Gedankenexperiment Tochterklon

Die Qual der Wahl - Tochter oder Klon?


Essay, 2009

6 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gedankenexperiment Tochterklon

Die Qual der Wahl – Tochter oder Klon?

„Den geklonten Menschen darf und wird es nicht geben“[1], äußerte sich der deutsche Forschungsminister Jürgen Rüttgers im Jahre 1997, nachdem im Februar desselben Jahres Hysterie und ebenso Begeisterung entflammten, als die Nachricht um die Welt kursierte, dass schottische Wissenschaftler es geschafft hatten, ein Schaf erfolgreich reproduktiv zu klonen, indem der geklonte Embryo von einer Leihmutter ausgetragen wurde. Schon zu dieser Zeit ahnte Rüttgers, dass das Klonen in Zukunft eine wichtige Bedeutung einnehmen würde. Er hatte Recht, denn nach der Nachricht des erfolgreich geklonten Säugetiers „Dolly“, folgte einige Jahre darauf eine Vielzahl von reproduktiv geklonten Tieren. Doch schon im Jahre 1993 lösten amerikanische Wissenschaftler einen Aufruhr aus, als bekannt wurde, dass sie menschliche Embryos geklont hatten, von denen jedoch keiner überlebte.

Blickt man, was das Klonen von Menschen betrifft, in die Zukunft, so resultieren daraus eine Vielzahl von Fragen. Wird es möglich sein, Menschen zu klonen? Darf es soweit überhaupt kommen? Wie wäre es mit geklonten Menschen zusammenzuleben? Wäre ein Klon in unserer Gesellschaft ebenso viel wert wie ein ‚echter‘ Mensch?

Die Frage, ob ein Klon gegenüber einem Menschen gleichberechtigt wäre und den gleichen Wert hätte, ist ein wesentlicher Bestandteil des, von Peter Unger, einem amerikanischen Philosophen[2], aufgestellten zeitgenössischen Gedankenexperiments. Dieses Experiment behandelt die Problematik des Menschenklonens. Das Gedankenexperiment behandelt die Ausgangslage, dass eine Maschine existiert, die eine zu klonende Person in seinem körperlichen als auch geistigen Zustand vollkommen dupliziert, d.h., dass der Klon sowohl das äußerliche Aussehen als auch alle Charaktereigenschaften, Eigenarten und Erinnerungen des Originals besitzt. Jemand klont ohne ihr Einverständnis ihre Tochter und aus dieser Situation entstehen zwei verschiedene Wege, für die man sich innerhalb des Gedankenexperiments entscheiden muss.

Zum einen kann man sich für das Leben des eigenen Kindes entscheiden, womit man sich gleichermaßen für das Töten des Klons und einem temporären Erleiden einer körperlichen Bestrafung durch Elektroschocks entscheidet. Zum anderen kann man sich für das Leben des von der Maschine geklonten Kindes entscheiden. Dieser Weg wäre damit verbunden, dass das eigene Kind getötet wird und man als ‚Entschädigung‘ eine Belohnung von mehreren Millionen Dollar erhält.[3] Um die Problematik besser bearbeiten zu können, wähle ich die Perspektive einer Mutter, die sich zwischen diesen beiden Wegen entscheiden muss. Aber welcher dieser Wege wäre der richtige bzw. der bessere?

Die Tochter wuchs als Embryo im Leib der Mutter heran, wurde auf die Welt gebracht und hat all die Jahre, die sie auf dieser Welt ist, mit ihrer Familie erlebt. Das Kind hat Erinnerungen von tatsächlichen Erlebnissen. Es erinnert sich an Feiertage mit der Familie und Geschenke, an Verletzungen, die es sich beim Spielen zugezogen hat oder an die Schuleinführung. Das Kind erinnert sich deshalb, weil es all diese Ereignisse erlebt hat. Da der Klon ein exaktes Abbild des Originals ist, besitzt er all jene Erinnerungen, die das Kind auch hat und jene Erfahrungen, die das Kind gemacht hat. Der Unterschied liegt jedoch darin, dass der Klon sich zwar an ein ganzes Leben erinnern kann, es aber nicht sein Leben ist. Der Tochterklon wuchs nicht im Leib der Mutter auf, wurde nicht geboren, wurde nicht erzogen und wurde nicht gepflegt, wenn er krank war. Die geklonte Tochter existiert erst seit ihrer Erschaffung in der Maschine und ist nur eine Kopie des Originals und nicht das Original selbst. Die ‚echte‘ Tochter lebt viele Jahre, während der Klon vielleicht Stunden, Tage oder Wochen lebt. Hat die Tochter deshalb, im Gegensatz zum Klon, mehr Recht auf das Leben? Ist ein Leben, das nur wenige Zeit existiert, weniger wert, als ein Leben, das Jahre oder Jahrzehnte andauerte?

