Anorexia nervosa - Erklärungs- und Therapieansätze sowie Präventionsmöglichkeiten


Hausarbeit, 2010

36 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Allgemeiner Überblick und Zahlen zu Anorexia nervosa

3. Klassifikation der Anorexia nervosa und Bulimia nervosa
3.1. Mögliche Schwierigkeiten bei der Diagnosestellung
3.2. Körpergewicht und Body Mass Index
3.3. Kritik an den diagnostischen Kriterien
3.4. Zusammenfassung

4. Erklärungsansätze für Magersucht
4.1. Auslösende Faktoren
4.2. Aufrechterhaltende Faktoren

5. Exkurs: Körperschemastörung – Körperbildstörung
5.1. Definition
5.2. Entstehungsbedingungen

6. Interdisziplinäre Therapie von Magersucht
6.1. Therapieforschung zu Anorexia nervosa
6.2. Verschiedene Behandlungsmöglichkeiten
6.3. Ambulante Therapie
6.4. Stationäre Therapie
6.5. Tageskliniken
6.6. Intensivtherapeutische Wohngruppen

7. Zusammenfassung

8. Prävention
8.1. Primäre, Sekundäre und Tertiäre Prävention
8.1.1. Primärprävention
8.1.2. Sekundärprävention
8.1.3. Tertiärprävention
8.2. Das Krankheitsvermeidungs- und das Gesundheitsförderungsmodell

9. Allgemeine Kriterien
9.1. Zielgruppen
9.1.1. Kinder und Jugendliche
9.1.2. Geschlechtsspezifität
9.1.3. Eltern
9.1.4. Mediziner
9.1.5. Lehrer, Trainer und andere pädagogische Fachkräfte

10. Schlussbetrachtung und Ausblick

11. Literaturverzeichnis

12. Anhang: ICD-10-Tabellen
12.1. Psychische und Verhaltensstörungen (F00-F99) Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren (F50-F59)

1. Einleitung

„Ich würde nicht einmal eine Briefmarke anlecken, denn man weiß ja nie, wie viel Kalorien man dabei runterschluckt.“ (Bruch 2004a: S. 22). Diese Aussage beschreibt das Martyrium unzähliger junger, meist weiblicher Menschen, die an Magersucht (in der Fachsprache: Anorexia nervosa, Anorexie) erkrankt sind, wohl prägnanter als viele Lehrbücher.

Anhand dieser wissenschaftlichen Arbeit soll aufgezeigt werden, welcher Zusammenhang zwischen den Ursachen der Magersucht, Diagnosekriterien und möglichen Präventionsmaßnahmen existiert. Zur Ableitung wirkungsvoller Präventionsmaßnahmen soll veranschaulicht werden, wie wichtig die Kenntnis der verschiedenen, an der Entstehung beteiligten Einflussfaktoren ist. Eine weitere bedeutsame Fragestellung ist, welche verschiedenen wirkungsvollen Therapieformen es gibt und wie die Soziale Arbeit als eigenständige Profession in diesem Bereich tätig werden kann. Dabei sollte ebenfalls deutlich werden, dass das Verständnis für die Ursachen dieser psychischen Erkrankung sehr wichtig ist, um hilfreiche Ansätze in der Therapie realisieren zu können. Alle drei Themenbereiche - Ursachen, Therapie und Prävention - lassen sich miteinander verknüpfen. Wichtige Inhalte, wie z.B. der Aufbau eines gesunden Selbstvertrauens oder die Entwicklung von Hunger- und Sättigungsgefühlen, die im Rahmen einer Therapie erarbeitet werden sollten, sind auch Bestandteil präventiver Maßnahmen. Der Frage, warum beim Klienten ein nur unzureichendes Selbstwertgefühl vorhanden ist, bzw. kein Gefühl für Hunger und Sättigung besteht, kann wiederum anhand der verschiedenen Ursachen nachgegangen werden. Einhergehend soll die Entstehung einer sog. Körperschemastörung genauer analysiert werden.

