Das Lied als Medium der reformatorischen Öffentlichkeit


Seminararbeit, 2009
14 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einordnung des Liedes in die Medienlandschaft zur Zeit der Reformation
2.1 Überblicksdarstellung der Liedentstehung und seiner Publikation
2.2 Verbreitung und Wirkung von Liedern

3. Interpretation zweier exemplarischer Lieder der Reformationszeit
3.1 Analyse von „O du armer Judas“ und der Kontrafaktur „Ach du armer Murnar“ (Susanne Schwank)
3.2 Analyse von „Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“ (Rebecca Hartung)

4. Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Give me the making of the songs of a nation and I care not who makes the laws.”1

Dieser kleine Ausspruch ist Träger einer großen Aussage, denn auf prägnante Weise versucht er die weitreichende Wirkung auszudrücken, die Liedern als integritäts- und identitätsstiftendes Moment einer Gemeinschaft zugesprochen wird. Überträgt man diese zunächst hypothetische Annahme auf den Kontext der Reformation im 16. Jahrhundert, stellt man fest, dass diese Äußerung auch den Stellenwert des Liedmaterials, das im Zuge reformatorischer Propaganda und einer sich damals neu strukturierenden Medienlandschaft aufkam, treffend umschreibt. Denn die Dynamik der reformatorischen Öffentlichkeit wurde nicht nur allein durch das gedruckte Wort bestimmt. Die nichtschriftlichen Medienformen adäquat in ihrer Einflussnahme auf den Prozess der öffentlichen Meinungsbildung zu berücksichtigen, ist ein bekanntes Problem in der Forschung. So sollte das Potential des neu entstehenden Liedgutes nicht vernachlässigt werden, das in dieser Phase der Krise und des Umbruchs auf gesellschaftlicher und religiöser Ebene maßgeblichen Einfluss auf die Meinungsbildung und moralische Orientierung der Bevölkerung ausübte. Sowohl auf Grund ihrer religiös-erbauenden Wirkung, als auch wegen ihrer in vielen Fällen propagandistischen oder abgrenzenden Intention nahmen reformatorische Lieder als eine Form früher Massenmedien eine wichtige Position im Prozess der Identitätsfindung und Etablierung einer Gruppierung auf sozialer sowie religiöser Ebene ein.

Das Lied reiht sich somit ein in die Kategorie der neu entstehenden Massenmedien, wie den Schmähbildern oder anderen Einblattdrucken, deren Ziel es war, an möglichst viele Menschen innerhalb kurzer Zeit und auf kürzestem Wege Informationen zu übermitteln, und zwar erfolgreich, das heißt, die Menschen mussten den Inhalt verstehen, davon überzeugt werden und ihn bestenfalls weiter verbreiten.

Im Bezug auf diese gesellschaftliche Bedeutung, die hier kurz skizziert wurde, verdient das Medium Lied deshalb eine genauere Betrachtung, vor allem hinsichtlich seiner Intention, Aussagekraft, Wirkung und schließlich seines Erfolgs. Im Rahmen dieser Arbeit sollen diese genannten Aspekte exemplarisch anhand von zwei Quellen untersucht werden. Zunächst findet eine Untersuchung von Michael Stifels Kontrafaktur „Ach du armer Murnar“2 auf „O du armer Judas“3 statt, die sich auf die Ermittlung von Aussage und Wirkungskreis des Liedes vor dem Hintergrund seines polemischen Gehalts konzentriert. Darauf folgt eine genauere Betrachtung von Martin Luthers „Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“4, dessen Wirkungsspektrum sich als unerwartet breit erweist.

2. Einordnung des Liedes in die Medienlandschaft zur Zeit der Reformation

2.1 Überblicksdarstellung der Liedentstehung und seiner Publikation

Um sich dem Thema der Liedpublizistik zur Zeit der Reformation anzunähern, ist es vorerst von Vorteil, sich einen allgemeinen Überblick darüber zu verschaffen, welche charakteristischen Aussagen sich über die Personengruppe der Liedproduzenten treffen lassen. Diese Gruppe erweist sich jedoch als relativ inhomogen, z.B. bezüglich der gesellschaftlichen Herkunft oder des Bildungsgrades ihrer Mitglieder. So beschränken sich generell die Gemeinsamkeiten auf die religiöse Überzeugung innerhalb der jeweiligen Konfessionszugehörigkeit und auf die Motivation, diese in der Öffentlichkeit möglichst wirkungsvoll zu vertreten und zu verbreiten.

