Edmund Husserls Begriff der Intentionalität


Hausarbeit, 2010

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Brentanos Intentionalitätsbegriff

3 Husserls Intentionalitätsbegriff
3.1 Intentionalität in den „Logischen Untersuchungen Bd. 2“
3.1.1 Zielsetzung der „Logischen Untersuchung Bd. 2“
3.1.2 Ausdruck und Bedeutung
3.1.3 Über intentionale Erlebnisse und ihre Inhalte
3.1.3.1 Intentionale und nicht-intentionale Erlebnisse
3.1.3.2 Materie und Qualität
3.1.4 Erkenntnis, Evidenz und Wahrheit
3.1.5 Abgrenzung zu Brentanos „Psychologie vom empirischen Stand- punkt Bd. 1“
3.2 Intentionalität in den „Ideen I“
3.2.1 Natürliche Einstellung, Einklammerung und [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]
3.2.2 Immanenz, Transzendenz und Abschattung
3.2.3 [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] und [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]
3.2.4 Noesis und Noema
3.2.4.1 Die Schichten des Noema
3.2.4.2 Gesetz der Korrelation
3.2.5 Erneute Abgrenzung zu Brentano
3.3 Intentionalität nach den „Ideen I“
3.3.1 Das innere Zeitbewusstsein
3.3.1.1 Urimpression, Retention und Protention
3.3.1.2 Längs- und Querintentionalität
3.3.2 Von der statischen zur genetischen Intentionalitätsanalyse
3.3.2.1 Horizont
3.3.2.2 Genetische Analyse, Passivität und Assoziation

4 Bedeutung der Phänomenologie für die Intentionalität bei Husserl

5 Schlussbetrachtungen
5.1 Zusammenfassung
5.2 Ausblick

1 Einleitung

Den Intentionalitätsbegriffs kann man in aller Kürze so formulieren: Das Bewusst- sein ist Bewusstsein von etwas, d.h. man sieht etwas, man denkt etwas, man hofft etwas etc. Dies scheint eine Selbstverständlichkeit und Trivialität zu sein. Doch warum können wir uns geistig auf etwas beziehen? Diese scheinbare einfache Fra- ge, erweist sich bei näherer Betrachtung als äußerst schwierig. Husserl war sich der Problematik bewusst, denn er schreibt in seinen Ideen I: „Die Eigentümlichkeit des intentionalen Erlebnisses ist in seiner Allgemeinheit leicht bezeichnet; wir verste- hen alle den Ausdruck ‚Bewusstsein von etwas‘ [...]. Also ‚Bewusstsein von etwas‘ ist ein sehr Selbstverständliches und doch zugleich höchst Unverständliches“1. Was Husserl unter Intentionalität versteht, soll in dieser Arbeit näher untersucht wer- den. Den Begriff der Intentionalität hat Husserl von seinem Lehrer Franz Brentano übernommen, der diesen Ausdruck, ursprünglich aus der Scholastik kommend, in modifizierter Form wieder aufnahm und in seinem Werk Psychologie vom empiri- schen Standpunkt2 in die Neuzeit einführte.3 Zunächst soll auf Brentanos Intentio- nalitätsbegriff eingegangen werden (siehe Kapitel 2). Husserl kritisiert und modifi- ziert Brentanos Auffassung. In Husserls Verständnis der Intentionalität lassen sich drei Phasen unterscheiden. Die allgemeine Struktur entwickelt er in seiner ersten Phase bis einschließlich den L ogischen Untersuchungen.4 Im Anschluss daran führt Husserl eine transzendentalphilosophische Neuformulierung seiner Intentionalitäts- analyse durch.5 In der dritten Phase gelangt er zur Erforschung der vorbewussten Schichten der Intentionalität, die die Gegenstandskonstitution im vollen Sinne erst ermöglicht.6 Diese drei Phasen sollen in Kapitel 3 erläutert werden. Letztlich soll die Bedeutung der Phänomenologie für den Husserlschen Begriff der Intentionalität dargelegt werden (siehe Kapitel 4).

