Dekonstruktivistische Architektur

Zwischen literarischem Ursprung und modernistischem Anklang


Hausarbeit, 2010

19 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Derridas Erbe: eine allgemeine Begriffsklärung

3) Mark Wigley: dekonstruktivistische Architektur

4) Exemplarisch: Zaha Hadid und Kasimir Malewitsch

5) Das Fazit

1) Einleitung.

Der Dekonstruktivismus ist eine noch junge Erscheinung innerhalb des archi­tekturtheoretischen Feldes; erst relativ spät im 20. Jahrhundert wurde er theo­retisch analysiert und praktisch reflektiert. Das Ziel dieser Arbeit ist es die Ursprünge destruktiven Denkens und Bauens, mittels früher Schriften Mark Wigleys, aufzuzeigen und den Kern dieser Architekturtheorie zu destillieren, um sich anschließend der Frage zu widmen, ob und wie die zentralen Erkenntnisse Wigleys in heutigen Architekturentwürfen, beispielsweise von Toparchitekten wie Zaha Hadid, Eingang finden.

Der Aufsatz „ Dekonstruktivistische Architektur“[1] erschien 1988 im gleichnamigen Werk von Mark Wigley und Philip Johnson, beide Architekten und Architektur­kritiker. Johnson wurde bereits 1906 geboren und verstarb 2005. Wigley, der 1979 seinen Bachelor in Architektur gemacht hat und dessen Schaffen bereits seit 1989 prämiert wird und auch gegenwärtig aktuell ist, steht also in direktem Einfluss eines Mitbegründers der dekonstruktivistischen Theorie und Praxis. Wigley zeichnet in seinem Aufsatz eine Linie der Dekonstruktion. Dabei nimmt er vornehmlich auf den Konstruktivismus in Kunst und Architektur Bezug. Von den ursprünglichen Methoden der Architektur über die modernistischen Strö­mungen hinweg soll die Methode des Dekonstruktivismus aufgespürt, lokalisiert und fruchtbar gemacht werden.

Weiterhin wird auch auf eine weitere Schrift Wigleys Bezug genommen: „ The Architecture of Deconstruction: Derrida’s Haunt“[2]. Wigleys Überlegungen über dekonstruktivistische Architektur, in denen insbesondere der frühe De­konstruktivismus zur Sprache kommt sowie mittels der russischen Avantgarde­kunst argumentiert wird, soll hierbei jedoch neben einer knappen Begriffs­klärung den Kern der Analyse darstellen und das Fundament für eine intensi­vere Betrachtung legen.

Auf diese theoretische Annäherung an das Thema des Dekonstruktivismus sollen nun folgend in einem letzten Schritt die Parallelen betrachtet werden, die, von den frühen theoretischen Annahmen ausgehend, auf heutige Architektur­entwürfe zu ziehen sind. Hier sollen unter anderem Wigleys Überlegungen inte­ressieren und zentral eingebunden werden sowie Querbezüge und Vergleiche hervorgehoben werden. Zu diesem Zwecke wird der Suprematismus Malewitschs mit den Architekturentwürfen Zaha Hadids verglichen. Wo beste­hen nun die Gemeinsamkeiten, aber auch die Unterschiede innerhalb der Entwurfsstrukturen sowie zu Wigleys Überlegungen und wo setzen diese in den jeweiligen Entwürfen an?

2) Derridas Erbe: eine allgemeine Begriffsklärung.

Die Dekonstruktion versteht sich als Neubildung aus den Begriffen der „ Destruk­tion “ und der „ Konstruktion “; in einem programmatischen Sinne, beispielsweise innerhalb des architektonischen Feldes wird sie ferner als „ Dekonstruktivismus “ bezeichnet. Ursprünglich ist die Dekonstruktion ein im Zuge des Poststruktura­lismus in der Literaturkritik entwickeltes Verfahren. Es zielt auf die „ Offenle­gung innerer Widersprüchlichkeit “ und „ uneinholbarer Vieldeutigkeit “; ursprünglich eines Textes, in dem der Arbeit zugrunde liegenden architektoni­schen Zusammenhang werden die Begriffe von Widersprüchlichkeit sowie Viel­deutigkeit ferner auf das Bauen bezogen. Diese Aneignung eröffnet der Archi­tektur eine Vielzahl interpretatorischer Möglichkeiten. Wie innerhalb der Lektürestrategie das Marginalisierte gegen das Priorisierte stark gemacht wird, so kann auch die Architektur durch die Strategie des Dekonstruktivismus die tradierten Linien des Bauens verlassen, sich gegen die traditionellen Postulate auflehnen und dem bislang zumeist gefürchteten und daher vernachlässigten und erst spät auch in der Praxis aufgegriffenen Feld der Dekonstruktion widmen.[3]