Auf reformatorischer Seite gilt Martin Luther sowohl als Hauptinitiator der Entstehung eines gemeinsamen Liedgutes in deutscher Sprache5 als auch als Leitfigur auf Grund der enormen Wirkung seiner Predigten; jedoch spielte zwar seine Lehre, er selbst aber für die Propaganda im großen Maßstab keine bedeutende Rolle, da er mit seinen Veröffentlichungen die Zielgruppe der gebildeten Oberschicht anstrebte.6 Weitere nennenswerte Vertreter der protestantischen Liedpublizistik sind neben Johannes Walter7, dem Herausgeber des ersten evangelischen Gesangbuchs (1525), Michael Stifel, ein mit Luther befreundeter Reformator, Theologe, Mathematiker und früherer Augustinermönch8 und schließlich Hans Sachs, der die lutherische Lehre aufgriff und unter volksnahen Aspekten in seinen Liedern und Schriften weiterverarbeitete.9

Die Liedproduktion der katholischen Kirche hingegen erscheint lediglich als defensive Gegenreaktion auf die vergleichsweise effektive reformatorische Liedpublizistik. Die vornehmlich von Geistlichen verfassten Lieder, häufig Kopien von protestantischen Originalen, wurden in kontextuell-inhaltlichen Aspekten den katholischen Prämissen angepasst10 und standen lange im Schatten der reformatorischen Propagandagesänge. So gewann das katholische Lied in deutscher Sprache erst gegen Ende der Gegenreformation an Bedeutung. Selbst das erste, von Michael Vehe im Jahr 1537 herausgegebene katholische Gesangbuch, mit dem er verspätet auf Walters reformatorisches Gesangbuch reagierte, konnte die Beliebtheit der protestantischen Gesänge nicht schmälern.11 Daneben verfolgte ein gewisser Teil der Publizisten weniger religiöse als wirtschaftliche Absichten, indem sie durch eigenständige Produktion und den Vertrieb von Druckversionen veröffentlichter Lieder einen neuen Absatzmarkt erschlossen; zu dieser Teilgruppe gehören das Händlertum und das Druckereiwesen.12

2.2 Verbreitung und Wirkung von Liedern

Des Weiteren sind nun die Fragen zu klären, auf welche Weise welche Formen von Liedgut in der Öffentlichkeit Verbreitung fanden und welcher Rezipientenkreis mit welcher Wirkung dabei erreicht werden sollte.

Um die mengenmäßig größte Bevölkerungsebene, die analphabetisierte untere Schicht ohne nennenswerten Bildungshintergrund als Zielgruppe gewinnen zu können, nutzte man bei der Veröffentlichung von Liedern vor allem den Kommunikationsweg der Mündlichkeit in deutscher Sprache. Das Problem dialektaler Schranken, die dem breiten Verständnis und der überregionalen Verbreitung abträglich gewesen wären, wurde vermutlich über die Vermittlung durch reisende Händler oder andere Personen gelöst, die einen großen Bewegungsradius hatten und dadurch verschiedener Nuancen der damals noch uneinheitlichen deutschen Sprache mächtig waren.

Das Schlüsselmedium in diesem Zusammenhang war mit größter Wahrscheinlichkeit die protestantische Predigt; durch sie wurde an erster Stelle einer breiten Masse die reformatorische Idee von der zentralen Bedeutung des Wort Gottes zugänglich. Das Ziel der Prediger war es, den vormals durch lateinische Liturgiegesänge geprägten Gottesdienst zu erneuern, indem das Kirchenlied in deutscher Sprache als wichtiger Teil der Messe eingeführt wurde. Somit war es den Gläubigen erstmals möglich, gesungene Inhalte und deren Zusammenhänge zu verstehen und außerhalb der Predigt unabhängig vom Vermittler zu diskutieren. Dadurch wurde das Gemeindelied nicht nur zum bedeutenden Bildungsmedium und sozial-religiösen Bindeglied, sondern auch zur Basis einer öffentlichen Meinungsbildung in vorher nicht gekannter Qualität. Das Ausmaß öffentlichen Einflusses von Kirchenliedern erklärt demnach auch ihren Stellenwert als Grundlage für Argumente, derer sich propagandistische Reformationslieder häufig bedienten.13

