Das Verhältnis passiver latenter Steuern gemäß § 274 Abs. 1 S. 1 HGB zu Rückstellungen gemäß § 249 Abs.1 S. 1 HGB


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis III

1 Problemstellung

2 Gesetzliche Grundlagen
2.1 Rückstellungen für ungewisse Verbindlichkeiten (§ 249 Abs. 1 S. 1 HGB)
2.2 Passive latente Steuern (§ 274 Abs. 1 S. 1 HGB)

3 Das Verhältnis zwischen passiven latenten Steuern und Rückstellungen
3.1 Geltungsbereich
3.2 Abgrenzung zwischen Rückstellungen und passiven latenten Steuern
3.3 Abgrenzungsprobleme zwischen passiven latenten Steuern und Rückstellungen
3.3.1 Rückstellung für erwartete Steuermehrbelastung aufgrund der Aktivierung selbst geschaffener immaterieller Vermögensgegenstände
3.3.2 Außerbilanzielle steuerliche Gewinnkorrekturen
3.3.3 Abzinsungsgebot/-verbot für Rückstellungen für latente Steuern

4 Zusammenfassung wichtiger Einzelaspekte

Literaturverzeichnis

Rechtsquellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Problemstellung

„Die Bilanzierung latenter Steuern nach dem BilMoG folgt […] dem international üblichen bilanzorientierten Konzept. Die davon vom Gesetzgeber vorgenommen. Modifikationen werden allerdings noch für weitere Diskussionen sorgen.“[1]

Im Rahmen des BilMoGs wurde das Zusammenwirken zwischen Handels- und Steuerbilanz dahingehend verändert, dass der Steuerlatenz eine wesentlich größere Bedeutung in der Handelsbilanz zukommt.[2] In ihrer Folge werden passive latente Steuern konzeptionell neu ermittelt. Die nach § 274 Abs.1 S. 1 HGB a. F. geltende Regelung, passive latente Steuern als Rückstellung i. S. d. § 249 Abs. 1 S. 1 HGB a. F. auszuweisen, wurde aufgegeben. Stattdessen sind passive latente Steuern grundsätzlich als Sonderposten eigener Art nach § 266 Abs. 3 E. HGB zu erfassen. Dies führt zu einer Reihe von Abgrenzungsproblemen hinsichtlich Ansatz und Bewertung, da die Rückstellungsnorm parallel dazu weiterhin besteht.

Die nachfolgende Arbeit befasst sich mit diesem veränderten Verhältnis zwischen passiven latenten Steuern gemäß § 274 Abs.1 S. 1 HGB zu Rückstellungen gemäß § 249 Abs. 1 S. 1 HGB. Hierbei werden Ansatz und Bewertung für ungewisse Verbindlichkeiten und passive latente Steuern erörtert, vorhandene Abgrenzungsprobleme diskutiert und ihre Folgen bzgl. ihrer Qualifikation dargestellt. Ihre Auswirkungen für Personengesellschaften werden an dieser Stelle nicht behandelt. Ebenso unbehandelt bleiben Drohverlustrückstellungen.

2 Gesetzliche Grundlagen

2.1 Rückstellungen für ungewisse Verbindlichkeiten (§ 249 Abs. 1 S. 1 HGB)

Der Ansatz von Rückstellungen als Passivposten in einer Bilanz wird abschließend in § 249 HGB geregelt.[3] Davon ausgehend sind Rückstellungen für ungewisse Verbindlichkeiten gemäß § 249 Abs. 1 S.1 HGB zu bilden. Diese liegt vor, sofern eine wirtschaftlich belastende Verpflichtung gegenüber einem Dritten (Außenverpflichtung) besteht, die dem Grunde und/oder der Höhe nach unsicher ist und in der Zeit vor dem Bilanzstichtag verursacht wurde.[4]

