Die athenische Demokratie in Wissenschaft und Schule


Masterarbeit, 2010

42 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

INHALT

1. Einleitung

Teil I: Die athenische Demokratie in der Wissenschaft

2. Beginn der athenischen Demokratie SeiteOS

3. Politische Organisationsformen im mittleren 5. Jh. v. Chr.
3.1 Die Volksversammlung
3.2 Die Geschworenengerichte
3.3 Der Rat
3.4 Die Beamten

4. Der Charakter der athenischen Demokratie

Teil II: Die athenische Demokratie in der Schule

5. Die athenische Demokratie im Berliner Rahmenlehrplan

6. Der Untersuchungsgegenstand
6.1 Das Schulbuch als Medium im Geschichtsunterricht
6.2 Untersuchungskriterien

7. Darstellung und Charakter der athenischen Demokratie in Geschichtsschulbüchern
7.1 Grundschule Seife32
7.2 Oberstufe

8. Fazit

9. Literatur

1. EINLEITUNG

„Athens was a direct democracy, a mode of state Organization that seems not to exist in the modern world. '[1]

In den westlichen Industrienländern gilt die Demokratie gemeinhin nicht nur als die erstrebenswerte Herrschaftsform, sondern auch als eine zent­rale Grundhaltung in der Gesellschaft, eine demokratische Mentalität. Diese reicht soweit, dass auch Beziehungen zu anderen Nationen anhand der An- oder Abwesenheit von Demokratie ausgerichtet werden. Die Wurzeln unserer Demokratie, die in identitätsstiftenderweise eine kulturelle Verbindung zwi­schen den modernen westlichen Demokratien herstellen und ein Faktor un­seres gemeinsamen Kulturraums bilden, liegen dabei im antiken Athen. Ein Blick auf die antike athenische Ausprägung der Demokratie ist schon deshalb lohnenswert, weil sie als Vorlage für unsere Zeit dient, aber dennoch in ihrer Einzigartigkeit fundamental unterschiedlich funktionierte, wie das Eingangs­zitat verdeutlicht. Auf Grund dieser Einzigartigkeit trägt ein moderner Begriff von Demokratie bei der Betrachtung der antiken Form nicht weit, sodass von einer zeitgenössischen Vorstellung ausgegangen werden muss.

Wann der Begriff der Demokratie erstmals auftrat, kann im Einzelnen nicht mehr nachvollzogen werden, da die Quellenlage hier nicht eindeutig ist. Ebenso ist es schwierig, einen genauen Demokratiebegriff der Athener nachzuzeichnen.[2] Erste Belege für den Begriff lassen sich für die Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. finden.[3] Er trat dabei neben den älteren, mit Kleisthenes um 500 v. Chr. verbundenen Begriff der Isonomie, der gleichen Ordnung, nach der jeder Bürger einen gleichen Anteil an der politischen Ordnung hatte. Bleicken führt das relativ späte Aufkommen des Demokratiebegriffs mit dem Begreifen der eigenen, athenischen Ordnung als Besonderheit im Vergleich zu den anderen griechischen Poleis zurück, deren Ursache in der seebund- geprägten Außenpolitik zu suchen ist.[4] Damit vollzog sich in der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. zugleich ein Wechsel von der Frage nach der Qualität der Ordnung hin zur Frage nach dem Inhaber der Herrschaft.[5] Dieses mar­kierte im selben Moment den Beginn eines verfassungspolitischen Denkens in Athen.[6] Der Demos, das Volk, wird dementsprechend in den Mittelpunkt als Entscheidungsträger gerückt und institutionalisierte sich in der Volksver­sammlung. Kennzeichnend ist im Vergleich zu modernen Demokratien, dass in der Volksversammlung keine Repräsentanten die Bürger vertraten, sondern der einzelne Bürger selbst seine Stimme unmittelbar wahrnahm. Gleichfalls wurde die Losung von Funktionsträgern als demokratisches Verfahren erach­tet und weniger Wahlen, wie es unseren Gewohnheiten entspricht.[7] Zu dem Demokratiebegriff trat bald auch der Freiheitsbegriff und verband sich mit ihm so eng, dass sie, so Raaflaub, gleichgesetzt werden konnten.[8] Da darüber hi­naus die athenische Demokratie in einem mehrere Jahrhunderte währenden, durch innere und äußere Umstände bedingten Prozess entstand und sich ihre Ausformungen wandelten, ist ebenso ein Betrachtungszeitraum auszuwählen. Hier bietet sich das perikleische Zeitalter im Besonderen an, weil die Prägung des Demokratiebegriffs in diesen Zeitraum fällt und sich zudem die Demo­kratie in ihrer radikalen Form ausprägte, bis sie schließlich dem Peloponne- sischen Krieg, in dem Sparta über Athen siegte, zum Opfer fiel und erst Jahre später in anderer Form wieder etabliert wurde.