Da Essstörungen sich immer häufiger zu entwickeln scheinen und gerade Magersucht eine durchaus gefährliche und in manchen Fällen tödlich verlaufende Erkrankung sein kann, wächst in den letzten Jahren sowohl das öffentliche als auch das wissenschaftliche Interesse an diesem Phänomen immer mehr (vgl. Raabe 2009, S. 1). Dies kann als sehr positive und wichtige Entwicklung im Umgang mit der Thematik verstanden werden. Wenn Magersucht unter anderem durch Einflüsse aus der Gesellschaft entstehen kann, muss diese und damit auch die Wissenschaft darauf reagieren. Je mehr das wissenschaftliche Interesse zunimmt und nachhaltige Forschung auf diesem Gebiet betrieben wird, desto besser können Ansätze für Therapie und Prävention entwickelt werden. Obwohl Essstörungen auch bei Männern auftreten, soll hier primär auf Mädchen und Frauen eingegangen werden, da diese wesentlich häufiger betroffen sind (vgl. Reich et al, 2001: S. 112). Aus diesem Grund wird meist auch die weibliche Sprachform verwendet. Wenn dies nicht der Fall ist, sind beide Geschlechter gemeint. Geht es explizit nur um das männliche Geschlecht, wird darauf hingewiesen.

Anorexia nervosa, bei der die Betroffenen nur noch sehr geringe Mengen an Nahrung zu sich nehmen, kann sich im Laufe der Erkrankung zu einer Bulimia nervosa entwickeln oder einzelne Symptome dieser Störung aufweisen. Bei der Bulimia nervosa nehmen die Betroffenen zwar Nahrung zu sich, erbrechen diese allerdings wieder oder nehmen andere gewichtsreduzierende Maßnahmen (Sport, Diuretika, Laxantien, etc.) vor. Rund 25 bis 30% der Bulimikerinnen waren laut Diagnose in der Vorgeschichte Anorektikerinnen, wohingegen der umgekehrte Fall nur sehr selten auftritt (vgl. Jacobi et al 2004, S. 7). Aufgrund dessen erweist es sich als sinnvoll, diese Störung an geeigneter Stelle mit in die Untersuchungen einzubeziehen und ihre Diagnosekriterien zu benennen. Der Begriff „Essstörungen“ wird hier oft verallgemeinernd anstelle von „Magersucht bzw. Anorexie“ verwendet. Grund dafür ist, dass sich einige Aussagen nicht nur auf Magersucht speziell, sondern auch auf andere Essstörungen beziehen lassen. Wenn dieser Begriff verwendet wird, schließt er Anorexie allerdings immer mit ein. Die Bezeichnungen Sozialpädagogik und Soziale Arbeit werden in dieser Arbeit synonym verwendet. Der konkrete Aufbau dieser Arbeit lässt sich in drei Hauptthemen einteilen: Ursachenanalyse, Therapie und Prävention. Nach dieser Einleitung folgt zunächst ein allgemeiner Überblick über die Krankheit sowie in diesem Zusammenhang wichtiger Fakten. Danach werden die entsprechenden Diagnosekriterien benannt. Da das Stellen einer Essstörungsdiagnose aus verschiedenen Gründen nicht immer ganz einfach ist und durchaus auch Kritik an der Klassifikation geäußert wird, soll darauf ebenfalls eingegangen werden. Es folgen einige Erklärungsansätze. Im nächsten Themenkomplex, der interdisziplinären Therapie, werden allgemeine Forschungsergebnisse zur Therapie von Magersucht benannt sowie die verschiedenen Settings, an denen Therapie stattfinden kann. Darauf folgend geht es um die Prävention von Essstörungen. Dabei soll ein genereller Überblick geboten sowie wichtige Grundsätze zur Prävention im Allgemeinen vorgestellt werden. Danach folgt ein Einblick in die verschiedenen Zielgruppen sowie konkrete und aktuelle Präventionsmaßnahmen, welche auch in der Sozialen Arbeit eine wichtige Rolle spielen sollten.