„Und noch heute stellt eine Struktur, der jegliches Zentrum fehlt, das Undenkbare selbst dar. […] Das Zentrum setzt […] dem Spiel, das es eröffnet und ermöglicht, eine Grenze. […] Im Zentrum ist die Permutation oder Transformation der Elemente […] untersagt.“[4]

„Diese Untersagung aber will Derrida aufbrechen und ein unendliches Spiel von Differenzen[5] […] anstelle des Zentrums […] setzen.“[6] Der Dekonstruktivismus zielt also auf eine Kritik der fundamentalen Werte der abendländischen Kultur, und wiederstrebt deren logozentrischem Denken. Die Dekonstruktion arbeitet sowohl in Literatur als auch in der Architektur mit dezentrierenden Methoden. Verschiebung und Dezentrierung werden somit zu neuen Postulaten, die alte Werte und Normen infrage stellen und einer enormen, bis dato nicht geahnten Bedrohung aussetzen.

Als Initiator und wichtigster Denker der Dekonstruktion ist der französische Philosoph Jacques Derrida (1930-2004) zu nennen.[7] Mark Wigley beschäftigt sich in seinem Werk „The Architecture of Deconstruction: Derrida’s Haunt.“[8] mit dessen Theorien und versucht diese auf die eigenen architektonischen Überle­gungen anzuwenden.

Bevor jedoch Wigleys Theorien zum Zuge kommen soll das Augenmerk zunächst auf einer allgemeineren Betrachtung der dekonstruktivistischen Strö­mung liegen, welche unter dem Titel „Dekonstruktion? Dekonstruktivismus? Auf­bruch ins Chaos oder neues Bild der Welt?“[9] untersucht und dargelegt werden kann.

„Schönheit heute hat kein anderes Maß als die Tiefe, in der die Gebilde die Wider­sprüche austragen, die sie durchfurchen und die sie bewältigen einzig, indem sie ihnen folgen, nicht, indem sie sie verdecken.“[10] Das was hier Theodor W. Adorno bereits 1965 konstatiert, scheint die dekonstruktivistische Strömung vorauszu­greifen. Ferner handelt es sich um ein Austragen von Widersprüchen; Gegen­sätze stehen nun in direkter Konfrontation gegeneinander: hart und kompro­misslos scheint Unharmonisches durch einen unvermittelten Zusammenstoß von Materialien, Richtungen und Räumen zu entstehen. Doch grade dieses vehemente Austragen von inneren und äußeren Kämpfen macht den Dekonstruktivismus stark und ausdauernd gegen die tradierte Konformität der Architektur standzuhalten. Wie die jeweiligen Umsetzungen von unterschiedli­cher architektonischer Intention zeugen, so ist auch deren Herkunft unter­schiedlichen Ursprungs. Während Bernard Tschumi aus der philosophischen Gedankenwelt eines Derrida schöpft, so entlehnt Zaha Hadid beispielsweise ausdrücklich dem historischen Fundus des sowjetischen Konstruktivismus zahl­reiche ideologische sowie intentionale Anknüpfungspunkte (auf die im weiteren Verlauf der Arbeit noch näher eingegangen wird). Die Assoziation von reiner Zerstörung und der formalen wie intentionalen Negation traditioneller Werte, die dem Begriff der Destruktion behaftet sind spielt allein schon aufgrund des Wortursprungs in die Bedeutungsebenen des Dekonstruktivismus mit ein[11] ; es bleibt lediglich die Frage, ob diese neue Avantgarde laut Gert Kähler tatsächlich „[die] Moderne wie Postmoderne stürzen und aus den Trümmern etwas Neues ent­stehen lassen – oder besser: die Trümmer liegen lassen und zum Neuen erklären [will].“[12]

