Die Geburtsstunde des deutschen romantischen Liedes, so findet man in „Die Musik in Ge-schichte und Gegenwart“, erfolgt nach weitgehend konsentierter Einschätzung im Jahre 1814 mit der Komposition von Gretchen am Spinnrade durch den 17-jährigen Franz Schubert.1 Ein nach heutigen Maßstäben nicht einmal volljähriger Junge begründet also eine ganze Epoche und lässt eine Gattung aufleben, geradezu reifen, in ihrer Neuartigkeit überhaupt erst entstehen, der bis dahin die Zugehörigkeit zur großen Kunst abgesprochen worden war.2 Der bedeutende Liedinterpret und Opernsänger Dietrich Fischer- Dieskau notiert für diese Zeit ebenfalls die Entstehung einer besonderen Liedgattung, der des Schubertliedes, würdigt, die „Vereinigung von Poesie und Tönen [ist] noch nie vorher so vollkommen gelungen“.3 Schu-bertlied und Romantisches Lied lassen sich dabei scheinbar nicht voneinander trennen, wird der Komponist doch oft als Inbegriff eben jener Epoche verstanden, zu deren Entstehung er beitrug. Der Musikwissenschaftler Thrasybulos Georgiades geht noch einen Schritt weiter, teilt die abendländische Musiktradition ein in die beiden wesentlichen Epochen vor und nach Schubert.4 Zwar bezieht er damit auch dessen Instrumentalschaffen ein, doch stellt die Lied-kunst des Komponisten als seine vollkommenste Stärke heraus.
Wie konsistent und sinnvoll sind jedoch diese Einteilungen, wie viel Gehalt darf man den Worten beimessen und wie viel davon ist übertriebene Schwärmerei? Anders formuliert: Welche Bedeutung hat das Lied „Gretchen am Spinnrade“ tatsächlich und aus welchem Grund besitzt es in der Literatur diese herausragende Stellung?
Das zu klären, soll das Ziel dieser Arbeit sein. Dazu ist es notwendig, zuvorderst einen Blick auf die Ausgangslage des Liedes zu werfen und zu beleuchten, welche Entwicklung diese Gattung bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts genommen hat. Im Anschluss soll ein kurzer Überblick über den Lebenslauf des Komponisten Schubert gegeben werden, mögliche Ein-flüsse herausgearbeitet und das Wirken seiner Lehrer dargestellt werden. Bevor sich dann der Analyse des Liedes gewidmet wird, bietet es sich an, das Verhältnis von Goethe und Schubert zu umreißen und die Textvorlage näher zu beleuchten. Um die oben angeführte Frage zu beantworten, werden abschließend die gewonnenen Erkenntnisse zusammengefasst und die Bedeutung des Werkes auf Schuberts Gesamtschaffen sowie die Entwicklung der Gattung projiziert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Gattung Lied im späten 18. und beginnenden 19. Jahrhundert
3. Lebenslauf und erste musikalische Einflüsse
4. Die Textvorlage
5. Analyse des Liedes „Gretchen am Spinnrade“
6. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die musikgeschichtliche Bedeutung des Kunstliedes "Gretchen am Spinnrade", op. 2 D118, das Franz Schubert im Alter von 17 Jahren komponierte. Ziel ist es, die herausragende Stellung dieses Werkes in Schuberts Schaffen sowie dessen Einfluss auf die Entwicklung des romantischen Liedes durch eine detaillierte musikalische Analyse und die Betrachtung des historischen Kontextes zu ergründen.
- Die historische Entwicklung der Gattung Lied um 1800
- Biografische Hintergründe und musikalische Prägungen Schuberts
- Die Bedeutung der literarischen Vorlage von J.W. von Goethe
- Strukturelle und harmonische Analyse des Liedes „Gretchen am Spinnrade“
- Das Verhältnis von Lyrik und Dramatik in der Komposition
Auszug aus dem Buch
5. Analyse
Das Lied ist in der Grundtonart d-Moll verfasst und verfügt über einen 6/8- Takt. Die 120 Takte lassen sich jedoch rein musikalisch betrachtet, entgegen der Vorlage, nicht in sinnvoll abzugrenzende Strophen einteilen. Stattdessen schafft er drei musikalische Alternativen, die, stets mit der Ritornellstrophe beginnend, die Ausgangssituation und wohl auch deren Ausweglosigkeit wiederholt aufzeigen, dann jedoch in andere Melodiemotive und Harmoniegestaltungen führen bis hin zu rhythmischen Einschnitten in den Höhepunkten.