2. Allgemeiner Überblick und Zahlen zu Anorexia nervosa

Die Anorexia nervosa oder auch Magersucht, ist wohl die bekannteste unter den Essstörungen. Tatsächlich kommt sie aber wesentlich seltener vor, als beispielsweise die Bulimia nervosa. Laut Statistik entwickeln rund 1 bis 2% der zwischen 12- und 25-jährigen Mädchen und Frauen eine Magersucht. Die Zahlen für Bulimie sind mindestens doppelt bis sechs Mal so hoch. Bei beiden Störungsformen wird zudem von einer nicht unerheblichen Dunkelziffer ausgegangen. Schätzungen zufolge erkranken Mädchen und Frauen ca. 10 bis 20 Mal häufiger an einer Essstörung, als Jungen und Männer (vgl. Bundesfachverband Essstörungen (Hrsg.) 2008, S. 7, 13). Magersucht verläuft in 5 bis 15% der Fälle tödlich. In besonders gravierenden Fällen ist der Körper von der Krankheit so massiv geschwächt und geschädigt, dass er nicht einmal mehr gegen eine (unter normalen Umständen harmlose) Infektion ankämpfen kann. Manche der Betroffenen begehen Selbstmord (vgl. Bundesministerium für Gesundheit (Hrsg.) 2008, S. 8). Unter den psychischen Erkrankungen ist Magersucht diejenige, welche bei Mädchen und Frauen zwischen 15 und 35 Jahren die höchste Mortalitätsrate aufweist (vgl. Fichter 2008, S. 1). Zudem darf nicht außer Acht gelassen werden, dass rund 20-50% (die Zahlen unterliegen je nach Untersuchung erheblichen Schwankungen) der Normalbevölkerung, an einzelnen Symptomen von Magersucht oder anderen Essstörungen leidet (vgl. Pauli, Steinhausen 2006, S. 17). Die Essstörung ist eine schwerwiegende seelische Erkrankung. Aufgrund der hinzu kommenden körperlichen Auswirkungen zählen sie zu den psychosomatischen Erkrankungen. Obwohl die Ausdrücke Magersucht oder Ess-Brech-Sucht auf suchtartiges Handeln schließen lassen, zählen Essstörungen nach medizinischen Kriterien nicht zu den üblicherweise bekannten (stoffgebundenen) Suchterkrankungen, wie beispielsweise Alkohol-, Drogen- oder Medikamentensucht. Das vorherrschende Ziel der Abstinenz in Bezug auf das Suchtmittel lässt sich bei Essstörungen natürlich nicht realisieren, der menschliche Körper braucht schließlich Nahrung. Auch kann bei Essstörungen kein Entzug gemacht werden und es besteht keine Abhängigkeit im engeren Sinne (vgl. Bundesfachverband Essstörungen (Hrsg.) 2008, S. 9, 10). Es gibt jedoch durchaus auch gemeinsame Merkmale von stoffgebundenen Süchten und Essstörungen, wie z.B. Kontrollverlust, den Zwang etwas wiederholen zu müssen bzw. nicht aufhören zu können oder soziale Isolation (vgl. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), (Hrsg.) 2004, S. 5). Die Krankheit muss in jedem Fall ernst genommen werden, sie spiegelt die schwere innere Not und Hilflosigkeit sowie die gestörte Persönlichkeit der Betroffenen wider (vgl. Bundesfachverband Essstörungen 2008, S. 11). Will man die Krankheit also verstehen, darf Magersucht keinesfalls nur als eine Störung des Essverhaltens betrachtet werden. Vielmehr muss der Blick auch auf die anderen Facetten, Merkmale und Hintergründe der Krankheit gerichtet werden. Nur dann kann man das Wesen der Magersucht und das, was sie eigentlich wirklich ausdrücken will, begreifen (vgl. Fichter 2008, S. 8).

Das Wort Anorexie kommt ursprünglich aus dem Griechischen und bedeutet „Appetitlosigkeit“. Anorexia nervosa bedeutet demzufolge soviel wie „nervlich bedingte Appetitlosigkeit“ (vgl. Gerlinghoff et al, 1995: S. 5). Diese Bezeichnung beschreibt die Krankheit jedoch nur unzureichend. Magersüchtige haben sehr wohl Appetit, allerdings versuchen sie ihren Hunger mit aller Macht zu unterdrücken und unter Kontrolle zu halten (vgl. Pauli, Steinhausen 2006, S. 11).