Das Ziel der Arbeit besteht im Aufzeigen der charakteristischen Ei­genheiten der athenischen Demokratie und ihres Beginns. Ferner soll der Blick von der Fachwissenschaft zur Geschichtsdidaktik gerichtet werden, um zu untersuchen, welche Schwerpunkte aus der Wissenschaft in die Schu­le übertragen werden. Deshalb gliedert sich die Arbeit in zwei Teile, wobei im ersten Teil die Diskussion um den Beginn der athenischen Demokratie aufgegriffen wird und weiterführend die einzelnen Institutionen eingehend betrachtet werden, um daraus den Charakter der Demokratie abzuleiten. Im zweiten Teil soll die didaktische Perspektive über eine Analyse von Schulbü- ehern aus der Primarstufe und der Oberstufe gelingen, die eine Möglichkeit bietet, zu ermitteln, welches Bild der athenischen Demokratie in der Schule gezeichnet wird.

TEIL I DIE ATHENISCHE DEMOKRATIE IN DER WISSENSCHAFT

Unser Wissen über die athenische Demokratie geht zum größten Teil aus den Schriften antiker Autoren hervor. Von besonderer Bedeutung sind hierbei allen voran die Athenaion Politeia von Aristoteles und ebenfalls die Überlieferungen Herodots Historien und Thukydides' Der Peloponesische Krieg. Da Aristoteles' Aufzeichnungen im Gegensatz zu Thukydides' und He­rodots Texten keine zeitgenössischen Betrachtungen des 5. Jahrhunderts v. Chr. sind, muss die Rückprojektion seiner Darstellungen, gerade in Bezug auf den Beginn der Demokratie, stets berücksichtigt werden.[9 Einen weiteren Eindruck, wenn auch satirisch überspannt, vermitteln die Komödien des Aris- tophanes über die athenische Gesellschaft seiner Zeit. Aber auch archäologi­sche Funde, zum Beispiel die von weit über zehntausend Stimmscherben des Ostrakismos oder etwa die Überreste der Pnyx, dem Ort der Volksversamm­lung, lassen ein genaueres Bild zu.[10]

2. BEGINN DER ATHENISCHEN DEMOKRATIE

Die Frage nach dem Beginn der athenischen Demokratie gehört in der Forschung um die Demokratie zu den meistdiskutierten Problemstel­lungen. Mehrheitlich wird in der Wissenschaft die Position vertreten, dass erst ab der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. von einer Demokratie ausgegan­gen werden kann. Unstrittig ist hingegen das Ende der Demokratie, das mit der Hegemonie Makedoniens über Athen in der zweiten Hälfte des 4. Jahr­hunderts v. Chr. zusammenfällt. Monokausale Erklärungen für das Aufkom­men der Demokratie gibt es nicht, sondern die Ursachen und Bedingungen ihres Entstehens waren überaus vielfältig: ,,[C]rucial military, social, econo- mic, and political factors combined to make demokratia possible"[11].

