Harry Frankfurts Essay 'On Bullshit' als sprachkritischer Ansatz?


Hausarbeit, 2007

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Bullshit“ nach Harry Frankfurt

3. Was ist Sprachkritik?

4. Empirische Überprüfung
4.1 Gerhard Schröder in der Berliner Runde 2005
4.2 Referenzschreiben
4.3 Walter Kempowski im „Spiegel“

5. Fazit

Literatur

Monographien:

Aufsätze in Sammelbänden:

Aufsätze/Artikel in Zeitschriften und Zeitungen:

Internet:

Anhang
Anhang I
Anhang II

1. Einleitung

Soziale Kontakte zu anderen Menschen und die Nutzung der vielfältigen, sich inflationär steigernden Medienflut führen zu einer Masse von Kommunikationssituationen und Texten, die vom Rezipienten kaum noch zu bewältigen sind. Gespräche mit Passanten auf der Straße, der „Small-Talk“ im Büro, die tägliche Zeitungslektüre, die Nutzung des Internets, des Radios oder des Fernsehers, die Werbung in Zeitschriften und das Gespräch mit dem Ehepartner gehören zu den grundlegendsten Formen der Kommunikation bzw. der Informationsaufnahme und medialen Unterhaltung. Die Aufzählung der Situationen/Ereignisse/Medien, durch welche sich der Zuhörer und Leser mit Aussagen und Texten konfrontiert sieht, kann beliebig fortgeführt werden. Viele dieser Formen der Kommunikation und Information erscheinen für den Rezipienten als wichtige, gehaltvolle und relevante Sachverhalte. Doch treffen die vielen Aussagen, welche in den verschiedenen Formen der Kommunikation getroffen werden, wirklich zu und ist es überhaupt von Relevanz, dass diese Aussagen getroffen werden bzw. dass ihnen ein Wahrheitsgehalt immanent ist?

Dieser Frage geht Harry Frankfurt in seinem Essay „On Bullshit“ nach, indem er versucht, eine Definition für den Begriff „Bullshit“ zu finden (Frankfurt 2006). Grundlegende These Frankfurts ist, dass es in den verschiedenen Formen der Kommunikation Aussagen gibt, deren Wahrheitsgehalt, seien sie wahr oder unwahr, völlig irrelevant ist. Diese gegenüber der Korrektheit ihres Inhalts indifferenten Aussagen bezeichnet er als „Bullshit“.

Die bereits in der negativen Konnotation des Begriffs „Bullshit“ indizierte kritische Haltung gegenüber solchen Formen der Kommunikation wirft die Frage auf, ob die Ausführungen Frankfurts für die linguistische Sprachkritik nutzbar gemacht werden können. „Sprachkritik [wird hier verstanden als] Kritik am Sprechen und an den Sprechern mit den Mitteln der Sprache“ (Heringer 1982: 32), daher erscheint es ratsam, die „Bullshit“-Konzeption hinsichtlich ihrer Diagnosefähigkeit im Hinblick auf „Defizite“ der Sprache und Kommunikation zu untersuchen.

Im Folgenden sollen daher der Begriff des „Bullshit“ und das in dieser Arbeit verwendete Konzept von Sprachkritik dargelegt werden. In einem zweiten Schritt werden konkrete Beispiele zwischenmenschlicher und medialer Kommunikation hinsichtlich ihres „Bullshit“-Gehalts untersucht. Diese Untersuchung wird ergänzt durch weitere linguistische Kategorien, mit Hilfe derer eine zweite Analyse der Beispiele erfolgt. Ziel ist eine Überprüfung, ob die Definition Frankfurts über genügend Trennschärfe verfügt, um die untersuchten Texte hinsichtlich ihres Kommunikationskontextes und –zwecks im Sinne einer fundierten Sprachkritik zu beurteilen.

