In der aktuellen Debatte um psychische Gesundheit am Arbeitsplatz bleiben männliche Perspektiven oft außen vor. Doch welche Rolle spielt die Art und Weise, wie Männlichkeit in Organisationen wahrgenommen, bewertet und kommuniziert wird? Diese Masterarbeit geht genau dieser Frage nach - fundiert, differenziert und praxisnah.
Auf Basis der Framing-Theorie und psychologischer Konzepte wird ein psychosoziales Modell entwickelt, das aufzeigt, wie bestimmte Framings das mentale Wohlbefinden von Männern im Arbeitskontext beeinflussen können. Qualitative Interviews mit Expertinnen und Experten aus verschiedenen Fachbereichen bilden die empirische Grundlage. Dabei werden zentrale psychische Mechanismen sichtbar, etwa Selbststigmatisierung, psychologische Reaktanz und Stereotype-Threat.
Die Analyse zeigt, wie ein negatives Männlichkeitsframing das mentale Wohlbefinden von Männern schaden kann, während positive Framings Schutzfaktoren aktivieren – etwa durch Resilienz, Identifikation und gesteigertes Engagement. Die Ergebnisse liefern wertvolle Impulse für Organisationen, Führungskräfte und HR-Verantwortliche, die psychische Gesundheit ganzheitlich denken und auch die oft übersehene Perspektive von Männern mit einbeziehen wollen.
Eine männerfreundliche Haltung im Unternehmen bedeutet dabei keinen Rückschritt, sondern Fortschritt für alle.
Inhaltsverzeichnis
- Abstract
- Abkürzungsverzeichnis
- Inhaltsverzeichnis
- Abbildungsverzeichnis
- Tabellenverzeichnis
- 1 Problemstellung
- 1.1 Motivation und Zielsetzung
- 1.2 Aufbau der Arbeit
- 1.3 Nomenklatur
- 2 Theoretische Grundlagen
- 2.1 Was ist ein Mann?
- 2.2 Sozial-konstruktivistischer Ansatz
- 2.2.1 Ursprung und theoretische Grundlagen
- 2.2.2 Die soziale Konstruktion von Männlichkeit
- 2.2.3 Hegemoniale Männlichkeit
- 2.2.4 Toxische Männlichkeit
- 2.3 Bio-psycho-sozialer Ansatz
- 2.3.1 Theoretische Grundlagen des bio-psycho-sozialen Ansatzes
- 2.4 Männlichkeit in der Psychologie
- 2.4.1 Positive-Psychology/Positive-Masculinity Ansatz
- 2.4.2 Erklärung negativer Verhaltensweisen
- 2.5 Einführung in das Framing-Konzept
- 2.5.1 Definitionen und Grundannahmen
- 2.5.2 Wirkung von Frames
- 2.5.3 Struktur und Einbettung von Frames
- 2.6 Framing in Organisationen
- 2.6.1 Manifestation von Frames in der Unternehmenskultur
- 2.6.2 Wechselwirkung zwischen Organisation und Individuum
- 2.6.3 Konzeptionelle Stärken und Schwächen
- 2.6.4 Fazit
- 2.7 Framings von Männlichkeit im organisationalen Kontext: Idealtypen im Vergleich
- 2.7.1 Das negative Framing von Männlichkeit (Idealtyp)
- 2.7.2 Das positive Framing von Männlichkeit (Idealtyp)
- 2.7.3 Fazit
- 2.8 Auswirkung auf die mentale Gesundheit
- 2.8.1 Selbststigmatisierung
- 2.8.2 Psychologische Reaktanz
- 2.8.3 Stereotype-Threat
- 2.8.4 Das psychische Gesundheitspotenzial von positivem Framing
- 2.9 Modell zur psychosozialen Wirkung von Framings
- 2.9.1 Gesellschaftliches Framing von Männlichkeit (Ebene 1)
- 2.9.2 Umsetzung durch Management, HR (Ebene 2)
- 2.9.3 Reaktion der Männer in der Organisation (Ebene 3)
- 2.9.4 Wirkung auf psychische Gesundheit (Ebene 4)
- 2.9.5 Rückkoppelungseffekt: Das sich selbstverstärkende Framing (Ebene 5)
- 2.9.6 Potenzial eines positiven Framings (Ebene 6)
- 3 Empirische Untersuchung
- 3.1 Zielsetzung des empirischen Teils
- 3.2 Methodische Einordnung und Reflexion
- 3.3 Entwicklung des Interviewleitfadens
- 3.4 Ergebnisse der empirischen Untersuchung
- 3.4.1 Einführung des Male Frame Index (MFI)
- 3.4.2 Kategorienauswertung
- 4 Synthese von Theorie und Empirie
- 4.1 Negatives Framing von Männlichkeit: ein Risiko für die mentale Gesundheit von Männern
- 4.2 Positives Framing von Männlichkeit: Schutz vor psychischen Belastungen
- 5 Ergebnisse und Diskussion
- 5.1 Implikationen für die Wissenschaft
- 5.2 Implikationen für die Praxis
- 5.3 Limitationen
- 5.4 Fazit
- Anhangsverzeichnis
- Quellenverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Diese Masterarbeit untersucht, wie die Rahmung von Männlichkeit in organisationalen Kontexten die mentale Gesundheit von Männern beeinflusst. Das primäre Ziel ist es, ein theoretisches Modell der psychosozialen Wirkung von Framings auf die mentale Gesundheit männlicher Mitarbeiter zu entwickeln und dieses mittels qualitativer Experteninterviews empirisch zu untermauern. Die zentrale Forschungsfrage lautet: „Inwiefern wirkt sich das Framing von Männlichkeit innerhalb einer Organisation auf die mentale Gesundheit von männlichen Mitarbeitern aus?“
- Framing von Männlichkeit in Organisationen
- Mentale Gesundheit von Männern
- Sozial-konstruktivistische und bio-psycho-soziale Ansätze von Männlichkeit
- Psychologische Effekte von negativen und positiven Framings (z.B. Selbststigmatisierung, Reaktanz, Stereotype-Threat)
- Organisationskultur und Managementeinfluss auf Framings
- Implikationen für Wissenschaft und Praxis im Kontext der Geschlechtersensibilisierung
Auszug aus dem Buch
2.2 Sozial-konstruktivistischer Ansatz
Die Konstruktion des sozialen Geschlechts bezeichnet den Prozess, durch den Geschlechterrollen und -identitäten in einer Gesellschaft geschaffen und aufrechterhalten werden sollen. Diese Konstruktion von Geschlecht findet sich nicht in der Tierwelt wieder und spielt sich somit allein unter Menschen ab. Weibchen und Männchen aus der Tiewelt sind nicht in der Lage ihr Geschlecht zu wechseln, aber „...menschliche Weibchen können zu Ehemännern und Vätern werden, und menschliche Männchen zu Ehefrauen und Müttern, ohne sich einer Geschlechtsumwandlung zu unterziehen.“ (Lorber, 1994, S. 14). Im Gegensatz zur biologischen Perspektive, geht die Idee der sozialen Konstruktion von Geschlecht davon aus, dass Eigenschaften und Verhaltensweisen, die als „typsich männlich“ und „typisch weiblich" warhgenommen werden, durch soziale Interaktionen entstehen (vgl. West & Zimmermann, 1987, S. 125). Biologische und evolutionäre (und auch psychologische) Erklärungsansätze zur Entwicklung und Ausdruck des Geschlechts spielen hier kaum bis keine Rolle, und wie das Zitat oben zeigt, sind solche Erklärungsansätze eher im Tierreich zu verorten.
Der Ursprung dieser Theorie liegt in den Arbeiten von Simone de Beauvoir (1949). In ihrem berühmtesten Werk „Das andere Geschlecht“ von 1949, bringt sie ihre Theorie mit folgendem Satz auf den Punkt: „Man wird nicht als Frau geboren, sondern man wird es.“ (Beauvoir, 1949/2011, S. 330). Sie unterstreicht damit, dass die weibliche Idenität durch soziale Normen und kutlurelle Erwartungen geformt wird, und nicht durch biologische Faktoren. Candace West und Don. H. Zimmerman entwickelten diese Perspektive mit ihrem Artikel „Doing Gender“ (1987) weiter.
Sie argumentieren, dass Geschlecht kein statisches Merkmal sei, sondern durch alltägliche Interaktionen produziert und reproduziert wird (vgl. West & Zimmermann, 1987, S. 125). Gender wird somit ständig neu verhandelt und neu bestätigt. Judith Butler vertiefte diese Argumentation mit ihrer Theorie der Performativität (1990). Butler sieht Geschlecht als performativen Akt an, der durch wiederholte Handlungen und Diskurse gesellschaftlich verfestigt wird (vgl. Butler, 1999, S. xiv-xxv). Laut Butler gibt es keine ursprüngliche oder natürliche Geschlechtsidentiät. Geschlecht soll erst durch soziale und kulturelle Praktiken entstehen, die durch ständige Wiederholungen normativ wirken.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Problemstellung: Dieses Kapitel beschreibt die zunehmende Bedeutung mentaler Gesundheit in Organisationen für Männer, kritisiert die defizitorientierte Sicht auf Männlichkeit und führt die Forschungsfrage ein, die den Einfluss des Framings auf die mentale Gesundheit untersucht.
2 Theoretische Grundlagen: Dieses Kapitel legt das konzeptionelle Fundament, indem es verschiedene Perspektiven auf Männlichkeit (sozial-konstruktivistisch, bio-psycho-sozial), das Framing-Konzept und dessen Wirkungen sowie ein Modell zur psychosozialen Wirkung von Framings darstellt.