Häufig beginnt die Essstörung mit einer „ganz normalen“ Diät. Die Betroffenen hungern jedoch immer weiter und setzen sich ein immer niedrigeres Zielgewicht. Selbst wenn sie extrem dünn und abgemagert sind, empfinden sie sich als zu dick. Schließlich kreisen die Gedanken beinahe nur noch um das Essen bzw. Nicht-Essen. Soziale Kontakte werden häufig vernachlässigt oder abgebrochen, die gesamte Tagesstruktur richtet sich nach einem in vielen Fällen exzessiven Sportprogramm sowie den heimlichen Essritualen, welche nicht gestört werden dürfen. Manche der Betroffenen beginnen andere Menschen abzuwerten, denen es scheinbar nicht gelingt, den Bedürfnissen ihres Körpers zu widerstehen. Sie selbst empfinden dagegen Stolz, ihren Körper und die Gefühle so „erfolgreich“ unterdrücken zu können (vgl. Raabe 2009, S. 6, 7). Die der Anorexia nervosa und Bulimia nervosa zugrunde liegenden diagnostischen Kriterien, werden im folgenden Abschnitt beschrieben.

3. Klassifikation der Anorexia nervosa und Bulimia nervosa

Essstörungen werden in der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Kapitel 5 „Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren“ näher erläutert. Die beiden wichtigsten Syndrome sind hierbei die Anorexia nervosa (F 50.0) und die Bulimia nervosa (F 50.2) Bei beiden Störungen liegen zusätzlich jeweils noch verschiedene Untertypen vor (vgl. Jacobi u.a. 2004, S. 1). Auch im D iagnostischen und S tatistischen M anual psychischer Störungen (DSM IV), dem amerikanischen Klassifikationssystem der „American Psychiatric Association“, werden Essstörungen in einem eigenen Kapitel aufgeführt. Die im Anhang aufgeführten Tabellen geben genaue Auskünfte über die einzelnen Diagnosekriterien.

3.1. Mögliche Schwierigkeiten bei der Diagnosestellung

Die beiden Klassifizierungssysteme sind sich inhaltlich relativ ähnlich. Beide setzen für eine Diagnose der Anorexia nervosa unbedingt voraus, dass das Gewicht weit unter der für Alter und Entwicklungsstand geltenden Norm liegt. Daneben müssen zusätzlich eine Störung des Körperbildes sowie eine hormonelle Störung erkennbar sein (vgl. Wunderer, Schnebel 2008, S. 22). Weil die Höhe des Körpergewichts ein solch wichtiges Kriterium in den Klassifikationssystemen darstellt, entstehen oft Schwierigkeiten beim Stellen einer Essstörungsdiagnose. Wichtiger als nur das Gewicht ist jedoch vor allem auch das Verhalten der Person in Bezug auf Essen und Nahrungsaufnahme. Es ist deshalb unbedingt notwendig, die Patienten und deren Umgang mit Nahrung genau zu beobachten sowie zu erfragen, um dann feststellen zu können, ob es sich um die Symptome einer Essstörung handelt. Es gibt auch andere Krankheitsbilder, beispielsweise schwere Depressionen oder Krebs, die zu einem starken Gewichtsverlust führen, allerdings ohne dass dieser angestrebt oder absichtlich herbeigeführt wird. Auch muss es sich bei Essanfällen nicht automatisch um eine bulimische Essstörung handeln. Sie können auch ungewollt bei Menschen auftreten, die an Zucker (Diabetes mellitus) erkrankt sind. Wenn also die Diagnose Anorexia nervosa oder Bulimia nervosa gestellt werden soll, ist es unbedingt notwendig, sensibel auf gewisse Anzeichen, wie beispielsweise heimliche oder ritualisierte Nahrungsaufnahme und das Vermeiden von Essen in Anwesenheit anderer Personen zu achten, und diese vor allem richtig zu deuten (vgl. Fichter 2008, S. 17).