2. „Bullshit“ nach Harry Frankfurt

In seinem bereits 1986 erschienenen Aufsatz „On Bullshit“ zielt Frankfurt auf die Aufdeckung leeren Geredes und inhaltloser Phrasen ab: „Zu den auffälligsten Merkmalen unserer Kultur gehört die Tatsache, daß es soviel Bullshit gibt. Jeder kennt Bullshit. Jeder trägt sein Scherflein dazu bei“ (Frankfurt 2006: 9). Frankfurt räumt ein, dass sein Untersuchungsgebiet jedoch bis zur erstmaligen Publikation im Jahre 1986 kaum Anklang in wissenschaftlichen Arbeiten finden konnte, doch er „has a serious intent to write about bullshit: (…) he aims to capture the particular form of dishonesty involved in bullshitting people and, in so doing, provides the conceptual weaponry for those who deplore bullshit“ (Kotzee [o.J.]: 2). „Bullshit“ wird begriffen als Worthülsen, die in die Kommunikation eingefügt werden, ohne von bestimmter inhaltlicher und faktischer Relevanz zu sein. Daher leitet er seine Begriffsbestimmung durch ein Essay Max Blacks zu „Humbug“ ein (2006: 11f.). Black definiert „Humbug“ als „deceptive misrepresentation, short of lying, especially by pretentious word or deed, of somebody´s own thoughts, feelings, or attitudes” (Black 1985: 143).

Diese Bestimmung von „Humbug“ durch negative Werturteilswörter wie „short of lying“ oder „pretentious“ wird auf „Bullshit“ projiziert. Jedoch reicht die Anlehnung an diese Definition nicht aus, um das Wesen des „Bullshit“ zu bestimmen. Dieser ist zweifelsfrei an Lügen grenzend, allerdings ist der relevante Aspekt einer Aussage für Frankfurt nicht ihr Wahrheitsgehalt, ob es sich nun um eine Lüge handelt oder ob sich die Aussage einer Lüge annähert. Entscheidend ist die Erkenntnis, dass es als völlig gleichgültig erscheint, ob es sich um eine Lüge oder die Wahrheit, um Fakten oder Erfundenes handelt. „Gerade in dieser fehlenden Verbindung zur Wahrheit – in dieser Gleichgültigkeit gegenüber der Frage, wie die Dinge wirklich sind, liegt meines [Frankfurts] Erachtens das Wesen des Bullshits“ (Frankfurt 2006: 40). Durch den „Bullshit“ wird die eigentliche Funktion der Kommunikation, nämlich der Transport von Informationen und Signalen an den Rezipienten, konterkariert. Die Formen der Kommunikation, welche sich nicht an der Prämisse der direkten Informationsweitergabe orientieren, werden diminuiert zu den leeren Worthülsen, die „Bullshit“ ausmachen (vgl. Keppler 2006: 477). In dieser Indifferenz gegenüber der Wahrheit lässt sich ein kommunikatives Problem erkennen, welches die Relevanz einer stringenten Definition bekräftigt: Warum wird leeres Gerede produziert und weshalb lassen sich Redner und Zuhörer auf dieses reziproke Sprachspiel ein? Durch die Produktion von „Bullshit“ werden Phrasen erzeugt, die – zumindest scheinbar – keine Relevanz für die zwischenmenschliche Kommunikation, Werbesprache oder Publizistik aufweisen. Frankfurt geht dieses Problem an, indem er nach den Intentionen des „Bullshitters“ fragt:

„Der Bullshitter muss uns nicht täuschen und nicht einmal täuschen wollen (…). Er versucht aber immer, uns über sein Vorhaben zu täuschen. Das einzige und unverwechselbare Merkmal des Bullshitters ist, daß er in einer bestimmten Weise falsch darstellt, worauf er aus ist“ (Frankfurt 2006: 61).

