Landesausbau und Lehnspolitik des Deutschen Ordens in Preußen

Eine Quelleninterpretation der Verleihungsurkunde von 1440 Hufen im Lande Sassen an Peter Heselecht und etliche seiner Freunde


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Der Deutsche Orden in Preußen zu Beginn des 14. Jahrhunderts
2.1 Konsolidierung der Ordensherrschaft in Preußen
2.2 Kolonisation und Landesausbau in Preußen
2.3 Entwicklungen bis 1321 – Eroberung Pommellens und Litauerkriege

3 Die Verleihung von 1440 Hufen im Lande Sassen An den Peter Heselecht und etliche seiner Freunde im Jahre 1321
3.1 Formale Analyse der Quelle und Inhaltsangabe
3.2 Interpretation der Quelle
3.2.1 Geographische Lage des Gebietes
3.2.2 Landesausbau und Besiedlungspolitik
3.2.3 Erschließung und Bewirtschaftung von Dienstgütern
3.2.4 Die Zeugen der Urkunde

4 Zusammenfassung

5 Literatur

Anhang Bearbeitete Quelle

1 Einleitung

Im Folgenden soll eine Urkunde aus dem Jahre 1321 untersucht werden[1], die dem Peter Heselecht und seinen Mitstreitern von Landmeister Friedrich von Wildenberg im Auftrag des Deutschen Ordens ausgestellt wurde. Dabei soll neben der formalen Analyse des Dokumentes vor allem der Frage nachgegangen werden, in welchen synchronen Kontext die Urkunde einzuordnen ist und welche größeren historischen Prozesse mit der Ausstellung in Zusammenhang stehen.

Die Urkunde ist aus mehreren Gründen eine bemerkenswerte Quelle. Einerseits weist sie die ungewöhnlich große Fläche von 1440 Hufen Land aus, die Heselecht und seinen Kumpanen überlassen wurde und andererseits befand sich das überlassene Gebiet in einer umkämpften Region - dem Lande Sassen[2] – und das in einer Zeit, in der dort die Interessensphären sowohl des wieder erstarkten polnischen Königtums, des Deutschen Ordens, und immer wieder auch der Litauer aufeinandertrafen.

Zudem handelt es sich um ein Gebiet, welches zum fraglichen Zeitpunkt nur dünn besiedelt war und wahrscheinlich auch nur lose der Kontrolle des Deutschen Ordens unterlag. Das legt den Schluss nahe, dass die Lehensvergabe an Heselecht insbesondere auch dem Zwecke der Erschließung des Landes diente und gleichzeitig auch die militärische Stellung des Ordens in diesem Gebiet stärken sollte.

Neben der Quellenkritik soll es im Folgenden auch darum gehen, diese Zusammenhänge – den Landesausbau Preußens und die Lehenspolitik des Ordens – genauer zu beleuchten.

Zunächst soll jedoch auf den allgemeinen historischen Kontext der Urkunde, auf die Situation des Deutschen Ordens in Preußen zu Beginn des 14. Jahrhunderts eingegangen werden.

2 Der Deutsche Orden in Preußen zu Beginn des 14. Jahrhunderts

2.1 Konsolidierung der Ordensherrschaft in Preußen

Die Geschichte des Deutschen Ordens in Preußen und im Baltikum ist von einem Dualismus geprägt gewesen, der auf den heutigen Betrachter befremdlich wirken kann. Einerseits war er seinem Stiftungszwecke nach ein geistlicher Ritterorden, der primär die Aufgabe hatte Feinde des christlichen Glaubens zu bekämpfen und Christen vor Übergriffen von Heiden zu schützen. Andererseits lässt sich aber sehr schnell auch erkennen, dass der Orden diese Zwecke nicht uneigennützig verfolgte, sondern nach Möglichkeiten und Rahmenbedingungen suchte, eine weltliche Herrschaft zu errichten und damit reale Machtpolitik zu betreiben.

Nach dem allmählichen Scheitern der Kreuzfahrerstaaten im Nahen Osten und dem vergeblichen Versuch ein autonomes Herrschaftsgebiet im Osten des ungarischen Königreiches aufzubauen, fand sich diese Möglichkeit im Kampf gegen die letzten Heiden Europas – dem Kampf gegen Pruzzen und Litauer.[3]

Im Jahre 1321 liegt der Beginn der Aktivitäten des Deutschen Ordens in der Region erst etwa 90 Jahre zurück. Ab 1231 unterwarf der Orden, ausgehend von seinen Besitzungen im Kulmer Land, sukzessive die benachbarten Stämme der heidnischen Pruzzen. Dieses Unternehmen erwies sich jedoch als außerordentlich schwierig. Geographie, geringe Siedlungsdichte, erheblicher Widerstand der Bewohner, aber auch die lose Stammesstruktur der Pruzzen erwiesen sich als erhebliche Hemmnisse für eine schnelle Unterwerfung der pruzzischen Gebiete.[4]

