Verbrecher mit edler Seele

Ein Vergleich zweier Kriminalerzählungen der Aufklärung


Hausarbeit, 2009

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Darstellung des Verbrechens

3. Die Täter – Motive und Schuld

4. Literarische Inszenierung

5. Wirkungsästhetische Absicht

6. Fazit

7. Literatur

1. Einleitung

Dass Verbrecher von edler Gesinnung seien, gehört wohl zu den Eigenschaften, die man Gesetzesbrechern am wenigsten zuschreiben würde; schließlich haben sie gegen die Regeln der Gemeinschaft verstoßen, wurden verfolgt, verurteilt und bestraft. Lediglich dem Heldentypus des Robin Hood, der von den Reichen nimmt und den Armen gibt, will man etwas Edles zugestehen. Auch in unseren heutigen Tagen sind Stereotype gegenüber Verurteilten weit verbreitet, sodass die Themen der zu verhandelnden Texte an Aktualität nichts verloren haben.

Im Rahmen dieser Arbeit soll der Versuch unternommen werden, zwei Kriminalerzählungen der Aufklärung zu vergleichen; zum einen Verbrecher aus Infamie 1 von Friedrich Schiller und zum anderen Geschichte einer Verbrecherin, die es wahrscheinlicherweise vor Gottes Augen weit weniger war als nach den bürgerlichen Gesetzen 2 von August Gottlieb Meißner. Dabei erscheint es sinnvoll, zunächst die Darstellung des Verbrechens zu betrachten, um sich anschließend den Tätern, deren Motiven und Schuld zuzuwenden. Weiterhin ist zu analysieren, wie das Verbrechen literarisch inszeniert wird, um als letzten Aspekt die wirkungsästhetische Absicht der Texte zu untersuchen. Beide Texte gehören zu den frühen Kriminalerzählungen der deutschen Literatur, deren Vorläufer die Schriften des französischen Juristen François Gayot de Pitaval waren. Pitaval fertigte eine Kollektion realer Rechtsfälle an und so wurde sein Name zu einem Gattungsbegriff für Sammlungen solcher Fallbeschreibungen.3 Die Ausführungen in Fachprosa beginnen „im Prozeß der Verschriftlichung (vor)literarische Züge anzunehmen“4. In eben diesem Umfeld sind auch die zu vergleichenden Texte zu verorten, wobei Meißner Schiller voranzustellen ist; er gilt als Begründer der deutschen Kriminalgeschichten.5

2. Darstellung des Verbrechens

Bevor die Darstellung des Verbrechens beschrieben wird, muss zunächst klar sein, um welche Vergehen es sich handelt. In Schillers Verbrecher aus Infamie macht sich der Sohn eines Gastwirtes, Christian Wolf, zahlreicher Verbrechen schuldig. Er wird des Wilddiebstahls überführt und entkommt dem Zuchthaus durch eine Strafzahlung. Bei seinem wiederholten Wildraub muss er ins Zuchthaus und schließlich in Festungshaft. Der Wildraub war, soviel sei an dieser

Stelle gesagt, die einzige ehrenhafte Form des Diebstahls, da das Wild Eigentum des Landesherren und verantwortlich für häufige Flurschäden war.6 Nach seiner Entlassung wildert er erneut, erschießt seinen einstigen Nebenbuhler und schließt sich einer Räuberbande an, die unter seiner Führung weitere Verbrechen begeht. Bekannt wird er unter dem Namen Sonnenwirt. Schließlich demaskiert er sich vor einem Amtmann und wird zum Tode verurteilt. Vom „Leben zum Tode gebracht werden sollte“7 auch die Verbrecherin in Meißners Erzählung. Sie wurde des zweifachen Ehebruchs, der Flucht vor ihrem Ehemann und der Vermählung mit einem anderen Mann angeklagt und verurteilt. Nur durch ein Gnadengesuch konnte das Todesurteil in eine dreijährige Zuchthausstrafe umgewandelt werden.

