Die Architektur von Fußballstadien hat nachweislich Einfluss auf Zuschauerzahlen, Atmosphäre und die wirtschaftliche Entwicklung von Profivereinen. Empirische Studien zeigen, dass monofunktionale Fußballstadien (ausschließlich für Fußball ausgelegt) im Vergleich zu multifunktionalen Arenen deutlich höhere Zuschauerzahlen und Mehreinnahmen generieren. So belegt Maennig (2013), dass reine Fußballarenen durchschnittlich 2800 Zuschauer mehr pro Saison verzeichnen – ein Plus von rund 10,7 %. Langfristig steigert der sogenannte „Arena-Effekt“ die Zuschauerzahlen sogar um durchschnittlich 47600 pro Saison. Verantwortliche betonen zudem qualitative Vorteile wie bessere Akustik, Spielfeldnähe und intensivere Stimmung.
Vor diesem Hintergrund verfolgt Hertha BSC seit den 1990er-Jahren das Ziel, ein eigenes Fußballstadion zu errichten. Bereits im Zuge der Bewerbung Berlins für die Olympischen Spiele 2000 wurde über Alternativen zum Olympiastadion diskutiert. Hertha plädierte damals für ein reines Fußballstadion auf dem Olympiagelände. Der Denkmalschutz sowie der Anspruch auf Multifunktionalität verhinderten jedoch einen Umbau des historischen Stadions. Auch nach der umfassenden Sanierung in den 2000er-Jahren blieb der Wunsch nach einer eigenen Arena bestehen.
2017 konkretisierte Hertha unter dem Motto „Steil, nah, laut“ die Pläne für ein eigenes Stadion mit rund 55.000 Plätzen. Hauptgründe waren die unzureichende Atmosphäre im weitläufigen Olympiastadion, die geringe Auslastung (ca. 64 %) sowie die hohen Mietkosten. In einer Standortanalyse wurden über 50 Optionen geprüft. Trotz attraktiver Alternativen wie dem Brandenburg Park blieb das Olympiagelände die bevorzugte Lösung – vorausgesetzt, der Berliner Senat unterstützt das Vorhaben.
Zahlreiche Initiativen, darunter eine Fanpetition mit über 17.000 Unterschriften (2019), konnten jedoch keine abschließende Standortentscheidung herbeiführen. Der Olympiapark überzeugt zwar infrastrukturell, aber Denkmal- und Umweltschutz sowie wirtschaftliche Interessen Berlins stehen einer Umsetzung entgegen.
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3. Sportpolitische Herausforderungen
4. Stadtpolitische Herausforderungen
5. Fazit
6. Literaturverzeichnis
Gender-Hinweis
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in dieser Bachelorarbeit die
Sprachform des generischen Maskulinums angewendet. Es wird an dieser Stelle
darauf hingewiesen, dass die ausschließliche Verwendung der männlichen Form
geschlechtsunabhängig verstanden werden soll.
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Denkmalkarte – Baudenkmal FLD_09040530
Abbildung 2: Geschäftsmodell im Stadionmanagement
Abbildung 3: Stakeholder bei einem Stadionprojekt
1. Einleitung
1.2 Problemstellung und Relevanz
Die Architektur von Fußballstadien beeinflusst maßgeblich Zuschauerzahlen, Atmosphäre und wirtschaftliche Entwicklung von Profivereinen. Empirische Studien belegen, dass monofunktionale Fußballarenen (speziell für Fußball konzipierte Stadien) signifikant höhere Zuschauerzahlen generieren als multifunktionale Stadien. Maennig (2013: 45) wies nach, dass reine Fußballstadien durchschnittlich 2.800 Zuschauer mehr pro Saison (Zuwachs von 10,7 %) anziehen. Neben kurzfristigen Neuheitseffekten entfaltet der sogenannte „Arena-Effekt“ auch langfristig eine positive Wirkung: durchschnittlich 47.600 zusätzliche Zuschauer pro Saison und signifikante Mehreinnahmen. Vereinsverantwortliche betonen qualitative Vorteile von monofunktionalen Arenen, wie eine bessere Akustik, die Nähe zum Spielfeld und eine intensivere Atmosphäre.
Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich auch der Berliner Fußballverein Hertha BSC seit Jahren mit der Frage einer eigenen monofunktionalen Fußballarena. Bereits im Rahmen der Bewerbung für die Olympischen Spiele 2000 wurde über die Zukunft des damals maroden Olympiastadions diskutiert. Dabei standen drei Varianten im Fokus: ein kompletter Neubau, ein Umbau unter Erhalt der denkmalgeschützten Fassade oder die Stilllegung des Stadions zugunsten eines Neubaus auf dem Maifeld. Hertha BSC sprach sich bereits damals für ein reines Fußballstadion auf dem Olympiagelände aus (Jahn 2011: 343). Argumente wie Denkmalschutz und Multifunktionalität stehen einem Umbau des Olympiastadions Berlin entgegen. Trotz der umfassenden Modernisierung des Olympiastadions in den frühen 2000er-Jahren blieb die Diskussion um eine spezifische Fußballarena aktuell (Odenthal 2021).
Im Jahr 2017 konkretisierte Hertha BSC den Wunsch, unter dem Motto „Steil, nah, laut – Hertha Fußballarena“, bis zum 133. Vereinsgeburtstag im Jahr 2025 ein reines Fußballstadion mit rund 55.000 Plätzen im Olympiapark zu errichten. Die Gründe sind vielfältig: eine zu geringe Auslastung im viel zu großen Olympiastadion (rund 64 %), die große Distanz zum Spielfeld, die jährliche Miete in Millionenhöhe. Eine neue Arena soll neben einer besseren Auslastung auch eine intensivere, emotionalere Atmosphäre und neue Vermarktungsmöglichkeiten für den Verein bieten (Hertha BSC 2017; Grimm 2019).
Im Rahmen einer Standortanalyse im Jahr 2017 prüfte Hertha BSC über 50 mögliche Alternativen, die Kriterien wie Verkehrsanbindung, Flächenverfügbarkeit, Nachbarschaft und Erschließung implizierte. Der Brandenburg Park in Ludwigsfelde wurde zwar als gut geeignete Alternative identifiziert, der Olympiapark blieb jedoch der priorisierte Wunschstandort. Eine Realisierung erschien aber nur mit Unterstützung des Senats möglich, um langfristig wirtschaftlich wettbewerbsfähig zu bleiben (Hertha BSC 2017).