Insbesondere werden zwei Ansatzkriterien im Folgenden hervorgehoben. Zum einen handelt es sich bei ungewissen Verbindlichkeiten ausschließlich um Verpflichtungen gegenüber Dritten.[5] Ihre Ursache kann auf einem rechtlichen Schuldverhältnis oder einem faktischen Leistungszwang basieren.[6] Faktische Verpflichtungen beruhen auf Leistungszwänge, denen sich der Kaufmann nicht aus eigener Disposition aufgrund tatsächlicher oder wirtschaftlicher Gründe hinsichtlich ihrer Erfüllung entziehen kann.[7] Rechtliche Verpflichtungen resultieren hingegen entweder aus öffentlich-rechtlichen oder bürgerlich-rechtlichen Schuldverhältnissen.[8]

Zum anderen ist, neben ihrer rechtlichen Verpflichtung, eine ungewisse Verbindlichkeit als Rückstellung anzusetzen, wenn diese vor dem Bilanzstichtag auch wirtschaftlich verursacht worden ist. Demnach muss ein Erfüllungsrückstand vorliegen.[9] Dieser setzt eine betrieblich Entstehung aufgrund von früheren Erträgen oder gar keinen Erträgen voraus, wobei keine zukünftige Gegenleistung dem gegenüber steht.[10] Ihre Erfüllung führt somit zu einer erwarteten Vermögensminderung. Das Kriterium der wirtschaftlichen Verursachung soll unter Berücksichtigung des Realisationsprinzips sicherstellen, dass ungewisse Verbindlichkeiten zeitlich dem Geschäftsjahr zugeordnet werden, indem sie entstanden sind.[11]

Darüber hinaus ist für einen Ansatz das Kriterium der Wahrscheinlichkeit der Inanspruchnahme erforderlich. Ungewisse Verbindlichkeit sind sichere oder wahrscheinliche Schulden, weswegen sie erst dann angesetzt werden dürfen, wenn damit ernsthaft zu rechnen ist, dass sie in Anspruch genommen werden. Daher ist im Einzelfall zu prüfen, ob mehr Gründe für den Eintritt oder dagegen sprechen.[12]

Angesetzt werden ungewisse Verbindlichkeiten gemäß § 253 Abs. 1 S. 2 HGB zum Erfüllungsbetrag. Da es sich hierbei sich um einen zukünftigen Wert handelt, dürfen Preis- und Kostensteigerungen berücksichtigt werden.[13] Darüber hinaus besteht gemäß § 253 Abs. 2 S. 1 HGB ein Abzinsungsgebot, sofern die Restlaufzeit länger als ein Jahr beträgt. Hier ist der durchschnittliche Zinssatz der letzen sieben Jahre anzuwenden.

Prinzipiell sind nach § 249 Abs. 2 S.2 Rückstellung für ungewisse Verbindlichkeiten aufzulösen, wenn der Grund dafür entfallen ist.

2.2 Passive latente Steuern (§ 274 Abs. 1 S. 1 HGB)

Latente Steuern werden gemäß § 274 HGB durch Anwendung des Temporary-Konzepts, einem bilanzorientiertem Verfahren, ermittelt.[14] Ziel dieser Ermittlung ist zum einen eine verursachungsgerechte Periodisierung des Steueraufwandes[15] und zum anderen die Abbildung zukünftiger steuerlicher Mehr- oder Minderbelastungen, um die Vermögens- und Ertragslage zutreffend darzustellen[16].

Demzufolge werden bei der Ermittlung passiver latenter Steuern i. S. d. Temporary-Konzept „handelsrechtliche Wertansätze von Vermögensgegenständen, Schulden und Rechnungsabgrenzungsposten .. [mit] ihren steuerlichen Wertansätzen“[17] verglichen. Hierbei gilt, dass die in § 274 Abs. 1 S. 1 HGB bezeichneten steuerlichen Wertansätzen sich nicht auf Ansatz und Bewertung in der Steuerbilanz beschränken. Sofern außerbilanzielle Korrekturen Relevanz für den steuerlichen Wertansatz erlangen, sind diese auch zu berücksichtigen.[18]

Hierbei können passive latente Steuern für folgende Sachverhalte entstehen:

