Gewaltdarstellung und deren Motive in „Benny‘s Video“ und „Funny Games“ von Michael Haneke


Hausarbeit, 2010

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gewalt in den Medien

3. Die Gewaltdarstellungen und Motive in „Benny‘s Video“ und „Funny Games“
3.1 „Benny‘s Video“
3.1.1 Inhaltsangabe
3.1.2 Analyse
3.2 „Funny Games“
3.2.1 Inhaltsangabe
3.2.2. Analyse

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

6. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Michael Haneke. Noch bis vor einiger Zeit war dieser Namen nur in Kreisen der Kunstkinobesucher ein viel diskutierter. Spätestens mit dem Gewinn der Goldenen Palme bei den Filmfestspielen in Cannes, der Auszeichnung bei den Golden Globe Awards als Bester Fremdsprachiger Film, sowie der Oscar Nominierung für „ Das weisse Band “ ist der Regisseur einem größerem Publikum bekannt. Aber auch schon frühere Werke wie z.B. „ Cach è“ (2005) oder „ Funny Games U.S. “ (2008) fanden den Weg in die Multiplex Kinos. Egal ob seine Filme viel- oder wenig besucht waren, Anlass zur Diskussion gaben und geben sie bis heute. Gerade seine provokanten Werke wie „ Funny Games “ (1997), dessen - von Haneke selbst inszeniertes - Remake „ Funny Games U.S. “ (2008), oder aber das verstörende „ Benny ‘ s Video “ (1992) waren Anlass für Diskussionen zur Gewaltdarstellung in den Medien. Dabei ist es oftmals Haneke selbst, der sich am Austausch beteiligt und seine Motive zum Ausdruck bringt. Die nachfolgende Arbeit beschäftigt sich mit genau diesem Diskussionspunkt. Aber was ist mediale Gewalt? Wie wird Gewalt in den Medien inszeniert und vor allem mit welchen Motiven? All diese Fragen sollen unter Berücksichtigung auf Fachliteratur der Medienethik, aber auch schon in Hinblick auf die Einstellungen von Michael Haneke zu diesem Thema erläutert werden. Mit den dadurch gewonnen Erkenntnissen sollen Hankes Werke „ Benny ‘ s Vide o“ und „Funny Games“ sowie das Remake „ Funny Games U.S. “ hinsichtlich ihrer Gewaltdarstellungen und der dahinter verborgenen Motive des Autors untersucht werden. Gerade diese Filme eignen sich besonders, da sie vom Regisseur selbst als Beiträge zur Gewalt-in-den-Medien Diskussion gesehen werden. In einer abschließenden Zusammenfassung der Ergebnisse sollen auch kritische Stimmen zu Wort kommen, um am Ende die Frage aufzuwerfen, ob die Motive Hanekes auch von einem sog. Mainstreampublikum erkannt werden, oder ob seine Ziele, „zur Reflexion, zur geistigen Selbstständigkeit zu vergewaltigen“ (vgl. Haneke, 2009:113) ins Leere laufen. Zunächst soll jedoch ein kurzer Abriss über Hanekes Lebenslauf, Aufschluss über den Mann hinter diesen Filmen geben. Michael Haneke wurde 1942 in München geboren. Später studierte er Philosophie, Psychologie und Theaterwissenschaften in Wien (vgl. Assheuer, 2008:1). Nach seiner Tätigkeit beim Südwestfunk (1967 - 1970) war er u.a. als freischaffender

Regisseur und Drehbuchautor tätig (ebd.). Eine Besonderheit seines Schaffens stellen dabei „ Der siebente Kontinent “ (1989), „ Benny ‘ s Video “ (1992) und „ 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls “ (1994) dar. Nicht nur, dass Haneke bei diesen Werken sowohl für die Regie als auch das Drehbuch verantwortlich war, sondern sieht er diese Filme auch als Teile einer Trilogie an (vgl. Kilb, 1993:5). Einer Trilogie über die „Vergletscherung der Gefühle“ (ebd.). Allen drei Filmen liegt das Thema der Gewalt zu Grunde. In „ Benny ‘ s Video “ versucht Haneke den Zusammenhang zwischen Realer- und Medialer Gewalt und deren Auswirkungen darzustellen, weswegen sich jener Film für die Behandlung unter Medienethischen Gesichtspunkten besonders eignet. In „ Funny Games “ (1997) und dem elf Jahre später von Haneke selbst inszenierten Remake für den US Amerikanischen Markt - „ Funny Games U.S. “ - versucht er durch das Brechen der eigenen Medialität (vgl. Assheuer, 1997:1) den Zeigefinger auf das Publikum zu richten und ihm so „seine potentielle Mittäterschaft vor Augen“ zu führen (Assheuer,2008:83). In seinem aktuellen Werk „ Das weiße Band “ erzählt Haneke die Geschichte eines Norddeutschen Dorfes am Vorabend des Ersten Weltkriegs (vgl. Oehnke/Beier, 2009:112). Hierbei wird eine Form von Gewalt beschrieben, fernab von medialen Einflüssen, weshalb dieser Film hier, auch aus Platzgründen nicht explizit untersucht wird. Die Darstellung von Gewalthandlungen und die damit verbundenen Motive sollen im folgenden geklärt werden. Zunächst müssen jedoch die Kriterien für deren Beurteilung erarbeitet und definiert werden.