Trotz zahlreicher Initiativen, darunter eine Fanpetition der vereinsunabhängigen Faninitiative „Blau-Weißes Stadion!“, die 2019 über 17.000 Unterschriften für ein neues Stadion auf dem Olympiagelände sammelte (Säzzer 2019) und den Runden Tisch „Blau-Weißes Stadion!“ mit allen relevanten Akteuren initiierte (Säzzer 2020), konnte bislang keine Einigung über einen konkreten Standort erzielt werden. Die Standortfrage stellt eine zentrale Herausforderung dar. Das Olympiagelände punktet mit Infrastruktur und Verkehrsanbindung, jedoch sprechen Denkmalschutz, ökologische Auflagen und mögliche Einnahmeverluste Berlins dagegen (Zawatka-Gerlach 2019; Odenthal 2021).
Im Jahr 2022 sprach sich die Mehrheit der beteiligten Akteure für das Olympiagelände als bevorzugten Standort aus, insbesondere für das Areal „Lindeneck“ am Maifeld. Um die Realisierungschancen zu erhöhen, empfahl die Berliner Sportsenatorin Iris Spranger eine Reduktion der Stadionkapazität auf 40.000 bis 45.000 Plätze (Säzzer 2022). Im September 2024 legte eine Expertenkommission, bestehend u. a. aus Vertretern des Senats, des Denkmalschutzes und der Faninitiative, schließlich das Reiterstadion an der Jesse-Owens-Allee als präferierten Standort fest. Ausschlaggebend waren geringere Eingriffe in den denkmalgeschützten Olympiapark, Umweltaspekte sowie die verkehrstechnisch vorteilhafte Lage. Eine Fertigstellung des neuen Stadions ist jedoch nicht vor 2030 zu erwarten (Hermanns und Gerards 2024).
Die Diskussion um ein neues Stadion für Hertha BSC zeigt exemplarisch, welche komplexen Interessenlagen und Herausforderungen mit der Realisierung eines modernen, fußballspezifischen Stadions in einem urbanen Umfeld verbunden sind.
1.3 Zielsetzung und Forschungsfragen
Ziel dieser Arbeit ist es, die stadt- und sportpolitischen Herausforderungen im Kontext mit dem geplanten Stadionneubau von Hertha BSC systematisch zu untersuchen. Im Mittelpunkt stehen die Interessen und Strategien politischer, gesellschaftlicher und sportlicher Akteure, wie auch die planerischen, rechtlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen. Die Arbeit leistet somit einen Beitrag zum Verständnis urbaner Großprojekte im Spannungsverhältnis zwischen sportlichen Interessen, städtebaulichen Entwicklungen und politischen Entscheidungsprozessen. Vor diesem Hintergrund werden folgende Forschungsfragen untersucht:
- Wie lassen sich die sportpolitischen Interessen von Hertha BSC mit den stadtpolitischen Anforderungen Berlins im Kontext eines Stadionneubaus vereinbaren?
- Welche Rollen und Interessen vertreten zentrale Akteure im Konflikt um den Stadionneubau von Hertha BSC, und inwiefern haben diese den Planungsprozess beeinflusst oder blockiert?
- Wie können zukünftige Strategien zum Stadionneubau von Hertha BSC die Interessen von Verein, Stadtpolitik und Zivilgesellschaft nachhaltig vereinen?
1.4 Methodik und Aufbau der Arbeit
Die empirische Sozialforschung zielt darauf ab, Theorien systematisch zu überprüfen, indem sie gesellschaftliche oder natürliche Gegebenheiten untersucht, Fragestellungen operationalisiert und empirisch prüft sowie soziale Strukturen und Zusammenhänge analysiert (Schnell et al. 2013).
Im Rahmen dieser Arbeit dient die empirische Sozialforschung dazu, die politischen Prozesse und Akteurskonstellationen rund um das geplante Stadionprojekt von Hertha BSC systematisch zu analysieren. Dabei werden gesellschaftliche, institutionelle und rechtliche Rahmenbedingungen betrachtet, um bestehende theoretische Annahmen zu überprüfen und ein vertieftes Verständnis der politischen Dynamiken und Entscheidungsmechanismen im städtischen Kontext zu entwickeln.
Für die vorliegende Arbeit wurde ein qualitativer Forschungsansatz gewählt, der auf einer dokumentarischen Analyse politischer und medialer Quellen basiert. Hierzu werden relevante Dokumente wie Sitzungsprotokolle des Berliner Abgeordnetenhauses, des Bezirksamtes Charlottenburg-Wilmersdorf sowie einschlägiger Ausschüsse, Stellungsnahmen politischer Akteure (u. a. Senat, Bezirksamt, Parteien), Medienberichte und Sekundärliteratur zu vergleichbaren stadtpolitischen Großprojekten ausgewertet. Die Auswertung erfolgt durch eine qualitative Inhaltsanalyse, um zentrale Argumentationslinien, Konfliktpunkte und Machtverhältnisse im politischen Entscheidungsprozess herauszustellen.
Die Arbeit gliedert sich in fünf Kapitel. Kapitel 1 führt in das Thema ein und erläutert die Zielsetzung sowie die methodische Vorgehensweise. Kapitel 2 thematisiert die theoretischen Grundlagen (Sport- und Stadtpolitik, Entwicklung und Bedeutung von Stadien, Funktionen moderner Arenen und Spezifika politischer Entscheidungsprozesse bei Großprojekten). Kapitel 3 untersucht die sportpolitischen Herausforderungen, während Kapitel 4 die stadtpolitischen Rahmenbedingungen und Konfliktfelder analysiert. Die Arbeit schließt mit einem zusammenfassenden Fazit in Kapitel 5 ab.