3.2. Körpergewicht und Body Mass Index

Ob das Körpergewicht einer Person im normalen Bereich liegt, hängt stark von der Größe, dem Alter, dem Geschlecht, sowie dem Körperbau und der Dichte der großen Skelettknochen ab. Um feststellen zu können, ob jemand zu schwer oder zu leicht ist, wird häufig der Body Mass Index (BMI) verwendet. Die Formel stellt Größe und Gewicht einer ausgewachsenen Person in Relation. Der BMI wird folgendermaßen berechnet:

BMI = Körpergewicht in kg / Körpergröße in m² (vgl. Fichter 2008, S. 16)

Das Ergebnis sagt aus, welchem Bereich eine Person zugeteilt werden kann:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(vgl. WHO 2000 in Wunderer, Schnebel 2008, S. 32)

Die Einteilung nach der BMI-Formel sollte jedoch nur als Richtwert dienen, da weder Alter und Geschlecht noch Körper- und Knochenbau in die Berechnung mit einbezogen werden. Dies ist besonders bei der Berechnung des Wertes von Kindern und Jugendlichen kritisch. Gerade bei ihnen spielen Alter und Geschlecht eine sehr große Rolle (vgl. Fichter 2008, S. 16, 17). Aus diesem Grund müssen für Kinder und Jugendliche eigene Referenztabellen eingesetzt werden, um ein objektives Ergebnis zu erhalten. Eine solche Berechnung, die Alter und Geschlecht mit einbezieht, kann beispielsweise im Internet unter www.mybmi.de oder bei jedem Kinderarzt bzw. Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie erfolgen.

3.3. Kritik an den diagnostischen Kriterien

Zunächst sollte darauf hingewiesen werden, dass nur etwa die Hälfte der ambulant oder auch stationär behandelten Patientinnen die Kriterien für eine der genannten Essstörungen gänzlich erfüllen. Dennoch sind auch die anderen 50 % aufgrund ihres Essverhaltens behandlungsbedürftig. Folglich kommt der Erfüllung der diagnostischen Kriterien nicht die wichtigste Bedeutung zu, wenn es darum geht festzustellen, wer an einer ernsthaften Essstörung leidet. Vielmehr ist es wichtig zu prüfen, in welchem Ausmaß die einzelnen Symptome vorliegen und wie stark sich das gestörte Essverhalten bereits manifestiert hat. Die Frage, wie groß die Angst der Patientinnen vor einer Gewichtszunahme ist oder auch wie regelmäßig gewichtsreduzierende Maßnahmen ergriffen werden, ist von größerer Relevanz als die reine diagnostische Zuordnung (vgl. Fichter 2008, S. 13, 14). Zudem darf keinesfalls außer Acht gelassen werden, dass die Übergänge von einem „normalen“ Essverhalten zu einem „kranken“, bzw. „gestörten“ Essverhalten fließend sind. Somit sollten die Diagnosekriterien nur als Richtwerte dienen. Entscheidend ist das individuelle Empfinden der Betroffenen und nicht etwa die diagnostisch festgelegten Zahlen über Gewicht oder Häufigkeit der Essattacken (vgl. Raabe 2009, S. 5).

Eine etwas andere Definition von Essstörungen, die genau dies beachtet, stellt Katrin Raabe vor: „Eine Essstörung besteht dann, wenn sich die Gedanken und der Alltag nur noch um Essen oder Nichtessen drehen und wenn die Gewichtskontrolle das Wichtigste im Leben ist“ (ebd.). Beurteilt man Essstörungen anhand dieser Aussage, werden auch diejenigen Betroffenen miteinbezogen, bei denen sich die Krankheit noch nicht manifestiert hat und die Ausmaße noch nicht allzu gravierend sind. Diese Sicht plädiert dafür, dass auch Vorformen von Essstörungen durchaus professionell behandelt werden müssen, um somit die Entwicklung des klinischen Vollbilds möglicherweise verhindern zu können (ebd.). Ziel der Diagnosekriterien ist es in erster Linie, die einzelnen Störungen bzw. Erkrankungen möglichst objektiv und allgemein mess- und erfassbar zu beschreiben sowie Vergleichsmöglichkeiten zu schaffen. Dies kann dazu führen, dass die hinter der Störung steckende Psychodynamik, also die zugrunde liegenden Ursachen, eher in den Hintergrund geraten (vgl. Fichter 2008, S. 13).

