Wer die zeitkritischen Aufsätze des jüdischen Schriftstellers Jean Améry, der 1912 als Hans Chaim Mayer in Wien geboren wurde, kennt, wie unter anderem „Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten“ und „Über das Altern: Revolte und Resignation“ aus den 1960er Jahren oder die autobiografische Schrift „Unmeisterliche Wanderjahre“ von 1971, die sich durch Amérys Fähigkeit der Analyse des Zeitgeschehens, der Geschichte und deren philosophischem wie auch politischem Hintergrund, auszeichnen, den mag der Wunsch „von der autobiographischen Thematik... loszukommen“ und einen Roman zu verfassen nicht sonderlich überrascht haben. Es war anzunehmen, dass Améry zwar „erzählen“ wolle, doch würde er dabei die Möglichkeit des Sinnens und Nachdenkens, der Reflexion, nicht zu Gunsten einer reinen Erzählwelt, wie es dem Roman eigen ist, aufgeben. Und somit entstand ein Werk, das von der gegenseitigen Durchdringung von Darstellerischem und Erzähltechnischem auf der einen Seite und Reflektierendem auf der anderen Seite geprägt ist: Jean Amérys Roman-Essay „Lefeu oder der Abbruch“, welcher Gegenstand dieser wissenschaftlichen Arbeit ist.
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Die Figur des Lefeu, welche das Romangeschehen bestimmt, hatte einen tatsächlich lebenden Künstler zum Vorbild: Erich Schmid. Über ihn fantasiert Améry seine Kunstfigur jedoch hinaus, bis hin zu „künstlerischen Selbstbefragungen und -vergewisserungen, die uns in den Porträts von Thomas Manns Aschenbach (aus dem „Tod in Venedig“, mit dem Amérys Buch sehr viel verbindet) oder dem Adrian Leverkühn (aus dem „Doktor Faustus“) schon vertraut waren“ .
In wie weit der Maler Erich Schmid nun Vorlage für die Figur des Lefeu war, wie viel Autobiografisches diese Romangestalt entgegen des Wunsches des Autors, wie es aus dem voranstehenden Zitat desselben zu entnehmen war, in sich trägt und besonders in welcher Beziehung Schmid, Lefeu und Améry zueinander stehen, soll im Folgenden erörtert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Roman „Lefeu oder der Abbruch“
2.1 Zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Romans
2.2 Zum Gehalt des Romans
2.3 Anmerkungen zur Figur des Lefeu
3. Erich Schmid – Das Vorbild für die literarische Figur des Lefeu
3.1 Das Leben des Erich Schmid und seine Beziehung zu Jean Améry
3.2 Exkurs: „Die neuen Mönche. Bildnisse (un)berühmter Zeitgenossen. Unbekannter Maler E. S.“
4. „Lefeu oder der Abbruch“ – Das verzerrte Selbstporträt eines Malers?
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht den Roman-Essay „Lefeu oder der Abbruch“ von Jean Améry, wobei insbesondere die inhaltlichen Aspekte des Werkes sowie die Figur des Malers Lefeu analysiert werden. Ein zentrales Ziel ist es, die Verbindung zwischen der literarischen Figur und deren realem Vorbild, dem Maler Erich Schmid, aufzuzeigen und dabei zu erörtern, inwieweit das Werk als autobiografisches Selbstporträt Amérys zu verstehen ist.
- Analyse des Essay-Romans „Lefeu oder der Abbruch“ und dessen inhaltlicher Struktur.
- Untersuchung der künstlerischen und philosophischen Beziehung zwischen Jean Améry und Erich Schmid.
- Erörterung der autobiografischen Anteile und der Selbstbefragung des Autors im Roman.
- Einordnung des Werkes in das Gesamtwerk von Jean Améry unter Berücksichtigung zeithistorischer und philosophischer Kontexte.
Auszug aus dem Buch
3.1 Das Leben des Erich Schmid und seine Beziehung zu Jean Améry
Modell für die Figur des Lefeu war, folgt man den Ausführungen Jean Amérys, der jüdische Maler Erich Schmid (1908-1984). Er und Améry hatten sich schon in den 1920er Jahren in Wien kennengelernt, wo Schmid zunächst Psychologie studiert hatte und, wie Améry auch, eine Analyse bei Wilhelm Reich machte. Nach seinem Kunststudium, das er von 1930 bis 1934 absolvierte, sucht er gemeinsam mit seinem Freund Améry Zuflucht in Antwerpen. Von dort werden sie als feindliche Ausländer in die Internierungslager von St. Cyprien und Gurs deportiert.