2. Theoretische Grundlagen
2.1 Sport- und Stadtpolitik: Begriffe und theoretische Grundlagen
2.1.1 Sportpolitik
Sportpolitik umfasst sämtliche sportbezogene Planungs- und Entscheidungsprozesse, die staatliche Maßnahmen und das Handeln gesellschaftlicher Gruppen einschließen. Ziel ist die Steuerung und Unterstützung des freien, organisierten und institutionalisierten Sports. Sport ist kein autonomer Bereich, sondern interagiert permanent mit politischen Strukturen und Entscheidungen, wobei seine Rolle im gesellschaftlichen Gefüge wesentlich durch die sportpolitische Bewertung und Prioritätensetzung der jeweils regierenden Parteien bestimmt wird (Bloss 1992: 440).
Das deutsche Sportsystem basiert auf den Prinzipien Autonomie, Subsidiarität, Föderalismus, Kooperation und Koexistenz. Die Selbstverwaltung des Sports bildet gemäß Artikel 8, 9 GG die Grundlage der Vereinstätigkeit. Der Staat unterstützt den Sport überwiegend finanziell, insbesondere beim Ausbau der Sportinfrastruktur, die zu etwa zwei Dritteln in kommunaler Trägerschaft liegt. Die Zusammenarbeit zwischen Sportorganisationen und staatlichen Akteuren wird durch das Kooperationsprinzip geprägt (Mittag 2023: 16 ff.).
Das komplexe und dynamische Politikfeld Sport lässt sich durch die drei Dimensionen des Politikbegriffs veranschaulichen:
- Polity beschreibt die institutionellen, normativen und strukturellen Rahmenbedingungen politischen Handelns, wie die grundlegende Verteilung von Kompetenzen und Macht zwischen Staat und Sport,
- Politics meint den politischen Prozess im Sinne der Auseinandersetzung und Interaktion zwischen staatlichen sowie sportinternen Akteuren,
- Policy umfasst die inhaltliche Dimension politischen Handelns, darunter politische Zielsetzungen sowie deren Entstehung, Dynamik und Wirkungen.
Diese drei Dimensionen sind interdependent. Seit den 2000er-Jahren betont die Governance-Perspektive verstärkt die Rolle nichtstaatlicher, zivilgesellschaftlicher Akteure bei der Bearbeitung gesellschaftlicher Probleme, insbesondere im Sport, der traditionell durch private Selbstregulierung geprägt ist (Meier 2022: 435).
Die deutsche Sport-Polity ist durch ein komplexes Mehrebenensystem gekennzeichnet, das von der kommunalen Ebene über die Länder bis zum Bund und zur EU reicht. Während die generelle Zuständigkeit gemäß Artikel 30 GG den Ländern obliegt, übernimmt der Bund Aufgaben von nationalem und internationalem Interesse. Auf Länderebene beschäftigen sich Sportausschüsse insbesondere mit Sportstätten und der Umwelt. Auf kommunaler Ebene tragen Sportdezernate, Bürgermeister und Beigeordnete Verantwortung für den Erhalt und Ausbau der Sportstätteninfrastruktur, wobei Diskussionen aufgrund angespannter Haushaltslagen häufig von Kompromissen geprägt sind. Neben staatlichen Institutionen und dem organisierten Sport (Sportvereine, Sportverbände (z. B. DOSB) sowie internationale Sportorganisationen) wirken weitere Akteure wie Sportartikelhersteller, Sportstättenbauer, Sponsoren oder die Tourismus- und Freizeitwirtschaft (Lösche 2010: 14–19; Mittag 2023: 20 ff.).
Auf der Ebene der Sport-Politics zeigt sich, dass Entscheidungen in der Sportpolitik grundsätzlich das Ergebnis langwieriger, konsensorientierter Aushandlungsprozesse sind. Diese lassen sich in den politischen Willensbildungsprozess (Informationssammlung, Interessensanalyse verschiedener Akteursgruppen, Zieldefinitionen), den Entscheidungsprozess (Abgleich und Aushandlung divergierender Interessen) und den Implementierungsprozess (praktische Umsetzung beschlossener Maßnahmen) unterteilen. Insbesondere die Phase der Willensbildung ist von Interessenkonflikten und Machtkämpfen geprägt (Lösche 2010: 19; Daumann et al. 2024: 140 ff.).
Die Sport-Policy umfasst u. a. Programme, Maßnahmen, Zielsetzungen und gesetzliche Regelungen, die von staatlichen Institutionen, Sportverbänden, zivilgesellschaftlichen Organisationen und weiteren Stakeholdern erarbeitet und umgesetzt werden (Daumann et al. 2024: 143).
2.1.2 Stadtpolitik
Die Kooperation zwischen Städten und dem organisierten Sport ist von zentraler Bedeutung und sollte kontinuierlich gefördert werden. Sportvereine leisten über die Bereitstellung sportlicher Aktivitäten hinaus wesentliche Beiträge zur gesellschaftlichen Integration, sozialen Teilhabe und Jugendarbeit. Zudem sind sie relevante Partner bei städtischen Bau- und Infrastrukturprojekten (Mommert und Hebborn 2022: 14 f.).
Seit den 1970er Jahren hat sich die Abhängigkeit des Sports vom Staat grundlegend gewandelt, indem seither ein wachsender politischer Zugriff auf den Sport zu beobachten ist, der zunehmend zum Gegenstand staatlicher Interessen und Maßnahmen geworden ist (Daumann et al. 2024: 120). In der Stadtentwicklung wird Sportinfrastruktur zunehmend, unter Berücksichtigung sozialer, ökologischer und ökonomischer Aspekte über den gesamten Lebenszyklus hinweg, in die Quartiers- und Stadtplanung integriert. Die wachsende Verdichtung urbaner Räume, angespannte Haushaltslagen und Zielkonflikte, etwa zwischen Wohnungsbau und Sportanlagen, verstärken dies (Mommert und Hebborn 2022: 17 ff.).
Sportgroßveranstaltungen und der Ligabetrieb großer Teamsportarten bieten vielfältige Chancen: Sie fördern Breiten- und Spitzensport, schaffen Arbeitsplätze, stiften Identität, tragen zur Nachwuchsgewinnung bei und können durch Investitionen in Sport- und Verkehrsinfrastruktur die Lebensqualität und Sportentwicklung einer Stadt verbessern. Zugleich stellen sie Kommunen vor Herausforderungen, speziell hinsichtlich der Akzeptanz der Bevölkerung, Nachhaltigkeit und Finanzierung (ebd.: 21 ff.).