In diesem Zusammenhang muss ebenfalls bedacht werden, dass die mittelalterliche Kriegsführung ohnehin kaum in den Kategorien von großen organisierten Feldzügen und etwaigen Entscheidungsschlachten erfasst werden kann. Vielmehr handelte es sich um kleinere Kontingente, die sich eines überschaubaren Gebietes bemächtigten, gegebenenfalls Siedlungen der Pruzzen verheerten und ihren Besitzanspruch durch die Errichtung von Burgen zu verstetigen versuchten. Diese Burgen dienten dann der Beherrschung des umliegenden Gebietes, das dann über einen gewissen Zeitraum militärisch kontrolliert wurde und schließlich nach und nach auch befriedet. Wobei Befriedung in diesem Sinne wohl auch nur als das Ausbleiben bewaffneter Gegenwehr und der Ablieferung bestimmter Waren und Güter durch die neuen Untertanen verstanden werden kann.

Das so gewonnene und gesicherte Gebiet diente dann wiederum als Ausgangsbasis für weitere Eroberungszüge in benachbarte Gebiete, die nach ähnlichem Muster unter die Kontrolle des Deutschen Ordens gebracht wurden.[5]

Dieses Vorgehen weist aus heutiger Sicht eine gewisse Ambivalenz auf. Denn die eigentliche Aufgabe des Deutschen Orden – sein Stiftungszeck – war keineswegs die Errichtung eines eigenen Herrschaftsgebietes, sondern der Heidenkampf und gerade auch in der Gründungszeit die Pflege und der Schutz von Pilgern. In diesem Sinne hatte der Orden immer wieder damit zu kämpfen, dass ihm seine Stellung in Preußen sowohl juristisch als auch militärisch angefochten wurde.

Zunächst jedoch bestand das größte Problem noch immer in der Sicherung der Herrschaft in den eroberten Gebieten. So erhoben sich 1242 die erst kürzlich unterworfenen Pruzzen, wahrscheinlich in Folge der Niederlage eines Ordensheeres gegen ein Nowgoroder Aufgebot unter Alexander Newski auf dem Peipussee. Erst 1249 konnte dieser Konflikt unter Vermittlung der Kurie oberflächlich beigelegt werden. Der Christburger Vertrag regelte das Verhältnis zwischen Orden und Pruzzen grundlegend und gewährte einem Großteil der Pruzzen persönliche Freiheit, unter der Bedingung, dass sie den christlichen Glauben annähmen und sich der Oberhoheit des Deutschen Ordens unterwarfen. Doch der hergestellte Frieden währte nur knappe zwölf Jahre. Bereits 1260 kam es zu einem erneuten Aufstand – wieder in Folge einer vernichtenden Niederlage eines Ordensheeres, diesmal gegen ein litauisches Aufgebot. Nur unter größten Anstrengungen und mit Unterstützung vieler Kreuzfahreraufgebote konnten nach über 14 Jahren Kampf die aufständischen Pruzzen 1274 niedergeworfen werden. In den folgenden Jahren wurden die restlichen Stammesgebiete der Pruzzen erobert und somit die Stellung in Preußen konsolidiert.

Die Phase zwischen der Mitte der 1280er Jahre und den beginnenden Auseinandersetzungen um Pommerellen 1308 wies eine relative Stabilität auf und wurde vom Orden auch gezielt genutzt, seine Stellung durch die Ansiedlung von Kolonisten zu stärken.[6]

Die Sicherung der Ordensherrschaft in Preußen war damit die Grundlage für die weitere Expansion des Ordens.

Die überaus großen Probleme des Ordens seine Position zu halten können als deutliches Indiz dafür gewertet werden, dass er über begrenzte militärische Ressourcen verfügte und immer wieder darauf angewiesen war, durch Anwerbung von Rittern aus dem Reich, aber auch aus den Niederlanden und Polen seine Potenziale zu vergrößern. Genauso wurden pruzzische Edle und große Freie nach der Unterwerfung immer wieder mit Dienstgütern belehnt, um sich ihrer militärischen Gefolgschaft zu versichern.

