Film und Fernsehen: Mediale Geschichte als Wirklichkeit eigener Art

Holocaust-Filme im Geschichtsunterricht


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
17 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Zur Medialisierung des Holocaust

2. Vor- und Nachteile des Mediums

3. Umgang mit Holocaust-Filmen im Geschichtsunterricht
3.1. Das Medium Film im Unterricht
3.2. Holocaust im Film
3.2.1. Allgemeines
3.2.2. Verschiedene Filmgattungen von Holocaust-Verfilmungen
3.3. Mit Filmen im Unterricht arbeiten

4. Ist mediale Geschichte eine Wirklichkeit eigener Art?
1. Fazit
2. Literaturverzeichnis

Vorwort

Bedeutsame Ereignisse, handelnde Menschen und allgemeine Zustände können seit 100 Jahren in bewegten Bildern festgehalten werden. Zur Zeit spielen Filme im Geschichtsunterricht (noch) keine große Rolle. Ganz anders ist es aber bei den Schülerinnen und Schülern im privaten Leben. Sie und auch Millionen anderer Menschen bekommen den größten Teil ihres Wissens über Geschichte durch Filme bzw. Fernsehen vermittelt. In den vergangenen Jahren hat wohl kein anderes Medium so viel Geschichte für ein solch großes Publikum aufbereitet wie Film und Fernsehen. Wirft man einen Blick auf die letzten Jahrzehnte der Filmgeschichte fällt einem auf, dass es zahlreiche historisch orientierte Spielfilme gibt, die an den Nationalsozialismus und den Holocaust erinnern. Die Bilder über diese Zeit sind bis heute so weit verbreitet, dass es kaum jemanden gibt, der diese noch nicht kennt.

Kino und Fernsehen können und müssen sich mit dem Holocaust auseinander setzen dürfen, zu fragen ist allerdings, welchen möglichen Einfluss Historische Spielfilme, Dokumentarfilme, Unterrichtsfilme uvm. auf kollektive Gedächtnisinhalte nehmen können. Ist es möglich, dass die tatsächliche Geschichte hinter Gefühlsdramaturgie und Betroffenheitsdiskurs der fiktionalen Medienbilder verschwindet oder ist diese Gefahr im Vergleich zu dem Nutzen und den Vorteilen für die Erinnerungskultur eher gering? Diese Frage und noch viele weitere sollen auf den nächsten n geklärt werden. Vorrangiges Ziel dieser Hausarbeit ist es, zu klären, was für den Einsatz von Verfilmungen, insbesondere mit dem Thema Holocaust, im Geschichtsunterricht spricht. Lohnen sich tatsächlich die ganze Arbeit und der Zeitaufwand für die Lehrkraft, damit der erhöhte Aufwand auch besondere Früchte trägt? Außerdem möchte ich generell zur medialen Inszenierung der Shoah informieren, den geeigneten Umgang mit (Holocaust-)Filmen im Geschichtsunterricht näher erläutern sowie verschiedne Filmgattungen oder –arten beleuchten. Geklärt werden soll zusätzlich, ob die mediale Geschichte eine Wirklichkeit eigener Art ist und wie man damit umgehen kann oder sollte. Des Weiteren möchte ich Vorschläge und Empfehlungen geben, wie man als Geschichtslehrerin oder Geschichtslehrer agieren sollte, damit die Schülerinnen und Schüler erkennen, dass Filme nicht immer die tatsächliche Wirklichkeit wiederspiegeln und so eine erhöhte Manipulationsgefahr besteht. In meinem Fazit werde ich auf den Punkt bringen, ob Verfilmungen mit diesem Thema für den Unterricht sowie für das Geschichtsbewusstsein eher positiv sind oder ob die Gefahren und Risiken nicht doch überwiegen.