Die Tat selbst spielt in den frühen deutschen Kriminalerzählungen nach der Genese des Verbrechens nur eine Nebenrolle, die Ermittlungen um den Tathergang sind noch weit weniger bedeutsam und in den hier ausgewählten Werken bedeutungslos, denn Untersuchungen seitens eines Detektivs oder einer anderen Ermittlungsinstanz werden nicht unternommen.8 Dies ist auch nicht notwendig, da der Täter bereits zu Beginn der Erzählung benannt wird, gefasst ist und auch das Strafmaß feststeht. Mit diesen Vorkenntnissen wird der Blick des Lesers uneingeschränkt auf Verbrecher und Verbrechen gelenkt.9

Der Darstellung des Verbrechens geht in Schillers Erzählung eine Vorrede des Erzählers voran. Erst dann folgt die Schilderung des Lebenslaufs des Täters in zeitraffender Form. Ganz bewusst setzt die Erzählung nicht mit der Tat selbst ein, um die Entwicklung des Verbrechens nachvollziehbar zu gestalten. Dabei berichtet der Verbrecher in einem längeren Monolog selbst über seine Handlungen und Gedanken. Auffallend ist, dass die Verbrechen nicht sehr stark illustriert werden. Die Schandtaten Wolfs, wie die Überfälle der Räuberbande und der Mord an seinem Konkurrenten um Johanna, werden in ihren brutalen und teils blutigen Einzelheiten nicht dargestellt. Damit wird deutlich, dass sich der Leser auf den Weg des Einzelnen vom Menschen zum Täter konzentrieren soll. Auch die Hinrichtung Christian Wolfs wird nicht beschrieben. Tat und Hinrichtung haben demnach nicht den Zweck der Unterhaltung des Publikums. Somit stehen Schillers Verbrecher aus Infamie und Meißners Text im Gegensatz zur Hinrichtungs- und „christlich-erbaulichen […] Schafottliteratur“ 10. Da Meißners Erzählung Teil eines an ihn gerichteten Briefes eines Geistlichen ist, stehen auch hier dem Verbrechen einige Bemerkungen voran und schließen darüber hinaus auch die Geschichte ab. Ähnlich der Erzählung Schillers berichtet die Protagonistin über ihren Lebensweg bis zum Vergehen, auch sie setzt erst nach der Kindheit mit ihren Erinnerungen ein. Bemerkenswert ist, dass Meißner ebenso die Details der Verbindung zwischen der Protagonistin und dem fremden Mann, die sie zur Ehebrecherin macht, ausspart. Es zeigt sich, dass die Verbrechen nicht effekthascherisch dargestellt werden, sondern vielmehr der Fokus auf dem Zustandekommen der Taten liegt, sodass diese entsprechend neutral und „aufklärend dokumentierend“11 präsentiert werden. Der Ort des Verbrechens ist in beiden Texten der ländliche Raum, der ohnehin der Lebensraum des größten Bevölkerungsteils war. Gerade der Wildraub und die Überfälle der Räuberbande wie in Schillers Verbrecher aus Infamie sind typische und zeitgemäße Delikte der ländlichen Regionen.

3. Die Täter – Motive und Schuld

Die Täter beider Geschichten stammen aus dem bürgerlichen Milieu. Beginnend mit Verbrecher aus Infamie soll sich der Blick zunächst auf Christian Wolf richten. Der Protagonist aus Schillers Erzählung war schon in der Schule „für einen losen Buben“12 bekannt.

Die Natur hatte seinen Körper verabsäumt. Eine kleine unscheinbare Figur, krauses Haar von einer unangenehmen Schwärze, eine plattgedrückte Nase und eine geschwollene Oberlippe, welche überdies durch den Schlag eines Pferdes aus ihrer Richtung gewichen war.13

Kurzum, er war von einem hässlichen Äußeren. Schon vor seinem ersten Vergehen ist Wolf somit auf Grund seines Aussehens gesellschaftlich isoliert und nach der Konzeption der pseudowissenschaftlichen Physiognomik deshalb zum Verbrecher dispositioniert. 14 Diese Ausgrenzung steigert sich mit den missglückten Wildrauben, die er mit der Hoffnung auf Anerkennung begeht, zur Stigmatisierung als Verbrecher. Er wird zum infamierten Aussätzigen, der sich vergeblich um Arbeit bemüht und schließlich zur Wiederholungstat gezwungen ist. Nach der Verbüßung seiner unverhältnismäßig hohen Haftstrafe ist er gänzlich von Hass erfüllt und „nach Rache lechz[end]“ 15. Als Folge der Festungshaft betrachtet sich Wolf „als ein Schlachtopfer der Gesetze“16. Seine Ausgrenzung gerät zur völligen sozialen Isolation. Schiller lässt Wolf seinen Hass selbst formulieren:

Ich brauchte keine guten Eigenschaften mehr, weil man keine mehr bei mir vermutete. Man ließ mich Schandtaten büßen, die ich noch nicht begangen hatte […] Meine Infamie war das niedergelegte Kapital, von dessen Zinsen ich noch lange Zeit schwelgen konnte.17