Dass diese Frage so schwer zu beantworten ist, liegt wiederum an der bereits erwähnten spärlichen Quellensituation und führt zurück zur Klärung des Demokratiebegriffs, der sich - ungeachtet der oben formulierten Präfe­renz - nicht mehr eindeutig einem Entstehungszeitpunkt zuordnen lässt. Auch folgte die Demokratieentwicklung keiner zuvor bestandenen theoretischen Grundlage. Denkbar ist also, dass die politische Ordnung Athens bereits vor unseren schriftlich überlieferten Zeugnissen demokratisch im Sinne der Athe­ner war.[12] Da an dieser Stelle jedoch keine direkte Hilfe über die Begriffsdis­kussion möglich ist und auch die Äußerungen der antiken Autoren uneindeutig sind[13], bleibt nur, einige Abschnitte des Entstehungsprozesses der Demokratie nachzuvollziehen und unter Berücksichtigung der athenischen Demokratie­vorstellungen zur Zeit des Perikles abzuprüfen.

Für die Entwicklung[14] der Demokratie waren mehrere Reformschritte nötig, die zwar nicht auf die Errichtung einer Demokratie in teleologischer Weise zielten, sie jedoch in ihrer Konsequenz begünstigten sowie Grundlagen schafften und in Teilen die Folge eines wachsenden Selbstbewusstseins des Demos waren, wie sich später zeigen wird.[15] Die Entwicklungsetappen lassen sich mit den Namen von drei beziehungsweise vier Persönlichkeiten verbin­den: Solon, Kleisthenes und Ephialtes bzw. Perikles. Die einhellige Meinung in der Fachwissenschaft ist die Ablehnung Solons als Begründer der Demo­kratie entgegen Aristoteles' Schriften, da diese als rückblickende Konstruktion zu verstehen sind und die Demokratie über eine weit zurückreichende Ge­schichte legitimieren soll.[16] Zwar war die Entlassung zahlreicher Bauern aus der Schuldknechtschaft des Adels um 594/93 v. Chr. ein bedeutsamer Schritt, auf dessen Basis die Demokratie möglich werden konnte, doch liegt allein da­rin noch nicht die Demokratie begründet. Weiterhin löste Solon die Teilhabe an der politischen Gesellschaft vom Geburtsrecht und bemaß sie fortan an der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Bürger, indem er sie entsprechend ei­ner timokratischen Ordnung an drei Vermögensklassen koppelte.[17] Die Macht im politischen Gefüge blieb aber weiterhin in den Händen des Adels, weil dieser mehrheitlich der höchsten Vermögensklasse angehörte.

Umstrittener hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Demokratie ist die kleisthenische Phylenreform um 508/07 v. Chr. Diese soll hier nicht in ih­rem vollen Umfang, sondern nur knapp in Hinblick auf ihr demokratisches Potential besprochen werden. Kleisthenes ordnete die politisch-sozialen und verwaltungstechnischen Verhältnisse Attikas grundlegend neu, indem er den Zuschnitt der Verwaltungsgebiete veränderte. Er strukturierte Attika dazu auf­steigend in Demen, Trittyen und Phylen. Die 141 Demen entsprachen den konkreten Siedlungszentren. Die aneinandergrenzenden Demen wurden zu 50 Trittyen (Dritteln) zusammengefasst. Aus jeder Trittys nahmen zehn Bürger einen Platz im neuen Rat der 500 ein. Jeweils drei dieser Trittyen gingen ih­rerseits in einer Phyle auf, sodass zehn Phylen entstanden. Die Drittel einer Phyle waren jedoch nicht geografisch zusammenhängend, sondern aus je ei­ner Trittys der Stadt, der Küste und des Binnenlandes bestehend. Die große Bedeutung dieser Neuordnung liegt in der Aufbrechung der Macht des Adels, da die Phylen nunmehr reine territorial gemischte Einheiten waren und keine gentizilischen Verbände unter der Vormacht des örtlichen Adels. Es fand eine Durchmischung der Bevölkerung bei gleichzeitiger politischer Aktivierung durch den Rat der 500 und die Volksversammlungen in den Demen statt.[18] Als demokratisch konnte diese Ordnung noch nicht gelten, da der Zugang zu den höchsten Ämtern weiterhin der höchsten Vermögensklasse vorbehalten blieb. Im Jahr 487/86 v. Chr. ging man dazu über, die obersten Beamten, die neun Archonten, zu erlosen und nicht wie bisher zu wählen sowie darüber hinaus die zweite der solonischen Zensusklassen zum Archontat zuzulas­sen. Damit wurde das Ansehen des Archontats geschmälert, dennoch waren die Mitglieder vornehmlich Adlige.[19] Als Folge der Perserkriege, aus denen Athen siegreich hervorging, erstarkte innerhalb der Theten, die im Grunde ohne Vermögen und somit nicht Teil der Zensusklassen waren, ein politisches Bewusstsein. Der Erfolg Athens in den Kriegen und in den weiteren Jahren der Seebundspolitik beruhte maßgeblich auf seiner Flotte, deren Ruderbänke aus den Reihen der Theten gefüllt wurden. Mit Ephialtes schritt 462/61 die Entmachtung des Areopags und die Verlagerung zahlreicher Kompetenzen auf die breite Volksmasse wie die Geschworenengerichte und die Volksversamm­lung voran, so zum Beispiel die Kontrolle der Beamten.[20] Die Zulassung der Zeugiten zum Archontat 458/57 und die Einführung von Diäten für die Rich­ter durch Perikles vollendeten die Demokratieentwicklung insofern, als dass sämtliche Macht auf den Demos übergegangen war. Die exekutiven Organe wie die Beamten waren infolge der übermächtigen Kontrolle durch den De­mos soweit geschwächt, dass sie faktisch keine Macht mehr besaßen.[21]

