Zu Foucaults "Überwachen und Strafen"

Die historische Entwicklung zur Disziplinargesellschaft


Seminararbeit, 2010
15 Seiten, Note: 1, 7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Das Fest der Martern

3. Änderungen im Strafvollzug

4. Nicht mehr Strafen, sondern Bessern und Heilen

5. Die Technologie der Disziplin
5.1 Der gelehrige Körper
5.2 Funktionsweisen der Disziplin
5.2.1 Die Kunst der Verteilung
5.2.2. Die Kontrolle der Tätigkeit
5.2.3 Die Organisation von Entwicklungen
5.2.4 Die Zusammesetzung der Kräfte zu einem Apparat
5.3 Die Mittel der guten Abrichtung
5.4 Das Panoptikum und der Panoptismus
5.5 Das panoptische Prinzip in der Gesellschaft

6. Das Gefängnis als Disziplinaranstalt

7. Kritik an der Institution Gefängnis

8. Fazit:

Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Der Strafvollzug ist ein Thema, das nie an Aktualität verliert. Auch heute noch fehlt es nicht an Diskussionen über die Situation der Gefangenen im Strafvollzug und dessen Qualität. Während es in einigen Ländern noch die Todesstrafe gibt, wird die Bestrafung in Europa vor allem durch Gefängnisstrafe vollzogen. Damit hat sich die Art der Bestrafung in den letzten dreihundert Jahren grundlegend verändert. Während Ende des 17. Jahrhunderts die Bestrafung aus öffentlicher Folter und Marter sowie Hinrichtungen bestand, bei denen der Körper des Verbrecher zur Schau gestellt wurde, kam es gegen Anfang des 18. Jahrhunderts zur entscheidenden Wende im Strafvollzug. Heute spielt sich der Akt des "Strafens" hinter verschlossenen Türen ab. Die Gefängisstrafe hat die Marter -und Folterstrafen des Mittelalters ersetzt. Das Werk “Überwachen und Strafen” von Michel Foucault ist eine Analyse der Strafmechanismen und ihr historischer Wandel als komplexe gesellschaftliche Funktion. Foucault interessiert sich vor allem für die Einwirkung einer neuen Machtform, der Disziplin, die deutlich zu Änderungen im Strafvollzug beigetragen hat. Dabei ist der Strafvollzug exemplarisch für die ganze Gesellschaft zu sehen. Die Art der Bestrafung spiegelt die Art wieder, wie die Gesellschaft mit Kriminellen als Objekte der Manipulation umgeht.[1] Foucault wirft die Frage auf, warum, sich im Übergang vom klassischen zum modernen Zeitalter ein neues Machtmodell durchgesetzt hat, nämlich das des Einsperrens und der Haft?[2] "Warum hat das zwanghafte, körperliche, isolierende und verheimlichende Modell der Strafgewalt das repräsentative, szenische, zeichenhafte, öffentliche und kollektive Modell verdrängt?"[3]