2 Brentanos Intentionalitätsbegriff

Husserl rühmt Brentano, da er der erste gewesen sei, der das Bewusstsein als Be- wusstsein von etwas durch seine deskriptiven Untersuchungen in den Mittelpunkt gestellt habe. Die L ogischen Untersuchungen seien Auswirkungen der Anregungen Brentanos.7 Ausgangspunkt nehmen Brentanos Überlegungen in der Annahme, dass die gesamte Welt unserer Erscheinungen in die Klassen der physischen und der psy- chischen Phänomene zerfällt, wobei sich die Psychologie mit den psychischen und die Naturwissenschaften mit den physischen Phänomenen beschäftigen. Für Brenta- no ist die Intentionalität ein wichtiges Merkmal der psychischen Phänomene. Unter psychischen Phänomenen versteht er psychische Akte, d.h. Bewusstseinsvorgänge und -zustände, während die physischen Phänomene die Inhalte dieser Akte darstel- len. Ein Beispiel für psychische Phänomene sind „ jede Vorstellungen durch Emp- findung oder Phantasie“, wobei „unter Vorstellung nicht das, was vorgestellt wird, sondern der Akt des Vorstellens“ 8 gemeint ist. Gleiches gilt für „ jedes Urteil, jede Erinnerung, jede Erwartung, jede Folgerung, jede Überzeugung oder Meinung, je- der Zweifel [...].“9 „Beispiele von physischen Phänomenen dagegen sind eine Farbe, eine Figur, eine Landschaft, die ich sehe; einen Akkord, den ich höre; Wärme, Käl- te, Geruch, die ich empfinde; sowie ähnliche Gebilde, welche mir in der Phantasie erscheinen“10. Um das Verhältnis dieser beiden Klassen zu klären, bringt Brentano den Begriff der Intentionalität ins Spiel. Er schreibt: „Jedes psychische Phänomen ist durch das charakterisiert, was die Scholastiker des Mittelalters die intentionale (auch wohl mentale) Inexistenz eines Gegenstandes genannt haben und was wir [...] die Beziehung auf einen Inhalt, die Richtung auf ein Objekt (worunter hier nicht eine Realität zu verstehen ist), oder die immanente Gegenständlichkeit nennen würden. Jedes enthält etwas als Objekt in sich, obwohl nicht jedes in gleicher Weise. In der Vorstellung ist etwas vorgestellt, in dem Urteile ist etwas anerkannt oder verworfen, in der Liebe geliebt, in dem Hasse gehasst, in dem Begehren begehrt u.s.w.“11 Dar- aus folgernd definiert Brentano die psychischen Phänomene, „indem wir sagen, sie seien solche Phänomene, welche intentional einen Gegenstand in sich enthalten.“12 Brentano unterscheidet also zwischen dem Akt (dem psychischen Phänomen), dem physischen Phänomen und dem physikalischen, wirklichen Ding. Durch die Inten- tionalität der psychischen Phänomene werden wir nicht mit dem wirklichen Ding in Verbindung gesetzt, sondern erreichen nur das intentionale Objekt das imma- nent in uns ist. Die Akte zeichnen sich durch eine „intentionale Inexistenz“ aus, wobei unter Inexistenz keineswegs das Nicht-Existieren zu verstehen ist, sondern eine bewusstseinsimmanente Existenz. Die psychischen Phänomene unterscheiden sich genau dadurch von den physischen, dass in jedem psychischen Phänomen ein Gegenstand existiert. Wenn ich mich auf ein gutes Abendessen freue, dann exis- tiert in meiner Freude das Abendessen, allerdings nur geistig und immateriell. Im Gegensatz zu den physischen Phänomenen, die nur einen trügerischen Charakter haben, besitzen wir von psychischen Phänomenen klarste Erkenntnis und Gewiss- heit. Die einzig wahre Erkenntnis zu der wir gelangen können ist nach Brentano eine Erkenntnis unserer eigenen psychischen Phänomene. Hier zeigen sich die Pro- bleme der Theorie der intentionalen Inexistenz. Denn angesichts dieser Reduktion aller Objekte auf Gedankendinge, stellt sich die Frage, wie wir überhaupt zu au- ßergeistigen Dingen gelangen und wie wir sie erkennen können. Zudem ergibt sich aus der Annahme, dass jede Vorstellung zwar einen immanent existierenden Gegen- stand aber nicht notwendigerweise auch einen realen, bewusstseinstranszendenten Gegenstand hat, die Konsequenz, dass absurden Gegenständen, z.B. runde Viere- cke, in der Immanenz reale Existenz zukäme. Man muss allerdings auch erwähnen, dass Brentano selbst die Schwachpunkte seiner Theorie erkannt hat, denn im Vor- wort des zweiten Bandes seiner Psychologie vom empirischen Standpunkt von 1911 schreibt er: „Eine der wichtigsten Neuerungen ist die, dass ich nicht mehr der Ansicht bin, dass eine psychische Beziehung jemals anderes als Reales zum Objekt haben könne“.13 Der zweite Band der L ogischen Untersuchungen Husserls stammt aus dem Jahr 190114,15, somit lag Husserl die Brentanosche Auffassung der Intentionalität aus dem 1874 erschienenen ersten Band der Psychologie vom empirischen Stand- punkt zugrunde. Infolgedessen stellen wir die L ogischen Untersuchungen Bd. 2 an den Anfang unserer Untersuchung des Husserlschen Intentionalitätsbegriffs.

