„Attila der Hunne“ stellt noch heute einen Ausdruck dar, welcher für den Hörer negative Assoziationen hervorruft. Oftmals wird damit ein Kriegerkönig oder ein mächtiger Herr-scher über ein riesiges Reich verbunden, welcher seine Schlachten gnadenlos führt und kein Erbarmen zeigt. Dies sind jedoch tendenziell subjektive Einschätzungen, welche es nicht er-möglichen, den Hunnenkönig Attila normativ oder psychologisch einzuordnen. Ebenso verhält es sich mit dem gesamten Volk der Hunnen, welches gleichermaßen bei ober-flächlicher und unreflektierter Betrachtung als wildes Steppenvolk betrachtet wird. „Attila (…), der mächtige Oberherr, der keine Macht neben sich, sondern nur unter sich duldet“, wurde im Jahre 453 n.Chr. geboren und war Herrscher über das Reich der Hunnen, dessen Herrschaftszentrum in heutigen Ungarn lag. Es ist von einem Herrscher auszugehen, welcher durch taktisches Geschick bzw. sinnstiftendes Delegieren von Herrschaftsaufträgen ein funktionierendes System um sich herum aufgebaut hat. Ohne eine klare Kompetenz-verteilung mit Attila im Zentrum war ein solches Reich nicht zu regieren. „The great king of the Huns, to western civilization the personification of wanton destruction“, ist historisch als Potentat zu betrachten, der seinen Machtbereich stetig vergrößerte und für die westliche Zivilisation eine existenzielle Bedrohung darstellte. Der mittelalterliche Historiker Jordanes berichtet von ihm als „most savage tyrant and conqueror of the whole earth“, ein weiterer Hinweis darauf, dass es sich keineswegs um einen seinen Feinden gegenüber wohl-wollenden Monarchen handelte. Die Darstellungen in mittelalterlichen Chroniken – „usually as terror to Christendom“ – greifen Attila letztlich als anti-christliche Instanz auf, welcher durch sein Heidentum dem christlichen Weltbild entgegenstand.
Grundlage dieser Arbeit sollen das Nibelungenlied (NL) sowie die Nibelungenklage (KL) sein, welche die Person Attilas als „Etzel“ aufgreifen und ihn gemäß der historischen Figur als Hunnenkönig in ihre Handlung aufnehmen. Etzel heiratet in den literarischen Werken die Burgunderin Kriemhild, die durch Hagens Mord an ihrem Ehemann Siegfried verwitwet wird und in der Heirat mit dem heidnischen König eine Chance sieht, den Meuchelmord an ihrem ersten Gatten zu rächen. Infolge ihres Verlangens nach Rache werden alle burgun-dischen Verwandten und wichtige hunnische Lehnsleute getötet.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Hauptteil
1. Die Hunnen
1.1 Struktur des „Hiunen lant“
1.2 Hunnen als mutige Krieger?
1.3 Einzelindividualität im Hunnenreich
2. Der Herrscher
2.1 „Etzel der rîche“ als König eines literarischen Reiches
2.1.1 Einladung und Empfang der Burgunder
2.1.2 Akteur während des Burgundenuntergangs
2.1.3 Der klagende Monarch
2.2 König mit Privatleben
2.2.1 „Helche diu vil rîche“
2.2.2. Kriemhilt als neue Königin
3.Verhältnis der Hunnen zum Christentum
III.Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die literarische Darstellung des Hunnenkönigs Attila alias „Etzel“ im Nibelungenlied und der Nibelungenklage, um zu klären, inwiefern sich das Bild des Herrschers und seines Volkes von historisch tradierten, düsteren Einschätzungen unterscheidet und wie religiöse sowie zwischenmenschliche Dynamiken das Geschehen prägen.
- Literarische Charakterisierung von Etzel als Herrscher und Mensch
- Strukturelle Analyse des Hunnenreiches und seines Bündnissystems
- Untersuchung des Verhältnisses zwischen heidnischen und christlichen Sphären
- Analyse der Rolle von Kriemhild und ihrer Rachepläne auf die Handlung
- Bewertung der militärischen und moralischen Darstellung der hunnischen Akteure
Auszug aus dem Buch
1.2 Hunnen als mutige Krieger?
Die Hunnen werden geschildert als eine große Masse von Kriegern, welche für ihren König in den Kampf ziehen. Keiner der Gefolgsleute entzieht sich Etzels Treue und alle opfern sich für ihn, höhergestellte Edelleute ebenso wie einfache Ritter. Dies ist umso erstaunlicher, da bei der Betrachtung ihrer Erfolge im Kampf ein eher nüchternes Fazit gezogen werden muss: Kaum eine der hunnischen Einheiten kann die Burgunder in erheblichem Maße schwächen, die Klage nennt als Opferzahl „wol vierzec tûsent man (KL: 237)“, eine schier unermessliche Zahl unter dem Aspekt, dass die Wormser lediglich mit „sehzec unde tûsent“ Kriegern sowie „niwen tûsent knehte“ (NL: 1507,2f.) zur Etzelburg reisen.