1. Zur Medialisierung des Holocaust

Die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands sowie die systematische Vernichtung der europäischen Juden sind seit Anfang 1990 mehrfach in Kino- und Fernsehproduktionen filmisch in Szene gesetzt worden. Es hat demnach den Anschein, dass es um die Erinnerungsarbeit im Kino gut steht, denn der Film ist ein ausgezeichnetes Mittel, um Geschichte zu erzählen. Es besteht daher nicht die Gefahr, dass die Ermordung von über sechs Millionen Juden und der Nationalsozialismus vergessen werden. Auch wenn die Filme in unterschiedlichen Beziehungen zur historischen Tatsachenwirklichkeit des Holocaust stehen[1], kennt mittlerweile jeder die Bilder von und über diese Zeit. Mögen es authentische oder auch nachgestellte Szenen sein. Doch durch diese Erzählungen und Bilder fungiert das Medium Film als dauerhafter Speicher von Geschichte und diese wird dann im kulturellen Gedächtnis gesichert. Wie bereits Anton Kaes anmerkte, lassen Bilder die Vergangenheit nicht vergehen.[2] Doch es ist bei der Betrachtung von Holocaust-Verfilmungen unbedingt Vorsicht geboten, denn Medien im Allgemeinen, also Sprache, Schrift, Bilder und auch Filme sind keineswegs neutrale Vermittler zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Außerdem ist unser Gedächtnis nicht in der Lage, die Vergangenheit als solche zu bewahren. Es arbeitet rekonstruktiv und Teilmengen der Vergangenheit werden betont, andere wiederum außer Acht gelassen.[3] Somit kommt dem Medium Film eine enorme Bedeutung zu – eine gewisse Macht.

Es ist schon überholt, anzunehmen, dass eine visuell-filmische Darstellung die Phantasie des Rezipienten beschränke. Ganz im Gegenteil. Filme sind „aufgrund ihrer mehrfach kodierten Materialität aus Bildern, Texten und Tönen“[4] komplexe Gebilde, die bei unterschiedlichen Zuschauern jeweils unterschiedliche Assoziationen und Phantasien hervorrufen.[5] Ein noch intensiveres Gefühlserlebnis ermöglicht das Erzählen einer Geschichte aus der Geschichte des Holocaust, da es etwas wie Unterhaltungswert besitzt. Dabei bedarf es einer Klärung, ob mit fiktionalen Erzählungen zum Thema Holocaust gleichzeitig auch die „Wahrheit“ des tatsächlichen Holocaust fiktionalisiert und damit in Frage gestellt wird.[6] Ergibt sich daraus jedoch ein Verbot dafür, würde das in der Konsequenz ebenfalls verbieten, Geschichten über den Wilden Westen zu erzählen.

Im Zentrum des melodramatisch inszenierten Filmgeschehens von Serien und Filmen steht bis circa 1995 eher die systematische Vernichtung der europäischen Juden, wobei in der zweiten Hälfte der 90er eine Akzentverlagerung zu erkennen ist. Seitdem geht es vorrangig um das Erzählen von spannenden, mitreißenden und individuell-privaten Geschichten, für die der Holocaust bloß den historischen Rahmen bildet.[7] Eine Analyse der Geschichte der Filmbilder zum Themenkomplex Holocaust zeigt, dass es in den ersten Nachkriegsjahren im Westen keine filmische Auseinandersetzung gibt. Erst die in Amerika produzierte Serie „Holocaust“ im Jahre 1979 erhält große Resonanz und gibt einen Anstoß dafür, dass der Genozid an den Juden zu einem Thema wird, das im öffentlichen Diskurs steht. Im Osten Deutschlands hat es jedoch nicht so lange mit der Produktion von Filmen, die sich mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt haben, gedauert. Bereits 1946 wurde „Die Mörder sind unter uns“ veröffentlicht.[8]

Danach wurde großer Wert auf Dokumentationen gelegt. Diese boten nicht ausschließlich Faktenvermittlung und historische Aufklärung an, da sie tatsächlich alles andere „als ein Spiegel der historischen Wirklichkeit“ waren. Die Zuschauer sollten nicht nur informiert, sondern auch emotional erreicht werden. Außerdem ging es dabei gleichermaßen um den Kampf von Einschaltquoten und führte zu einer zunehmenden „Hochwürzung“ der Bilder des Holocaust.[9] Auch der Darstellungsstil hat sich grundlegend verändert. Anfangs nutzten die Filmemacher visuelle Chiffren wie Schienen und Güterzüge verbunden mit Musik, um das ihnen „unbeschreiblich Erscheinende in Szene zu setzen.“ Mittlerweile ist eine dezente Darstellung Vergangenheit. Es geht vielmehr um den „Superlativ des Grauens“. Durch „ikonische Superzeichen“ wie beispielsweise rauchende Schornsteine, schweigende Menschenketten und Berge von Kleidung und Goldzähnen, sollen die Zuschauer am Bildschirm gehalten werden.[10]

