Die Erinnerung an den Nationalsozialismus in der BRD 1949 - 1989


Hausarbeit, 2006
25 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Meistererzählungen und Dammbrüche

3. Die Erinnerung an den Nationalsozialismus in der BRD 1949-1989
3.1. Zwischen Verdrängung und Erinnerung
3.2. Der Nationalsozialismus vor Gericht
3.3. Generationenkonflikt und zweite Verdrängung
3.4. Perspektivenwechsel

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

In den europäischen Gedächtniskulturen kommt dem Zweiten Weltkrieg eine Schlüsselposition zu. Die zerrissenen Gesellschaften stehen nach 1945 vor der großen Aufgabe, eine Neukonstituierung vornehmen zu müssen. Oft steht im Zentrum dieses Neufindungsprozesses ein Widerstandsmythos, der geholfen hat, die traumatischen Ereignisse des Krieges zurückzudrängen. Solche Mythen haben einen großen Anteil gehabt, die Völker zu einen und ein friedliches Europa zu begründen. Kritische Auseinandersetzungen mit der Vergangenheit erfolgten erst später, nach einer solchen Konsolidierungsphase, meist auch erst von nachfolgenden Generationen initiiert. Einen Sonderstatus in diesem Prozess hat Deutschland als Land der Täter, bzw. seine beiden Teile, die BRD und die DDR.[1] Während in der SBZ die Erinnerung frühzeitig von Seiten der Sowjetunion ideologisch gesteuert und auf diese Weise die Bevölkerung von der Vergangenheit entlastet wird, ist man in der BRD von Anfang an gezwungen, das geschichtliche Erbe zu integrieren.[2] Trotzdem bildeten sich natürlich auch in Westdeutschland vielseitige Entlastungsstrategien heraus.

Die vorliegende Arbeit hat, wie der Titel impliziert, das Ziel, einen Überblick über die Erinnerungskultur in der BRD bezüglich ihrer NS-Vergangenheit zu geben. Eine tiefgehende Analyse aller Facetten der Erinnerung würde den hier zur Verfügung stehenden Rahmen sprengen, zumal der Begriff „Erinnerung“ sehr komplex ist und auf alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens bezogen werden kann. Kunst und Literatur, Politik und Wissenschaft, privates und gesellschaftliches Leben - prinzipiell kann jede Form von Öffentlichkeit Ausdruck und Indiz für die Art und Weise sein, wie sich eine Nation ihrer Vergangenheit vergewissert. Aus diesem Grund fällt es schwer, eine Auswahl dessen zu treffen, was als Quelle für Aussagen über die Erinnerungskultur in Deutschland herangezogen werden sollte. Neben politischen Debatten, juristischen Prozessen, der Feier von Gedenktagen und anderen öffentlichen Formen des Umgangs mit der NS-Vergangenheit soll auch die Historiographie der BRD in die Betrachtungen einbezogen werden.[3] Denn gerade die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus spiegelt deutlich die Entwicklung in der Erinnerungskultur in Deutschland wider. Im Falle der DDR ist die enge Verknüpfung und Einengung der Geschichtsschreibung mit und durch das Zentralkomitee überdeutlich. Aber auch in der Bundesrepublik ist der Umgang mit Erinnerungen immer eng mit der Gegenwart verwoben und kann nicht getrennt von dieser betrachtet werden.

Grundlage und Stein des Anstoßes für diese Arbeit bildet der Ausstellungskatalog „Mythen der Nationen“[4] des Deutschen Historischen Museums in Berlin. In einem ersten Schritt soll daher Bezug auf die in diesem Band eingangs aufgestellte These Etienne François ` genommen werden, in den europäischen Gesellschaften hätten sich nach dem Zweiten Weltkrieg entlastende Meistererzählungen entwickelt, die im Laufe der Zeit dammbruchartig durch Neuinterpretationen ersetzt wurden.[5] Auf diese Weise wird die Erinnerungskultur in Deutschland in einen europäischen Kontext theoretisch eingeordnet.

Im zweiten Schritt soll ein chronologischer Überblick über die Erinnerung an die Nationalsozialistische Herrschaft und dessen Wandel in der BRD anhand einiger Beispiele gegeben werden. Hierbei wird darauf zu achten sein, eine sinnvolle Phaseneinteilung zu finden, die der Entwicklung der Gedächtniskultur in Westdeutschland gerecht wird.

2. Meistererzählungen und Dammbrüche

Der Zweite Weltkrieg ist, als Ereignis aus vergleichender-, wahrnehmungs- und erinnerungsgeschichtlicher Perspektive betrachtet, zeitlich nicht klar umrissen. Für große Teile der europäischen Bevölkerung hat das Vermächtnis des Krieges, durch das die Länder Europas in einem nie da gewesenen Ausmaß an Brutalität mit den Auswüchsen der nationalsozialistischen Herrschaft konfrontiert wurden, noch keinen Eingang in die Geschichte gefunden. Die Vergangenheit ist vielmehr noch immer gegenwärtig.[6] Die politische und kulturelle Bedeutung dieser Erinnerung trägt zuweilen traumatische und ex-plosive Züge, die bis in die heutige Zeit hineinreicht.