3.4. Zusammenfassung

Essstörungen und die verschiedenen einzelnen Symptome, sind in der Bevölkerung relativ weit verbreitet. Es handelt sich dabei um ernst zu nehmende seelische Erkrankungen. Um sie richtig erfassen zu können, dürfen sie nicht nur als Störung des Essverhaltens betrachtet werden, sondern müssen als aktive Reaktion auf inneres Leid verstanden werden. Essstörungen sind sowohl im ICD-10, als auch im DSM IV vorzufinden. Die beiden Klassifizierungssysteme beinhalten recht genaue Vorgaben, wann Magersucht bzw. Bulimie vorliegt und wann nicht. Dem Körpergewicht kommt hierbei eine besonders große Bedeutung zu. Ob dieses im Bereich der Norm bzw. darunter oder darüber liegt, wird anhand der so genannten BMI-Formel ermittelt. Für Kinder gibt es spezielle Referenztabellen, die zusätzlich zu Größe und Gewicht noch Alter und Geschlecht mit einbeziehen. Bei Weitem aber erfüllt nicht jede Person, die an einer Essstörung leidet, die vorgegeben Gewichtskriterien, um quasi „offiziell“ magersüchtig oder bulimisch zu sein. Hierdurch können sich Schwierigkeiten ergeben: Viele Betroffenen trauen sich nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen, weil sie befürchten, nicht ernst genommen zu werden, wenn sie vielleicht nicht völlig abgemagert oder auffällig dünn sind. Deshalb ist es wichtiger, die Aufmerksamkeit auf die einzelnen Symptome gestörten Essverhaltens sowie die dahinter steckenden Motive zu richten und daraus schließlich abzuleiten, in welchem Fall professionelle Hilfe nötig ist.

4. Erklärungsansätze für Magersucht

Essstörungen entstehen nie durch eine einzige Ursache oder ein einziges Ereignis, sondern immer durch das Zusammenwirken verschiedener Faktoren. Sie sind multifaktoriell bedingt. Dabei spielen soziokulturelle Faktoren, die Erwartungen der Gesellschaft und das herrschende Schönheitsideal genauso eine Rolle, wie eigene Erfahrungen in der Familie und dort gelernte und internalisierte Muster. Daneben können auch biologische Komponenten bei der Entstehung einer Essstörung beteiligt sein sowie persönlich individuelle Faktoren, wie beispielsweise die Ausprägung des Selbstwertgefühls oder dysfunktionale Denkmuster. In den folgenden Kapiteln werden die einzelnen Punkte näher beschrieben (vgl. Wunderer, Schnebel 2008, S. 51).

Viele der genannten Risikofaktoren könnten auch im Zusammenhang mit anderen Erkrankungen stehen, wie beispielsweise Depressionen, stoffgebundenen Süchten oder einer Persönlichkeitsstörung (vgl. Wunderer, Schnebel 2008, S. 66). Deshalb soll nun erörtert werden, warum manche Menschen ausgerechnet eine Essstörung, speziell eine Magersucht, entwickeln.

[...]

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Anorexia nervosa - Erklärungs- und Therapieansätze sowie Präventionsmöglichkeiten
Hochschule
Fachhochschule Mannheim, Hochschule für Sozialwesen
Note
1.0
Autor
Jahr
2010
Seiten
36
Katalognummer
V162106
ISBN (eBook)
9783640772278
ISBN (Buch)
9783640773190
Dateigröße
608 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anorexie
Arbeit zitieren
Ines Schmidt (Autor), 2010, Anorexia nervosa - Erklärungs- und Therapieansätze sowie Präventionsmöglichkeiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162106

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