Entscheidende Intention hinsichtlich der Produktion von „Bullshit“ scheint nach Frankfurt das Täuschen, welches eigenes Unwissen überdecken und eine bestätigende Wirkung gegenüber dem Rezipienten erzeugen soll (vgl. Frankfurt 2006: 70-73). Um dies zu belegen, führt er verschiedene Beispiele und Vergleiche an: Zum einen nimmt er bildlich Bezug auf die Arbeit von Handwerkern, die sich durch eine gut gearbeitete Oberfläche auszeichnen, deren Arbeit hinter der Fassade jedoch unsauber und nicht gewissenhaft durchgeführt wurde. Dies bezieht er auf das politische System, denn für ihn ist es ein Wesensmerkmal der Demokratie, dass „Bullshit“ öffentlich geäußert wird. „In a democracy, where the best bullshitters of all are the politicians“ (Martin 2006: 420), ist es kaum zu verhindern, dass zur Wahrung eines kompetenten Habitus eine oberfläche öffentliche Kommunikation erfolgt, die sich über den Primat eines an den Fakten orientierten Informationsaustauschs erhebt. Ein weiterer, zentraler Beleg seiner Ausführungen findet er in einem Dialog Wittgensteins, der über die Aussage einer Gesprächspartnerin, sie fühle sich nach einer Operation „wie ein Hund, den man überfahren hat“, entrüstet reagiert. Er führt an, sie habe „doch gar keine Ahnung, wie sich ein überfahrener Hund fühlt“ (zit. nach Frankfurt 2006: 31f.).

Problematisch hierbei ist, dass es für den Rezipienten oftmals keineswegs transparent ist, dass es sich lediglich um – vermeintlich – leere Phrasen handelt. Sie haben sich in die alltägliche Kommunikation und Produktion von Texten eingeschliffen, was einen Gewöhnungseffekt hervorruft. Dies bedeutet, dass der Rezipient den „Bullshit“ entweder ohne Reflexion aufnimmt oder ihn nicht korrekt identifizieren kann. „Of course the problem (…) is that bullshit may not be recognized as such. And that might be a good reason to banish bullshit from one´s society” (Martin 2006: 419). Doch es erscheint fragwürdig, ob „Bullshit” tatsächlich aus dem alltäglichen Sprachgebrauch entfernt oder durch gehaltvolle Aussagen ersetzt werden kann. Die große Menge an „Bullshit“, wie Frankfurt sie feststellt, nimmt einen entscheidenden Raum in der Kommunikation ein, daher muss letztlich die Frage aufgeworfen werden, ob „Bullshit“ womöglich doch entscheidende Funktionen in Rahmen des Sprachgebrauchs einnimmt. Der Bullshitter „weist die Autorität der Wahrheit nicht ab und widersetzt sich ihr nicht, wie es der Lügner tut. Er beachtet sie einfach gar nicht. Aus diesem Grunde ist Bullshit ein größerer Feind der Wahrheit als die Lüge“ (Frankfurt 2006: 68). Dieses vehemente Postulat gegen die Verwendung von solchem „Geschwätz“ veranlasst zu einer Betrachtung von „Bullshit“ hinsichtlich seiner sprachkritischen Qualität. Durch den Anspruch, eine „Theorie“ zu entwickeln (Frankfurt 2006: 9f.), bietet sein Konzept wichtige Variablen,[1] mit denen Zusammenhänge der Kommunikation erklärt werden können. Doch kann mit der dargelegten Konzeption eine tiefgehende Analyse von Texten erfolgen, die eine begründete Sprachkritik ermöglicht?

3. Was ist Sprachkritik?

Ausgehend vom bereits zugrundegelegten Verständnis von Sprachkritik als Kritik am Sprechen und an den Sprechern muss eine Begriffsbestimmung und Konzeption von Sprachkritik gefunden werden, welche eine sinnstiftende Herangehensweise an die Analyse dieser Grundkonstituenten der Kommunikation und Textproduktion ermöglicht. Roth gesteht ein, dass „eine unter Sprachwissenschaftlern gültige Definition dessen, was `Sprachkritik´ ist, [nicht] existiert“ (2004: 43), dies soll jedoch nicht zur Vermutung veranlassen, dass die Sprachwissenschaft keine nutzbaren Definitionen zur behandelten Thematik liefert. Es soll ein Verständnis von „Sprachkritik als konstruktive[r] Arbeit“ (Wimmer 1985: 253) entwickelt werden, welche eine Erkennung und Bewertung kommunikativer Probleme und Konflikte ermöglicht. Ein hehres Ziel dieser konstruktiven Sprachkritik wären Lösungsansätze, die diese Konflikte aufheben können. Insbesondere im Bereich der zwischenmenschlichen Kommunikation kann sich dies jedoch als besonders schwierig he-rausstellen.