Ein „fixed date of origin"[22] wird sich für die Demokratie, deren Entstehen an einen lange andauernden Prozess gebunden war, nicht festlegen lassen, wohl aber eine begründete Präferenz: Meines Erachtens nach kann sinnvol­lerweise erst ab der Mitte des 5. Jahrhunderts von einer Demokratie in Athen ausgegangen werden. Erst ab diesem Zeitraum, der in der Schaffensperiode des Perikles' liegt, kam verlässlich ein Demokratieempfinden auf, die Begriffs­geschichte mag hier ein zusätzliches Indiz sein. Tatsächlich lag die uneinge­schränkte Entscheidungs- und Kontrollgewalt beim Demos.[23] Allein das ent­sprach dem Demokratieverständnis der Athener.

Welchen Namen diese Demokratie zur Zeit des Perikles tragen sollte, ist in der Forschung umstritten. Die Breite der Attribute zur Charakterisierung der Demokratie reicht dabei von „entwickelt" über „vollendet" bis zu „radi­kal". Bleicken, dessen Werk zur athenischen Demokratie zum Standardwerk geworden ist, kritisiert die Bezeichnung als radikale Demokratie, weil dies die Unterscheidung zur gemäßigten Demokratie mit sich bringt. Beide Begriffe haben ihren Ursprung in der Kritik antiker Autoren des 4. Jahrhunderts v. Chr. an der Demokratie des 5. Jahrhunderts v. Chr. und sind somit nachträgliche Konstruktionen. Tatsächlich gab es aber nur die eine Demokratie zur Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. und keine vorherige, gemäßigte, jedenfalls nicht im Bewusstsein der Athener zu dieser Zeit. Als Alternative schlägt Bleicken die Wendung entwickelte Demokratie vor und widerspricht damit seinem Standpunkt, dass es nur eine Demokratie gab, denn der Logik folgend schließt „entwickelt" einen Prozess ein, nach dem auch eine noch nicht vollends ent­wickelte Demokratie denkbar wäre.[24]

3. POLITISCHE ORGANISATIONSFORMEN IM MITTLEREN 5. JAHRHUNDERT V. CHR.

Die Entwicklung Athens hin zu einer Demokratie zeichnete sich in einer Veränderung der einzelnen politischen Institutionen ab, und wird so sichtbar. Vor allem ein Wandel der Kompetenzen ist zu beobachten: Einige Organe wie die Volksversammlung gewannen an Bedeutung hinzu, während beispielsweise der Areopag, der alte aus den gewesenen Archonten bestehen­de ehemalige Adelsrat, stark an Einfluss und Kompetenzen verlor. Wegen sei­ner vergleichsweise geringen Bedeutung im Athen des 5. Jahrhunderts v. Chr., kann auf eine detaillierte Beschreibung verzichtet werden.[25] Stattdessen waren „Volksversammlung (ekklesfa), Rat (bule), und Volksgericht (heliafa) sowie ein umfangreicher Beamtenapparat [...] die Grundpfeiler dieser demokratischen Verfassungsordnung"[26] und stehen im Fokus des folgenden Abschnitts.