- Schulden und/oder passive Rechnungsabgrenzungsposten werden nur oder höher in der Steuer- als in der Handelsbilanz bewertet;
- Vermögensgegenstände und/oder aktive Rechnungsabgrenzungsposten werden nur oder höher in der Handels- als in der Steuerbilanz bewertet.[19]

Wertunterschiede ergeben sich folglich nicht nur aus ihrer unterschiedlichen Bewertung, sondern auch aufgrund ihres Ansatzes, sofern einzelne Vermögensgegenstände, Schulden oder Rechungsabgrenzungsposten lediglich in der Steuer- bzw. Handelsbilanz angesetzt werden.[20]

Passive latente Steuern sind jedoch erst anzusetzen, wenn sich daraus Wertunterschiede ergeben, sich im Zeitverlauf vorrausichtlich umkehren und zu einer Steuermehrbelastung führen. Impliziert wird damit, dass in den Folgejahren diese entstandene Differenz entweder durch Nutzung oder durch Abgang entsprechender Posten abbaut und ein temporärer Zustand vorliegt.[21] Konsequenterweise werden im Ergebnis neben erfolgswirksamen auch erfolgsneutrale und quasi-permanente Differenzen erfasst.[22] Dies sind Wertunterschiede, die zwar temporär sind, deren Abbau jedoch von der eigenen Disposition des Unternehmens abhängt oder erst mit seiner Liquidation erfolgt.[23] Permanente Differenzen bleiben weiterhin unberücksichtigt.

Liegen die Tatbestandsvoraussetzungen alle vor, so ergibt sich die Bewertung der zukünftigen Steuermehrbelastung aus dem Produkt des „unternehmensindividuellen Steuersatzes im Zeitpunkt des Abbaus der Differenz“[24] und den entsprechenden Wertunterschieden zwischen Steuer- und Handelsbilanz. Sofern die zukünftigen Steuersätze nicht gegeben sind, werden die jeweiligen am Bilanzstichtag geltenden individuellen Steuersätze zur Berechnung herangezogen.[25]

Ausdrücklich unterliegen passive latente Steuern gemäß § 274 Abs. 2 S. 1 HGB einem Abzinsungsverbot.

Hinsichtlich der Bilanzierung latenter Steuern besteht ein Wahlrecht, ob diese saldiert oder unsaldiert angesetzt werden.[26] Der Ausweis passiver latenter Steuern erfolgt nach § 266 Abs. 3 E. HGB in einem gesonderten Passivposten „Passive latente Steuern“.

Aufzulösen sind sie, sobald die entsprechende Steuermehrbelastung eintritt oder nicht mehr mit dem Eintritt gerechnet wird.[27]

3 Das Verhältnis zwischen passiven latenten Steuern und Rückstellungen

3.1 Geltungsbereich

Rückstellungen für ungewisse Verbindlichkeiten gemäß § 249 Abs. 1 S. 1 HGB sind grundsätzlich von jedem Kaufmann zu bilden, sofern sie die oben genannten Ansatzvorschriften erfüllen. Eine Ausnahme bildet § 241a HGB, welcher, anhand von umsatz- und gewinnabhängigen Größenmerkmalen, einzelne Kaufleute u.a. von der Buchführungspflicht im Sinne des § 238 HGB befreit. In diesen Fällen kommt § 249 Abs. 1 S. 1 HGB nicht zum Tragen.

Anders verhält sich mit dem Ansatz für latente Steuern gemäß § 274 HGB. Es han delt sich hierbei um eine ergänzende Vorschrift, die nur für Kapitalgesellschaften sowie ihnen gleichgestellte haftungsbeschränkte Personengesellschaften, welche in § 264a HGB klassifiziert werden, gilt. Von dieser Anwendung sind kleine Kapitalgesellschaften gemäß § 274a Nr. 5 HGB, grundsätzlich befreit, wenn die Größenkriterien i. S. d. § 267 Abs. 1 HGB erfüllt werden. Durch die Nichtanwendung des § 274 HGB soll eine Erleichterung geschaffen werden, welches jedoch als Wahlrecht zu verstehen ist.[28] Entsprechend ist eine freiwillige Anwendung der Vorschrift zur Ermittlung latenter Steuern nach § 274 HGB auch für kleine Kapitalgesellschaften und Nichtkapitalgesellschaften, unter Beachtung des Stetigkeitsprinzips, gestattet.[29]

Wird das Wahlrecht der Anwendung des § 274 HGB herangezogen, so ergeben sich hinsichtlich der Bilanzierung latenter Steuern im Vergleich zu mittelgroßen und großen Kapitalgesellschaften keine Besonderheiten. Es gelten die oben beschrieben Ansatz- und Bewertungskriterien.