2. Gewalt in den Medien

Im Bereich der Medienethik existieren zahlreiche Publikationen zum Thema Gewalt in den Medien. Im folgenden soll es nun nicht um die oft diskutierten Aspekte der Medienwirkungsforschung gehen. Vielmehr sollen verschiedene Ansätze zur Beurteilung von Gewaltdarstellungen in Film und Fernsehen aufgezeigt werden, nach denen dann wiederum die ausgewählten Filme von Michael Haneke untersucht werden. Zunächst bietet sich die Differenzierung des Gewaltbegriffs in personale und strutkurelle Gewalt an. Unter personaler Gewalt versteht man „die beabsichtigte physische und/oder psychische Schädigung einer Person, von Lebewesen und Sachen durch eine andere Person“ (Kunczik,1987:15). Dahingegen stellt die strukturelle, indirekte Gewalt „die in ein soziales System eingebaute Ungerechtigkeit“ dar (Kunczik,1987:16). Desweiteren bedarf es einer Aufteilung in natürliche und künstliche, sowie realer und fiktiver Gewalt (vgl. Kepplinger,1990:384). In den beiden zu untersuchenden Filmen handelt es sich um die Darstellung von natürlicher, fiktiver, sowie personeller Gewalt. Will man Hanekes Filme auf ihre Gewaltdarstellung untersuchen, muss man sich auch damit auseinandersetzen, mit welchen Motiven Filme generell versehen werden. Mit Sicherheit wird die Gewalt in zahlreichen Werken als Mittel der Unterhaltung angeboten. Diese Entwicklung wird von Medien- und Sozialethikern wie z.B. Wolfgang Huber besonders kritisch gesehen (vgl. Wunden, 2002:77). Ein Blick auf die Liste der erfolgreichsten Filme der Kinogeschichte, sowie ein Blick in das tägliche Fernsehprogramm bestätigt diese These. So befinden sich gewalthaltige Filme wie „Avatar“, „Jurassic Park“, „Krieg der Sterne“ oder aber „Der weiße Hai“ unter den Top 5 der erfolgreichsten Filme aller Zeiten (vgl. http://www.insidekino.de/TOPoderFLOP/ Global.htm). Weiter stellt sich Huber die Frage welche Maßstäbe für die Wiedergabe von Gewalt angesetzt werden sollten. Die Darstellung von Gewalt mit kommerziellen Erfolg zu rechtfertigen, kann aus ethischer Sicht nicht geduldet werden (vgl. Wunden, 2002:78). Die Zunahme von Gewaltdarstellung aufgrund ihrer hohen Akzeptanz beim Publikum hat dazu geführt, dass Gewalt konsumierbar gemacht wurde (Grabner, 2008:14). Durch ihre übertriebene Darstellung und Ästhetisierung ist sie zu einem „Blut- und Gestenballett“ geworden, dem sich der Zuschauer nur schwer entziehen will (vgl. ebd.). Gewalt wird zudem als „Instrument zur Erreichung von Zielen und zur Lösung von Konflikten eingesetzt“ (Kunczik, 1987:47). Inhaltsanalysen in den USA haben zudem gezeigt, dass in der Hälfte der Fälle das Leiden der Opfer nicht gezeigt wurde. Auch die negativen Folgen von violentem Verhalten wurden in etwa einem Drittel der Programme nicht erwähnt. In 40% der gewalthaltigen Szenen wurde die Gewalt sogar mit humoristischen Elementen verknüpft (vgl. ebd.). Eine Entwicklung die Haneke selbst missfällt und von der er sich deutlich distanzieren möchte (vgl. Grabner, 2008:15). Entscheidend sowohl für Haneke, aber auch für Huber ist demnach mit welchen Zielsetzungen und Motiven über Gewalttaten berichtet wird. Aufgabe ist es, „zur Überwindung solcher Gewalt beizutragen [...]. Die Gewalt, die Menschen willkürlich zugefügt wird, so darzustellen, dass die Rechtsverletzung, die darin liegt, an allen Orten gespürt und die Bereitschaft geweckt wird, sich für die Achtung der menschlichen Integrität einzusetzen“ (Wunden, 2002:79). Wie Haneke dies versucht umzusetzen und ob es ihm gelingt soll im folgenden geklärt werden.