3.1 DIE VOLKSVERSAMMLUNG

Die Volksversammlung war das zentrale Gremium der athenischen De­mokratie im 5. Jahrhundert v. Chr. Alle maßgeblichen Kompetenzen lagen bei ihr und damit unmittelbar beim Demos, denn es handelte sich nicht um ein repräsentatives Parlament, wie wir es etwa aus unserer Zeit kennen. Doch das Vorhandensein einer Volksversammlung allein reicht nicht für eine demokratische Ordnung aus, auch in Sparta versammelte sich beispielsweise das Volk in der Apella und dabei kann Sparta keineswegs als demokratisch gelten. Viel entscheidender ist die Stellung der Volksversammlung inner­halb des Gefüges aus weiteren Gremien[27], und ob in ihr tatsächlich der Souverän zusammentritt.

In der Volksversammlung kam die gesamte Bürgerschaft Attikas zusam­men. Hierunter verstand man alle männlichen Bewohner, die mindestens achtzehn Jahre alt waren, unabhängig von ihrer Zensusklasse. Sie mussten über das Bürgerrecht verfügen und dafür in eine Bürgerliste eines Demos ein­getragen sein. Vor der Bürgerrechtsreform des Perikles 451/50 v. Chr. genüg­te es, wenn der Vater Athener war, nach der Reform musste auch die Mut­ter Athenerin sein, damit das Recht zur politischen Teilhabe auf den Sohn überging. Von allen Bürgern besuchte aber nur ein geringer Teil die Sitzungen der Volksversammlung. Es ist davon auszugehen, dass eine Anzahl von etwa 6.000 Bürgern der insgesamt circa 40.000 Bürger als repräsentativ für die Bür­gerschaft gelten konnte. Dabei nahmen die Bürger Athens, der unmittelbaren Umgebung und des Piräus häufiger an den Versammlungen teil als Bürger aus weiter entfernten Regionen Attikas, die ihre Arbeit nicht ruhen lassen konnten, bzw. den langen Weg nicht auf sich zu nehmen vermochten. Einen großen Anteil an den Besuchern hatten die Erwerbslosen und Älteren, die in ihrem Heim abkömmlich waren. Während man den kleineren Volksversammlungen in den Demen noch das Konzept der „face-to-face society"[28] zu Grunde le­gen kann, nach dem sich die Versammelten persönlich kannten, waren die Besucherzahlen von mehreren tausend Teilnehmern der ganz Attika umfas­senden Volksversammlung doch so groß, dass alle Bürger nicht mehr einander kannten. Die Volksversammlung tagte auf der Pnyx, einem Hügel westlich der Akropolis, denn bereits zu Perikles' Zeit war sie von der Agora dorthin umge­zogen und verfügte dort über mehr Platz.[29]