Wird die größenabhängige Erleichterung jedoch in Anspruch genommen, sind kleine Kapitalgesellschaften zwar nach § 274a Nr. 5 HGB von der Abgrenzung latenter Steuern befreit, jedoch nicht von der Bildung von Rückstellungen nach § 249 HGB. In diesem Zusammenhang ist unter Umständen die Bildung einer Rückstellung für passive latente Steuern notwendig. Dieser Fall ist dann regelmäßig gegeben, wenn passive latente Steuern die gleichen Tatbestandsvoraussetzungen erfüllen, wie für den Ansatz einer ungewissen Verbindlichkeit nach § 249 Abs. 1 S. 1 HGB erforderlich ist.[30] Wie im Weiteren noch erläutert wird, ist dies für quasi-permanente Differenzen nicht der Fall.[31]

Obwohl also kleine Kapitalgesellschaften von der Anwendung des § 274 HGB grundsätzlich gemäß § 274a Nr. 5 HGB befreit sind, haben sie dennoch passive latente Steuern zu ermitteln und als Rückstellung anzusetzen, falls sie die Tatbestandsvoraussetzung nach § 249 Abs. 1 S. 1 HGB erfüllen. Davon abgesehen sind aktive latente Steuern und Vorteile aus steuerlichen Verlustvorträgen rückstellungmindernd zu berücksichtigen.[32] Die Mehrbelastung, welche aus der Ermittlung passiver latenter Steuern resultiert, wird durch die angestrebte Erleichterung für kleine Kapitalgesell- schaften dahingehend nicht realisiert.[33]

3.2 Abgrenzung zwischen Rückstellungen und passiven latenten Steuern

Wie bereits deutlich wurde, können passive latente Steuern teilweise Rückstellungscharakter haben. Dies ist insbesondere dann zutreffend, wenn eine rechtliche oder wirtschaftliche Verpflichtung, die vor dem Bilanzstichtag entstanden ist, zu einer Entrichtung zukünftiger Steuer führen wird.[34] Mit anderen Worten: die Tatbestandsvoraussetzungen einer ungewissen Verbindlichkeit und einer passiven latenten Steuer liegen dann vor, wenn zu versteuernde Differenzen erfolgswirksam entstanden sind und sich automatisch im Zeitablauf erfolgswirksam umkehren.[35] Ein Schuldcharakter aufgrund ihrer rechtlichen oder wirtschaftlichen Verpflichtung kann damit begründet werden.[36]

Gleichwohl erfüllen demnach quasi-permanente Differenzen nicht die Tatbestandsvorrausetzungen einer ungewissen Verbindlichkeit. Durch eine fehlende Abschreibung quasi-permanenter Differenzen kehrt sich die Differenz erst durch Verkauf oder Liquidation des Unternehmens um. Eine Veräußerung des Vermögensgegenstandes liegt im Ermessen des Kaufmanns.[37] Somit kommt eine Qualifikation dieser temporären Differenz kommt als Rückstellung nach § 249 Abs. 1 S.1 nicht in Betracht. Es fehlt sowohl an der rechtlichen Verpflichtung als auch an der faktischen Verpflichtung zukünftig Steuern zu entrichten.