2. Das Fest der Martern

Überwachen und Strafen beginnt mit der Schilderung einer grausamen Todesmarter, der öffentlichen Hinrichtung von Francios Damien, der verurteilt wurde, weil er ein (erfolgloses) Attentat auf Ludwig XV. verübt hatte.[4] Er wurde brutal gefoltert und vor einer Menschenmenge gevierteilt. Im Mittelalter und bis Anfang des 18.Jahrhunderts fand die Bestrafung von Gesetzesübertretern öffentlich statt. Vor aller Augen wurden äußerst grausame Marterstrafen vollzogen. Ende des 17.Jahrhunderts verschwanden diese "peinlichen" Marterstrafen mehr und mehr von der Bildfläche. Während diese brutale Gewalt später gering geschätzt wurde, war die Marter damals Anlass für große öffentliche und populäre Spektakel. Sie war ein politisches Ritual. Die Marterstrafe erzeugte eine bestimmte Menge an körperlichen Schmerzen und sollte bewußt nicht sofort töten. "Die Todesmarter ist die Kunst, das Leben im Schmerz festzuhalten, in dem sie den Tod in tausend Tode unterteilt."[5] Die Marter setzte das Strafausmaß mit der Schwere der Tat in Relation. Auf der einen Seite brankmarkt sie den Körper, auf der anderen Seite setzt sie ihn der öffentlichen Schande aus. Durch gesetzeswidriges Verhalten beleidigte der Kriminelle die Person des Herrschers und stellte seine unumschränkte Autorität in Frage. Dies verlangte nach Widergutmachung: durch die Marterstrafe sollte diese beleidigte, absolute Macht des Souveräns wieder hergestellt werden. Der Souverän wurde durch ein Äquivalent an Martern am Körper des Schuldigen entschädigt. Die Art der Bestrafung war am Verbrechen orientiert und sollte dies am Körper des Straftäters wiederholen: "wer die öffentliche Freiheit missbraucht, wird seiner Freiheit beraubt; wer die Wohltaten des Gesetzes und die Vorrechte der öffentlichen Funktionen missbraucht, verliert seine Bürgerrechte; Erpressung und Wucher werden mit Geldbue bestraft, Diebstahl mit Einziehung des Vermögens; auf Mord Tod und auf Brandstiftung steht Scheiterhaufen."[6] Die Art der Bestrafung war für je nach Delikt unterschiedlich. Die Gefängnisstrafe bestand für Delikte der Freiheitsberaubung oder als Verwahrung der Delinqutenten bis zum Zeitpunkt der Marter oder Hinrichtung. Im klassischen Zeitalter wurde das Urteil im verborgenen verhängt, während der Strafvollzug vor aller Angesicht durchgeführt wurde. Genau umgekehrt verhält es sich heute: das Urteil wird in der Öffentlichkeit verhängt, während der Vollzug der Strafe unter unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfindet. Die öffentliche Marter von damals sollte der Abschreckung dienen. Die schrecklichen Strafen sollten ein Exempel statuieren, das im Gefängnis blieb und die Lust an Straftate auslöschen. Die Marter-und Folterstrafen konnten sich nur so lange auf dem Körper des Verbrechers austoben, bis dieser entweder starb oder die Folter überlebte, was zur Freilassung führte.

3. Änderungen im Strafvollzug

Anfang des 18. Jahrhunderts kam es zu tiefgreifenden Änderungen im Stravollzug. Philosophen, Juristen und Richter protestierten gegen die unmenschliche Gewalt der grausamen Folter-und Marterstrafen und die Zurschaustellung der gemarterten Körper. Reformer im Zuge der humanistischen Bewegung und Aufklärung verdammten diese Art der Bestrafung, die im Dienste der Menschlichkeit verschwinden sollte. Die Reformer betrachteten sie als eine brutale Ausschweifung, die einem gemäßigterem Strafvollzug weichen sollte.

Die Grundlagen der Reformbewegungen lagen unter anderen auch im Gesellschaftsvertrag begründet, laut dem die Individuuen die Grundlage der Gesellschaft durch einen Vertrag mit dem Souverän bilden. Die Bestrafung wurde zur Angelegenheit der ganzen Gesellschaft, nicht nur des Herrschers. Als Konsequenz hatte die Gesellschaft das Recht, über Strafmaßnahmen ihrer Mitglieder mitzubestimmen. Seit der Moderne richtet sich der Strafvollzug von der ganzen Gesellschaft gegen das gesetztesübertretende Individuum- der Rechtsbrecher wird zum gemeinsamen Feind und mißgebillgtem Verräter der Gesellschaft. Dies steht in großem Gegensatz zum Mittelalter, wo der Ruhm eines Verbrechers durchaus beachtlich sein konnte.

Ein weiteres Argument war für den Wandel im Strafvollzug war, dass die öffentlichen Hinrichtungen ihre abschreckende Wirkung immer mehr verloren, und das Volk vermehrt zu Unruhen aufwiegelten. Die Forderung der Reformer lautete, nicht mehr zu rächen, sondern zu strafen.

Innerhalb weniger Jahrzehnte verschwand der "gemarterte, zerstückelte, verstümmelte, an Gesicht und Schulter gebrandmarkte, lebendig oder tot ausgestellte, zum Spott dargebotene Körper "[7] Auf den ersten Blick mag die Abschaffung der unvergleichlich grausamen Marter im Stravollzug als eine Vermenschlichung des Strafvollzugs wirken. Der Wunsch nach menschlicheren Strafen und die Abneigung gegenüber der grausamen Gewaltspektakel bilden nur einen Teil der Gründe für den Wandel im Strafvollzug. Die Veränderungen in der Manier des Bestrafens sind als Effekt tiefgreifender gesamtgesellschaftlicher Transformationsprozesse zu verstehen.