3 Husserls Intentionalitätsbegriff

Intentionalität stellt das zentrale Thema in der Philosophie Edmund Husserls dar. Eine Theorie der Intentionalität ist zugleich eine Theorie des Bewusstseins, denn für Husserl ist die Intentionalität das, was das Bewusstsein charakterisiert. Da Bewusst- sein stets als „Bewusstsein von“ etwas aufgefasst wird, liegt es nahe die Beziehung von Bewusstseinsgegenstand zu Bewusstseinsinhalt näher zu untersuchen. Um den Problemen, in die Brentano gelaufen war, zu entgehen bedurfte es einer verfeinerten Analyse um überhaupt erst einmal die Probleme präzise fassen zu können. Zeit seines Lebens hat Husserl sich intensiv damit beschäftigt, seine Intentionalitätsanalysen zu verbessern. Dabei ist es nicht immer leicht den Überblick zu behalten. Husserl selbst schreibt in den Einleitung zu den L ogischen Untersuchungen Bd. 2: „Die Untersu- chung bewegt sich gleichsam im Zickzack; und dieses Gleichnis passt um so besser, als man, vermöge der innigen Abhängigkeit der verschiedenen Erkenntnisbegriffe, immer wieder zu den ursprünglichen Analysen zurückkehren und sie an den neuen sowie die neuen an ihnen bewähren muß.“16

Grundsteinlegung sind die L ogischen Untersuchungen. In den Ideen I erfolgt eine Präzisierung in den Untersuchungen der intentionalen Beziehung des Bewusstseins auf Gegenstände. Ab den 1920er Jahren widmet er sich der Erforschung der vorbe- wussten, passiven Schichten der Intentionalität. Die statische Intentionalitätsanalyse wird um eine genetisch-intentionale Konstitutionsanalyse erweitert.17 In den folgen- den Kapiteln sollen Husserls Analysen näher erläutert werden.