Dieses Verhältnis weist darauf hin, dass die Qualitäten der Hunnen als Kämpfer tendenziell defizitär sind, lediglich ihre Opferbereitschaft ist vergleichbar mit der Moral der Burgunder. Gewissenermaßen sinnbildlich sind die dreitausend hunnischen Krieger, welche nötig sind, um die neuntausend schlecht ausgerüsteten Knappen der Burgunder zu töten, denn „wie grimme sich dô verten diu ellenden kint!“ (NL: 1932,1). Diese „ineffective fighting force“ kann auch im weiteren Verlauf keine herausragenden Erfolge verzeichnen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Hunnen: Dieses Kapitel analysiert die Machtstruktur des Hunnenreiches, die militärische Rolle der Hunnen und die geringe Ausprägung individueller Persönlichkeiten innerhalb der hunnischen Gefolgschaft.
2. Der Herrscher: Der Abschnitt beleuchtet die literarische Figur des Etzel in seiner Rolle als Gastgeber, Ehemann, politisch Handelnder und schließlich als klagender Monarch nach der Katastrophe.
3.Verhältnis der Hunnen zum Christentum: Hier wird die religiöse Dichotomie und die erstaunliche Toleranz im Reich der Hunnen untersucht, wobei die christliche Überlegenheit in der Darstellung hinterfragt wird.
Schlüsselwörter
Etzel, Attila, Nibelungenlied, Nibelungenklage, Hunnen, Kriemhild, Burgunder, Helche, Christentum, Heidentum, Herrschaftsstruktur, Rache, Literarische Analyse, Mittelalter, Epik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Darstellung von Etzel und seinem Volk in den literarischen Werken Nibelungenlied und Nibelungenklage im Vergleich zu historischen Attila-Bildern.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die Herrschaftsstruktur des Hunnenreiches, die militärische Effektivität, das Privatleben des Königs sowie das Zusammenleben von Christen und Heiden.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu klären, ob die literarische Darstellung des Hunnenkönigs ein positives, menschlicheres Bild zeichnet, das im Kontrast zu den düsteren, historischen Zuschreibungen als „Geißel Gottes“ steht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine textnahe Analyse des Nibelungenliedes und der Nibelungenklage vorgenommen, ergänzt durch Fachliteratur zur historischen und literaturwissenschaftlichen Einordnung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der hunnischen Gesellschaft, die differenzierte Betrachtung der Figur Etzels vom Gastgeber bis zum Klagenden und die Untersuchung der religiösen Spannungsfelder.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben dem Namen Etzel sind Begriffe wie Nibelungenlied, Hunnen, Herrschaftsstruktur, religiöse Toleranz und literarische Charakterisierung zentral.
Wie unterscheidet sich der literarische Etzel vom historischen Attila?
Der literarische Etzel zeigt deutliche Züge eines gastfreundlichen, oft passiven und tief verletzlichen Menschen, während der historische Attila primär als gnadenloser Kriegerkönig bekannt ist.
Welche Bedeutung hat das Christentum für die Hunnen im Nibelungenlied?
Obwohl das Christentum als überlegene Religion erkennbar ist, herrscht im Reich Etzels eine erstaunliche religiöse Koexistenz und Toleranz zwischen christlichen und heidnischen Vasallen.
Warum wird Kriemhild eine zentrale Rolle für Etzels Schicksal zugeschrieben?
Da Etzel ihr blind vertraut, wird er zum Instrument ihrer Rachegelüste, was letztlich zur Eskalation und zum Untergang seines eigenen Hofes führt.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor über das Scheitern Etzels?
Das Scheitern wird als menschliches Versagen interpretiert, wobei Etzels Naivität und seine Unfähigkeit, die Intrigen seiner Umgebung zu durchschauen, ihn in eine tragische Lage führen.
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- Matthias Billen (Author), 2007, Die Hunnen im 'Nibelungenlied', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162172