Neokorporatismus beschreibt die institutionalisierte Kooperation zwischen Staat und ausgewählten Interessenverbänden zur kooperativen Bewältigung gesellschaftlicher Probleme und beruht auf langfristigen, konsensorientierten Austauschprozessen zwischen Staat und Verbänden, die weitgehend in geschlossenen Systemen („closed shops“) außerhalb öffentlicher politischer Debatten stattfinden. Diese neokorporatistischen Strukturen geraten in der deutschen Sportpolitik zunehmend unter Druck, was sich in einem wachsenden Interesse von Karrierepolitikern und Parteiführungen an sportpolitischen Themen und einer erstärkten Rolle des Parlaments widerspiegelt. Gleichzeitig haben Debatten über Großsportereignisse und Stadionneubauten, insbesondere aufgrund sozialer, ökologischer und stadtentwicklungspolitischer Bedenken sowie der sinkenden Legitimität internationaler Sportorganisationen, an politischer Brisanz gewonnen (Meier 2022: 440 f.; Voelzkow 2013).
2.2 Entwicklung von Stadien und Funktionen moderner Arenen
Stadien gehören zur Unterkategorie großdimensionierter Sportanlagen, sind typischerweise auf den Spitzensport ausgerichtet und zeichnen sich durch ihre raumwirksame Infrastruktur aus. Sie verfügen über umfangreiche Infrastrukturen für Sportler und Zuschauer, befinden sich zunehmend in privatem Besitz und sind meist Teil der städtischen Infrastruktur. Bis in die 1980er-Jahre dominierte nach antiken Vorbildern das langgestreckte Stadion als Leitbild. Seither wurde dieses Leitbild vermehrt von Arenen mit ovalem Grundriss abgelöst, die an das römische Amphitheater erinnern, somit auf eine klassische 400-Meter-Laufbahn verzichten und mit integrierter Dachbeleuchtung eine kompaktere, geschlossene Architektur aufweisen (Rotter 2011: 23 ff.).
International entwickelte sich der Stadionbau somit von multifunktionalen Leichtathletikanlagen zu spezialisierten Fußballarenen, vorangetrieben durch Großveranstaltungen wie die Olympischen Spiele oder Weltmeisterschaften. Moderne, reine Fußballstadien ermöglichen im Gegensatz zu Leichtathletikstadien durch die Nähe der Tribünen ein intensiveres Zuschauererlebnis sowie bessere Sichtverhältnisse und sind durch überdachte Tribünen, VIP-Bereiche sowie technische und gastronomische Infrastruktur gekennzeichnet. In Deutschland wurden zur WM 2006 mehrere Leichtathletikstadien umgebaut, während die Olympiastadien in Berlin und München aus Denkmalschutzgründen bestehen blieben. Stadien prägen heute zunehmend das Stadtbild als ikonische Bauwerke und symbolisieren den neuen kulturellen und wirtschaftlichen Anspruch des Profifußballs (Bednarz und Jessen 2012; Wimmer 2014;).
Seit der Wiedervereinigung entstanden in Deutschland nur wenige architektonisch herausragende Stadien, da Vereinsmanager eher auf funktionale und kosteneffiziente Lösungen setzten, während die Kommunen für die städtebauliche Qualität zuständig sind. Öffentliche Zuschüsse stoßen zunehmend auf politische Widerstände, nicht zuletzt wegen Kritik an der Finanzierung des Profifußballs (Ahlfeldt und Maennig 2023: 389f.).
Ahlfeldt und Maenning (2023: 391) identifizieren zentrale Merkmale ikonischer Gebäude, die sich meist an prominenten, innerstädtischen Standorten befinden, demzufolge stadtentwicklungspolitische Planungsziele beinhalten und sich durch eine innovative, oft nicht primär funktionale, aber architektonisch herausragende Gestaltung auszeichnen. Typische Nutzungen umfassen traditionell Kunst, Kultur, Religion oder Verwaltung, zunehmend jedoch auch Sportarenen.
Ikonische Stadionarchitektur kann sowohl monetäre (z. B. über lokale Immobilienpreisanalysen) als auch immaterielle externe Effekte erzeugen. Da solche Projekte oft hohe Investitionen erfordern, ist eine wohlfahrtsökonomische Rechtfertigung öffentlicher Finanzierung notwendig, die durch nachweisbare positive externe Effekte (z. B. gelungener Städtebau) erfolgen kann (ebd.: 394 f.).
Die Kommerzialisierung und zunehmende Popularität des Profifußballs führen zu veränderten Anforderungen an Stadien und ihr städtebauliches Umfeld: Sie entwickeln sich zu multifunktionalen Veranstaltungszentren mit Hotels, Gastronomie, Fanshops und weiteren Einrichtungen, die eng mit dem Fußballbetrieb verknüpft sind, jedoch auch Potenziale für eine stärkere Einbindung in die Stadtgesellschaft bieten. Kommunen verfolgen das Ziel, ehemals isolierte Stadionkomplexe durch städtebauliche Integration und Aufwertung öffentlicher Räume dauerhaft zu beleben. Der Erfolg hängt hierbei von Lage, städtebaulicher Einbindung und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit der jeweiligen Stadt ab (Bednarz und Jessen 2012: 155).
Laut Sloterdijk fungieren moderne Stadien als zentrale urbane Versammlungsräume mit sozialer, kultureller und ökonomischer Bedeutung, wodurch ihre multifunktionale Nutzung zur wirtschaftlichen Absicherung beiträgt. Einnahmen aus Merchandising, Sponsoring und Namensrechten übersteigen klassische Eintrittsgelder. Großereignisse verdeutlichen ihre symbolische Aufladung und Funktion als Orte sozialer Differenzierung (Kraus 2022: 13 f.).
Moderne Fußballstadien lassen sich in drei Hauptformen unterscheiden: (1) Neubauten als reine Fußballstadien, (2) umgebaute Leichtathletikstadien ohne Laufbahn und (3) hybride Stadien mit erhaltener Laufbahn. Neubauten gelten aufgrund ihrer höheren Auslastung auf geringerem Raum als bevorzugte Lösung, sind jedoch kostenintensiver. Zukünftige Stadionprojekte müssen hohe technische, gestalterische und sicherheitsrelevante Anforderungen erfüllen sowie multifunktionale Nutzungsmöglichkeiten integrieren. Hauptziel bleibt jedoch, ein emotionales und eindrucksvolles Fußballerlebnis für die Zuschauer zu schaffen (Wimmer 2014: 144–148).