3.1 Intentionalität in den „Logischen Untersuchungen Bd. 2“

3.1.1 Zielsetzung der „Logischen Untersuchung Bd. 2“

Im ersten Band der Logischen Untersuchungen, den Pr olegomena zu einer reinen Logik18 hatte Husserl gezeigt, dass Logik und Mathematik grundlegender sind als jede empirische Wissenschaft und dass diese nicht auf psychischen Ereignissen be- gründet sein können. Die Kritik am Psychologismus in den Pr olegomena ist nicht das Endziel, sondern muss im Zusammenhang mit den Überlegungen über die Mög- lichkeitsbedingungen der Objektivität gesehen werden. Am Ende der Pr olegomena fragt Husserl, was nun für den Philosophen zu tun bleibe. Er beantwortet diese Fra- ge damit, dass der Philosoph wissen möchte, „was das Wesen von ‚Ding‘, ‚Vorgang‘, ‚Ursache‘, ‚Wirkung‘, ‚Raum‘, ‚Zeit‘ u.dgl. ist [...] und weiter, was dieses Wesen für wunderbare Affnität zu dem Wesen des Denkens hat, daß es gedacht, des Erkennens, daß es erkannt, der Bedeutungen, dass es bedeutend sein kann usf.“19 Es geht dem Philosophen also um die Beziehung zwischen den Akten des Bewusstseins und seinen Gegenständen und wie sich die logisch-mathematischen Strukturen im Bewusstsein konstituieren. Dies ist Aufgabe des zweiten Bandes der L ogischen Untersuchungen.20 Dieser ist untergliedert in sechs Kapitel, kurz Logische Untersuchungen I bis VI ge- nannt.

[...]


1 Husserl, Edmund: Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologische Philosophie. Hamburg: Felix Meiner Verlag, 2009, S.200f.

2 Brentano, Franz: Psychologie vom empirischen Standpunkt, Band 1. Leipzig: Verlag von Dun- cker u. Humblodt (Reprint durch Nabu Press, 2010), 1874.

3 zum Verhältnis des mittelalterlichen Begriff zu dem des Brentano siehe Perler, Dominik: Theo- rien der Intentionalität im Mittelalter. 2. Auflage. Frankfurt: Vittorio Klostermann, 2004.

4 Husserl, Edmund: Logische Untersuchungen. Hamburg: Felix Meiner Verlag, 2009.

5 siehe Husserl: Ideen I.

6 s.a. Intentionalität in Gander, Hans-Helmuth (Hrsg.): Husserl-Lexikon. Darmstadt: Wissen- schaftliche Buchgesellschaft, 2010.

7 zitiert nach Zahavi, Dan: Intentionalität und Konstitution. Kopenhagen: Museum Tusculanum Press, 1992, S.29.

8 Brentano: Psychologie vom empirischen Standpunkt, Band 1, S.103.

9 A.a.O.

10 A.a.O., S.104.

11 A.a.O., S.115.

12 A.a.O., S.116.

13 Brentano, Franz: Psychologie vom empirischen Standpunkt, Band 2. Hamburg: Felix Meiner Verlag, 1971, Unveränderter Nachdruck der Originalausgabe von 1911, S. 2.

14 vgl Zeittafel in Gander: Husserl-Lexikon, S.332.

15 Band 1, die Prolegomena, wandte sich gegen den Psychologismus und ist nicht Gegenstand unserer Untersuchung

16 Husserl: LU, S.22f.

17 Diese Untersuchungen liegen insbesondere in den Werken A nalysen zur passiven Synthesis und Erfahrung und Urteil vor; zitiert nach Gander: Husserl-Lexikon, S.156.

18 erschienen 1900. Abgedruckt in Husserl: LU.

19 L ogische Untersuchungen Bd. 1 a.a.O., S.255.

20 siehe Einleitung in Mayer, Verena (Hrsg.): Edmund Husserl - Logische Untersuchungen. Berlin: Akademie Verlag, 2008, S.3ff.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Edmund Husserls Begriff der Intentionalität
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
25
Katalognummer
V162594
ISBN (eBook)
9783640763771
ISBN (Buch)
9783640764150
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Husserl, Intentionalität, Phänomenologie, Philosophie
Arbeit zitieren
Dr. Martin Henneke (Autor), 2010, Edmund Husserls Begriff der Intentionalität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162594

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