An diesem Punkt kommt der Kreislauf des Verbrechens vollends in Bewegung. Wolfs Motivlage wechselt, denn nun sinnt der Sonnenwirt nicht mehr auf Integration und Anerkennung, sondern auf Schädigung der Gemeinschaft, die ihm seine Ehre nahm. Die übermäßige Strafe verfehlt ihren abschreckenden Auftrag gänzlich.18 Der Mord an seinem Nebenbuhler setzt nicht nur seine Hemmschwelle für weitere Verbrechen herab, sondern er zeigt Wolf auch als triebhaftes Wesen, dessen gesamter Hass sich in einem Fingerdruck bündelt und entlädt. Dennoch ist Wolf auf dem Weg der Erkenntnis seiner Schuld und der Läuterung, den er nur mittels seiner Verbrechen gehen kann, da weder Zuchthaus noch Festungshaft dies vermochten.19 Er empfindet trotz weiterer Taten Unwohlsein unter seinesgleichen; er „fing an zu hoffen, daß er noch rechtschaffen werden dürfte, weil er bei sich empfand, daß er es könnte“20. Wolf unternimmt Versuche, sich als Soldat in den Dienst des Staates zu stellen, um einen Teil seiner Schuld so ableisten zu können. Doch das bleibt ihm versagt. Schließlich endet der Weg der Erkenntnis mit dem Ergebnis der Selbstdemaskierung.

[...]


1 In der Arbeit wird auf folgende Ausgabe Bezug genommen: Friedrich Schiller: Verbrecher aus Infamie. In: Friedrich Schiller: Werke und Briefe in 12 Bänden. Bd. 7: Historische Schriften und Erzählungen II. Frankfurt am Main 2002, S 562-587.

2 Angaben zum Text folgen nachstehender Ausgabe: August Gottlieb Meißner: Geschichte einer Verbrecherin, die es wahrscheinlicherweise vor Gottes Augen weit weniger war als nach den bürgerlichen Gesetzen. In: Kriminalgeschichten aus dem 18. Jahrhundert. Hrsg. v. Holger Dainat. Bielefeld 1987, S. 25-33.

3 Vgl. Alexander Košenina: Nachwort. In: August Gottlieb Meißner: Ausgewählte Kriminalgeschichten. Mit einem Nachwort von Alexander Košenina. Hrsg. v. Alexander Košenina. St. Ingbert 2003, S. 96.

4 Košenina (2003), S. 96.

5 Vgl. Košenina (2003), S. 93.

6 Vgl. Thomas Nutz: Vergeltung oder Versöhnung? Strafvollzug und Ehre in Schillers Verbrecher aus Infamie. In: Jahrbuch der deutsche Schillergesellschaft 42 (1998), S. 152.

7 S. 32.

8 Vgl. Jürgen Weitzel: August Gottlieb Meißner – der Mann und seine Kriminalgeschichten. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 31 (2006) H. 2, S. 133.

9 Vgl. Košenina (2003), S. 105.

10 Weitzel (2006), S. 133.

11 Košenina (2003), S.95.

12 S. 565.

13 S. 565f.

14 Vgl. Heinz Müller-Dietz: Kriminalitäts-, Sozial- und Strafrechtsgeschichte in Schillers Erzählung „Verbrecher aus Infamie“. In: Friedrich Schiller: Verbrecher aus Infamie. Mit Kommentaren von Heinz Müller-Dietz und Martin Huber. Hrsg. v. Heinz Müller. Berlin 2006, S. 42.

15 S. 568.

16 S. 569.

17 S. 571.

18 Vgl. Nutz (1998), S. 155.

19 Vgl. Roswitha Jacobsen: Die Entscheidung zur Sittlichkeit. Friedrich Schiller Der Verbrecher aus verlorener Ehre. In: Deutsche Novellen. Von der Klassik bis zur Gegenwart. 2., unv. Aufl. Hrsg. v. Winfried Freund. München 1998, S. 20 und 23. [=UTB 1735]

20 S. 581.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Verbrecher mit edler Seele
Untertitel
Ein Vergleich zweier Kriminalerzählungen der Aufklärung
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V162650
ISBN (eBook)
9783640763665
ISBN (Buch)
9783640764068
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Friedrich Schiller, Meißner, Kriminalerzählung, Verbrecher, Infamie, Aufklärung, Verbrecher aus verlorener Ehre
Arbeit zitieren
Thomas von Pluto-Prondzinski (Autor), 2009, Verbrecher mit edler Seele, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162650

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