Dabei sind nationale (DFB) und internationale (FIFA) bauliche und sicherheitsrelevante Vorgaben zu beachten. Wesentlich sind zudem ausreichende Parkplätze und eine gute Verkehrsanbindung. Das Stadion sollte witterungsbeständig sein und sich auch für Veranstaltungen außerhalb des Sportkontextes eignen. Für das Zuschauererlebnis ist die Nähe der Tribünen zum Spielfeld entscheidend: Rechteckige Grundrisse, typisch für reine Fußballstadien, ermöglichen größere Nähe, während ovale Grundrisse mit Laufbahn auf multifunktionale Nutzung ausgerichtet sind (Rohlwing 2015: 92 ff.).
2.3 Bedeutung von Fußballstadien für Stadt, Vereine und Fans
Moderne Fußballstadien sind multifunktionale Räume, die sportliche, gesellschaftliche und politische Dimensionen miteinander verbinden. Sie dienen als hochspezialisierte Infrastrukturen für den Profisport, sind symbolisch aufgeladene Orte kollektiver Affektauslebung, an denen Emotionen kanalisiert und soziale Normen temporär ausgesetzt werden, und ermöglichen eine ritualisierte Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Spannungen (Rohlwing 2015: 103 f.).
Darüber hinaus besitzt der Sport, der sich zunehmend zu einem eigenständigen Wirtschaftszweig entwickelt, eine identitätsstiftende Funktion und fördert zugleich internationale Vernetzungsprozesse. Stadien fungieren als zentrale Erlebnis- und Vermarktungsplattformen des professionellen Sports, deren Architektur darauf abzielt, die emotionale Intensität für Live- und TV-Publikum zu maximieren (Bölz 2015: 132 f.).
2.3.1 Bedeutung von Fußballstadien für die Stadt
Fußballstadien fungieren häufig als Statussymbole mit symbolischer Strahlkraft, die nicht nur den Vereinen, sondern auch den Städten zugutekommt, indem sie zur Stärkung ihrer Identität und überregionalen Bedeutung beitragen. Stadionneubauten gelten daher als strategische Instrumente der Stadtentwicklung, die bei geeigneter Standortwahl und integrativer Planung stadtteilbezogene Entwicklungsprozesse fördern können. Sie können als multifunktionale Infrastrukturen neue Gewerbeflächen, Freizeitangebote und öffentliche Räume schaffen, besonders mit guter ÖPNV-Anbindung. Zudem ergeben sich aus Ticketverkäufen, Gastronomie und Konsum im Umfeld der Spielstätten positive wirtschaftliche Effekte (Ahlfeldt und Maennig 2008: 223 f.; Rohlwing 2015: 103f.; Stadionwelt 2022).
Gleichzeitig zeigt sich, dass der messbare stadtentwicklungspolitische Nutzen von Stadien nur in Einzelfällen nachgewiesen wurde. Während deutsche WM-Stadien primär funktionale Anforderungen (z. B. Komfort, technische Innovation oder Sicherheit) erfüllen, belegen internationale Beispiele das Potenzial ikonischer Stadionarchitektur als städtische Wahrzeichen, die Städte im globalen Wettbewerb profilieren können, Identität stiften und die Attraktivität der Umgebung steigern. Funktional orientierte, stadtraumverträgliche Architektur gewinnt an Bedeutung. Die Berliner Olympiahallen oder der St. Jakob-Park in Basel zeigen exemplarisch, wie sanierungsbedürftige Flächen durch integrierte Baukörper revitalisiert, in die Stadtstruktur eingebettet werden und Image- sowie Konsumeffekte verstärken können. Dennoch bleibt die Akzeptanz durch Anwohner oft begrenzt, insbesondere bei öffentlich (mit-)finanzierten Projekten, weshalb die Planung umfassend erfolgen und soziale sowie räumliche Folgekosten berücksichtigen sollte (Ahlfeldt und Maennig 2008: 223–230; Ahlfeldt und Maennig 2023: 401 f.).
2.3.2 Bedeutung von Fußballstadien für Vereine
Feddersen und Maennig (2007: 10) zeigen in ihrer Untersuchung, dass der Neubau oder die umfassende Modernisierung eines Stadions einen signifikanten und positiven Einfluss auf die Zuschauerzahlen haben kann. Insbesondere reine Fußballstadien weisen im Vergleich zu Multifunktionsarenen eine höhere durchschnittliche Zuschaueranzahl pro Spiel auf, was auf die dichte Atmosphäre und die geringere Distanz zwischen Zuschauerrängen und Spielfeld zurückgeführt wird. Andererseits gelten Leichtathletiklaufbahnen für die Zuschauerbindung und -nachfrage als nachteilig.
Stadionneubauten eröffnen Fußballvereinen obendrein erhebliche wirtschaftliche Potenziale. Moderne Technik, architektonische Gestaltung und komfortable Zuschauerinfrastruktur steigern sowohl die Attraktivität von TV-Übertragungen als auch die Erlebnisqualität vor Ort. Differenzierte Preismodelle durch VIP- oder Hospitality-Bereiche erschließen zusätzliche Einnahmequellen und können zu deutlichen Einnahmezuwächsen führen, wie der Umbau des Volksparkstadions in Hamburg oder der Neubau des Emirates Stadium in London zeigen. Gleichzeitig bergen Stadionprojekte erhebliche Risiken: Hohe Investitions- und Betriebskosten können bei sportlichem Misserfolg oder unzureichender Auslastung zur existenzbedrohenden finanziellen Belastung werden, wie Beispiele aus Österreich (Wörthersee Stadion) oder Aachen (Tivoli) zeigen (Gruber 2016: 1 f.).