Für den Fall, dass ein Sachverhalt sowohl die Ansatzkriterien einer Rückstellung als auch einer passiven latenten Steuer erfüllt, ist dieser in der Bilanz vom bilanzierendem Unternehmen folgerichtig unter dem gesonderten Posten „Passive latente Steuer“ auszuweisen, sofern es § 274 HGB anwendet. Eine Begründung findet sich darin, dass „passiven latenten Steuern zwar teilweise Rückstellungscharakter“ zukommt, hinsichtlich quasi-permanenter Differenzen dies jedoch „nicht für den Posten in seiner Gesamtheit gilt“.[38] Nur wenn die Befreiungsvorschrift nach § 274a Nr. 5 HGB in Anspruch genommen wird, erfolgt der Ausweis als Rückstellung.

3.3 Abgrenzungsprobleme zwischen passiven latenten Steuern und Rückstellungen

Abschnitt 3.2 zeigt eine allgemeine pauschale Abgrenzung zwischen passiven latenten Steuern und Rückstellungen für erwartete Steuermehrbelastungen. In Einzelfällen ist diese Abgrenzung jedoch nicht hinreichend und führt zu zahlreichen Fragen hinsichtlich Ansatz und Bewertung, die im Folgenden erläutert werden.

3.3.1 Rückstellung für erwartete Steuermehrbelastung aufgrund der Aktivierung selbst geschaffener immaterieller Vermögensgegenstände

In einem bestimmten Rahmen dürfen gemäß § 248 Abs. 2 S. 1 HGB selbst geschaffene immaterielle Vermögensgegenstände handelsrechtlich angesetzt werden.[39] Aufgrund des Ansatzverbotes in der Steuerbilanz gemäß § 5 Abs. 2 EStG entsteht eine temporäre Differenz aus welcher erwartete Steuermehrbelastungen resultieren und daher passive latente Steuern abzubilden sind.[40]

Für Unternehmen, die von der Anwendung des § 274 HGB befreit sind, gilt, dass eine Ansatzpflicht für passive latente Steuern besteht, sofern die Ansatzvoraussetzungen einer Rückstellung nach § 249 Abs.1 S. 1 HGB erfüllt werden. Nach Auffassung des IDW liegen bei Aktivierung selbstgeschaffener immaterieller Vermögensgegenstände diese Tatbestandsvoraussetzungen vor.[41] Folglich sind Rückstellungen für erwartete Steuermehrbelastungen aufgrund der Aktivierung selbst geschaffener immaterieller Vermögensgegenständer ansetzen.

Dass jedoch eine zu erwartende Steuerlast als Rückstellung angesetzt wird, sobald eine zu versteuernde temporäre Differenz vorliegt, die sich im Zeitablauf abbaut, wird kritisch beurteilt.[42] So liegt eine Rückstellung i. S. d. § 249 Abs. 1 S.1 HGB vor, wenn diese u. a. rechtlich und wirtschaftlich verursacht worden ist. Eine wirtschaftliche Verursachung begründet sich allerdings nicht alleine durch den Umstand Ansatzwahlrechte wahrzunehmen, um bestimmte Sachverhalte in der Bilanz abzubilden.[43]

Es kann jedoch nicht i. S. d. handelsrechtlichen Vorsichtsprinzip sein, erwartete Steuermehrbelastungen gar nicht abzubilden. Durch die Nutzung des Wahlrechts entstehen ansatzbedingte Differenzen zwischen Handels- und Steuerbilanz, die sich durch Abschreibung im Zeitverlauf umkehren werden. Diese temporären Differenzen haben Rückstellungscharakter und sind folglich, wenn sie nicht als passive latente Steuern ausgewiesen werden müssen, als Rückstellung anzusetzen.[44]

3.3.2 Außerbilanzielle steuerliche Gewinnkorrekturen

Grundsätzlich sind außerbilanzielle Korrekturen steuerlicher oder handelsrechtlicher Wertansätze bei der Ermittlung latenter Steuern mit zu berücksichtigen.[45] Ob außerbilanzielle Hinzurechnungen oder Kürzungen des steuerlichen Gewinns, welche nicht unmittelbar einen Posten der Handels- bzw. Steuerbilanz berühren, auch zu berücksichtigen sind, ist nicht hinreichend geklärt.