Hier trennen sich die Wege der Kammeraden. Beide fliehen noch aus Gurs, doch Améry zieht es nach Brüssel, wo er sich dem österreichischen Widerstand anschließt. Schmid bleibt in Frankreich zurück. Er, dessen Eltern in Ausschwitz ermordet werden, überlebt den Zweiten Weltkrieg im Untergrund und kehrt 1945 nach Paris zurück. Hier lebt er bis zu seinem Tod.
Mit seiner Malerei, die an der figurativen Kunst festhält und sich nicht wie die zeitgenössische Bildkunst in die Abstraktion flüchtet, verdient sich Erich Schmid den Lebensunterhalt. Er verweigert sich jeglicher Anpassung zu Gunsten einer kommerzielleren Vermarktung seiner Kunst. Für ihn sind seine Bilder ein Akt der Wiedergutmachung an einer verleugneten Wirklichkeit. Und in den 1960er Jahren erlangte Schmids Malerei durch Ausstellungen in Frankreich, Belgien, der Schweiz und sogar in Kanada und den USA eine gewisse Bekanntheit und Bedeutung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Vorhaben von Jean Améry ein, sich von autobiografischen Themen zu lösen und einen Roman zu verfassen, und legt das wissenschaftliche Vorgehen sowie die Fragestellung dar.
2. Der Roman „Lefeu oder der Abbruch“: Dieses Kapitel behandelt die Entstehungsgeschichte, die inhaltliche Konzeption sowie die Aufnahme des Werkes durch die Kritik und beleuchtet die philosophischen und erzählerischen Aspekte des Romans.
3. Erich Schmid – Das Vorbild für die literarische Figur des Lefeu: Hier wird die Biografie des Malers Erich Schmid und seine enge Freundschaft zu Jean Améry sowie dessen Bedeutung als Inspirationsquelle für die Romanfigur detailliert dargestellt.
4. „Lefeu oder der Abbruch“ – Das verzerrte Selbstporträt eines Malers?: Das abschließende Kapitel analysiert die Verschränkung von Wunschbiografie und Selbstanklage im Roman und verortet das Werk als Reflexion der eigenen Existenz Amérys.
Schlüsselwörter
Jean Améry, Lefeu oder der Abbruch, Erich Schmid, Autobiografie, Essay-Roman, französische Résistance, Malerei, Wirklichkeitsverlust, Selbstporträt, 20. Jahrhundert, Literaturwissenschaft, Existenzphilosophie, Widerstand, Zeitgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Roman-Essay „Lefeu oder der Abbruch“ von Jean Améry und untersucht die Verschränkung von fiktionalem Erzählen und autobiografischen Elementen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die künstlerische Integrität des Malers Erich Schmid, das Spannungsfeld zwischen Kunst und Kommerz sowie die philosophische Reflexion Amérys über das eigene Schreiben.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Beziehung zwischen dem realen Künstler Erich Schmid und der fiktiven Figur Lefeu zu ergründen und aufzuzeigen, wie Améry sein eigenes Leben in den Roman einfließen ließ.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf die Analyse der Primärtexte von Jean Améry sowie auf wissenschaftliche Sekundärliteratur, um den Roman-Essay in Amérys Gesamtwerk einzuordnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung des Romans, die Biografie von Erich Schmid und die symbolische Bedeutung der Romanfigur Lefeu als Spiegelbild des Autors.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Jean Améry, Erich Schmid, Roman-Essay, autobiografische Thematik, Widerstand und künstlerische Identität.
Inwieweit spielt die Kritik von Marcel Reich-Ranicki eine Rolle?
Die Arbeit beleuchtet die vernichtende Rezension Reich-Ranickis, die für Améry von großer Bedeutung war und sein Selbstverständnis als Romancier tief erschütterte.
Welche Bedeutung hat das Gemälde „L'oiseau de malheur“?
Es fungiert als zentrales Symbol im Roman, das die persönliche Lage von Lefeu und dessen Identifikation mit dem Schicksal des Autors Améry verdeutlicht.
Wie unterscheidet sich die Lebensführung von Améry und Schmid?
Während Schmid als asketischer Künstler in Paris lebte, wählte Améry einen anderen Weg, blieb jedoch Schmid durch eine innige Freundschaft und gegenseitige Wertschätzung verbunden.
- Arbeit zitieren
- Sarah Schneider (Autor:in), 2009, Das verzerrte Selbstporträt eines Malers in Jean Amérys Roman "Lefeu oder der Abbruch", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162397