2.3.3 Bedeutung von Fußballstadien für die Fans
Stadien sind zentrale Orte, an denen soziale, emotionale und wirtschaftliche Dynamiken gebündelt werden. Sie schaffen Räume, in denen kollektive Erlebnisse („Instant Communities“) entstehen und intensive emotionale Zustände wie Faszination oder Trance ermöglicht werden. Diese Atmosphären sind das Ergebnis eines Zusammenspiels aus architektonischer Gestaltung, Spielverlauf, kollektiver Erwartung und situativen Bedingungen wie dem Wetter (Kraus 2022: 5 f.).
Fußballstadien stellen die letzten verbliebenen öffentlichen Räume dar, in denen Emotionen gemeinschaftlich und ungefiltert ausgelebt werden können. Besonders reine Fußballstadien werden wegen ihrer dichten Atmosphäre geschätzt, da sie sowohl das Spielgeschehen auf dem Rasen als auch die emotionale Dynamik auf den Zuschauerrängen intensiviert. Währenddessen schaffen Mehrzweckarenen mit Laufbahnen eine größere Distanz zwischen Publikum und Spielfeld, die wiederum die emotionale Wirkung abschwächt (Pilz 2006: 1 f.).
Aus sozialpsychologischer Perspektive basiert die Motivation zum Stadionbesuch primär auf der Identifikation mit dem Verein, die häufig über eine emotionale Bindung an die Stadt oder Region vermittelt wird. Der sportliche Wettkampf und das Mitfiebern mit dem eigenen Team sind weitere Anreize. Darüber hinaus stiften Vereine u. a. soziale Zugehörigkeit und übernehmen gesellschaftliche Vorbildfunktionen. Die architektonische Gestaltung eines Stadions beeinflusst die emotionale Wirkung maßgeblich und kann sie intensivieren. Steile, kompakte, amphitheatrisch angelegte Tribünenstrukturen fördern Interaktion und Nähe zwischen Spielern und Zuschauern, wodurch die emotionale Dichte des Stadionerlebnisses gesteigert wird (Rohlwing 2015: 97–103).
Zentrale Beweggründe für den Stadionbesuch liegen im Eskapismus, im Erleben von Spannung, außergewöhnlichen Ereignissen, sozialer Gemeinschaft und emotionaler Begeisterung. Sportstätten stärken individuelle Identität und bieten eine Plattform für einen gemeinschaftlich erlebten, ästhetisch inszenierten Lebensstil, wodurch Sport-Events sowohl an individueller als auch an gesellschaftlicher Relevanz gewinnen (Bölz 2015: 132 f.).
2.4 Politische Entscheidungsprozesse bei Großprojekten
Großprojekte sind keine Selbstzwecke, sondern müssen im gesellschaftlichen Diskurs durch ihre Notwendigkeit, Qualität und Anschlussfähigkeit legitimiert werden. Die beteiligten Akteursgruppen stehen dabei vor unterschiedlichen Herausforderungen: Unternehmen tragen wirtschaftliches Risiko, die Politik setzt rechtliche Rahmenbedingungen und agiert teils als Projektträger, während Bürger vielfältige Interessen vertreten und eine stärkere Einbindung in Entscheidungs- und Planungsprozesse fordern (Hennecke und Kronenberg 2014: 15).
Über planerische und organisatorische Aspekte hinaus besitzen Großprojekte eine sozialphilosophische Dimension und sollen sich daher respektvoll und organisch in bestehende soziale Strukturen und kulturelle Kontexte einfügen, lokale Identitäten bewahren und weiterentwickeln sowie das kulturelle Erbe eines Ortes aufnehmen und fortführen. Diese Herausforderungen bieten zugleich die Chance, ein neues symbolisches Wahrzeichen zu schaffen, das an die historische Bedeutung des Standorts anknüpft (ebd.: 19 f.).
Brunold (2012: 210–213) beschreibt, dass politische Systeme in modernen Gesellschaften Konflikte durch verbindliche Entscheidungen lösen. In demokratischen Systemen lassen sich vornehmlich drei Entscheidungsmodi identifizieren:
- Hierarchische Entscheidungen sind anfällig für Informationsdefizite und eigennütziges Akteursverhalten, wie es z. B. die Public-Choice-Theorie beschreibt,
- Mehrheitsentscheidungen sind praktikabel, bergen jedoch die Gefahr, engagierte Minderheiten zu überstimmen, und lassen sich bei komplexen Entscheidungen nur begrenzt revidieren,
- Konsensorientierte Entscheidungsprozesse basieren auf freiwilliger Zustimmung und fördern, trotz hoher Verfahrenskosten, politische Stabilität und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Zudem zeigen sie sich in zentralen Bereichen wie politischer Stabilität, wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und sozialer Sicherung oft als ebenbürtig oder gegenüber Wettbewerbsdemokratien überlegen.
Insgesamt ist trotz hoher Verfahrenskosten eine Tendenz hin zu konsensorientierten Prozessen erkennbar.
3. Sportpolitische Herausforderungen
3.1 Bedeutung eines eigenen Stadions für Hertha BSC
Hertha BSC hat eine bewegende Vereinsgeschichte, zu der auch die Stadion-Thematik gehört. Bereits im Jahr 1923, im Zuge der Fusion des BFC Hertha 92 mit dem Berliner Sport-Club (BSC) zu „Hertha BSC“, wurde eine eigene Sportplatz-Bau- und Betriebs-GmbH gegründet. Infolgedessen wurde auf dem Gelände der ehemaligen Eisbahn am Gesundbrunnen ein eigenes Fußballstadion unter dem Namen „Plumpe“ (ein Berliner Ausdruck für „Pumpe“) geschaffen. Die „Plumpe“ bot eine Kapazität von rund 20.000 Plätzen (vor dem Zweiten Weltkrieg bis zu 35.000) und bestach durch steil aufragende Stehplatzränge und eine unmittelbare Nähe zum Spielfeld. Mit Einführung der Fußball-Bundesliga 1963 zog Hertha BSC ins größere Olympiastadion Berlin um. Der Bundesliga-Skandal 1971, in den Spieler von Hertha BSC verwickelt waren, führte zu sinkenden Zuschauerzahlen und brachten den Verein in finanzielle Schwierigkeiten. Folglich musste der Verein die „Plumpe“ rund 50 Jahren nach ihrer Errichtung für 6,2 Millionen DM notverkaufen (Jahn 2011: 33–88).