Die Aufmerksamkeit und Toleranz der Öffentlichkeit gegenüber Spielfilmbildern sind eindeutig kontext- und zeitgebunden. Wo noch die amerikanische Serie „Holocaust“ für heftige Kontroversen sorgte und man laut diskutierte, wie weit man gehen dürfe, lässt sich heute schließlich sagen, dass eine Verbindung von Holocaust und fiktiver Narration legitim ist.

2. Vor- und Nachteile des Mediums

Sobald man mit dem Gedanken spielt, eine Verfilmung des Holocaust in irgendeiner gewissen Art und Weise zu verwenden, kommt man nicht drum herum, die positiven sowie auch die negativen Eigenschaften des Mediums Film gegeneinander abzuwägen.

Eins der wichtigsten positiven Merkmale des Films ist eindeutig der erfrischende Motivationsschub der Lerngruppe. Für die Schülerinnen und Schüler ist dies ein abwechslungsreicher Geschichtsunterricht, der schülerorientiert ist, da die meisten Jugendlichen zu Hause häufig fernsehen. Mit dem Schulbuch wird in den Klassen sehr regelmäßig gearbeitet und durch das Einsetzen eines Filmes ist auch für eine Methodenvielfalt gesorgt. Des Weiteren kann der Film durch Bilder, Bewegungen und Ton bei ihnen mehr Emotionen wecken und bleibt der Klasse somit länger im Gedächtnis. Die musikalische Untermalung erzeugt Dramatik sowie Spannungseffekte und ermöglicht Faszination und das Hervorrufen von Emphatie. Dieses „Mehr von Atmosphäre“[11] spricht zugleich verschiedene Sinne und Lerntypen an, was eine bessere Gedächtnisspeicherung der gezeigten Filminhalte ermöglicht als bei Texten. Auf Kinder und Jugendliche wirkt das Bild einfach stärker und unmittelbarer als das geschriebene oder gesprochene Wort. Zudem können in Filmen auch Originalaufnahmen (Filmdokumente) aus vergangenen Zeiten gezeigt werden. Durch diese Quellen kann die Geschichte visualisiert und dargestellt werden, wodurch die Lernenden eine bessere Vorstellung sowie ein besseres Verständnis entwickeln können. Ein Film kann aber auch eine Kombination von beispielsweise originalen Filmdokumenten, Kommentaren und Schauplätzen sowie am Computer erstellten 3D-Grafiken, Karten und nachgestellten Szenen sein. Ein Beispiel hierfür wäre der Dokumentarfilm „1972“ von Sarah Morris, der sich mit der Geiselnahme während den Olympischen Sommerspielen in München befasst. Da in einem Film sehr vieles gezeigt wird, kann das historische Geschehen in vielen Facetten und Details wiedergegeben werden und Geschichte wird für die Jugendlichen gegenwärtig und anschaulich. Außerdem gibt es oftmals verschiedene Verfilmungen eines Ereignisses und so besteht die Möglichkeit, diese miteinander zu vergleichen. Dadurch kann man sehr gut erkennen, wie die jeweiligen Filmer bzw. ihre Auftraggeber die zeitgenössischen Betrachter die Ereignisse sehen lassen wollten.[12]

Ein großer Nachteil des Mediums Film ist, dass die Zuschauer die Fiktion mit der Realität verwechseln können. So können die Schülerinnen und Schüler ohne Besprechung, Erfundenes nicht von Wirklichem unterscheiden. Dieser Punkt unterstreicht noch einmal, wie hoch die Verantwortung des Geschichtslehrers ist, wenn er im Unterricht eine Verfilmung mit schlechter Vorarbeit und nicht ausreichender Besprechung zeigt. Weiterhin ist jeder Film subjektiv und nicht neutral. Somit soll der Film vielleicht gar nicht die Wirklichkeit darstellen. Allen voran hat der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels die enorme Bedeutung des Films für das Wirklichkeitserleben der Zuschauer erkannt: „Das ist also die große Kunst, zu erziehen, ohne mit dem Anspruch des Erziehens aufzutreten […]. Nicht das ist die beste Propaganda, immer sichtbar zutage zu treten, sondern das ist die beste Propaganda, die sozusagen unsichtbar wirkt, das ganze Leben durchdringt, ohne dass das öffentliche Leben überhaupt von der Initiative der Propaganda irgendeine Kenntnis hat.“[13]

