Die Hunnen im 'Nibelungenlied'


Hausarbeit, 2007

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Die Hunnen
1.1 Struktur des „ Hiunen lant
1.2 Hunnen als mutige Krieger?
1.3 Einzelindividualität im Hunnenreich
2. Der Herrscher
2.1 „Etzel der rîche“ als König eines literarischen Reiches
2.1.1 Einladung und Empfang der Burgunder
2.1.2 Akteur während des Burgundenuntergangs
2.1.3 Der klagende Monarch
2.2 König mit Privatleben
2.2.1 „Helche diu vil rîche“
2.2.2. Kriemhilt als neue Königin
3.Verhältnis der Hunnen zum Christentum

III.Fazit

Literaturverzeichnis

Siglen

I. Einleitung

„Attila der Hunne“ stellt noch heute einen Ausdruck dar, welcher für den Hörer negative Assoziationen hervorruft. Oftmals wird damit ein Kriegerkönig oder ein mächtiger Herr-scher über ein riesiges Reich verbunden, welcher seine Schlachten gnadenlos führt und kein Erbarmen zeigt. Dies sind jedoch tendenziell subjektive Einschätzungen, welche es nicht er-möglichen, den Hunnenkönig Attila normativ oder psychologisch einzuordnen. Ebenso verhält es sich mit dem gesamten Volk der Hunnen, welches gleichermaßen bei ober-flächlicher und unreflektierter Betrachtung als wildes Steppenvolk betrachtet wird.

„Attila (…), der mächtige Oberherr, der keine Macht neben sich, sondern nur unter sich duldet“,[1] wurde im Jahre 453 n.Chr. geboren und war Herrscher über das Reich der Hunnen, dessen Herrschaftszentrum in heutigen Ungarn lag. Es ist von einem Herrscher auszugehen, welcher durch taktisches Geschick bzw. sinnstiftendes Delegieren von Herrschaftsaufträgen ein funktionierendes System um sich herum aufgebaut hat. Ohne eine klare Kompetenz-verteilung mit Attila im Zentrum war ein solches Reich nicht zu regieren. „The great king of the Huns, to western civilization the personification of wanton destruction“,[2] ist historisch als Potentat zu betrachten, der seinen Machtbereich stetig vergrößerte und für die westliche Zivilisation eine existenzielle Bedrohung darstellte. Der mittelalterliche Historiker Jordanes berichtet von ihm als „most savage tyrant and conqueror of the whole earth“,[3] ein weiterer Hinweis darauf, dass es sich keineswegs um einen seinen Feinden gegenüber wohl-wollenden Monarchen handelte. Die Darstellungen in mittelalterlichen Chroniken – „usually as terror to Christendom“[4] – greifen Attila letztlich als anti-christliche Instanz auf, welcher durch sein Heidentum dem christlichen Weltbild entgegenstand.

Grundlage dieser Arbeit sollen das Nibelungenlied (NL) sowie die Nibelungenklage[5] (KL) sein, welche die Person Attilas als „Etzel“ aufgreifen und ihn gemäß der historischen Figur als Hunnenkönig in ihre Handlung aufnehmen. Etzel heiratet in den literarischen Werken die Burgunderin Kriemhild, die durch Hagens Mord an ihrem Ehemann Siegfried verwitwet wird und in der Heirat mit dem heidnischen König eine Chance sieht, den Meuchelmord an ihrem ersten Gatten zu rächen. Infolge ihres Verlangens nach Rache werden alle burgun-dischen Verwandten und wichtige hunnische Lehnsleute getötet.[6]

Im Rahmen dieser Untersuchung soll nun die Frage beantwortet werden, ob Attila alias "Et-zel" und sein Volk in den literarischen Vorlagen ebenso machtvoll und düster geschildert werden wie in der Literatur der Historiker. Wie gestaltet sich sein Verhältnis zum Chris-tentum und wird etwa ein anderes Bild des Königs geboten, welches nicht übereinstimmt mit den historischen Darstellungen des Kriegerkönigs?

Im Folgenden sollen diese Fragen geklärt werden, indem das Nibelungenlied und die Klage in ergänzender Weise hinsichtlich ihrer Darstellungen der Hunnen und ihres Königreiches untersucht werden. Zudem wird die Person Etzels in den Mittelpunkt gerückt. Was macht den König in der literarischen Darstellung aus und wie ist sein Verhältnis zu seinen Mit-menschen, insbesondere zu Kriemhilt? Ferner wird die religiöse Überzeugung des heid-nischen Königs und die Beziehungen zwischen den Religionsgruppen betrachtet, da es sich hier im historischen und im literarischen Sinne um für das damalige Weltbild konsti-tuierende Variablen handelt.

II. Hauptteil

1. Die Hunnen

1.1 Struktur des „ Hiunen lant “

Grundlegend lässt sich über König Etzel sagen, dass die Burgunder ihn vor der Heirat nicht persönlich kennen, jedoch ist die Machtposition des Hunnenreiches durchaus im Bewusst-sein der Wormser. Hagen warnt die drei Könige Gunther, Gernot und Giselher während der Brautwerbung um Kriemhilt, dass „ sol si in danne minnen (…) / sô ist iu aller êrste von schulden sórgén geschehen“ (NL: 1205,3f.). Was veranlasst Hagen zu der Aussage, dass sogar die vermeintlich mächtigen Burgunder den Herrscher über das Hunnenreich fürchten müssen?