Für Hertha BSC stellt ein eigenes Stadion einen essenziellen Bestandteil der langfristigen strategischen Ausrichtung dar. Das Ziel ist es, sowohl Fans als auch Mannschaft ein intensiveres, emotionaleres Spielerlebnis zu bieten, ohne Laufbahn, mit steilen Tribünen und einer Kapazität von etwa 55.000 Plätzen. Ein eigenes Stadion eröffnet zudem wirtschaftliche Chancen: Durch die bessere Auslastung können höhere absolute Zuschauerzahlen erzielt, stabilere und attraktivere Ticketpreise angeboten und zusätzliche Vermarktungspotenziale erschlossen werden. Zudem strebt Hertha BSC an, sich aus der Rolle des Mieters im Olympiastadion zu lösen, um selbstbestimmt über infrastrukturelle und organisatorische Fragen rund um das eigene Stadion entscheiden zu können (Hertha BSC o. D.).
Die Initiative „Blau-Weißes Stadion!“ betont die emotionale, soziale und identitätsstiftende Bedeutung eines vereinseigenen Fußballstadions über die rein funktionale Nutzung hinaus. Das Olympiastadion, jahrzehntelang Heimspielstätte des Vereins, gilt als unpersönlich, überdimensioniert und atmosphärisch unzureichend. Ein eigenes, mittelgroßes Stadion wird hingegen als Ort emotionaler Bindung, sozialer Integration und städtischer Teilhabe verstanden. Es soll nicht nur dem Profifußball dienen, sondern multifunktional nutzbar sein (z. B. für Konzerte, kulturelle Veranstaltungen, Bildungsformate oder Jugendförderung). Damit würde es als dauerhafte Anlaufstelle für Fans, Familien und die Stadtgesellschaft fungieren und eine infrastrukturell bereits gut angebundene Fläche mit dem Olympiapark sinnvoll ergänzen (Säzzer 2025).
3.2 Die Rolle von Hertha BSC im politischen Prozess
In der 21. Sitzung der 18. Wahlperiode des Sportausschusses des Abgeordnetenhauses von Berlin präsentierte Hertha BSC Pläne für den Neubau eines eigenen Fußballstadions. Bereits im Frühjahr 2017 hatte der Verein den Berliner Senat kontaktiert, um seinen Wunsch nach einem reinen Fußballstadion zu verdeutlichen. Die Argumentation stützt sich auf verschiedene Faktoren: Hertha BSC ist einer der wenigen Bundesligavereine ohne eigenes Fußballstadion, und der Abstand von 40 Metern zwischen Fans und Spielfeld sowie eine optimale Sicht für lediglich 22,5 % der Zuschauer beeinträchtigen die Atmosphäre. Zudem belegt Hertha BSC hinsichtlich der Stadionauslastung im überdimensionierten Olympiastadion seit Jahren den letzten Platz. Unter dem Leitsatz „Steil, nah, laut!“ wird ein privat finanziertes, modernes Fußballstadion angestrebt, welches in Abstimmung mit dem Landesdenkmalamt im Olympiapark zwischen der Rominter Allee und der Hanns-Braun-Straße entstehen soll. Eine Fertigstellungsgarantie durch Bau- und Finanzierungspartner soll Risiken für die öffentliche Hand minimieren. Schallgutachten prognostizieren sogar geringere Lärmemissionen als im bisherigen Olympiastadion (Abgeordnetenhaus Berlin 2018a).
Vier Jahre später stellte der damalige Geschäftsführer von Hertha BSC (Ingo Schiller) in der 9. Sitzung der 19. Wahlperiode des Sportausschusses mit dem „Lindeneck“ einen neuen Standort vor: ein modernes, inklusives und klimafreundliches Stadion mit 45.000 Plätzen, inspiriert vom Stadion „La Bombonera“ in Buenos Aires. Herausforderungen bestehen in Fragen des Denkmalschutzes, Lärmschutzes und der begrenzten Fläche. Der Wegfall der Stadionmiete von Hertha BSC an das Land Berlin würde zu Einbußen von 6,1 Mio. Euro führen, die jedoch Einsparungen bei Betriebskosten und die weitere Nutzung des Olympiastadions für Topspiele gegenüberstehen. Eine integrierte Nutzung des neuen Stadions mit dem Olympiastadion, der Waldbühne und dem Olympiapark wird angestrebt (Abgeordnetenhaus Berlin 2022a: 6–11).
Geschäftsführer Herrich bekräftigte das klare Bekenntnis zum Standort Olympiapark, der sich in einer großen Machbarkeitsstudie sich als Favorit herauskristallisiert hat. Die Finanzierung soll fremdfinanziert und unabhängig vom operativen Ergebnis des Vereins erfolgen. Abschließend wurde der Wille zu einem transparenten, verbesserten und konstruktiven Dialog mit allen Beteiligten unterstrichen (Abgeordnetenhaus Berlin 2022b: 24 f.).
Hertha BSC übte Kritik an mehreren Äußerungen seitens der Berliner Politik. So wurde unter anderem eine Aussage des damaligen Innen- und Sportsenators Andreas Geisel (SPD) beanstandet, wonach kontinuierlich sicherzustellen sei, dass Hertha BSC in der Bringschuld verbleibt (Priefer, Lamprecht und Braune 2018). Auch Äußerungen des ehemaligen CDU-Abgeordneten Andreas Statzkowski, der als erklärter Gegner des Stadionneubaus auftrat, wurden vom Verein kritisiert. Ihm wurde vorgeworfen, seine ablehnende Haltung mit sachlich unzutreffenden Behauptungen zu untermauern (Matiebel et al. 2019).
3.3 Die Rolle der Initiative „Blau-Weißes Stadion!”
Die Initiative „Blau-Weißes Stadion!“ setzt sich für den Bau eines eigenen Stadions für Hertha BSC im Olympiapark ein. Die Sprecherin, Frau Heidekrüger, kritisiert die seit Jahren stagnierende Stadiondebatte und den fehlenden Dialog zwischen Politik, Verein, Fans und weiteren Akteuren. Resultierend daraus hat sich die Initiative gegründet und sich zum Ziel gemacht, die Kommunikation wiederzubeleben und konstruktiv zu gestalten (Abgeordnetenhaus Berlin 2022b: 6).