Dieser Behauptung steht die Architektur als solche, welcher der Akt des Auf­bauens selbst, und eben nicht der Akt der Zerstörung, eingeschrieben ist, im Wege. Die Interpretation, dass der Dekonstruktivismus als Gegenstück zum Konstruktivismus angesehen wird, ist im Hinblick der sowjetischen Architektur der 20er Jahre und der heutigen nicht länger haltbar. Vielmehr scheinen die Ähnlichkeiten anstatt der Gegensätze zu überwiegen; das vermutlich Zerstöreri­sche ist keine Umkehr, es handelt sich vielmehr um eine formale Fortentwick­lung, die dem architektonischen Dilemma der Konstruktion und des Bauens als mit der Dekonstruktion unvereinbar entgegen wirkt und sich beispielsweise der Mittel des Konstruktivismus bedient sowie formal, wie es in Zaha Hadids Ent­würfen der Fall ist, annähert.[13]

Als eine Architektur der Verweigerung bezeichnet E. M. Farrelly den De­konstruktivismus, als „anarchisch“, aber „nicht als Fehlen von Ordnung, sondern vielmehr als eine absichtliche Zerstörung der alten, um einer anderen, subtileren und sogar in mancher Hinsicht stringenteren Disziplin Platz zu machen [… und weiter: er sieht] gebaute Metaphern des Denkprozesses […] scharfkantige[n] Indi­vidualismus in einer Welt passiver, gleichartiger Konsumenten, die entschiedene Zurückweisung der konformistischen Ideale, die wir nach dem Willen des Estab­lishments übernehmen sollen, und die Weigerung, durch die gewaltigen Kräfte der Autorität manipuliert zu werden.“[14]

Auch wenn man diesen gesellschaftskritischen Überlegungen nahezu blind zu­stimmen kann, handelt es sich dennoch weder um Destruktion oder Dekonstruktion, die als reine Zerstörung begriffen wird; noch um eine Art von Neo-Konstruktivismus; doch um was handelt es sich dann? Das Augenmerk soll nun auf Mark Wigley gerichtet werden, der sich in seinen Werken primär mit dieser Ausdifferenzierung beschäftigt hat.

Wigley stellt sich der allgemeinen Frage, ob Dekonstruktion im Hinblick auf Übersetzbarkeit beziehungsweise das eigene Fortbestehen in der Architektur selbst überleben kann. Architektur kann und wird als Repräsentation von Dekonstruktion gesehen, als Material gewordenes Abbild einer abstrakten Idee. Es scheint als ob Derridas Rezeption lediglich einer klassischen Abfolge von eben einer Idee zur materiellen Form folgen würde. Architektur wird in diesem Sinne eine rein durch Addition und nicht durch Translation fungierende Rolle zugesprochen; bis jetzt.[15]

Es folgt nun eine analytische Auseinandersetzung mit Wigleys Schrift über die Dekonstruktivistische Architektur; auf dem vorhergegangenen allgemeinen Fundament aufbauend, soll eine Klärung verschiedenster dekonstruktivistischer Aspekte erfolgen, um in einem weiteren Schritt diese exemplarisch auf spezi­fisch für diesen Kontext ausgewählte künstlerische Arbeiten anzuwenden.

3) Mark Wigley: dekonstruktivistische Architektur.

Aspekte einer traditionalistischen Architektur.

„Architektur ist eine konservative Disziplin, die reine Formen herstellt und sie vor Verunreinigungen schützt.“[16] Mit diesem Ausspruch führt Mark Wigley die Archi­tektur bereits zu Beginn seines Essays als durch Tradition und Konvention behaftete sowie beschränkte Kunst ein.

Die Architektur soll zwingend Träger von Stabilität und Ordnung sein und wird als zentrale kulturelle Einrichtung verstanden. Dabei stehen eine geometrische Klarheit der formalen Komposition sowie die reine Form als Idealvorstellung im Zentrum des Schaffens. Es kommt zum Ausschluss jeglicher Instabilität und Unordnung, sodass Bauwerke im Rückgriff auf einfache geometrische Körper, feste Ensembles bilden, die grundlegenden kompositorischen Regeln folgen; deren höchste Prämisse stellt die Vermeidung von potenziellen Konflikten zwischen den Formen dar. Harmonie und Einheitlichkeit werden proklamiert. Folglich kann die formale Reinheit als Garant für die strukturelle Stabilität angesehen werden, denn: „Jede Abweichung von der strukturellen Ordnung, jede Unreinheit erscheint als eine Bedrohung der formalen Werte von Harmonie, Einheit und Stabilität.“[17] Abweichungen von diesen Werten wurden von der Struk­tur abgelöst und als Ornament behandelt.[18]

Aspekte eines dekonstruktivistischen Schaffens.