2.2 Kolonisation und Landesausbau in Preußen

Wie schon angedeutet, war der Orden mit seinen eher beschränkten personellen Ressourcen darauf angewiesen, Ritter aber auch Bauern, Handwerker und Kaufleute zur Ansiedlung im von ihm kontrollierten Gebiet zu gewinnen. Dies geschah aus einer Vielzahl von Überlegungen. So waren es die Ritter bzw. die großen und kleinen Freien, die das Rückgrat der militärischen Macht des Ordens bildeten. Sie wurde mit größeren Dienstgütern ausgestattet, aus denen sich die Verpflichtung zur Heerfolge ergab. Zusätzlich wurden aber auch Dörfer für neu angesiedelte Bauern errichtet, die einerseits das eroberte, aber dünn besiedelte, Gebiet erschließen und andererseits mit ihren Abgaben und Frondiensten die ökonomische Basis des Ordens verbreitern sollten. Parallel dazu gründete der Orden oft in unmittelbarer Nähe seiner Burgen Städte, in denen sich Handwerker und Kaufleute zu günstigen Bedingungen ansiedeln sollten. Diese Trias gezielter Siedlungspolitik, verbunden mit dem Versuch zumindest die ehemalige Führungsschicht der unterworfenen Pruzzen in das eigene Herrschaftsgefüge zu integrieren, führte zu einer weitestgehenden Stabilität im Preußen des 14. Jahrhunderts.[7]

Ermöglicht wurde diese Politik vor allem durch die Übertragung der straffen Verwaltungsstruktur des Ordens auf die preußischen Besitzungen: An der Spitze stand der Hochmeister des Ordens, der seinen Sitz jedoch erst 1309 auf die Marienburg verlegte.[8] Ihm zur Seite standen die Großgebietiger die teilweise direkt am Sitz des Hochmeisters wirkten, teilweise aber gleichzeitig Komture in wichtigen Regionen des Landes waren.[9] Der livländische Zweig des Ordens, der nach der Union von Viterbo 1237 durch die Inkorporation des Schwertbrüderordens entstanden war, wurde von einem Landmeister geleitet.[10] Das gleiche Amt existierte bis zu Beginn des 14. Jahrhunderts auch in Preußen.

[...]


[1] Es handelt sich um die Fassung, die im Preußischen Urkundenbuch überliefert wurde: Hein, Max / Maschke, Erich (Hg.): Preußisches Urkundenbuch Bd. 2, Königsberg 1932 – 39, Nr. 363, S. 269-271

[2] Das Land Sassen gehörte zu dieser Zeit in Verwaltungsbereich der Komturei Christburg. Es ist zwischen dem polnischen Masowien im Süden, dem damals umstrittenen Galinden im Osten, Pomesanien im Westen und Pogesanien im Norden begrenzt. (Anmerk. d. Autors)

[3] 1291 fällt mit Akkon der letzte Stützpunkt der Kreuzfahrer im Nahen Osten, was dazu führte, dass der Deutsche Orden genauso wie die anderen großen Orden andere Betätigungsfelder suchte und in Preußen fand. – vgl.: Ziegler, Uwe: Kreuz und Schwert. Die Geschichte des Deutschen Ordens, Köln 2003 S. 65ff.

[4] Ebenda, S. 108ff.

[5] Ebenda

[6] Ebenda

[7] Vgl.: Conrad, Klaus: Der Deutsche Orden und sein Landesausbau in Preußen, in: Arnold, Udo (Hg.): Deutscher Orden 1190-1990 (Tagungsberichte der Historischen Kommission für Ost- und Westpreußische Landesforschung, Bd. 11), S. 83 - 105

[8] Nach dem Fall Akkons 1291 – der letzten von den Kreuzfahrern gehaltenen Stadt in der Levante – wurde der Sitz zunächst nach Venedig verlegt, da eine einflussreiche Fraktion innerhalb des Ordens trotz der preußischen Besitzungen immer noch das Hauptaktionsfeld im Mittelmeerraum sah.

[9] So war der Marschall in der Regel Komtur von Königsberg, der Oberste Trappier Komtur von Christburg, der Großkomtur Komtur der Marienburg und der Oberste Spittler gleichzeitig Komtur von Elbing. Nur der Treßler hatte seinen Sitz ebenfalls beim Hochmeister. Bis auf Marschall und Treßler hatten die Titel der Großgebietiger im 14. Jahrhundert nur noch den Charakter von Ehrentiteln. (Anmerk. d. Autors)

[10] Livland war bereits ab Beginn des 13. Jahrhunderts missioniert worden. Nach der vernichtenden Niederlage des Schwertbrüderordens in der Schlacht bei Saule wurde dieser Orden auf päpstliches Geheiß dem Deutschen Orden inkorporiert.

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Details

Titel
Landesausbau und Lehnspolitik des Deutschen Ordens in Preußen
Untertitel
Eine Quelleninterpretation der Verleihungsurkunde von 1440 Hufen im Lande Sassen an Peter Heselecht und etliche seiner Freunde
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Friedrich-Meinecke-Institut für Geschichtswissenschaften)
Veranstaltung
Die Litauerreisen des Deutschen Ordens
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
23
Katalognummer
V162214
ISBN (eBook)
9783640758869
ISBN (Buch)
9783640759200
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutscher Orden, Preußen, Pruzzen, Landesausbau, Litauen, Ostpreußen
Arbeit zitieren
Magister André Keil (Autor), 2008, Landesausbau und Lehnspolitik des Deutschen Ordens in Preußen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162214

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