In jedem europäischen Land ist der Krieg, hinsichtlich des Grades der Beteiligung, aber auch hinsichtlich der Auswirkungen, die er auf das jeweilige Land gehabt hat, ein anderer gewesen. So wie die Erinnerung an den Krieg von Nation zu Nation different ist, so ist auch innerhalb der Länder die Erinnerungskultur nicht statisch. Es wurden nach und nach nicht nur Teilaspekte, sondern die gesamte Struktur der Konstruktion des Gedächtnisses in Frage gestellt.[7]

Für den Neubeginn nach dem traumatischen Erlebnis des Krieges waren Meistererzählungen von großer Bedeutung. Sie formten sich in den Nachkriegsjahren sehr schnell in Zusammenarbeit von staatlichen Stellen und Vertretern der siegreichen Kräfte aus. Etienne François nennt fünf Motive, die innerhalb dieser Erzählungen immer wieder betont werden und ihnen ihre überzeugende Kraft verliehen. Erstens wurde der Sieg über den Nationalsozialismus, bzw. aus sowjetischer Perspektive über den Faschismus[8], betont. Zweitens wurde die Befreiung in den Fordergrund gerückt. Hierbei wurde Wert darauf gelegt, die führende Rolle der eigenen Soldaten und Widerstandskämpfer und die freudige Einheit des sich befreienden und dadurch selbst heilenden Volkes herauszustellen. Hier fällt auf, dass betont wurde, die jeweiligen Länder wären von der Fremdherrschaft, aber gleichzeitig auch von ungerechten sozialen und politischen Verhältnissen befreit worden. Drittens wurde stets ein heroisches Bild des Krieges gezeichnet, das besonders zwei Gruppen hervorhebt, auf der einen Seite die Opfer und auf der anderen die Helden. Im Rahmen einer neuen Kriegsschuldtheorie erfolgte viertens eine Diabolisierung des Nationalsozialismus und ganz Deutschlands. Schließlich artikulierte sich fünftens eine radikale Verurteilung von Kollaborateuren und Sympathisanten des Nationalsozialismus, wobei die Feststellung bedeutsam war, dass es sich hierbei nur um eine Minderheit, gewissermaßen um einen Fremdkörper innerhalb des eigenen Volkes gehandelt habe.[9]

Die Funktion solcher Meistererzählungen für den Neubeginn nach der europäischen Katastrophe des Krieges war so evident und eminent, dass sie von einer Mehrheit der Bevölkerung in den betroffenen Ländern verinnerlicht wurden. Etienne François beschreibt die Wirkung und Funktion der Erzählungen wie folgt:

Diese Sichtweise auf das Vergangene trug dazu bei „die durch den Krieg offenbar stark gefährdete innere Einheit wiederherzustellen, sie gab den unermesslichen Opfern einen Sinn, sie schuf die Basis für den Neubeginn und den Wiederaufbau, sie gab oft total unstrukturierten Ländern eine neue Identität und Zukunftsperspektiven, sie half, über die dunklen Seiten der eigenen Vergangenheit hinwegzukommen, sie ermöglichte schließlich die stillschweigende und immer breiter werdende Reintegration der Personen und Gruppen, die sich während des Krieges kompromittiert hatten.“[10]

Auch auf Deutschland, das im Mittelpunkt der Betrachtung steht, trifft dieser Umgang mit der eigenen Vergangenheit in abgemilderter Form zu. Wobei zwischen den beiden Staaten deutliche Unterschiede im Umgang mit dem nationalsozialistischen Erbe bestehen. Dies liegt vor allem in den unterschiedlichen politischen Voraussetzungen der BRD und der DDR nach dem Weltkrieg begründet.

In der DDR wurde der Antifaschismus zum Gründungsmythos erhoben. Durch die Verherrlichung des kommunistischen Widerstandes, das Gedenken an die Opfer des Faschismus oder die Errichtung von Gedenkstätten an den Orten des Verbrechens wurde aus den DDR-Bürgern ein Volk der Sieger geformt und propagiert. Der Systemwechsel hatte aus Sicht des DDR-Regimes zumindest im Nachhinein die sozialökonomischen Verhältnisse beseitigt, die zur nationalsozialistischen Herrschaft geführt hatten. Somit wurde sowohl auf struktureller Ebene als auch auf personeller Ebene die Schuld auf die „restaurative“ BRD projiziert.[11]

Unter der Beobachtung der Westalliierten stehend und mit dem Anspruch, die rechtliche Nachfolgerschaft des Deutschen Reiches antreten zu wollen, war es der BRD nicht möglich, groß angelegte Entlastungsstrategien zu entwerfen. Vielmehr war der junge Staat, wie eingangs bereits erwähnt, gezwungen, die Last des Nationalsozialismus von Beginn an zu internalisieren. Doch auch in Westdeutschland gab es erfolgreiche Strategien der Entlastung. So wurde beispielsweise die Schuld für die begangenen Verbrechen nur den Eliten des NS-Staates zugewiesen, der Widerstand des 20. Juli verherrlicht oder die NS-Zeit zu einer Parenthese der deutschen Geschichte abgemildert.[12]