Wenn ja, wird der erste der beiden Wege gewählt und die Mutter muss den Klon töten. Sie muss den Klon töten, der aussieht wie ihre Tochter, sich verhält wie ihre Tochter und eigentlich ebenso ihre Tochter ist, da der Klon dieselben Gene hat, wie das Kind. Die geklonte Tochter ist ebenso ein Teil der Mutter, auch wenn sie mit ihr keine Erfahrungen und Erlebnisse gesammelt hat. Die Mutter muss demzufolge, obwohl sie sich gegen das Leben des Klons entschieden hat, ihr Kind töten. Es handelt sich hierbei zwar nicht um das Kind, dass sie geboren hatte, aber dennoch ist sie das exakte Ebenbild ihres Kindes. Wenn sie vor dem geklonten Mädchen steht und ihr das Leben nehmen will, wird der Klon sie ansehen und nicht verstehen, was sie tut, weil sie selbst vielleicht nicht weiß, dass sie nur ein Duplikat ist, denn immerhin hat sie die gleichen Vergangenheitserinnerungen, wie das Original. Aus den Augen des Tochterklons tötet die Mutter nicht eine Fremde, sondern ihr eigenes Kind, ihr eigenes Fleisch und Blut. Doch in den Augen der Mutter ist es nicht tatsächlich ihr Kind. Diese beiden Menschen verbindet nicht wirklich etwas, da sie zusammen keine Ereignisse erlebt haben und jene Erinnerungen, die sie haben, nicht real sind, da die Mutter diese mit einem anderen Kind hatte und der Klon die Erinnerungen nur als Kopie übernahm und diese nicht selbst erlebt hat.

Aber hat die Mutter das Recht das Leben des Klons zu beenden? Der Klon besitzt Erinnerungen von vielen Jahren und hat selbst nicht das Gefühl, nur wenige Momente alt zu sein. Er fühlt sich als echte Tochter, verknüpft Emotionen mit der Vergangenheit und hat aus seinen Augen das Leben doch ebenso verdient, wie alle anderen Menschen auf diesem Planeten. Sie ist zwar objektiv betrachtet kein wirklicher, geborener Mensch, aber ein Mensch ist sie dennoch. Die Mutter muss dementsprechend einen Menschen töten, damit ein anderer leben kann. Aber wäre die Schuld beim Töten des Klons geringer? Wäre es für die Mutter leichter, das Leben der geklonten Tochter zu beenden, weil diese kein wirkliches Leben geführt hat? Wenn der Klon gerade erst erschaffen wurde, hat er nur Erinnerungen, aber keine wirkliche Vergangenheit, die er erlebt hat. Man würde den Klon aus keinem Leben reißen, weil dieser kein Leben geführt hat.

Aber in den Augen des Duplikats, reißt die Mutter sie aus ihrem Leben, da sie all jene Erinnerungen an so viele Momente eines Lebens besitzt. Mit dem Bewusstsein, dass der Klon nicht tatsächlich ihre Tochter ist, würde die Mutter aktiv eingreifen und das Leben der Tochter retten, mit der sie ihr Leben wirklich verbracht hat. Die Bestrafung durch Elektroschocks spielt, meiner Meinung nach, hier keine tragende Rolle, denn körperliche Schmerzen vergehen mit der Zeit, aber die Schuld am Tod eines Menschen vergeht vermutlich niemals.

Doch was wäre mit der zweiten Möglichkeit? Die Mutter würde ihr eigenes Kind töten, um dem Klon das Leben zu schenken. Dieser Weg hat eine gewisse Verlockung, da man nicht nur der körperlichen Bestrafung entkommt, sondern auch eine ‚Belohnung‘ für die Wahl des Klons bekommt und die Mutter so an Reichtum gelangt, der ihr Leben in manchen Aspekten leichter machen würde. Aber ist Reichtum es wert, das Leben des geborenen Kindes zu opfern? In meinen Augen wäre die Summe der Belohnung vollkommen gleichgültig, da es niemals ein Beweggrund wäre, dafür das Leben eines anderen Menschen zu nehmen, um mir dadurch einen Vorteil im Leben zu verschaffen. Ebenso wenig wäre es für mich ein Grund einen Menschen leiden oder sterben zu lassen, um mir damit selbst Qualen zu ersparen. Vor allem nicht, wenn es mein eigenes Kind betreffen würde. Der Aspekt, dass die Mutter, durch das Töten ihres Kindes und das am Leben lassen des Klons, Geld angeboten bekommt und vor den Schmerzen der Elektroschocks geschützt wird, würde meiner Meinung nach keine große Rolle für die Frau spielen. Sie sollte nicht aufgrund dieses Angebots, sei es noch so ausgefallen oder reizbar, handeln oder entscheiden. Die Belohnung und die Bestrafung sollten für die Entscheidung der Mutter nicht relevant sein.

[...]


[1] http://home.bn-ulm.de/~ulschrey/sandmann/klon-gst.html (14.01.2009).

[2] Vgl. http://philosophy.fas.nyu.edu/object/peterunger.html (14.01.2009).

[3] Vgl. http://www.jg-eberhardt.de/philo_exp/ex_tochterklon.html (14.01.2009).

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Gedankenexperiment Tochterklon
Untertitel
Die Qual der Wahl - Tochter oder Klon?
Hochschule
Universität Erfurt
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
6
Katalognummer
V162655
ISBN (eBook)
9783640772520
Dateigröße
390 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Inhalt dieses Essays ist die Auseinandersetzung mit dem Gedankenexperiment 'Tochterklon' von Peter Unger und der Entscheidung zwischen dem Leben des eigenen Kindes oder dem des Klons.
Schlagworte
Gedankenexperiment, Tochterklon, Kind, Klon, Peter Unger
Arbeit zitieren
Susanne Hahn (Autor), 2009, Gedankenexperiment Tochterklon, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162655

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