3 Empirische Untersuchung: Dieses Kapitel beschreibt die Methodik der qualitativen Experteninterviews und präsentiert die Ergebnisse, die Aufschluss über die Wahrnehmung und Wirkung von Framings von Männlichkeit in Organisationen geben.
4 Synthese von Theorie und Empirie: Dieses Kapitel verknüpft die theoretischen Annahmen mit den empirischen Befunden, um die Effekte von negativem und positivem Framing auf die mentale Gesundheit von Männern in Organisationen zu untersuchen und das Modell zu validieren.
5 Ergebnisse und Diskussion: Dieses Kapitel beantwortet die Forschungsfrage, leitet Implikationen für Wissenschaft und Praxis ab, reflektiert Limitationen und zieht ein abschließendes Fazit zur Rolle des Framings von Männlichkeit in Bezug auf die mentale Gesundheit von Männern in Organisationen.
Schlüsselwörter
Männlichkeit, mentale Gesundheit, Organisationen, Framing, psychosoziales Modell, Selbststigmatisierung, psychologische Reaktanz, Stereotype-Threat, toxische Männlichkeit, positive Männlichkeit, Geschlechterrollen, Arbeitsplatzkultur, Führungskräfte, Organisationsentwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der Art und Weise, wie Männlichkeit in Organisationen wahrgenommen und dargestellt wird (Framing), und deren Auswirkungen auf die mentale Gesundheit männlicher Mitarbeiter.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind die Konstruktion von Männlichkeit, das Framing-Konzept, dessen Manifestation in Organisationen, psychische Mechanismen der Wirkungsentfaltung (wie Selbststigmatisierung, Reaktanz, Stereotype-Threat) und deren Einfluss auf die mentale Gesundheit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist die Entwicklung und empirische Untersuchung eines psychosozialen Modells zur Wirkung von Framings von Männlichkeit auf die mentale Gesundheit. Die Forschungsfrage lautet: „Inwiefern wirkt sich das Framing von Männlichkeit innerhalb einer Organisation auf die mentale Gesundheit von männlichen Mitarbeitern aus?“
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verfolgt einen explorativen Ansatz und verwendet qualitative Experteninterviews zur empirischen Untersuchung, ergänzt durch eine theoriegeleitete Inhaltsanalyse.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Grundlagen von Männlichkeit aus sozial-konstruktivistischer und bio-psycho-sozialer Sicht, führt in das Framing-Konzept ein, erläutert dessen Bedeutung in Organisationen und stellt die idealtypischen Framings von Männlichkeit sowie deren psychologische Auswirkungen dar.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Männlichkeit, mentale Gesundheit, Organisationen, Framing, psychosoziales Modell, Selbststigmatisierung, psychologische Reaktanz, Stereotype-Threat, toxische Männlichkeit, positive Männlichkeit, Arbeitsplatzkultur, Führungskräfte.
Was ist der "Male Frame Index" (MFI) und wozu dient er?
Der "Male Frame Index" (MFI) ist ein in dieser Arbeit entwickelter quantitativer Index, der das Verhältnis zwischen internalisiertem positivem und negativem Framing von Männlichkeit bei Interviewpartnern sichtbar macht. Er dient als Orientierungsinstrument, um dominante Framing-Richtungen zu erkennen.
Wie unterscheidet sich ein negatives von einem positiven Framing von Männlichkeit in Organisationen?
Ein negatives Framing betrachtet Männlichkeit als problematische, destruktive Kraft und adressiert sie als Risiko, oft verbunden mit Korrekturmaßnahmen. Ein positives Framing hingegen sieht Männlichkeit als Ressource mit Stärken wie Verantwortung und Mut, die es zu integrieren und zu würdigen gilt.
Welche Rolle spielen Führungskräfte bei der Etablierung von Framings in Organisationen?
Führungskräfte haben eine zentrale und prägende Rolle, da sie durch ihr Verhalten, ihre Kommunikation und ihre Vorbildfunktion maßgeblich beeinflussen, wie Männlichkeit in organisationalen Kontexten wahrgenommen und bewertet wird und welche Narrative sich verfestigen.
Welche kritischen Punkte werden im Zusammenhang mit der Förderung eines positiven Framings von Männlichkeit genannt?
Kritische Punkte sind die Gefahr einer Überhöhung oder Idealisierung männlicher Tugenden, das Risiko, dass männliche Ressourcen weibliche überlagern, und dass die Würdigung von Männlichkeit nicht auf Kosten anderer Gruppen gehen darf.
- Arbeit zitieren
- Christian Leibrandt (Autor:in), 2025, Männlichkeit und mentale Gesundheit in Organisationen. Die Rolle des Framings, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1622799