Zwar waren die Meistererzählungen für die direkte Nachkriegszeit von enormer Bedeutung, doch sie hielten sich nicht lange. Im Gegenzug setzte eine Phase der Infragestellung der Vergangenheitsinterpretationen ein. François vergleicht die nun folgende, sich verstärkende Art der Dekonstruktion der Meistererzählungen mit Dammbrüchen[13], durch die eine völlig neue Form des Gedächtnisses geschaffen wird. Im Westen, die BRD nicht ausgenommen, setzt dieser Prozess der Neubesinnung 1968 ein und intensiviert sich in den 70er und 80er Jahren. Im Osten hingegen beginnt dieser Prozess erst sehr zögerlich in den 80er Jahren. Spätestens mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist der Dammbruch jedoch auch hier erreicht, der eine Flut von Erinnerungen freisetzte. Die DDR hat sich in dem hier betrachteten Zeitraum nur in Ansätzen von ihren Meistererzählungen distanzieren können.

Die Formen der Dekonstruktion von Meistererzählungen waren sehr vielseitig, trotzdem sind für den Westen Gemeinsamkeiten zu erkennen. Initiatoren der Neuinterpretation der Vergangenheit sind meist nicht staatliche oder zumindest offizielle Institutionen, sondern Opfer und Nachkommen, die sich selbstständig organisieren und gewissermaßen von unten innerhalb der Gesellschaften agieren.[14]

Durch die zunehmende mediale Präsenz der Erinnerung zum Beispiel im Film („Holocaust“ 1979, „Shoah“ 1985) wird eine größere Masse an Menschen erreicht. Diese neue Unmittelbarkeit führt zu einer bis dato nicht bekannten Empathie mit den Opfern.

Leidenschaftlich geführte Debatten führen zu einem öffentlichen Diskurs (Historikerstreit), der oft nicht von Fachhistorikern ausgelöst wird, jedoch zu einer Intensivierung der Forschungstätigkeit führt.

[...]


[1] Flacke, Monika: Erinnerungen, in: dies. Hg.: Mythen der Nationen. 1945 - Arena der Erinnerungen, Bd.1, Berlin 2004, S. 8f.

[2] Reichel, Peter: Politik mit der Erinnerung. Gedächtnisorte im Streit um die nationalsozialistische Vergangenheit, München u.a. 1995, S. 36.

[3] Hier soll vor allem die Geschichtsschreibung der BRD bezüglich des Holocaust als zentraler und für die beiden deutschen Staaten schwierigster Bereich der NS-Vergangenheit im Mittelpunkt der stehen.

[4] Flacke, Monika (Hg.): Mythen der Nationen. 1945 - Arena der Erinnerungen, Bd. 1, Berlin 2004.

[5] François, Etienne: Meistererzählungen und Dammbrüche. Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg zwischen Nationalisierung und Universalisierung, in: Flacke, Monika (Hg.), Mythen der Nationen. 1945 - Arena der Erinnerungen, Bd. 1, Berlin 2004, S. 13-28.

[6] Vgl. François, Meistererzählungen, S. 13.

[7] Vgl. ebd., S. 15.

[8] Über den Begriff „Faschismus“ aus kommunistischer Deutungsperspektive wird zu einem späteren Zeitpunkt noch zu sprechen sein.

[9] Vgl. François, Meistererzählungen, S. 16 f.

[10] Zit. François, Meistererzählungen, S. 17.

[11] Vgl. Reichel, Politik, S. 35.

[12] Vgl. François, Meistererzählungen, S. 18.

[13] Etienne François bezieht sich mit diesem Begriff auf einen Aufsatz von Kovaćs und Seewann im selben Band: Kovaćs, Eva / Seewann, Gerhard: Ungarn. Der Kampf um die Erinnerung, in: Flacke, Monika: Mythen der Nationen. 1945 - Arena der Erinnerungen, Bd. 2, Berlin 2004, S. 817-846.

[14] Vgl. François, Meistererzählungen, S.20

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Erinnerung an den Nationalsozialismus in der BRD 1949 - 1989
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Didaktik der Geschichte )
Veranstaltung
Europäische Geschichte als Gegenstand und Problem der Geschichtsdidaktik
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
25
Katalognummer
V162078
ISBN (eBook)
9783640759866
ISBN (Buch)
9783640760220
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bernd Schönemann, Monika Flacke, Etienne Francois, BRD, Erinnerung, Nationalsozialismus, Meistererzählung, Dammbruch, 2. Weltkrieg
Arbeit zitieren
Nico Sudmann (Autor), 2006, Die Erinnerung an den Nationalsozialismus in der BRD 1949 - 1989, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162078

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