Das Reich der Hunnen hat im Heldenepos ein differenziertes Bündnissystem, welches die Macht und den Schutz der Zentralgewalt, verkörpert durch Etzel, sichert. Rüediger versucht die anfänglich ablehnende Kriemhilt zu einer Hochzeit mit Etzel zu überzeugen, indem er ihr die Machtbasis der früheren Königin Helche schildert. Kriemhilt könne über zwölf Königreiche ihre Gewalt ausüben, zudem unterlägen dreißig Fürstentümer ihrer Herrschaft, welche ihr zukünftiger Gatte unterworfen hat und deren Zentrum die Etzelburg in Ungarn ist (vgl. NL: 1235f.). Näher erläutert Rüedeger die Struktur des Hunnenreiches nicht, den-noch kann dieses Angebot an die Umworbene als Indikator dienen, der den Umfang des Reiches andeutet. Zudem gibt es zahlreiche Angaben zu den Fürsten, welche den Hunnen gegenüber zu Diensten verpflichtet sind. Wichtigste Edelleute, die der Herrschaft Etzels während des Burgundenuntergangs unterstehen, sind „ herre Dietrîch (…) und der küene Hildebrant “, „ herre Blœdelîn “, „ herzoge Herman, ein fürste ûzer Pœlân “, „ Sigeher von Walâchen “, „ Walber der edelvrîe “, „ Irnfrit “ aus Thüringen, Vogt „ Hâwart “ aus Dänemark, „ Îring “ aus Lothringen (vgl. KL: 320-409), „ herzoge Râmunc ûzer Walachen “, „ fürste Gibech “, „ Hornboge der snelle “ (NL: 1343f.), „ Schrûtân “ (NL: 1880,1) sowie der bei allen Volksgruppen angesehene Markgraf Rüediger von Bechelaren. Doch muss hierbei erwähnt werden, dass Ramunch, Hawart, Irinc, Irnfrit, Hildebrant und Dietrich eindeutig keine ethnischen Hunnen sind. Ebenso tritt Rüediger als Ausländer auf, der als Fremder zwar zu höchstem Ansehen und Einfluss gekommen ist, jedoch hat er seine Wurzeln weiter westlich entlang der Donau.[7] Welche Stellung diese Edelleute untereinander innehaben, wird in den beiden Werken nicht konkret angesprochen, es ist aber aufgrund der dominanten Rolle Rüedigers und Dietrichs im Finale des NL davon auszugehen, dass diese die stark superiore Position gegenüber den weiteren Adligen innehaben und als Berater des Herrschers den größten Einfluss auf diesen haben.

Die Gesellschaft des Reiches weist eine große Heterogenität auf, insbesondere wird dies durch die verschiedenen Religionen deutlich, beispielsweise „ von maniger sprâche sah man uf den wegen / vor Etzelen rîten manigen küenen degen, / von kristen und von heiden vil manige wîte schar“ (NL: 1338, 1-3). Zudem werden viele Nationen im Lande Etzels ver-eint, denn Russen, Griechen, Polen, Walachen, Kiewer und Petschenegen begleiten Etzel, während dieser seiner zukünftigen Gattin entgegenreitet. Dies dient als Angabe zur terri-torialen Ausdehnung bzw. zum Einflussbereich der Hunnen, welcher im Verhältnis zum Reiche der Wormser ungleich größer erscheint und die Zahl der vertretenen Nationalitäten erheblich erweitert (vgl. NL: 1339-1341). Der beschriebene Aufbau des Hunnenreiches scheint weitgehend konsolidiert zu sein, denn es gibt keinen Hinweis darauf, dass Feinde die Integrität des Landes gefährden könnten. Etzel kann sich offenbar auf loyale Vasallen stützen, die das strukturelle Fortbestehen seines Königtums gewährleisten und dessen territoriale Ausdehnung durch Treue und Schutz bewahren.

[...]


[1] Boor, Helmut de: Das Attilabild in Geschichte, Legende und heroischer Dichung, Darmstadt 1963, S. 6

[2] Bäuml, Franz H.: Attila in Medievil German Literature, in: Franz H. Bäuml (Hrsg.): Attila – The man and his image, Budapest 1993, S. 57

[3] zit. nach ebd.: S. 59

[4] ebd.: S. 63

[5] Folgende Textgrundlagen (jeweils die *B-Fassung) werden in dieser Arbeit verwendet:

Das Nibelungenlied. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Nach dem Text von Karl Bartsch und Helmut de Boor. Ins Neuhochdeutsche übersetzt und kommentiert von Siegfried Grosse, Stuttgart 1997/2002

Die Nibelungenklage. Mittelhochdeutscher Text nach der Ausgabe von Karl Bartsch. Einführung, neuhochdeutsche Übersetzung und Kommentar von Elisabeth Lienert, Paderborn/München et al. 2000

[6] Historisch belegt ist die Vernichtung des Burgunderreichs im Jahre 436/37 n. Chr. durch ein Heer Attilas unter Führung des römischen Feldherrn Aëtius, infolge derer das burgundische Volk in die heutigen Savoyen umgesiedelt wurde.

vgl. hierzu: Wamers, Egon: Die Völkerwanderungszeit im Spiegel der germanischen Heldensagen, in: Gerhard Bott (Hg.): Germanen, Hunnen und Awaren. Schätze der Völkerwanderungszeit, Nürnberg 1987, S. 74

[7] vgl. Williams, Jennifer: Etzel der rîche, Bern 1982, S. 183

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Details

Titel
Die Hunnen im 'Nibelungenlied'
Hochschule
Universität Trier
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
17
Katalognummer
V162172
ISBN (eBook)
9783640757596
ISBN (Buch)
9783640757916
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hunnen, Nibelungenlied
Arbeit zitieren
Matthias Billen (Autor), 2007, Die Hunnen im 'Nibelungenlied', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162172

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