Die arabische Welt ist vom Islam geprägt und ist auch zugleich das kulturelle Zentrum der islamischen Zivilisation. Sie hat in den letzten Jahrzehnten einen starken politischen und wirtschaftlichen Wandel durchgemacht. Nachdem die arabischen Staaten mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ihre Unabhängigkeit erlangt hatten, haben sie ein eigenes politisches Profil entwickelt. Mit wachsendem Selbstbewusstsein beanspruchen sie nun auch eine größere Rolle in der internationalen Politik. Durch das Ende des Ost-West-Konfliktes hat sich dieser Prozess noch beschleunigt. Diese Entwicklung hängt wesentlich mit dem Phänomen der sogenannten Reislamisierung und des Erstarkens des Islamismus zusammen. Mit der verstärkten Rückbesinnung auf den Islam und das islamische Wertesystem hat die arabische Welt zu einem neuen Selbstbewusstsein zurückgefunden, das sich auch nach außen in den Beziehungen zum Westen auswirkt. Nicht mehr der Westen gilt als Vorbild, sondern die eigenen, auf dem Islam beruhenden Traditionen. Die islamische Welt will nicht mehr Objekt fremder Mächte, Europas und der USA, sein, sondern Subjekt und seine Politik und sein Schicksal selbst bestimmen und schickt sich an, dem Westen als gleichwertiger Partner entgegenzutreten. Das Versagen der arabischen Nationalisten und Sozialisten und ihrer importierten Ideologien hinterließ ein ideologisches Vakuum, das nun von den Islamisten ausgefüllt wurde. Ihre Ideologie basiert auf dem Islam, also auf eigenen, nicht aus Europa übernommenen Traditionen. Da der Islam, nach den Vorstellungen der Moslems, die einzig wahre Religion ist, muss auch das auf ihm basierende Ordnungssystem das einzig wahre und folglich den Ordnungsmodellen, die auf überholten Religionen wie der christlichen basieren, überlegen sein. Das Ziel dieser Seminararbeit ist, die nichtwestliche Ordnungsvorstellungen der Internationalen Beziehungen im arabischen Raum im 21. näher zu betrachten. Es soll der Frage nachgegangen werden, wie diese Ordnungsvorstellungen aufgebaut sind und welche Grundgedanken in diesen Vorstellungen formuliert werden. Weiterhin wird versucht, diese Ordnungsvorstellungen in westliche Ordnungsvorstellungen der Internationalen Beziehungen einzubetten und diesbezüglich festzuhalten wie weit diese ähnlich aufgebaut sind. Im letzten Kapitel wird versucht, die Ansicht der Anhänger dieser Ordnungsvorstellungen vorzustellen in Bezug auf ihr Bild von der westlichen Welt.
Zum Schluss wird über dir nicht westlichen Theorien im [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Forschungsfrage
3. Theorien internationaler Beziehungen im arabischen Raum
3.1 Die Umma
3.2 Asabiyyah und Panarabismus
3.3 Der arabische Sozialismus
4. Einordnung in die westlichen Theorien der internationalen Beziehungen
4.1 Die Umma als Konstruktivismustheorie
4.2 Die Asabiyyah als ein Teil der Sekurititation
4.3 Die dritte universalistische Theorie als Sozialismustheorie
5. Wie ist das Verhalten der Anhänger dieser Theorien gegenüber dem Westen? Was sind die möglichen Konsequenzen?
5.1 Das Bild vom Westen
5.2 Mögliche Wirkungen
6. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht nicht-westliche Ordnungsvorstellungen der internationalen Beziehungen im arabischen Raum des 21. Jahrhunderts und analysiert deren theoretische Grundgedanken sowie deren Einbettung in westliche Theoriekontexte.
- Analyse der Theorien Umma, Asabiyyah und Arabischer Sozialismus.
- Gegenüberstellung arabischer Ordnungsvorstellungen mit westlichen Theorien wie dem Konstruktivismus und der Sekuritisation.
- Untersuchung des Bildes vom Westen innerhalb dieser Theorien.
- Einschätzung der politischen Auswirkungen und Konsequenzen für die Region.
- Fallbeispiele der Länder Ägypten, Libyen und Saudi-Arabien.