Die verschiedenen Publikationen zur Sprachkritik lassen eine Systematik bestimmter Merkmale erkennen, die sich in der langen Geschichte der Sprachkritik regelmäßig als kennzeichnende Kriterien herausgestellt haben und auch für die Linguistik von Relevanz sind: Zum einen ist die Offenheit gegenüber der Pluralität der Sprache eine Bedingung für die unterschiedlichen analytischen Verfahren, mit welchen ein Verständnis für die untersuchten Texte erreicht werden soll. Hierzu ist die Anwendung verschiedener Methoden vonnöten, durch welche Sprache in ihrer Diversifiziertheit analysiert wird. Dies impliziert die Beleuchtung der mit der Sprache bezeichneten Objekte und Sachverhalte, aber auch der an der Sprache beteiligten Subjekte. Problematisch hierbei ist die Dimension der Zeit bei der Betrachtung von Sprache. Da grundsätzlich die Gefahr anachronistischer und somit faktisch inkorrekter Bewertung droht, falls alte Texte in den Mittelpunkt der Analyse rücken, ist von einer Kritik an „alter Sprache“ insofern abzuraten, falls hierzu eine Vielzahl kultureller und sozialer Präsuppositionen nicht vorhanden sind. Zur Kritik an der Sprache muss zudem ein Ideal oder Vorbild vorhanden sein, welches als Maßstab dienen kann. Kritik um der Kritik Willen darf nicht die Intention des Untersuchenden und Bewertenden sein, sondern es sind – ausgehend von einer bestimmten Vorstellung, wie Sprache sein soll – konkrete (unter Umständen auch präskriptive) Muster der Kommunikation nötig. Utopische Verhaltensentwürfe werden in der Sprachkritik abgelehnt, stattdessen soll sie sich auf nutzbringende Hinweise konzentrieren, mit denen Sprache verbessert werden kann. Dies schließt ein, dass jeder Produzent und Rezipient gleichwertig einbezogen wird in die konstruktive Entfaltung der Sprachkritik, durch welche ein gleichwertiger, reziproker Nutzen entsteht (vgl. Schiewe 1998: 25-27).

„Die heute angestrebte `linguistisch begründete Sprachkritik´ soll also eine theoretisch und praktisch bessere Sprachkritik sein als die sich nur auf ein nicht hinterfragbares `Sprachgefühl´ berufende“ (Polenz 1999: 333). Insbesondere Sprachlenkungsversuche im Nationalsozialismus oder Sozialismus/Kommunismus stehen also dem Prinzip der linguistischen Sprachkritik entgegen, da diese ideologiefrei und auf objektiver Basis analysieren und beurteilen soll. Die Kritik am „Sprachbrauch“ ist für Polenz „das eigentliche, fruchtbarste Feld kritischer Sprachbetrachtung“ (1982: 79). Dieser triftigen Feststellung Folge leistend, muss ein Analyseraster gefunden werden, welches eine kritische Sprachbetrachtung zulässt, zugleich aber auch die Möglichkeit bietet, Vergleiche zu anderen Kommunikationskonflikten zu ziehen und schlussfolgernd Charakteristika konfliktärer Formulierungen und Kommunikationssituationen herauszufiltern. Die identifizierten Charakteristika können zur Lösung weiterer problematischer Situationen herangezogen werden, um die Sprachkritik in ihrer Wirkungsweise effektiv gestalten zu können. Für Harry Frankfurt ist dieses Charakteristikum schlichtweg das, was er als „Bullshit“ bezeichnet. Eine sprachwissenschaftliche Vorgehensweise, welche die oben genannten Anforderungen erfüllen kann, gestaltet sich folgendermaßen:

[...]


[1] Zu den Ansprüchen logisch-kohärenter Theorien: „Theories are general statements that describe and explain the causes or effects of classes of phenomena“ (van Evera 1997: 7f.)

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Harry Frankfurts Essay 'On Bullshit' als sprachkritischer Ansatz?
Hochschule
Universität Trier
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V162178
ISBN (eBook)
9783640779840
ISBN (Buch)
9783640780549
Dateigröße
594 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Harry, Frankfurts, Essay, Bullshit, Ansatz
Arbeit zitieren
Matthias Billen (Autor), 2007, Harry Frankfurts Essay 'On Bullshit' als sprachkritischer Ansatz?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162178

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