Anhand des Investitionsabzugsbetrags gemäß § 7g EStG soll diese Problematik verdeutlicht werden. Ihrer Inanspruchnahme führt dazu, dass „für eine künftige Anschaffung … eines abnutzbaren beweglichen Wirtschaftsguts des Anlagevermögens bis zu 40 Prozent der voraussichtlichen Anschaffungs- oder Herstellungskosten gewinnmindernd“ abgezogen werden kann.[46] Es findet daher lediglich eine außerbilanzielle Kürzung des steuerlichen Gewinns statt. Diese berührt weder den Wertansatz von Vermögensgegenständen, Schulden oder Rechnungsabgrenzungsposten in Handels- und Steuerbilanz noch stellt sie eine außerbilanzielle Korrektur dieser dar.[47]

Gemäß § 7g Abs. 2 EStG ist im Jahr der Anschaffung der abgezogene Investitionsbetrag außerbilanziell gewinnerhöhend hinzuzurechnen. Gleichzeitig können bis zu 40 Prozent der tatsächlich angefallenen Anschaffungskosten des Vermögensgegenstandes in der Steuerbilanz abgezogen werden.[48] Erst mit diesem Umstand entsteht im Jahr der Anschaffung eine Differenz zwischen handels- und steuerrechtlichen Wertansätzen. Die Voraussetzungen einer passiven latenten Steuer liegen erst im Jahr der Anschaffung vor. Diese wird, während des Abschreibungszeitraums, ratierlich erfolgswirksam abgebaut und führt zu einer erwarteten Steuermehrbelastung.[49] Im Ergebnis führt die Anwendung des § 7g EStG nicht zu einer endgültigen Ersparnis, sondern zu einer befristeten Steuerstundung.[50]

Fraglich ist daher, ob ein Ausweis als passive latente Steuer bereits im Jahr der Inanspruchnahme erfolgen darf oder ob eine Rückstellung vorliegt. Ausgehend vom Gesetzeswortlaut i. S. d. § 274 Abs. 1 S. 1 HGB liegen keine Differenzen zwischen handels- und steuerrechtlichen Wertansätze vor. Dieser Vorgang erfüllt somit nicht die Ansatzvoraussetzungen einer passiven latenten Steuer. Folglich liegt eine Rückstellung nach § 249 Abs. 1 S.1 HGB vor.[51]

Allerdings wird diese Argumentation der Tatsache nicht gerecht, dass im Jahr der Anschaffung durch die Kürzung der Anschaffungskosten in der Steuerbilanz eine Differenz vorliegt, die zu einer passiven latenten Steuern führt. In diesen Fällen sollten daher auch solche steuerlichen Hinzurechnungen und Kürzungen berücksichtigt werden, wenn gleichzeitig die übrigen Voraussetzungen erfüllt werden.[52] Ein Ausweis bereits im Jahr der Inanspruchnahme des Investitionsabzugsbetrages als passive latente Steuer erscheint unter diesem Gesichtspunkt gerechtfertigt. Eine entsprechende Erweiterung der Auslegung des Gesetzestextes wünschenswert.[53]

3.3.3 Abzinsungsgebot/-verbot für Rückstellungen für latente Steuern

Rückstellungen für ungewisse Verbindlichkeiten sind nach § 253 Abs. 1 S. 2 bzw. § 253 Abs. 2 S. 1 HGB mit ihrem Erfüllungsbetrag anzusetzen. Soweit ihre Restlaufzeit mehr als ein Jahr beträgt, unterliegen sie einem Abzinsungsgebot. Eine Begründung findet sich dahingehend, dass dadurch die wahre Belastungswirkung ungewisser Verbindlichkeiten aufgezeigt und ein den tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage vermittelt werden kann.[54]

[...]


[1] Kessler/Leinen/Paulus, BilMoG, KoR 2009, S. 728.

[2] Vgl. Herzig/Vossel, Paradigmenwechsel, BB 2009, S. 1174 f., Herzig/Vossel, Interdepenzen, KSzW 2010, S. 60.

[3] Vgl. Kozikowski/Schubert, in: Elrott et al., BeBiKo., 2010, §249 HGB, Rn. 1.