In das Lied führt das Klavier mit einem Motiv ein, welches nahezu das gesamte Lied erhalten bleibt (Beispiel 1). Die gleichförmigen Sechzehntel- Bewegungen, welche die rhythmische Komponente der rechten Klavierhand prägen, können dabei einerseits als das sich immerfort drehende Spinnrad interpretiert werden, an dem sich Gretchen befindet, wodurch Schubert das durch die Textgrundlage gegebene Bild musikalisch nachzeichnet. Zum anderen können sie gleichzeitig als Vorankündigung verstanden werden, die von vornherein deutlich zu machen scheinen, dass die Situation des in der Szene beschriebenen Abschnitts in letzter Konsequenz keine positive Veränderung erfahren wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Entstehungsgeschichte des romantischen Liedes im Jahr 1814 und formuliert die Forschungsfrage zur Bedeutung von Schuberts "Gretchen am Spinnrade".
2. Die Gattung Lied im späten 18. und beginnenden 19. Jahrhundert: Dieses Kapitel beschreibt das Ideal der Schlichtheit und Sangbarkeit, das die zeitgenössische Auffassung der Zweiten Berliner Liederschule prägte.
3. Lebenslauf und erste musikalische Einflüsse: Der Abschnitt bietet einen Überblick über Schuberts Ausbildung, seine Lehrer und die Bedeutung seines sozialen Umfeldes für sein kompositorisches Schaffen.
4. Die Textvorlage: Hier wird das Verhältnis zwischen Schubert und Goethe sowie die literarische Herkunft des Textes aus dem "Faust I" analysiert.
5. Analyse des Liedes „Gretchen am Spinnrade“: Der Hauptteil untersucht die musikalische Struktur, die harmonischen Mittel und die formale Gestaltung des Werkes im Detail.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und hebt Schuberts Leistung hervor, Lyrik und Dramatik zu einer untrennbaren, neuen Einheit zu verbinden.
Schlüsselwörter
Franz Schubert, Gretchen am Spinnrade, romantisches Lied, Johann Wolfgang von Goethe, Faust, Musikwissenschaft, Liedanalyse, Kompositionsgeschichte, Harmonik, Klavierbegleitung, Wiener Klassik, Rezitativ, Dramatik, Lyrik, Kunstlied
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Lied "Gretchen am Spinnrade" von Franz Schubert und dessen musikgeschichtliche Relevanz als Wegbereiter des romantischen Kunstliedes.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung der Liedgattung um 1800, der biografischen Prägung Schuberts und der engen Verzahnung von Text und Musik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, warum das Werk "Gretchen am Spinnrade" eine so herausragende Stellung in der Literatur einnimmt und welche kompositorischen Neuerungen es einführte.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin/der Autor verwendet eine musikwissenschaftliche Analyse, die den historischen Kontext mit einer detaillierten formalen und harmonischen Betrachtung des Notentextes verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Analyse des Klavierparts, der harmonischen Progressionen und der melodischen Ausgestaltung in Bezug auf den Textmetrum.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Liedgattung, Harmonik, musikalische Dramatik, Textvorlage und kompositorische Meisterschaft.
Wie deutet Schubert das Spinnrad im Klavierpart?
Schubert nutzt die Sechzehntel-Bewegungen der Klavierbegleitung sowohl zur Abbildung des Spinnrades als auch als Vorankündigung für die Ausweglosigkeit der Situation Gretchens.
Wie geht Schubert mit der literarischen Vorlage um?
Er hält sich eng an den Sprachrhythmus und das Metrum, weicht jedoch durch Wiederholungen und musikalische Steigerungen von der strikten Textstruktur ab, um dramatische Effekte zu erzielen.
- Quote paper
- Sebastian Haupt (Author), 2010, Eine Analyse des Kunstliedes Gretchen am Spinnrade, op. 2 D118 von Franz Schubert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162483