Die Bürger Athens kamen wenigstens vierzig Mal im Jahr in der Volks­versammlung zusammen. Jede einzelne Versammlung fand unter dem Vorsitz des Epistates statt. Dieser wechselte stets von Tag zu Tag, denn nur ein Mal im Leben durfte ein Ratsmitglied diese Aufgabe übernehmen. Der Epistates stand zugleich dem Präsidium, der Prytanie, vor. Eine Prytanie war für ein Zehntel des Amtsjahres geschäftsführend und so für mindestens vier Versammlungster­mine der Volksversammlung verantwortlich. Die Willensbildung in der Volks­versammlung beruhte auf zwei Prinzipien: Zum einen wurde jeder Antrag aus dem Volk im Rat vorberaten, dieser legte der Volksversammlung einen vollständigen oder unvollständigen Vorbeschluss zur Beratung und Abstim­mung vor. Die Bürger konnten den Antrag unverändert annehmen, ablehnen, in Teilen oder gänzlich abändern. Doch auch der Rat selbst konnte Anträge von sich aus formulieren und der Volksversammlung zur Debatte überlassen. Zum anderen besaß jeder Bürger das Initiativrecht zu jedem Antrag seiner Wahl, jedoch wachte der Epistates darüber, dass die Anträge nicht gegen die Verfassung gerichtet waren. Das Gewicht des Rates, das er hinsichtlich des Probuleumas hatte, stand in einem Spannungsverhältnis zur Volksversamm­lung, d. h. zum Souveränitätsgedanken des Volkes. Deshalb richteten sich die Bemühungen darauf, die Macht des Rates klein zuhalten, wie Kapitel 3.3 ge­nauer zeigt. Dennoch war der Rat unverzichtbar, denn erst das „Probuleuma und der strenge Ablauf des gegliederten Willensbildungsprozesses macht die Menge entscheidungsfähig"[30]. Die Selbstorganisation aus der Volksversamm­lung heraus ist hingegen kaum vorstellbar.[31]

[...]


[1] Vgl. Jochen Martin: Von Kleisthenes zu Ephialtes. Zur Entstehung der athenischen Demokratie. In: Demokratia. Der Weg zur Demokratie bei den Griechen. Mit einer Einleitung von Kurt Raa- flaub. Hrsg. v. Konrad Kinzl. Darmstadt 1995, S. 161. (= Wege der Forschung. Band 657); Christian Meier: Die Entstehung des Begriffs „Demokratie". In: Politische Vierteljahresschrift 10 (1969), S. 536.

[2] Während Christian Meier das Aufkommen des Demokratiebegriffs um 460 v. Chr. für möglich hält, geht Jochen Bleicken davon aus, dass der Begriff zwischen 430 und 420 v. Chr. auftaucht. Nur weil wir über keine genauen schriftlichen Zeugnisse verfügen, ist nicht gesagt, dass der Beg­riff nicht auch schon zuvor Verwendung fand. Ferner ist „Demokratie" von den antiken Autoren keinesfalls nur wertfrei gebraucht, sondern vielfach als Herrschaft des niederen Volkes verstand­en worden. Vgl. Christian Meier: Entstehung und Besonderheit der griechischen Demokratie. In: Demokratia. Der Weg zur Demokratie bei den Griechen. Mit einer Einleitung von Kurt Raaflaub. Hrsg. v. Konrad Kinzl. Darmstadt 1995, S. 275. (= Wege der Forschung. Band 657); Jochen Bleic­ken: Die athenische Demokratie. 4. Aufl. Paderborn/München 1995, S. 67.; Meier (1969), S. 566.

[3] Vgl. Bleicken (1995), S. 68.

[4] Vgl. Charlotte Schubert: Perikles. Darmstadt 1994, S. 144. (= Erträge der Forschung. Bd. 285)

[5] Vgl. Bleicken (1995), S. 68.

[6] Vgl. Meier (1969), S. 562.

[7] Vgl. Kurt Raaflaub: Die Entdeckung der Freiheit. Zur historischen Semantik und Gesellschaftsge­schichte eines politischen Grundbegriffes der Griechen. München 1985, S. 258-264.

[8] Vgl. Martin Dreher: Athen und Sparta. München 2001, S. 97f.

[9] Sehr detaillierte Angaben zur Quellenlage und zum Forschungsstand bietet Bleicken (1995), S. 509-683.

[10] Kurt Raaflaub: The Breakthrough of Demokratia in Mid-Fith-Century Athens. In: Origins of De- mocracy in Ancient Greece. Hrsg. v. Kurt Raaflaub, Josiah Ober, Robert Wallace. Berkeley

u. a. 2007, S. 107.

[11] Vgl. Bleicken (1995), S. 73.