3. Die Gewaltdarstellungen und deren Motive in „Benny‘s Video“ und „Funny Games“

3.1 Benny‘s Video

Bevor mit der Analyse des ersten Films begonnen werden kann, muss erwähnt werden, dass eine ausführliche sog. Filmanalyse, nach den in Dr. Gräf‘s Vorlesung „Einführung in die Filmanalyse“ erworbenen Methoden, den Umfang dieser Arbeit sprengen würde, aber zur exakten Beurteilung der Gewaltdarstellung und vor allem Inhaltlichen Analyse von Vorteil wäre. Um trotzdem die angesprochenen Werke bearbeiten zu können, beschränkt sich die Arbeit auf einige, wichtige Aspekte der jeweiligen Filme. Einzelne Details, sowie die detailierte Ausarbeitung aller wichtigen Szenen, müssen hier aus Platzgründen oftmals außen vor gelassen werden.

3.1.1 Inhaltsangabe

Da es für das Verständnis dieser Arbeit unabdingbar ist, die behandelten Filme gesehen zu haben, erfolgt an dieser Stelle nur eine kurze inhaltliche Zusammenfassung.

Protagonist der Szenerie ist Benny, Sohn zweier wohlhabender Eltern. Er befindet sich am Beginn der Pubertät und verbringt die meiste Zeit alleine zu Hause, da beide Eltern berufstätig sind. Seine größte Leidenschaft ist das Filmen mit seiner eigenen Videokamera. Aber auch der Konsum von Videofilmen zählt zu seinen Freizeitbeschäftigungen. Im Urlaub filmt Benny wie auf einem Bauernhof ein Schwein mit Hilfe eines Bolzenschussgeräts geschlachtet wird. Dieses Video fasziniert den Jungen so sehr, dass er es sich auch zu Hause immer wieder ansieht und sogar einem Mädchen, dass er kurz zuvor kennengelernt hat vorspielt. Doch das Video ist nicht das einzige, was Benny aus dem Urlaub mitgebracht hat - auch das Bolzenschussgerät hat er als Souvenir ergattert. Schließlich passiert, ohne dass dem Zuschauer ein Motiv genannt wird das Unfassbare. Benny drückt dem Mädchen das Gerät auf die Brust und drückt ab. Als sich das Mädchen darauf hin vor Schmerzen am Boden windet und er ihre Schreie nicht mehr ertragen kann, schießt Benny ihr den Bolzen noch zwei mal in den Körper. Dann herrscht Ruhe. Nur Bennys Kamera läuft weiter. Sie zeichnet das ganze Geschehen auf. Benny geht zum Alltag über als wäre nichts passiert. Er holt sich einen Joghurt und schläft über Nacht bei einem Freund. Am nächsten Abend zeigt Benny seinen Eltern kommentarlos das Video von der Tötung des Mädchens. Die gut bürgerlichen Eltern sind natürlich schockiert von den Ereignissen und beraten über ihr weiteres Vorgehen. Benny liegt im Bett und nimmt das Gespräch der Eltern durch einen Türspalt mit seiner Kamera auf. Die Eltern kommen zu dem Ergebnis, dass Benny mit seiner Mutter für eine Woche nach Ägypten verreist und Benny‘s Vater in der Zwischenzeit die Leiche des Mädchens verschwinden lässt. Als Benny zurückkommt und sein Zimmer wieder aufgeräumt ist, der Leichnam des Mädchens und die Blutspuren weg sind, erstattet er Anzeige gegen seine eigenen Eltern. Als Beweis führt Benny das von ihm aufgezeichnete Gespräch der Eltern über den Verbleib der Leiche an.

3.1.2 Analyse

Nimmt man das Schlachten des Schweins zu Beginn des Films einmal aus (Abb. 1), so ist die Ermordung des Mädchens sicher die drastischste Gewaltdarstellung. Daher lohnt es sich, diese Szene genauer zu analysieren und Gemeinsamkeiten mit weiteren Darstellungsmethoden im Film zu erarbeiten, von denen dann wiederum auf Hanekes Intentionen geschlossen werden kann. Wie schon zu Beginn der Arbeit erwähnt, kritisiert Michael Haneke die Darstellung von Gewalt im sog. Mainstream Bereich (vgl. Grabner, 2008:15). Im selben Interview betont er, der Unterschied zu seinen Filmen liege darin, dass er (Haneke) Gewalt als das darstelle was sie wirklich sei, als Leiden der Opfer (vgl. ebd.). Und tatsächlich sieht der Zuschauer den Mord in Bennys Video nicht direkt. Nachdem Benny das Bolzenschussgerät zum ersten mal betätigt, wird dem Zuschauer die Sicht auf einen Monitor ermöglicht. Die gesamte restliche Einstellung verbleit die Kamera auf diesem Bild. Nur über den Monitor sehen wir das weitere Geschehen.