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Umma
Der Begriff Umma kommt aus dem Arabischen und bedeutet die Gemeinschaft der Gläubigen. Unter den Gläubigen wiederum werden Muslime, also Menschen verstanden, die der Weltreligion des Islam angehören. Diese Gemeinschaft versteht sich somit als eine länderübergreifende Gruppe. Sie ist nicht auf eine bestimmte Nation begrenzt, ja sie lehnt den Begriff der Nation ausdrücklich als eine Kathegotisierung ab, die sie als von den Kolonialherren willkürliche Grenzziehung empfindet. Die Umma ist eine Gemeinschaft, „zu der weltweit alle Muslime gehören.“
Die Umma ist das Ideal einer Gemeinschaft, da sie sich rückbesinnt auf die Zeit des Propheten. In der Umma gibt es keine Nationen, denn hier verschmelzen Religion und Politik miteinander, weil Nationen die Gemeinschaft der Gläubigen spalten. Im Haus des Islam gibt es keine Nationen und Rassen. Es gibt nur Moslems. Staatsreligion dieser Länder ist der Islam: Bei einem Staat, der nach den Vorgaben der Umma lebt, handelt es sich um einen typisch holistischen Entwurf, der in Form eines Universalismus unter dem Primat der Religion die Politik, das Leben in der Gesellschaft und das Privatleben regelt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den politisch-wirtschaftlichen Wandel der arabischen Welt nach dem Zweiten Weltkrieg und das Streben nach einer eigenständigen Rolle im internationalen Gefüge, abseits westlicher Vorbilder.
2. Forschungsfrage: Das Kapitel identifiziert die fehlende einheitliche Theorie internationaler Beziehungen im arabischen Raum und leitet daraus zentrale Fragestellungen zur innen- und außenpolitischen Struktur ausgewählter Länder ab.
3. Theorien internationaler Beziehungen im arabischen Raum: Hier werden die zentralen Konzepte der Umma, der Asabiyyah und des arabischen Sozialismus als theoretische Grundlagen für das Verständnis regionaler Politik vorgestellt.
4. Einordnung in die westlichen Theorien der internationalen Beziehungen: Die arabischen Konzepte werden hier in westliche Theorietraditionen wie den Konstruktivismus und die Sekuritisation eingeordnet, um Gemeinsamkeiten und theoretische Differenzen aufzuzeigen.
5. Wie ist das Verhalten der Anhänger dieser Theorien gegenüber dem Westen? Was sind die möglichen Konsequenzen?: Das Kapitel untersucht das Bild vom Westen innerhalb der Theorien und analysiert die daraus resultierenden Spannungsfelder, Konsequenzen und Sicherheitsrisiken.
6. Resümee: Das Resümee stellt fest, dass es aktuell keine eigenständige, von Religion entkoppelte arabische Theorie der internationalen Beziehungen gibt und fordert eine intensivere wissenschaftliche Auseinandersetzung.
Schlüsselwörter
Internationale Beziehungen, Arabischer Raum, Umma, Asabiyyah, Arabischer Sozialismus, Konstruktivismus, Sekuritisation, Islamismus, Naher Osten, Außenpolitik, Politische Ideologie, Religion und Politik, Weltbild, Nationalstaat.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, welche eigenständigen Ordnungsvorstellungen für internationale Beziehungen im arabischen Raum existieren und wie diese mit westlichen Theorien vergleichbar sind.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Felder umfassen islamisch geprägte Theorieentwürfe (Umma), ethnisch-nationale Konzepte (Asabiyyah) sowie den arabischen Sozialismus und deren Verhältnis zum westlichen System.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Grundgedanken der nicht-westlichen Ordnungsvorstellungen im arabischen Raum des 21. Jahrhunderts zu identifizieren und in einen theoretischen Kontext zu setzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin/der Autor wendet einen komparativen Ansatz an, der eine theoretische Bestandsaufnahme mit einer vergleichenden Analyse westlicher politikwissenschaftlicher Theorien verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der drei arabischen Theorien, deren Zuordnung zu westlichen Denkmodellen und die Analyse der Auswirkungen dieser Vorstellungen auf das Bild vom Westen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Internationale Beziehungen, Umma, Asabiyyah, Arabischer Sozialismus und Konstruktivismus definiert.
Warum wird Libyen als Beispiel für den arabischen Sozialismus herangezogen?
Libyen wird unter Gaddafi als Beispiel für einen "dritten Weg" genutzt, der versucht, eine Synthese zwischen dem Islam und dem europäischen Sozialismus herzustellen.
Welche Rolle spielt die "Umma" in den internationalen Beziehungen?
Die Umma dient als Konzept einer grenzüberschreitenden Gemeinschaft der Gläubigen, welche die Nation als Kategorie ablehnt und somit einen konstruktivistischen Erklärungsansatz für politisches Handeln bietet.
Welche Schlussfolgerung zieht die Arbeit bezüglich der Modernisierung?
Die Arbeit resümiert, dass eine stärkere wissenschaftliche Auseinandersetzung notwendig ist, um den Islam als dominante, allumfassende Weltbetrachtung in der Politik zu relativieren und radikalen Strömungen den Nährboden zu entziehen.
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- Ulas Incedal (Autor), 2009, Nicht-westliche Theorien der internationalen Beziehungen im 21. Jahrhundert im arabischen Raum, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162299