[4] Vgl. Schuhmann, ungewisse Verbindlichkeiten, StBp. 2006, S. 23; Kozikowski/Schubert, in: Elrott et al., BeBiKo., 2010, §249 HGB, Rn. 24; Baetge/Kirsch/Thiele, Bilanzen, 2009, S. 412.

[5] Vgl. Mayer-Wegelin/Kessler/Höfer in: Küting/Weber, Handbuch der Rechnungslegung Einzelabschluss, Gesetz § 249, Rn 35, Stand 03/2010.

[6] Vgl. Baetge/Kirsch/Thiele, Bilanzen, 2009, S. 412

[7] Vgl. Kozikowski/Schubert, in: Elrott et al., BeBiKo., 2010, §249 HGB, Rn. 31; Schuhmann, ungewisse Verbindlichkeiten, StBp. 2006, S. 23.

[8] Vgl. Kozikowski/Schubert, in: Elrott et al., BeBiKo., 2010, §249 HGB, Rn. 29f.

[9] Vgl. Mayer-Wegelin/Kessler/Höfer in: Küting/Weber, Handbuch der Rechnungslegung Einzelabschluss, Gesetz § 249, Rn 38, Stand 03/2010.

[10] Vgl. Baetge/Kirsch/Thiele, Bilanzen, 2009, S. 413.

[11] Vgl. Mayer-Wegelin/Kessler/Höfer in: Küting/Weber, Handbuch der Rechnungslegung Einzelabschluss, Gesetz § 249, Rn 38, Stand 03/2010.

[12] Vgl. Schuhmann, ungewisse Verbindlichkeiten, StBp. 2006, S. 25.

[13] Vgl. BT-Drucks. 16/10067, S. 52; Weigl/Weber/Costa, Rückstellung, BB 2009, S. 1063.

[14] Vgl. IDW ERS HFA 27, Tz. 3; BT-Drucks. 16/10067, S. 67; van Hall/Kessler, in: Kessler/Leinen/Strickmann, Handbuch BilMoG, 2009, S. 389.

[15] Dabei ist nur der Steueraufwand betroffen, der mit dem handelsrechtlichen Ergebnis korrespondiert. Vgl hierzu Zimmert, Gesetzeslücke, DStR 2010, S. 826.

[16] Vgl. Ernst, Bilanzierung, SteuerStud. 2009, S. 584 ff.; Herzig/Vossel, Interdependenzen, KSzW 2010, S. 58.

[17] § 274 Abs. 1 S.1 HGB.

[18] Vgl. Herzig/Vossel, Paradigmenwechsel, BB 2009, S. 1175.

[19] Vgl. Kozikowski/Schubert, in: Elrott et al., BeBiKo., 2010, §274 HGB, Rn. 21.

[20] Vgl. Ernst, SteuerStud. 2009, S. 587; Kühne/Melcher/Wesemann, Grundlagen, Wpg. 2009, S. 1007.

[21] Vgl. IDW ERS HFA 27, Tz. 5.

[22] Vgl. BT-Drucks. 16/10067, S. 67.

[23] Vgl. IDW ERS HFA 27, Tz. 5; BT-Drucks. 16/10067, S. 67.

[24] § 274 Abs. 2 S. 1 HGB.

[25] Vgl. BT-Drucks. 16/10067, S. 68; IDW ERS HFA 27, Tz. 25.

[26] Hinsichtlich des saldierten oder unsaldierten Ausweises latenter Steuern vgl zum weiteren Verständnis hierzu IDW ERS HFA 27, Tz. 29 ff.; Herzig/Vossel, Paradigmenwechsel, BB 2009, S. 1176 f.; Kühne/Melcher/Wesemann, Grundlagen, WPg. 2009, S. 1011.

[27] Vgl. § 274 Abs. 2 S. 2 HGB.

[28] Vgl. IDW ERS HFA 27, Tz. 19; Kessler/Leinen/Paulus, BilMoG, KoR 2009, S. 718.

