhaupt entstandenen Gesellschaftsbild hat dazu geführt, zu leben um sich vollkommen der Arbeit aufzugeben? Im folgenden Abschnitt gilt es durch eine theoretische Einführung Antworten zu finden.

2.2 „Wie müssen es wagen, uns die Arbeit wiederanzueignen“ – Andre Gorz und Richard Sennett über die Entwicklung der Arbeit

Im folgenden Abschnitt gilt es eine theoretische Einführung über das Phänomen Arbeit zu zeigen um Interpretationen anhand des Roman „ Wir schlafen nicht“ vornehmen zu können. Andre Gorz wurde deshalb gewählt weil er dazu am treffensten aufgreift, was aus diesem Phänomen geworden ist und was dieses aus dem Menschen macht. Gorz geht davon aus, das die Arbeit, im antropologischen und philosophischen Sinne des „schaffens“ der „poesis“ nicht mehr existiert weil diese in die Machtbreiche des Kapitalismus geraten ist und im ursprünlichen Sinne einer kreativen Tätigkeit nicht mehr ausgeführt werden kann.[28][29] Zudem geht er davon aus, dass aufgrund der kapitalistischen Machtergreifung, in der es nur gilt Profit zu erreichen, eine arbeitende Gesellschaft, sprich eine Gesellschaft in der jeder Arbeit hat nicht mehr unter kapitalistischen Bedingungen funktionieren kann. Da der Charakter des Kapitalismus profitorientiert denkt, demnach um mehr Kapital zu erwirtschaften, Arbeitsstellen zunehmend reduziert werden, wird Arbeit zum Auslaufmodell.[30]

[...]


[1] Sennett, Richard: Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus. 5. Auflage, Berlin 2008. S. 29.

[2] Ebd., S. 29.

[3] Blumer, Florian: Kaputt verkauft. In: Die Tageszeitung vom 04.05.2009, S. 3.

[4] Ebd., S. 3.

[5] Ebd., S. 3.

[6] Ebd., S. 3.

[7] Deleuze, Gilles: Unterhandlungen. 1972-1990. Frankfurt a. M. 1993. (= Edition Suhrkamp; 1778). S. 260.

[8] Röggla, Kathrin: Wir schlafen nicht. Frankfurt a. M. 2006.

[9] Vgl.: Ebd.: S. 72-73.

[10] Die Berufsbezeichnungen, entnommen aus Rögglas „Wir schlafen nicht“ sind von der Autorin klein gedruckt und deshalb auch wie andere Zitate in der Kleinschreibung übernommen.

[11] Ebd., S. 11.

[12] Ebd., S. 11.

[13] Ebd., S. 11.

[14] Ebd., S. 14.

[15] Ebd., S. 14.

[16] Gorz, Andre: Arbeit zwischen Misere und Utopie. Frankfurt a. M. 2000. (= Edition Zweite Moderne).

[17] Sennett, 2008.

[18] Röggla, 2006, S. 6.

[19] Ebd., S. 8.

[20] Vgl.: Ebd., S. 9: „irgendwann merkst du nicht mehr, daß du am reden bist, und es dürfe einem auch nicht mehr auffallen, denn sonst entstünde ja so ein leichtes delay, und das könne man natürlich nicht gebrauchen, dieses delay“.

[21] Ebd., S. 8.

[22] Ebd., S. 8-9.

[23] Ebd., S. 46.

[24] Röggla, 2006, S. 106.

[25] Vgl.: Ebd., S. 118: „Unerreichbarkeit“ unter den Kollegen. Im übertragenden Sinne stellt dies hier die Autorin durch die verbale Unerreicharkeit zu anderen Menschen dar. Ausführlicheres dazu im dritten Teil.

[26] Ebd., S. 126.

[27] Ebd., S. 128.

[28] Gorz, 2000, S. 9.

[29] Vgl.: Gorz, 2000, S. 10 f..

[30] Vgl.: Ebd., S. 9.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Von der Entfremdung der Arbeit in Kathrin Rögglas Roman "Wir schlafen nicht"
Hochschule
Universität Mannheim  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Neue Arbeit und alte Arbeit in der Gegenwartsliteratur
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
21
Katalognummer
V162052
ISBN (eBook)
9783640756919
ISBN (Buch)
9783640757169
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entfremdung, Arbeit, Kathrin, Rögglas, Roman
Arbeit zitieren
Jessica Lammer (Autor:in), 2010, Von der Entfremdung der Arbeit in Kathrin Rögglas Roman "Wir schlafen nicht", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162052

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