Die Initiative verweist auf eine breite Unterstützung seitens der Fans, dokumentiert durch Umfragen und eine Petition. Dabei wird insbesondere der Standort Olympiapark als historisch gewachsene Heimat favorisiert, während Alternativen wie Tegel oder das Tempelhofer Feld aufgrund planerischer, verkehrlicher oder politischer Hürden als ungeeignet gelten. Besonderes Gewicht wird auf die klare Abgrenzung zur öffentlichen Finanzierung gelegt: Das Stadionprojekt solle rein privat finanziert werden. Falschannahmen, wie eine angebliche Kostenübernahme durch das Land Berlin, seien Ergebnis mangelnder Kommunikation und würden aktiv aufgeklärt. Die Initiative sieht sich als Bindeglied zwischen Fans, Verein und Politik und bemüht sich um den Austausch mit weiteren betroffenen Gruppen, wie etwa dem Reitverein am Maifeld. Insgesamt werden die zunehmende Legitimation und Unterstützung aus der Fanbasis hervorgehoben, ebenso wie die positive Resonanz auf aktuelle Fortschritte, etwa die Beteiligung von Hertha BSC an der Expertenkommission. Ziel bleibt ein kooperatives und transparentes Verfahren zur Realisierung eines privat finanzierten Stadions im Herzen Berlins (Abgeordnetenhaus Berlin 2022b: 31 ff.).
Die Initiative betont, dass sie eine konfrontative Konkurrenz zu anderen Nutzergruppen, namentlich den Reitvereinen, ausschließt und stattdessen auf eine kooperative Flächennutzung im Olympiapark setzt. Ein exklusiver Anspruch auf das Lindeneck wird nicht erhoben, vielmehr ist die Initiative offen für alternative Standorte im Park, mit Ausnahme bereits mehrfach ausgeschlossener Teilflächen wie der Rominter Allee (Abgeordnetenhaus Berlin 2022b: 44 f.).
3.4 Verhandlungsprozesse zwischen Verein und Politik
Hertha BSC hat sich von Anfang an in den Gesprächen konstruktiv gezeigt und betonte seine Verantwortung für die Stadt und das Olympiastadion. Abgeordnete wie Herr Förster (SPD) und Frau Ludwig (Bündnis 90/Die Grünen) kritisierten jedoch den Kommunikationsstil des Vereins. Sie warfen dem Verein vor, über Presseveröffentlichungen gezielt öffentlichen Druck aufzubauen und so eine offene, konstruktive Debatte zu erschweren (Abgeordnetenhaus Berlin 2018a: 4–25).
Ein zentrales Thema ist die Konkurrenzausschlussklausel zwischen neuem Stadion und Olympiastadion. Der Verein möchte keine Verpflichtung für Topspiele im Olympiastadion eingehen, unterstützt jedoch ein Vetorecht des Senats bei Konzerten, die zu groß für die Waldbühne und zu klein für das Olympiastadion sind. Zudem signalisiert der Verein Bereitschaft, das Nachnutzungskonzept für das Olympiastadion aktiv mitzugestalten (ebd.: 35-50).
Aufgrund der von Hertha BSC gewünschten Mindestkapazität von 50.000 Plätzen vertagte die zuständige Expertenkommission ihre Standortentscheidung auf das Frühjahr 2025. Derzeit wird der Standort entlang der Jesse-Owens-Allee als bevorzugte Option geprüft, da er bessere Umweltverträglichkeit, Verkehrsanbindung und geringere denkmalrechtliche Eingriffe bietet. Der zuvor favorisierte Standort am Lindeneck schied wegen der geringeren Kapazität von etwa 45.000 Plätzen aus. Die vom Berliner Senat geplante Modernisierung des Olympiaparks gemäß der „Vision 2030“ bedeutet eine wachsende Bereitschaft des Senats, das denkmalgeschützte Areal weiterzuentwickeln, und wirkt sich dabei auch positiv auf die Realisierungsperspektiven des Stadionprojekts von Hertha BSC aus (Leffler 2024b).
3.5 Vergleich mit Stadionneubauten anderer Vereine
Die Erfahrungen anderer Bundesliga-Vereine mit Stadionprojekten bieten wertvolle Erkenntnisse für den geplanten Neubau von Hertha BSC, insbesondere hinsichtlich Standortwahl, Finanzierung, Bürgerbeteiligung und städtebaulicher Integration.
3.5.1 SC Freiburg
Der Verein und die Stadt Freiburg prüften ab Anfang 2011 verschiedene Optionen, darunter den Umbau oder Ausbau des bestehenden Dreisamstadions sowie einen Neubau an einem alternativen Standort im Stadtgebiet. Der Bau des Europa-Park Stadions in Freiburg, 2021 fertiggestellt, wurde nach einer langjährigen Debatte, insbesondere über einen geeigneten Standort, und der Feststellung, dass das bestehende Dreisamstadion infrastrukturellen und lizenzrechtlichen Anforderungen nicht mehr entsprach, realisiert. Der Gemeinderat beschloss 2014 den Bau am Standort Wolfswinkel und leitete einen Bürgerentscheid ein. Über 58 % der Bürger stimmten für das neue Stadion, was auf eine umfassende Informationspolitik und öffentliche Zugänglichmachung sämtlicher Gutachten, Planungsdokumente und relevanter Unterlagen seitens der Stadt Freiburg zurückzuführen ist. Die Finanzierung erfolgte in einem Mischmodell, an dem eine Stadiongesellschaft (als Gemeinschaftsunternehmen von Stadt und Verein), die Stadt Freiburg selbst sowie das Land Baden-Württemberg beteiligt waren. Ab 2019 begleitete ein regelmäßiges Dialogformat mit beteiligten Akteuren die Bauphase und trug zur Transparenz und Konfliktprävention bei. Dennoch wurde der Standort Wolfswinkel im Nachhinein u. a. wegen Eingriffen in Natur und Klima sowie möglicher Lärm- und Verkehrsbelastung kritisiert (Stadt Freiburg im Breisgau 2021: 5–17).
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- Anonym (Autor:in), 2025, Das neue Stadion von Hertha BSC und die Berliner Politik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1623456