Der Dekonstruktivismus fordert ein zentrales Nachdenken über Form. Es herrscht ein Missverständnis und Unverständnis im Bezug auf den Dekonstruk­tivismus als das reine Zerlegen von Gebäuden. Viele provozierende und ein­drucksvolle Architekturentwürfe, die die Struktur zu zerlegen scheinen, werden als dekonstruktiv verhandelt. Laut Wigley sind diese jedoch lediglich Vortäu­schung dekonstruktiven Schaffens. Dekonstruktivismus bedeutet nicht Zerstö­rung, Verstellung oder Zusammenbruch der Struktur, es ist vielmehr ein Auf­spüren von strukturellen Problemen innerhalb scheinbar stabiler Systeme. Der Dekonstruktivismus schöpft seine Kraft erstens aus der Ablehnung der traditio­nalistischen Werte von Harmonie, Einheit und Stabilität und weiter aus der Annahme, dass die Defekte bereits in der Struktur selbst eingeschrieben sind. Es kann keine Beseitigung stattfinden, ohne die Struktur zu zerstören: denn die Defekte selbst sind strukturell.[19]

Ein dekonstruktiver Architekt ist deshalb nicht jemand, der Gebäude demontiert, sondern jemand, der den Gebäuden inhärente Probleme lokalisiert. Der dekonstruktive Architekt behandelt die reinen Formen der architektonischen Tradition wie ein Psychiater seine Patienten – er stellt die Symptome einer verdrängten Unreinheit fest. Diese Unreinheit wird durch eine Kombination von sanfter Schmeichelei und gewalttätiger Folter an die Oberfläche geholt: Die Form wird verhört.[20]

[...]


[1] Buch: JOHNSON / WIGLEY 1988, Dekonstruktivistische Architektur.

[2] Buch: WIGLEY 1993, The Architecture of Deconstruction. Derrida’s Haunt.

[3] Vgl. BURDORF / SCHWEIKLE 2007, Metzler Lexikon Literatur, S.144

[4] DERRIDA 1976, Die Schrift und die Differenz, S.422f

[5] Vgl. DERRIDA 1983, Grammatologie, S.87

[6] UEDING / KALIVODA 1994, Historisches Wörterbuch der Rhetorik, S.513

[7] Vgl. BURDORF / SCHWEIKLE 2007, Metzler Lexikon Literatur, S.144

[8] Buch: WIGLEY 1993, The Architecture of Deconstruction.

[9] Buch: KÄHLER 1990, Dekonstruktion? Dekonstruktivismus?

[10] ADORNO 1973, Ohne Leitbild, S:127

[11] Vgl. KÄHLER 1990, Dekonstruktion? Dekonstruktivismus?, S.13ff

[12] ebd. S.14

[13] Vgl. ebd. S.15-24

[14] FARRELLY 1986, In: Architectural Review, S.12f

[15] Vgl. WIGLEY 1993, The Architecture of Deconstruction, S.1ff

[16] JOHNSON / WIGLEY 1988, Dekonstruktivistische Architektur, S.10

[17] JOHNSON / WIGLEY 1988, Dekonstruktivistische Architektur, S.10

[18] Vgl. ebd. S.10f

[19] Vgl. JOHNSON / WIGLEY 1988, Dekonstruktivistische Architektur, S.11f

[20] ebd. S.11

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Dekonstruktivistische Architektur
Untertitel
Zwischen literarischem Ursprung und modernistischem Anklang
Hochschule
Universität Konstanz
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V162645
ISBN (eBook)
9783640782666
ISBN (Buch)
9783640782628
Dateigröße
1122 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dekonstruktivistische, Architektur, Zwischen, Ursprung, Anklang, Dekonstruktivismus, Dekonstruktion, Derrida, Wigley, Hadid, Malewitsch, Malewitch
Arbeit zitieren
Annemarie Binkowski (Autor), 2010, Dekonstruktivistische Architektur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162645

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