Eine weitere Ebene der Informationsverbreitung gestaltete sich in der Praxis oftmals durch einen Vorsänger14, der sich an stark frequentierten Orten wie dem Marktplatz einfand und dort neu publizierte Lieder einer möglichst großen Öffentlichkeit vortrug. Ähnlich funktionierte auch die Verbreitung von Informationen durch einen Vorleser, der zum Beispiel die übersetzte Bibel oder Flugschriften rezitierte. Zusätzlich zum mündlichen Vortrag wurden in vielen Fällen bei erstmaliger Publikation Flugblätter ausgegeben15, die entweder den Liedtext enthielten oder sogar eine Kombination mit Melodie verzeichnet hatten. Diese Medienformen erreichten freilich ein geringeres Spektrum an Rezipienten, da zum Verständnis die Fähigkeit des Lesens unabdingbar war. Die weitere Verbreitung des Liedmaterials verselbstständigte sich schließlich, indem sie innerhalb der Bevölkerung eine Form von Eigendynamik entwickelte, zum Beispiel durch den Gesang in Wirtshäusern oder der Vermittlung durch Händler über größere geographische Entfernungen. Es ist anzunehmen, dass gerade dieser wenig greifbare, indirekte Kommunikationsweg für das Wirkungspotential des Liedes entscheidend war. Das entstandene mediale Netz ermöglichte durch das Wechselwirken seiner einzelnen Faktoren im Innern eine optimale und erfolgreiche Erweiterung des Adressatenkreises.

Ebenso facettenreich wie ihre Verbreitung entwickelten sich auch die verschiedenen Typen des reformatorischen Liedes in Abhängigkeit von ihrer Intention. Neben den eben erwähnten Gemeindeliedern, deren Funktion vordergründig die religiöse Überzeugung, Erbauung und damit Stabilisierung der protestantischen Großgemeinde darstellte, kursierten auch verschiedene Formen balladenähnlicher Lieder in der weltlichen Öffentlichkeit; sie fungierten hingegen als frühe Variante eines Nachrichtenmediums, informierten den Rezipienten über aktuelle Geschehnisse und kommentierten diese häufig.16 Das inhaltliche Spektrum aller Liedvarianten, selbst des Kirchenliedes in abgewandelter Form, konnte von politischer, religiöser und moralischer Motiviertheit sein oder, wie meist, eine Kombination aus diesen Einzelaspekten.17

[...]


1 Parris, Arnold, Music as Propaganda. Art to Persuade, Art to Control, Westport 1985, S. 3.

2 Böhme, Franz Magnus, Altdeutsches Liederbuch. Volkslieder der Deutschen nach Wort und Weise aus dem 12. bis zum 17. Jahrhundert, Leipzig 1877, S. 646.

3 Böhme, Altdeutsches Liederbuch, 1877, Nr. 539.

4 Ebd., Nr. 632.

5 Vgl. Heintzel, Alexander, Propaganda im Zeitalter der Reformation. Persuasive Kommunikation im 16. Jahrhundert (Bd. 1), St. Augustin 1998, S. 135.

6 Vgl. ebd. S. 215.

7 Vgl. ebd. S. 152.

8 Vgl. Wagner Oettinger, Rebecca, Music as Propaganda in the German Reformation, Ashgate u.a. 2001, S. 116.

9 Vgl. Heintzel, Propaganda, 1998, S. 216.

10 Vgl. Walz, Herbert, Deutsche Literatur der Reformationszeit. Eine Einführung, Darmstadt 1988, S. 50.

11 Vgl. Heintzel, Propaganda, 1998, S. 152.

12 Vgl. ebd. S. 25-26.

13 Vgl. Heintzel, Propaganda, 1998, S. 126-127.

14 Vgl. ebd. S. 26.

15 Vgl. ebd. S. 134.

16 Vgl. Robinson-Hammerstein, Helga, The Transmission of Ideas in the Lutheran Reformation, Worcester 1989, S. 162-163.

17 Vgl. Heintzel, Propaganda, 1998, S.41.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Das Lied als Medium der reformatorischen Öffentlichkeit
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Lehrstuhl für Neuere Geschichte)
Veranstaltung
Satiren, Schmähschriften und Spottlieder. Medien von Öffentlichkeit (1450-1800)
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
14
Katalognummer
V162367
ISBN (eBook)
9783640759620
ISBN (Buch)
9783640760053
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Reformation, Medien
Arbeit zitieren
Susanne Schwank (Autor), 2009, Das Lied als Medium der reformatorischen Öffentlichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162367

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