Macht und Herrschaft vor dem Hintergrund der Internationalen Beziehungen

Gibt es Berührungspunkte zwischen dem Machtverständnis Hannah Arendts und dem Sozialkonstruktivismus Alexander Wendts?


Hausarbeit, 2010

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Konstruktivismus

3. Das Machtverständnis Hannah Arendts

4. Analyse

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema „Macht und Herrschaft“ vor dem Hintergrund der internationalen Beziehungen und der Machtkonzeption Hannah Arendts. Der Sozialkonstruktivismus nach Wendt geht davon aus, dass nicht-materielle Faktoren zentrale Erklärungsansätze für die Beschaffenheit der internationalen Ebene bilden (vgl. Ulbert 2006: 414). Dadurch unterscheidet sich der Sozialkonstruktivismus erheblich von realistischen und institutionalistischen Theorien, welche vorwiegend materielle Faktoren als zentrale Erklärungsfaktoren für die Beschaffenheit der internationalen Ebene und deren Strukturen verantwortlich machen (vgl. Schimmelfennig 2008: 160). Für den Sozialkonstruktivismus hingegen sind intersubjektive und ideelle Strukturen von primärer Bedeutung, wobei diese Strukturen die Handlungen der Akteure beeinflussen und deren Interessen prägen (vgl. Ulbert 2006: 417). Es wird davon ausgegangen, dass Werte, Normen und Identitäten sozial konstruiert sind und dadurch die internationale Ebene und deren Struktur beeinflussen, wobei die Konstruktion von Rollen und Identitäten erst in zwischenstaatlichen Auseinandersetzungen einzelner Akteure stattfindet (vgl. Schimmelfennig 2008: 160). Durch das Aufeinandertreffen der Akteure im zwischenstaatlichen Raum auf internationaler Ebene definieren sich deren Rollen und Erwartungshaltungen, d.h. erst durch Kommunikationsprozesse bilden sich Identitäten der Akteure und deren Interessen aus (vgl. Schimmelfennig 2008: 165). Betrachtet man die Definition des Begriffs „Macht“ nach Arendt, so lassen sich bestimmte Annahmen des Konstruktivismus wiederfinden:

Macht entspricht der menschlichen Fähigkeit, nicht nur zu handeln oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschließen und in Einvernehmen mit ihnen zu handeln. (Arendt 1970: 45)

Hannah Arendts Machtverständnis ist primär davon geprägt, dass Macht ein soziales Phänomen ist, welches vorallem in der Fähigkeit zum Handeln besteht. Kommunikation und Kooperation bilden zentrale Elemente ihres Machtverständnisses. Im Rahmen dieser Arbeit sollen die Grundannahmen des Sozialkonstruktivismus Alexander Wendts mit der Machtkonzeption Hannah Arendts in Verbindung gebracht werden. Es soll der Fragestellung nachgegangen werden, inwiefern sich Gemeinsamkeiten zwischen der Machtkonzeption Arendts und dem Sozialkonstruktivismus Wendts finden lassen. Um mögliche Gemeinsamkeiten oder Verbindungen dieser beiden differenten Theorien und Konzeptionen zu finden, wird in einem ersten Teil der Sozialkonstruktivismus Alexander Wendts vorgestellt. Im Anschluss an diesen Teil wird Hannah Arendts Machtverständnis anhand ihres Werkes „Macht und Gewalt“ skizziert. In einem letzten Teil werden schließlich beide Theorien miteinander in Verbindung gebracht. Letztlich wird ein Fazit diese Arbeit abrunden und beantworten, inwiefern Verbindungen und Gemeinsamkeiten bestehen.

2. Konstruktivismus

Im folgenden Teil der Arbeit werden die Grundannahmen des Sozialkonstruktivismus nach Wendt vorgestellt. Zunächst soll eine Tabelle (1.1) die Übersicht über die zentralen Elemente des Konstruktivismus darstellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(vgl. Schimmelfennig 2008: 186, mod. nach Shafiq)

Der Konstruktivismus zählt zu den neueren Theorien der Internationalen Beziehungen und ist stark von der Soziologie und anderen Kulturwissenschaften geprägt (vgl. Krell 2003: 322). Hervorgegangen aus Debatten zwischen Realismus und Institutionalismus in den 1990er Jahren ist der Konstruktivismus in den Internationalen Beziehungen eine Theorie, welche erstmals ideelle und intersubjektive Strukturen als relevante Faktoren für die Erklärung internationaler Politik nutzt (vgl. Schimmelfennig 2008: 160). Einheitlich handelnde Staaten aber auch gesellschaftliche Akteure wie beispielsweise transnationale zivil-gesellschaftliche Netzwerke bilden im Konstruktivismus die zentralen Akteure, wobei nicht die Akteursauswahl, sondern vielmehr die Dispositionen der Akteure und deren Identitätsfindung von Bedeutung sind (vgl. Schimmelfennig 2008: 162). Während in anderen Theorien der Internationalen Beziehungen die Akteure zweckrational und utilitaristisch handeln, agieren die Akteure im Konstruktivismus nach einer Logik der Angemessenheit (vgl. Schimmelfennig 2008: 163). Diese „Logik der Angemessenheit“ lehnt sich dabei an gesellschaftliche Regeln und Erwartungen, normative Verpflichtungen und moralische Prinzipien an (vgl. Schimmelfennig 2008: 163). Schimmelfennig definiert die Logik der Angemessenheit wie folgt:

Wenn Akteure der Logik der Angemessenheit folgen, wählen sie diejenige Handlungsweise, die in der gegebenen Situation ihrer sozialen Rolle, den geltenden sozialen Normen, den institutionellen Regeln oder den kulturellen Werten ihrer Gemeinschaft angemessen ist.

(Schimmelfennig 2008: 162)

Anders als beispielsweise im Realismus sind Handlungen demnach nicht nur zweckrational bestimmt, sondern unterliegen gewissen sozialen Bedingungen. Alexander Wendt formuliert, ähnlich wie auch Schimmelfennig, diese sozialen Bedingungen:

The vast majority of states today see themselves as part of a “society of states” whose norms they adhere to not because of on-going self interested calculations that it is good for them as individual states, but because they have internalized and identify with them. This is not to deny that states are self-interested in much of what they do within the boundaries of that society. But with respect to many of the fundamental questions of their co-existence states have already achieved a level of collective interests that goes well beyond “Realism”.

(Krell 2003, zitiert nach Wendt 1999, S. 242)

Wendt verdeutlicht, dass Interessen und Zielsetzungen der Akteure nicht nur aufgrund von zweckrationalen Zielsetzungen und Kosten-Nutzen Kalkulationen gebildet werden. Über Identifikationsmechanismen und die Internalisierung bestimmter Werte und Normen bildet sich eine Staatengemeinschaft, deren Mitglieder aufgrund dieser Werte und Normen bestimmte Handlungsoptionen wahrnehmen oder ausschließen. Innerhalb der Staatengemeinschaft können dennoch egoistische, beziehungsweise zweckrationale Ziele und Interessen verfolgt werden, wobei diese Zielsetzungen und Interessen durch die Werte und Normen der Gemeinschaft „beschränkt“ sind. Letztlich bilden die Normen und Werte einer Gesellschaft die Rahmenbedingungen für die Handlungen der Akteure. Durch diese Annahme hebt sich der Konstruktivismus deutlich von anderen Theorien ab, welche den einzelnen Staat immer als zweckrational orientierten Akteur darstellen und vorallem materielle Faktoren als

Erklärungsansätze nutzen. Der Konstruktivismus nach Wendt geht davon aus, dass Akteure und Strukturen in einer wechselseitigen Beziehung zueinander stehen, d.h. sie determinieren sich gegenseitig (vgl. Ulbert 2006: 417). So sind Strukturen zum einen konstitutiv für die Akteure und deren Interessen, zum anderen können Akteure durch ihre Handlungen die Strukturen aufrechterhalten, reproduzieren oder verändern (vgl. Ulbert 2006: 417). Ideelle und intersubjektive Strukturen wirken jedoch nicht nur verhaltensbeschränkend, sondern bilden vielmehr die Rahmenbedingungen für die Handlungen und die Handlungsoptionen der Akteure (vgl. Ulbert 2006: 17). Zu den intersubjektiven und ideellen Strukturen zählen Regeln und Schemata, welche von Gruppen geteilt werden, wobei zwischen kausalen und instrumentellen Ideen auf der einen Seite und prinzipiellen Ideen auf der anderen Seite differenziert wird (vgl. Schimmelfennig 2008: 164). Kausale und instrumentelle Ideen umfassen das Wissen der Akteure, während prinzipielle Ideen in Werte und Normen unterteilbar sind (vgl. Schimmelfennig 2008: 164). Politische Werte sind Ziele, beziehungsweise Zwecke politischer Ordnungen (vgl. Schimmelfennig 2008: 165). Demokratie, Freiheit und Gleichheit lassen sich als Beispielsweise politischer Werte definieren. Teilen Gruppen bestimmte Werte, so spricht man von einer „Wertegemeinschaft“ (vgl. Schimmelfennig 2008: 165). Normen bezeichnen kollektive Standards bezüglich des Handelns von Akteuren (vgl. Schimmelfennig 2008: 165). Während Werte auf politische Zustände und Zwecke politischer Ordnung abzielen, betreffen Normen vorallem die Verhaltensweisen der Akteure (Schimmelfennig 2008: 165). Angemessenes Handeln ist eine normative Dimension, wobei dann von normativen Gemeinschaften gesprochen wird, wenn bestimmte Normen von Gruppen geteilt werden (Schimmelfennig 2008: 165). Wird davon ausgegangen, dass sich Akteure und Strukturen gegenseitig determinieren, so hat diese Annahme einen direkten Einfluss auf die Strukturmerkmale des internationalen Systems (vgl. Ulbert 2008: 419). Anarchie ist auch in den konstruktivistischen Ansätzen ein zentrales Strukturmerkmal des internationalen Staatensystems, jedoch ist die Anarchie aus konstruktivistischer Sicht ein soziales Konstrukt, welches durch die einzelnen Akteure gebildet, beziehungsweise reproduziert oder verändert wird (vgl. Krell 2003: 333). Wendt betitelt dieses Konstrukt und dessen Bedeutung mit dem Satz: „Anarchy Is What States Make of It“ (Krell, 2003, zitiert nach Wendt 1992: 129-177). Anhand dieser Aussage wird deutlich, dass Akteure für Strukturmerkmale auf internationaler Ebene verantwortlich sein können und erst durch ihre Einstellungen und Ideen die Strukturmerkmale ihre Bedeutung erhalten.