4. Nicht mehr Strafen, sondern Bessern und Heilen

Der grundlegende Reformgedanke bestand daraus, nicht mehr das Verbrechen an sich zu bestrafen, sondern gegen die Ursache des Verbrechens im Inneren des kriminellen Subjekts vorzugehen. Objektiv der Strafmaßnahme sollte die Resozialisierung des Kriminellen darstellen. So wird die Funktion der Strafe, der Sühne und Buße in der Bestrafung, verdrängt. Der Angriffspunkt der Strafe verlagerte sich von der Tat zum Individuum. Laut Reformgedanken, sollte die Strafe des modernen Strafvollzug so wenig tyrannisch wie möglich sein. Die Strafe richtet sich nun auf die Folgen des Verbrechens."Um nützlich zu sein, muß die Bestrafung auf die Folgen des Verbrechens zielen, d.h. auf die Gesamtheit der möglicherweise nachfolgenden Störungen."[8] Ein Gedanke der Prävention herrscht vor. Die Strafe soll für den, der sie erleidet, minimal sein, und für den, der sie sich vorstellt, maximal. Ein Beispiel dafür wäre eine lebenslange Sklaverei oder Zwangsarbeit, die zudem absolut das Problem der Rückfälligkeit umgeht. Zu Beginn der Reformen zeigte sich noch der Gedanke, einen höchstmöglichen Nutzen zum Beispiel durch unbezahlte Zwangsarbeit aus den kriminellen Subjekten zu ziehen. Zusätzliche sollte die Bestrafung den Kriminellen wieder an ein geregeltes Leben und Arbeit gewöhnen. "Gegen eine schlechte Leidenschaft setzt man eine gute Gewohnheit; gegen eine Gewalt eine andere Gewalt; aber hier handelt es sich nicht um die Gewalt der Waffen, sondern um Leidenschaft und Empfindsamkeit."[9] Um auf psychische Vorgänge des Inhaftierten einzuwirken, wird ein medizinischer Bereich mit Fachleuten aus Psychologie, Psychiatrie und Pädagogik der Gerichtsbarkeit angeschlossen. Das Hauptobjektiv der Bestrafung liegt nun darin, eine Verhaltensänderung des Straftäters an Körper und Geist durch die Applikation einer Technologie von Wissen und Macht zu erarbeiten. Die Bestrafung zielt nicht mehr wie bei den Marterstrafen, auf die Verstümmelung des Körpers, sondern auf die Seele und das Denkvermögen. "Der Sühne, die dem Körper rasende Schmerzen zufügt, muß eine Strafe folgen, die in der Tiefe auf das Herz, das Denken, den Willen, die Anlagen wirkt."[10] Den Hintergründen der Tat wird immer mehr Relevanz eingeräumt. Bei jeder Gesetzesübertretung wird ein psychischer Defekt, eine Art von Wahnsinn, angenommen. So wird im Strafvollzug vor allem über Nonkonformitäten geurteilt. Bestraft wird durch Maßnahmen, die dem Kriminellen die Lust an der Abweichung nehmen sollen. Auf diese Weise verändert sich der Strafvollzug von einer Bestrafung zu einer Einrichtung der Kontrolle und Überwachung der Individuuen, mit Intention der Besserung und Heilung ihres hypothetischen, psychischen Defekts. Desweiteren sollte ein langes Wegsperren der Individuuen in Gefängnissen und eine hohe Wahrscheinlichkeit der Verbrechensaufklärung durchaus abschreckend wirken.

[...]


[1] vgl. Dreyfus, Hubert L. & Rabinow, Paul S. 144

[2] vgl. Fink-Eitel, Hinrich. S 74

[3] Foucault, Michel (1976) S. 75

[4] vgl. Fink-Eitel, Hinrich S.71

[5] Foucault, Michel S. 46

[6] Foucault, Michel (1976) S. 134f.

[7] Foucault, MiSchel (1976) S. 15

[8] Foucault, Michel (1976) S. 118

[9] Foucault, Michel (1976) S. 136

[10] Foucault, Michel (1976) S.25

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Zu Foucaults "Überwachen und Strafen"
Untertitel
Die historische Entwicklung zur Disziplinargesellschaft
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Institut für Soziologie )
Note
1, 7
Autor
Jahr
2010
Seiten
15
Katalognummer
V162353
ISBN (eBook)
9783640779864
ISBN (Buch)
9783640780532
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Machtordnung im Gefängnis und Entstehung der Disziplinarmacht
Schlagworte
Foucault, Überwachen und Strafen, Gefängnis, Strafvollzug
Arbeit zitieren
Sonja Uhl (Autor), 2010, Zu Foucaults "Überwachen und Strafen" , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162353

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