[29] Vgl. Wendholt/Wesermann, Umsetzung, DB 2009, S. 72 f., Kühne/Melcher/Wesemann, Zweifelsfragen, WPg. 2009, S. 1061.

[30] Vgl. IDW ERS HFA 27, Tz. 3, 20; BT-Drucks. 16/10067, S. 68; Ott, Problembereiche, StuB 2009, S. 623.

[31] Vgl. Abschnitt 3.2.

[32] Vgl. IDW ERS HFA 27, Tz. 20.

[33] Vgl. Ott, Problembereiche, StuB 2009, S. 623.

[34] Vgl. Ellrott, in: Ellrott et al., BeBiKo, 2010, §274 a HGB, Rn. 6.

[35] Nach alter Rechtslage wurden passive latente Steuern durch das Timing-Konzept gemäß § 274 Abs. 1 HGB a. F. ermittelt, für welche eine Rückstellung gebildet wurde. Es basiert auf einen Vergleich des handelsrechtlichen Jahresüberschusses mit dem steuerlichen Gewinn. Insofern waren nur erfolgswirksame Sachverhalte zu berücksichtigen. Vgl. hierzu Herzig/Vossel, Interdependenzen, KSzW 2010, S. 58; van Hall/Kessler, in: Kessler/Leinen/Strickmann: Handbuch BilMoG, 2009, S. 388 f.

[36] ; van Hall/Kessler, in: Kessler/Leinen/Strickmann: Handbuch BilMoG, 2009, S. 400.

[37] Vgl. BT-Drucks 16/10047, S. 67; Kessler/Leinen/Paulus, BilMoG, KoR 2009, S. 719.

[38] BT-Drucks 16/10047, S. 67, beide Zitate.

[39] Vgl. Förschle/Usinger, in: Ellrott et al., BeBiKo., 2010, §248 HGB, Rn. 11 ff.; Ernst/Seidler, Gesetz, BB 2009, S. 767.

[40] Vgl. Kozikowski/Fischer, in: Ellrott et al., BeBiKo., 2010, §274 HGB, Rn. 25.

[41] Vgl IDW ERS HFA 27, Tz. 20.

[42] Vgl. Kessler/Leinen/Paulus, BilMoG, KoR 2009, S. 719.

[43] Vgl. Kessler/Leinen/Paulus, BilMoG, KoR 2009, S. 719.

[44] Vgl. Gelhausen/Fey/Kämpfer, Rechnungslegung, 2009, S. 77.

[45] Vgl. Abschnitt 2.2.

[46] § 7 g Abs. 1 EStG.

[47] Vgl. Zimmert, Gesetzeslücke, DStR 2010, S. 826; Ott, Problembereiche, StuB 2009, S. 624.

[48] Vgl. § 7g Abs. 2 EStG.

[49] Vgl. Zimmert, Gesetzeslücke, DStR 2010, S. 826.

[50] Vgl. Kessler/Leinen/Paulus, BilMoG, KoR 2009, S. 719.

[51] Vgl. Kessler/Leinen/Paulus, BilMoG, KoR 2009, S. 720.

[52] Vgl. IDW ERS HFA 27, Tz 10; Ott, Problembereiche, StuB 2009, S. 624; Zimmert, Gesetzeslücke, DStR 2010, S. 827.

[53] Vgl. Zimmert, Gesetzeslücke, DStR 2010, S. 827.

[54] Vgl. Kessler, in: Kessler/Leinen/Strickmann: Handbuch BilMoG, 2009, S. 278.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Das Verhältnis passiver latenter Steuern gemäß § 274 Abs. 1 S. 1 HGB zu Rückstellungen gemäß § 249 Abs.1 S. 1 HGB
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
17
Katalognummer
V162307
ISBN (eBook)
9783668439320
ISBN (Buch)
9783668439337
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verhältnis, steuern, rückstellungen
Arbeit zitieren
Martin Nguyen (Autor), 2010, Das Verhältnis passiver latenter Steuern gemäß § 274 Abs. 1 S. 1 HGB zu Rückstellungen gemäß § 249 Abs.1 S. 1 HGB, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162307

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