Auch deshalb ist es für den Lehrer zeitaufwändig, mit Filmen im Unterricht zu arbeiten. Denn er muss den richtigen auswählen, ihn selbst ansehen und gegebenenfalls zurechtschneiden, um die mit dem Geschichtsunterricht einhergehenden Lernziele zu erreichen. Genauer erläutern werde ich dies in Punkt II.3.3. Dennoch bleiben oft Informationen über die Herkunft oder den Verwendungszweck historischer Filmaufnahmen ungewiss sowie die Tatsache, ob es sich überhaupt um ein echtes Dokument handelt oder einige Szenen nachträglich gestellt bzw. nachgedreht wurden.[14] Ein weiterer negativer Punkt ist die Abhängigkeit von technischer Ausstattung der Schule. Es müssen genügend intakte TV-Geräte und Kassettenrekorder oder DVD-Player, vielleicht sogar auch Laptops und Beamer vorrätig sein. Weiterhin hat der Lehrer keine Garantie, dass die Lerngruppe wirklich aufpasst und nicht abdriftet. Diese Gefahr kann man aber durch vorher gestellte Aufgaben verringern. Eine weiteres Problem besteht darin, dass die Schülerinnen und Schüler denken, Zeitzeugen wissen genau bescheid, da diese die Geschichte erlebt haben. So wird ihnen nicht klar, dass Geschichte mit selektiver Erinnerung bzw. Deutung sowie unterschiedlicher Wahrnehmung zusammenhängt. Des Weiteren könnte die Lerngruppe eventuell durch zu viele Emotionen überfordert werden. Auch könnte es passieren, dass der Klasse schreckliche Ereignisse bei mehrmaligem Sehen immer harmloser erscheinen und sie „abstumpfen“ sowie die ständige Repräsentation der Gewalt zu einem Gewöhnungseffekt führen kann.

[...]


[1] Wende, Waltraud: Geschichte im Film, 2002, S. 8f.

[2] Kaes, Anton: Deutschlandbilder, 1987, S. 5

[3] Wende, Waltraud: Geschichte im Film, 2002, S. 10

[4] Kaes, Anton: Deutschlandbilder, 1987, s. 6

[5] Wende, Waltraud: Geschichte im Film, 2002, S. 14

[6] Wende, Waltraud: Geschichte im Film, 2002, S. 14

[7] Wende, Waltraud: Geschichte im Film, 2002, S. 15.

[8] Wende, Waltraud: Geschichte im Film, 2002, S. 1.6

[9] Köppen, Manuel: Von Effekten des Authentischen, in: Scherpe, Klaus: Bilder des Holocaust, 1997, S. 155.

[10] Wende, Waltraud: Geschichte im Film, 2002, S. 18.

[11] Sauer, Michael: Geschichte unterrichten, 2004, S. 178.

[12] Sauer, Michael: Geschichte unterrichte, 2004, S. 179.

[13] zitiert nach Leiser, Erwin: ,Deutschland erwache!` , 1968, S. 106.

[14] Sauer, Michael: Geschichte unterrichten, 2004, S. 178 f.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Film und Fernsehen: Mediale Geschichte als Wirklichkeit eigener Art
Untertitel
Holocaust-Filme im Geschichtsunterricht
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
17
Katalognummer
V162276
ISBN (eBook)
9783640757657
ISBN (Buch)
9783640757985
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Film, Fernsehen, Mediale, Geschichte, Wirklichkeit, Holocaust-Filme, Geschichtsunterricht
Arbeit zitieren
Regina Anselm (Autor), 2008, Film und Fernsehen: Mediale Geschichte als Wirklichkeit eigener Art, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162276

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