Durch die Wahl des Bildausschnitts und der doppelten Rahmung macht uns Haneke deutlich der Medialität der Szenerie bewusst (vgl. Mettelmann, 2003:91). Die Nachfolgende Handlung findet nun also im sog. OFF statt, der Zuschauer hört nur mehr das weitere Vorgehen. Man nimmt das Jammern des leidenden Mädchens wahr - und Benny, der es darum bittet still zu sein. Anders als in vielen Horrofilmen hilft es hier nicht, die Augen zu schließen und weg zu sehen, die Gewalttat auszublenden und kurz danach wieder hin zu sehen, als wäre nichts gewesen. Auch fehlt hier die Untermalung der Szenerie mit Musik, wie sie in so vielen Filmen als Stilmittel genutzt wird um das Geschehen zu bewerten. Nein, bei der Ermordung des Mädchens in Bennys Video ist man allein. Allein mit dem Mädchen und ihrem Leiden. Man möchte sich die Ohren zu halten und dem ganzen entfliehen. Der Fokus des Beobachters wird so ganz auf das Leiden des Opfers gelegt (vgl. ebd.). Haneke spielt mit der Phantasie seiner Zuschauer. Was man nicht sieht, stellt man sich vor. Die Töne dazu liefert uns Haneke, das Bild, dass er uns gibt, zeigt nicht alles, es enthält uns Details vor und lässt uns mit unserer Phantasie alleine. Haneke selbst begründet diese Technik folgendermaßen: „Wie mir scheint, ist das Ohr grundsätzlich sensibler, oder anders gesagt: durch das Ohr führt ein direkter Weg zur Phantasie und zum Herzen des Menschen. [...] Außerdem ist unsere Sensibilität im optischen Bereich durch die tägliche Bilderflut aus den Medien derartig geschwächt, dass es außerordentlich schwierig sein drüfte, mit einem Bild heute noch zu beeindrucken, geschweige denn eine Reaktion zu evozieren.“ (vgl. Ossenagg, 2008:67). Eine Technik, die Haneke in vielen seiner Filme anwendet. Auch in der späteren Szene, als Benny seinen Eltern das Video vorspielt, sehen wir nicht die Tat an sich, sondern lediglich die Entsetzten Gesichter von Vater und Mutter (vgl. Grabner, 2008:15).

Ein weiterer Grund, warum Benny‘s Video oft als „beklemmend“ beschrieben wird, ist der Umgang mit der Legitimation der Gewalt. Der „normale“ Kinogänger ist es gewohnt, dass die Gewalt in irgendeiner Weise legitimiert wird. Sei es der Polizist der Gewalt als Mittel zur Durchsetzung von Werten wie Recht und Ordnung einsetzt, oder der Rächer der eine vorausgegangene Tat begleichen will (vgl. Grabner, 2008:16). Haneke sagt zudem, dass wir diese Schemen schon so verinnerlicht haben, dass uns deren Vorwandcharakter gar nicht mehr auffällt. Er betont dabei auch den Rätselcharakter seiner Filme, der die Frage aufwirft, wie die Gewalt entstehen konnte, da er sie eben nicht im Film legitimiert (vgl. ebd.). Und auch bei „Bennys Video“ stellt man sich diese Frage. Sicher gibt es viele Interpretationsmöglichkeiten, die Haneke aber nicht direkt beantworten möchte (vgl. Assenhauer, 2010:56). Was die Rätselhafitgkeit angeht, so hofft er, dass die Filme auch noch nach dem Kinobesuch nachwirken, im Kopf bleiben und so zum nachdenken anregen. Haneke sieht seine Filme und „Bennys Video“ besonders sogar als Mittel zur Gewaltprävention (vgl. Grabner, 2008:16). Und gerade in diesem Film schießen einem viele Fragen in den Kopf. Ist es Benny‘s ständiger Medienkonsum der ihn zu so einer Tat bringen konnte? Dies würde die sog. Habitualisierungsthese bestätigen, die davon ausgeht, dass ein einzelner Film oder Fernsehsendung nicht in der Lage ist eine Person und deren Einstellungen, den Charakter dauerhaft zu verändern. Der wiederholte Konsum solcher Medien jedoch führt zum Abstumpfen gegenüber realer Gewalt. Eine These die man ohne weiteres auf Benny anwenden kann.