Wahrend andere Theorien wie beispielsweise der Realismus davon ausgehen, dass die Anarchie auf internationaler Ebene zwangsweise zu einem Sicherheitsdilemma führt und die Interessen der Staaten determiniert, schließt der Konstruktivismus nicht aus, dass Staaten mit ähnlichen Interessen trotz der vorherrschenden anarchischen Bedingungen kooperieren und sich aufgrund der gemeinsam geteilten Werte und Normen für gewaltfreie Konfliktlösungen entscheiden (vgl. Krell 2003: 334). Auch unter den Bedingungen der Anarchie kann es demnach zu verschiedenen sozialen Verhältnissen zwischen den Akteure kommen. Unsicherheit und Machtkonkurrenz sind nach Schimmelfennig und Wendt daher keine unbedingten Konsequenzen der Anarchie, sondern werden vielmehr von den Akteuren selbst konstruiert (vgl. Schimmelfennig 2008: 168). Je nach Identität, Kultur und Interessen können Kooperationen und Freundschaften, aber auch Kriege und Feindschaften auf internationaler Ebene entstehen (vgl. Schimmelfennig 2008: 165). Nach Wendt sind die Identitäten der Akteure dabei von signifikanter Bedeutung für das internationale Staatensystem und deren Strukturmerkmale, da Identitäten letztlich die Interessen der Akteure definieren (vgl. Ulbert 2008: 420). So bilden sich die Identitäten und sozialen Rollen der Akteure in Interaktion mit anderen Akteuren auf zwischenstaatlicher Ebene aus (vgl. Ulbert 2008: 424). Erst durch Auseinandersetzung und Kommunikation zwischen den einzelnen Akteuren konstruieren die Akteure ihre sozialen Rollen und Identitäten, wobei nach Wendt zwischen korporativen und kollektiven Identitäten differenziert werden kann (vgl. Ulbert 2008: 424). Nach Wendt sind Staaten einheitlich handelnde Akteure, da sie bestimmte Merkmale aufweisen, die für alle Staaten von gleicher Bedeutung sind (vgl. Ulbert 2008: 424). So spielen materielle Kennzeichen, wie beispielsweise das politische System oder die Souveränität eine wichtige Rolle, aber auch die Handlungsmotivationen der Akteure, wie beispielsweise Existenzsicherung und Autonomie (vgl. Ulbert 2008: 424). Da diese Merkmale fürjeden Staat von gleich großem Stellenwert sind, betrachtet Wendt die Staaten als einheitlich handelnde Akteure, die dadurch über eine korporative Identität verfügen. Kollektive Identitäten oder soziale Identitäten hingegen entstehen dann, wenn sich Staaten untereinander bestimmte Rollen und Erwartungshaltungen zuschreiben (vgl. Ulbert 2008: 425). Treffen Akteure auf zwischenstaatlicher Ebene aufeinander, so weisen sich diese Akteure von vornherein bestimmte Rollen und Erwartungen zu.

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Details

Titel
Macht und Herrschaft vor dem Hintergrund der Internationalen Beziehungen
Untertitel
Gibt es Berührungspunkte zwischen dem Machtverständnis Hannah Arendts und dem Sozialkonstruktivismus Alexander Wendts?
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar Macht und Herrschaft
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V162337
ISBN (eBook)
9783640772421
ISBN (Buch)
9783640772858
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Macht, Herrschaft, Hintergrund, Internationalen, Beziehungen, Gibt, Berührungspunkte, Machtverständnis, Hannah, Arendts, Sozialkonstruktivismus, Alexander, Wendts
Arbeit zitieren
Fabian Shafiq (Autor), 2010, Macht und Herrschaft vor dem Hintergrund der Internationalen Beziehungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162337

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