[12] Vgl. Kurt Raaflaub: Einleitung und Bilanz. Kleisthenes, Ephialtes und die Begründung der De­mokratie. In: Demokratia. Der Weg zur Demokratie bei den Griechen. Mit einer Einleitung von Kurt Raaflaub. Hrsg. v. Konrad Kinzl. Darmstadt 1995, S. 9. (= Wege der Forschung. Band 657)

[13] Einen konzentrierten Überblick gibt Ober (1989), S. 53-103.

[14] Vgl. Wilfried Nippel: Antike oder moderne Freiheit? Die Begründung der Demokratie in Athen und in der Frühen Neuzeit. Frankfurt a. M. 2008, S. 84.

[15] In der antiken Geschichtsschreibung des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr. wird der Demokratie eine Tradition zu geschrieben, die ihren Ursprung bis auf den mythischen König Theseus zurückge­hen lässt. Dies verzerrt bei weitem ihren tatsächlichen Entwicklungsverlauf und ist als Konstruk­tion zurückzuweisen. Vgl. Eberhard Ruschenbusch: IIATPIOSIIOAITEIA. Theseus, Drakon, Solon und Kleisthenes in Publizistik und Geschichtsschreibung des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr. In: Demokratia. Der Weg zur Demokratie bei den Griechen. Mit einer Einleitung von Kurt Raa­flaub. Hrsg. v. Konrad Kinzl. Darmstadt 1995, S. 122. (= Wege der Forschung. Band 657)

[16] Die Vermögensklassen richteten sich nach dem Ertrag, den ein Bürger jährlich erwirtschaftete. Die höchste Vermögensklasse bestand aus den Pentakosiomedimnoi, die 500 Scheffel flüssiger oder fester Erträge vorweisen mussten. Es folgten die Hippeis mit 300 und die Zeugiten mit 200 Scheffel. Nicht Teil der solonischen Vermögensklassen und somit irtfra classem waren die Theten, die weniger als 200 Scheffel erbrachten. Vgl. Bleicken (1995), S. 25f.

[17] Vgl. Bleicken (1995), S. 43-45; Raaflaub (1995), S. 27f.

[18] Vgl. Bleicken (1995), S. 48 und 51.

[19] Vgl. Bleicken (1995), S. 51-53.

[20] Vgl. Bleicken (1995), S. 54; Nippel (2009), S. 27-31.

[21] Victor Ehrenberg: Origins of Democracy. In: Historia 1 (1950), S. 516.

[22] Vgl. Raaflaub (1995), S. 18.

[23] Vgl. Bleicken (1995), S. 64f und 74f. Nippel hingegen operiert mit dem Begriff der vollendeten Demokratie, ohne dabei andere Wendungen grundsätzlich in Frage zu stellen. Vgl. Nippel (2008), S. 27.

[24] Vgl. Nippel (2008), S. 30f.

[25] Peter Funke: Die griechische Staatenwelt in klassischer Zeit (550-336 v. Chr.). In: Geschichte der Antike. Ein Studienbuch. 2., erw. Aufl. Hrsg. v. Hans-Joachim Gehrke, Helmuth Schneider. Stutt­gart / Weimar 2006, S. 180.

[26] Ober (1989), S. 31.

[27] Vgl. Dreher (2001), S. 101; Bleicken (1995), S. 190-192; Ober (1989), S. 31-33.

[28] Bleicken (1995), S. 199.

[29] Vgl. Bleicken (1995), S. 192-198.

[30] Bleicken (1995), S. 199.

[31] Vgl. Bleicken (1995), S. 192-198.

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Die athenische Demokratie in Wissenschaft und Schule
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
42
Katalognummer
V162657
ISBN (eBook)
9783640770663
ISBN (Buch)
9783640771103
Dateigröße
26458 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Athen, Demokratie, attische, athenische, Ostrakismos, Geschichtsunterricht, 5.Jahrhundert, Perikles, Kleisthenes, Phylen, Rat der 500, Ekklesia, Multiperspektivität, Schulbuchanalyse;, Schulbuch, Geschichtsdidaktik, Didaktik
Arbeit zitieren
Thomas von Pluto-Prondzinski (Autor), 2010, Die athenische Demokratie in Wissenschaft und Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162657

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