Lediglich das Jammern des Mädchens scheint ihn zu stören- nach ihrem Tod und der damit herrschenden Ruhe, isst Benny zu erst einen Joghurt. Die Eltern reagieren auf „Benny‘s Video“ zwar entsetzt, aber sachlich. Sie beteiligen sich, anders als ihr Sohn, dessen Lieblingsfilme Horrorfilme darstellen, nicht am dauerhaften Medienkonsum. Dennoch stellt keiner der Eltern die Frage nach dem „Warum?“. Sie fragen sich nicht, wieso ihr Sohn einfach so ein unschuldiges Mädchen mit einem Bolzenschussgerät tötet. Ihr erster Gedanke lautet: „Wie kommen wir da heil wieder raus?“. Erst nachdem Benny aus Ägypten zurückkehrt und abends in seinem Bett liegt, fragt sein Vater nach dem Motiv. Benny‘s Antwort: ein schlichtes „Was?“. Und dann die Begründung: „Ich wollte sehen wie es ist“. Gesehen hat Benny den Tod oft genug, allerdings nur in seiner medialen Reproduktion von Film und Fernsehen.

Als normaler Zuschauer mag man sich oft denken, was in diesem Jungen vorgeht. Wieso er so ist, wie er ist. Einen Hang zum Aggressiven Verhalten kann man jedoch schon in anderen Szenen erkennen. So reagiert Benny Beispielsweise in der Schule über, als sein Freund ihn vor dem Lehrer auflaufen lässt. Aber auch sein spielerisches Verhalten, z.B. als er dem Mädchen die Mitfahrer einer Metro pantomimisch imitiert und bei der Darstellung eines Polizisten grob handgreiflich wird, ist schlagartig von einen Moment auf den anderen von Aggression durchzogen. Die Frage nach dem Warum ist es, also die Haneke dem Zuschauer auf den Weg mitgeben will. Ein anderes mögliches Motiv hierfür kann in dem Titel der Trilogie der Filme „Der siebente Kontinent“, „Bennys Video“ und „71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls“ gesehen werden. Haneke nennt sie Filme über die „Vergletscherung der Gefühle“ (vgl. Kilb, 2008:163). Auch Benny ist ein Opfer dieser „Vergletscherung“. Er ist alleine. Alleine in einer Welt voller Medien. Die Entfremdung durch Medien spricht Haneke auch selbst an. „Das Leben wird <<verkünstlicht>> und unsere Realität von der Medienstruktur durchzogen“ (Assenhauer, 2010:56f). Den Unterschied zwischen Medialer Darstellung und Realität scheint die Figur Benny jedoch nicht zu kennen. Und auch die Vernachlässigung durch die Eltern und deren Gefühlskälte mag letztendlich einer von vielen Auslösern für Bennys Verhalten sein.

Natürlich bietet der Film, oder besser gesagt Filme generell immer viele Interpretationsmöglichkeiten. Wenn der Autor, Regisseur nicht gewillt ist seine Intention mitzuteilen, ist es dem Zuschauer überlassen sich seine eigenen Gedanken zu machen. Die oben genannten und auch nachfolgenden Überlegeungen beruhen daher auf eigenen Beobachtungen, sowie teilweise auf der in den angegebenen Quellen gemachten Bemerkungen. Mit Sicherheit kann die Aussage des Films nicht einfach als Bestätigung der These: „Wer viel Gewalt konsumiert, wird auch selbst irgendwann Gewalt ausüben“ gesehen werden. Dies wäre viel zu einfach, ebenso wie diese These schlichtweg falsch ist (Kunczik, 1995:126). Die Wurzeln, die als Auslöser für solche Handlungen dienen, liegen sehr viel tiefer und vielschichtiger. Nur von den Medien als Auslöser zu sprechen wäre zu eindimensional.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Gewaltdarstellung und deren Motive in „Benny‘s Video“ und „Funny Games“ von Michael Haneke
Hochschule
Universität Passau
Veranstaltung
Medienethik
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V162091
ISBN (eBook)
9783668306417
ISBN (Buch)
9783668306424
Dateigröße
615 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
haneke ethik medien benny video funny games us
Arbeit zitieren
Sebastian Götz (Autor), 2010, Gewaltdarstellung und deren Motive in „Benny‘s Video“ und „Funny Games“ von Michael Haneke, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162091

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